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Mittagessen mit dem Staatspräsidenten der Französischen Republik

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache beim gemeinsamen Mittagessen mit dem Präsidenten der Französischen Republik, François Hollande, im Élysée-Palast in Paris anlässlich seines Antrittsbesuchs in der Französischen Republik Paris/Frankreich, 30. März 2017 Antrittsbesuch in der Französischen Republik – Ansprache beim gemeinsamen Mittagessen mit dem Präsidenten der Französischen Republik, François Hollande, im Élysée-Palast © Guido Bergmann

Herr Präsident,

an unsere erste Begegnung kann ich mich gut erinnern: Damals trafen sich in Berlin nicht zwei Staatspräsidenten, sondern zwei Oppositionspolitiker. Und ehrlicherweise muss ich dazusagen: Sie waren kurz davor, eine Wahl zu gewinnen, während mir noch zwei Jahre harter Oppositionsarbeit bevorstanden.

Sie hielten damals – mitten in den Stürmen der Euro-Krise – zum ersten Mal eine große Rede in Deutschland, ein flammendes Plädoyer für Europa – ausgerechnet auf demselben Kongress, auf dem Altkanzler Helmut Schmidt seine letzte große Rede hielt – ebenfalls ein flammendes Plädoyer für Europa.

Wir haben einander seither oft getroffen – auf der europäischen Bühne, international, am häufigsten in Berlin und Paris. Aber keine Begegnung hat sich mir so tief eingebrannt wie jene am 13. November 2015: Dieser Tag war eigentlich den vielen Französinnen und Franzosen gewidmet, die nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen unermüdlich geholfen hatten. Gemeinsam mit den Helfern saßen wir beide am Abend des 13. November nebeneinander im Stade de France – freudig gespannt auf das Freundschaftsspiel unserer beiden Fußball-Nationalteams.

Aber schon nach einer halben Stunde nahm der Abend eine dramatische Wendung. Uns beide erreichten die ersten Nachrichten über einen terroristischen Anschlag unmittelbar vor dem Stadion. Von Minute zu Minute folgten immer grausamere Nachrichten über das Geschehen am Stadion und zeitgleich an anderen Orten in Paris. Erschüttert und entsetzt erahnten wir nach und nach das ganze Ausmaß der menschenverachtenden Attacke. Vielleicht, lieber François Hollande, war es ja mehr als nur ein Zufall, dass Deutschland an diesem schicksalhaften Tag so eng an der Seite Frankreichs stehen durfte.

Heute nun führt mich – natürlich nicht zufällig – meine erste Auslandsreise als Bundespräsident nach Frankreich – zu Deutschlands engstem Partner. Es ist ein Besuch in bewegten Zeiten. Das europäische Projekt steht am Scheideweg – im wahrsten Sinne des Wortes: Zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union hat gestern ein Land den Austritt aus der Union beantragt. Populistische Kräfte in vielen Mitgliedsstaaten wollen in Brüssel den Urheber aller Missstände erkennen, und eine neue Faszination des Autoritären, genährt von der Sehnsucht nach einfachen Antworten in einer komplizierten Welt, ist tief nach Europa eingedrungen.

Gerade in dieser Zeit sollten wir immer wieder an die Lehren der europäischen Geschichte erinnern:

Vor einhundert Jahren befanden sich Frankreich und Deutschland im Krieg. Im März 1917 zogen sich die deutschen Truppen auf eine befestigte Linie zurück und zerstörten die aufgegebenen Gebiete. Eineinhalb Jahre sollte der grausame Grande Guerre noch andauern.

Vor 60 Jahren, am 25. März 1957, legten Frankreich, Deutschland und andere europäische Staaten mit den Römischen Verträgen den Grundstein für die Europäische Union. Erst dadurch – und durch die deutsch-französische Aussöhnung – wurde dauerhafter Frieden in Europa möglich.

Heute ist es an uns, gemeinsam ein neues Kapitel der europäischen Integration aufzuschlagen. Die EU ist veränderbar, ja. Aber sie bleibt unverzichtbar – weil sie unseren Völkern Frieden, Freiheit und Wohlstand garantiert und weil nur ein geeintes Europa unseren Ländern Gewicht und Stimme in der Welt zu geben vermag.

Unverzichtbar ist auch die deutsch-französische Freundschaft. Und auch sie will gepflegt und weiterentwickelt werden. Dafür braucht es Neugier aufeinander und Wissen übereinander. Und so freut es mich sehr, dass die französische Literatur auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zu Gast sein wird. Welche Anziehungskraft Paris auf deutsche Literaten hatte, ist wohlbekannt. Schon für Goethe war Paris "eine Weltstadt (…), wo jeder Gang über eine Brücke oder einen Platz an eine große Vergangenheit erinnert, und wo an jeder Straßenecke ein Stück Geschichte sich entwickelt hat."

Und in wohl kaum einer anderen Stadt wurde so viel über Gemeinwesen und Demokratie nachgedacht wie hier. Der französische Beitrag zur Geltung der Menschenrechte, zur Entwicklung und Verbreitung der Demokratie hat unsere Welt geprägt und das Bild Frankreichs in der Welt. Im Jahr 2017 jedenfalls ist dieser Beitrag so wichtig wie lange nicht. Auch deshalb schauen Frankreichs Nachbarn und Partner mit Spannung – und mit europäischen Hoffnungen – auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen.

Monsieur le Président,

malgré ce départ, j’espère que nous conserverons les liens d’amitié noués au fil de ces dernières années.

Meine Damen und Herren,

ich bitte Sie nun, das Glas zu erheben – auf Präsident Hollande, auf das französische Volk und die französisch-deutsche Zusammenarbeit und Freundschaft.