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150-jähriges Jubiläum Bethel

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache in der Zionskirche anlässlich des Gottesdienstes zum 150-jährigen Jubiläum Bethel in Bielefeld-Bethel Bielefeld-Bethel, 17. April 2017 Gottesdienst zum 150-jährigen Jubiläum Bethel – Ansprache in der Zionskirche © Jesco Denzel

Ich freue mich sehr, dass ich dabei sein kann bei dieser Geburtstagsfeier, bedanke mich herzlich für die Einladung in meine ostwestfälische Heimat und an diesen wunderbaren Ort. Ich weiß nicht, meine Damen und Herren, wie es Ihnen gegangen ist: immer wenn ich in den letzten Tagen Freunden und Bekannten, wohlgemerkt in Berlin, erzählt habe, dass ich Ostermontag in Bethel bin, dann war die Reaktion fast immer ähnlich: erst ein wissendes Lächeln, "ach Bethel!", dann wechselt die Stimme des Gegenübers vom Dur ins Moll und die Antworten, in welchen Worten auch immer, spiegelten etwas wieder zwischen Betroffenheit, Hilflosigkeit und Mitleid. So, als versammelten wir uns heute hier an einem Ort des Leids und der Trauer.

Sie alle wissen es besser: Ja, dieser Ort kennt auch Leid. Aber es ist eben genauso ein Ort der Zuversicht, der Fröhlichkeit und vor allen Dingen ein Ort voller Überraschungen. Und diese Überraschungen, die machen auch nicht Halt vor den gekrönten Häuptern dieser Welt.

1993 etwa besuchte das japanische Kaiserpaar die Bodelschwinghschen Stiftungen. Kaiser Akihito hatte Bethel unbedingt besuchen wollen, gemeinsam mit Johannes Rau, der damals noch Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war. In den Werkstätten traf der Kaiser auf einen jungen Mann. Der ließ, als er den Staatsgast und seine große Entourage sah, seine Arbeit kurz liegen, schaute den Gast an und fragte: "Wie kommst Du eigentlich hierher?"

Ein erschrockenes Einatmen ging durch die Entourage. Johannes Rau, der selbstverständlich wusste, wie kaiserlich das japanische Kaiserhaus war, aber konnte staunend und erfreut miterleben, wie der Kaiser dem jungen Mann geduldig den Weg aus seinem kaiserlichen Palast in Tokio nach Bethel erklärte: Auto, Flugzeug, zwischendurch Schiff, dann sogar Hubschrauber, und schließlich wieder mit dem Auto hierher.

Warum sage ich das? Weil ich glaube, dass diese Anekdote besser als ich es mit eigenen Worten könnte beschreibt, wofür Bethel und die Bodelschwinghschen Stiftungen eigentlich stehen: für einen weit über unsere Landesgrenzen hinaus bekannten Ort, an dem Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, dennoch als Gleiche unter Gleichen leben können.

Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt. Gustav Heinemann, dem dieser Satz zugeschrieben wird, hat damit, wenn man so will, die Botschaft des caritativen Werks der von Bodelschwinghschen Stiftungen formuliert. Sie wurzelt im christlichen Glauben und beruht auf der Achtung der unveräußerlichen Würde eines jeden Menschen, als Geschöpf Gottes wie als Bürger unseres Staates.

‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ ist nicht nur der erste Satz unseres Grundgesetzes, es ist der zentrale Satz, das Fundament, das unsere Verfassung baut. Er meint die Würde eines jeden Menschen, auch der Schwächsten in einer Gemeinschaft. Sie zu wahren, das ist der Anspruch, den wir an uns stellen müssen. Nicht, weil die Verfassung es verlangt, sondern um unserer selbst willen. Und da wir nicht nur 150 Jahre Bethel, sondern auch noch 500 Jahre Reformation feiern, dürfen wir auch an Martin Luther erinnern, der gesagt hat: "Unser Nächster ist der Mensch, besonders der, der unsere Hilft braucht!" Für einander einstehen, das war seine Botschaft, Luthers Botschaft, erst das macht eine Gruppe von unverbundenen Menschen zu einer Gemeinschaft, erst das lässt Verantwortung füreinander entstehen.

Und diese Botschaft ist, so glaube ich, unverändert aktuell. Wer Gemeinschaft verwirklichen will, muss das Verständnis und muss die Verantwortung füreinander stärken. Das sollte umso mehr gelten in einer Zeit, in der die Gesellschaft droht, immer mehr in ihre Einzelteile zu zerfallen; in der man sich zunehmend zurückzieht in sogenannte Komfortzonen und Echokammern, in der man – gerade im Internet – die Selbstbestätigung unter Gleichgesinnten viel eher sucht als die Offenheit für andere. Doch das genau versucht Bethel, das wird hier von der Kita und Schulzeit bis hin zur Altenhilfe vorgelebt: für Menschen da sein – für Menschen in ihrer ganzen großen Verschiedenheit!

Denn tatsächlich ist die Würde des Menschen antastbar! Sie ist sogar höchst verletzlich, das hatte Friedrich von Bodelschwingh verstanden, lange bevor sich Verfassungen für Grundrechtsschutz interessierten. Bodelschwingh wusste, dass Menschen – ganz unabhängig vom geltenden Recht – auf den Respekt und auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind. Er wollte "dienende Liebe üben" und zwar nicht, um Ruhm für sich und seine Kirche zu erringen, sondern – um mit seinen Worten zu sprechen – um aus "unglücklichen, verbitterten Menschen gottesfürchtige, glückliche, fröhliche, dankbare Menschen zu machen zur Ehre Gottes und zum Besten des Vaterlandes".

Er wusste aber auch etwas anderes: Selbst wenn wir das Richtige wollen, selbst wenn wir tätige Nächstenliebe üben: wir sind Menschen, keine Heiligen. Heute wissen wir: Bodelschwinghs Blick mit Demut auf das eigene Tun, dieser Blick war klug. Auch Bethel und die Bodelschwinghschen Stiftungen sind nicht zum Reich Gottes auf Erden geworden. Auch hier waren Menschen fehlbar, sind Ideale in ihr Gegenteil verkehrt worden – wie in der Fürsorgeerziehung der 1950er und 1960er Jahre.

Aber die Bodelschwinghschen Stiftungen haben nicht nur zur Aufarbeitung dieser Jahre beigetragen, sie haben über die Jahre ganz wesentlich für eine bessere Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen gesorgt, mit medizinischer, sozialer Innovation, vor allen Dingen aber, mit menschlicher Zuwendung.

Das ist nicht nur ein Grund, dankbar zu sein, das ist auch der Grund, warum wir an diesem Ort und in diesem festlichen Gottesdienst etwas erspüren konnten, was eben zutiefst mit Ostern verbunden ist und an diesem Tag hoffentlich viele in unserem Land erreicht: einen Geist der Zuversicht.

Ich will Ihnen, Herr Pastor Pohl, stellvertretend für die Leitung von Bethel, vor allem aber den rund 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Herzen danken. Und dieser Dank gilt auch den vielen freiwilligen Helfern, für Ihre anspruchsvolle und fordernde Arbeit, für Ihren Dienst am Nächsten, für Ihren Dienst an der Gemeinschaft.

Ihnen allen meinen herzlichen Glückwünsch zum 150. Geburtstag.