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Preisverleihung des Bundeswettbewerbs "Starke Schule"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache bei der Bundespreisverleihung des Wettbewerbs 'Starke Schule' im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums Berlin, 18. Mai 2017 Bundespreisverleihung des Wettbewerbs "Starke Schule" – Ansprache im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums © Steffen Kugler

Was für ein wunderbarer Blick in den sonnendurchfluteten Schlüterhof und was für ein junges Publikum, das wir an diesem Ort selten vor uns haben.

Ich freue mich sehr, Sie alle hier vor mir zu sehen und zu wissen, dass Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler aus allen Teilen unseres Landes hier in das Herz der Hauptstadt gekommen sind. Ob nun Ihre Schule in einer großen Stadt oder in einem kleinen Ort, ob im Norden oder Süden, in Ost- oder Westdeutschland liegt – eines ist Ihnen gemeinsam: Ihre Schule ist eine starke Schule. Und für einige wird das mit der heutigen Preisverleihung sogar "verbrieft". Aber ich finde, letztlich gilt das für alle Schulen, die im Wettbewerb überhaupt so weit gekommen und heute hier vertreten sind. Sie alle dürfen stolz sein, heute hier zu sein. Ihnen allen ein herzliches Willkommen!

Noch mehr als die Schülerinnen und Schüler wissen die Lehrerinnen und Lehrer, dass wir in unserem Land in den vergangen Jahren, ich könnte auch sagen: Jahrzehnten, so manche hitzige Debatte über Bildung geführt haben. Die Debatten sind notwendig, aber sie verdecken eben auch manchmal, dass vielleicht nicht alles gut ist, aber: Dass das deutsche Bildungssystem als Ganzes höchst vital und leistungsfähig ist. Die Schulsysteme sind in den vergangenen Jahren wieder durchlässiger geworden. Und mit der dualen Ausbildung haben – das habe ich in vielen Jahren von Reisen durch die Welt erfahren – wir in Deutschland etwas, um das wir in der Welt wirklich beneidet werden.

Viele, das weiß ich, haben in den letzten Jahren dafür gearbeitet, dass Schulen besser werden. Nicht zuletzt, liebe Teilnehmer, sind es eben auch Wettbewerbe wie "Starke Schule", die unser Bildungssystem wieder stärker machen. Und so gilt mein Dank heute Ihnen, den Mitgliedern der Jury, des Kuratoriums und den Trägern – der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Deutsche Bank Stiftung – Ihnen allen für Ihr Engagement ganz herzlichen Dank.

Es gibt ein altes deutsches Sprichwort, die meisten werden es kennen: "Willst Du stark sein, so erkenne Deine Schwächen." Nur, wenn wir uns vor dieser Wahrheit nicht wegducken, nur dann können wir die Kräfte zur Selbstkorrektur in unserem Land auch wirklich nutzen. Und hinsichtlich unseres Bildungssystems heißt das wohl: Es gilt insbesondere eine Schwäche zu beheben, die trotz vieler Verbesserungen immer fortbesteht – dass Fortkommen im Schulsystem ist immer noch stark vom Herkommen bestimmt wird. Immer noch hängt Bildungserfolg in Deutschland zu sehr – und stärker als in vielen anderen Ländern, die ich besucht habe – von der sozialen Herkunft ab. Dies zu ändern ist umso wichtiger in einer Zeit, in der wir nun vor wichtigen und neuen Aufgaben stehen, nämlich zahlreiche geflüchtete Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Deshalb ist es so wichtig, dass mit dem diesjährigen Sonderpreis "Flüchtlinge willkommen heißen" auch Schulen für ihre Offenheit und für ihre Leistungen bei der Integration geehrt werden. Deutschland diskutiert ja seit Langem mit Leidenschaft darüber, was das eigentlich ist: gute Integration. Ich glaube, wir sollten uns bei dieser wichtigen Debatte nicht auf Schlagworte beschränken, sondern wir sollten immer wieder die konkreten Orte der Integration in den Mittelpunkt rücken. Diese Orte sind nämlich der Prüfstein, ob das Dazugehören, das Mitmachen-Können wirklich erlebbar wird, und ein solcher Ort ist eben – wie könnte es anders sein – die Schule. Starke Schulen öffnen den Weg in eine gemeinsame Zukunft, egal, woher die Schüler stammen.

Ich weiß, auch wenn meine Schulzeit schon ein paar Donnerstage zurückliegt, dass, wenn die nächste Klassenarbeit ansteht, man morgens etwas schwerer aus dem Bett kommt. Aber – auch wenn Euch das am Morgen manchmal so vorkommt – Schule ist nicht einfach der mühsame Weg zur nächsten Klassenarbeit, sondern Schule ist – ich habe das in meiner Schulzeit natürlich auch nicht wahrhaben wollen – Schule ist der Weg in die Welt. Und deshalb setzt der Wettbewerb "Starke Schule" einen besonderen Schwerpunkt auf die Verankerung in der Lebenswelt auch außerhalb der Schule – auf die Vernetzung mit Stadtbibliotheken und Betrieben, mit Jugendzentren und Sportvereinen.

Und diese Welt, von der ich spreche, die ist eben für jede Generation eine andere. Die Welt, in die Ihr hineinwachst, ist völlig anders, als die Welt in meiner Jugend war. Und die Fragen, die Ihr Euch über Eure Zukunft stellt, sind ganz andere als die, die wir damals hatten. Ich habe das erst vor kurzer Zeit bei einem Besuch in München wieder gemerkt und erlebt, als ich dort im Deutschen Museum mit ungefähr 200 Schülerinnen und Schülern diskutiert habe. Da hat mich eine Schülerin gefragt: "Herr Steinmeier, wie wird eigentlich das Thema Künstliche Intelligenz unser Leben verändern?"

Ich war davon ganz beeindruckt und habe dann geantwortet: "Ehrlich gesagt, habe ich darüber in letzter Zeit noch gar nicht so viel nachgedacht." Und dann habe ich sie zurückgefragt: "Woran hast Du denn gedacht?"

"Naja", sagt die Schülerin, "ich dachte: Ein bisschen Künstliche Intelligenz könnte doch zum Beispiel in der Politik ganz hilfreich sein…"

Ich glaube, so ganz ernst war das erstens nicht gemeint, und zweitens hatte ich sowieso keine Wahl – ich musste mitlachen. Aber was mir die gesamte Diskussion an diesem Ort mitten im Deutschen Museum mit so vielen Schülerinnen und Schülern gezeigt hat: Neugier auf die Welt, Neugier auf ihre Möglichkeiten – das ist wichtig, das ist zentral. Und an Euch gerichtet: Ihr werdet in Eurem Leben bestimmt noch oft feststellen, auf welchen Wegen Bildung, auch Schulbildung Euch dabei helfen wird, immer wieder Neues zu entdecken, auch mit eigener Kreativität, und – wo notwendig – Dinge zu verändern. Darum geht es am Ende. Dafür den Blick nicht zu verlieren, dass Zukunft offen und Gesellschaft veränderbar ist.

Und wenn man über die Notwendigkeit von Veränderung nachdenkt, dann muss man eben auch wissen: Nicht alles lässt sich planen. Man muss offen bleiben, und vor allen Dingen darf man sich nicht entmutigen lassen, wenn die Dinge nicht gleich im ersten Anlauf klappen – wenn eine große Aufgabe oder vielleicht sogar ein ganzes Schuljahr mal in die Hose geht. Aus Fehlern und Enttäuschungen lernt man am Ende manchmal sogar mehr, als wenn im Leben immer nur alles glatt läuft.

Und wenn Ihr mir das nicht glaubt, dann glaubt es dem jungen Bruce Wayne in einer der jüngeren Batman-Verfilmungen. Batman ist ja ein Kinoheld ohne übernatürliche Kräfte, und in diesem Film fragt der Kinoheld seinen Vater: "Und warum fallen wir?" Und der Vater antwortet – sehr klug, wie ich finde: "Damit wir lernen können, uns wieder aufzurappeln."

Den erfahrenen Pädagogen unter Ihnen ist all das vermutlich nicht neu. Sie sind oft genug genau diejenigen, die immer wieder neu ansetzen, neue Wege suchen, neuen Mut machen – diejenigen, die immer wieder beim "Aufrappeln" helfen. Und weil Ihre Arbeit so wichtig ist, ist es auch entscheidend, dass Sie selbst immer wieder Neues entdecken und weiterlernen können. Die heutige Auszeichnung bietet Ihnen und Ihrer Schule vielleicht noch etwas Wertvolleres als den Preis selbst: nämlich die Möglichkeit, das gesamte Netzwerk von "Starke Schule" für sich zu nutzen, Gedanken auszutauschen und vor allen Dingen beim Austausch immer wieder auch von den guten, vielleicht manchmal sogar besseren Erfahrungen anderer zu profitieren. Nutzen Sie also die Möglichkeit, Konferenzen und Seminare der "starken Schulen" zu nutzen, die Ihnen ab jetzt auch offenstehen.

Ich hoffe, das ist ein gutes Angebot für Sie. Aber mir persönlich ist heute eines noch sehr viel wichtiger, nämlich Ihnen, den Lehrerinnen und Lehrern meine Anerkennung und meinen Respekt auszudrücken. Ihre Arbeit macht vieles erst möglich – im Leben der Schülerinnen und Schüler, und ich darf hinzufügen, auch im Zusammenleben unserer Demokratie. Ich danke Ihnen dafür – und ich bitte Sie, diesen Dank auch an Ihre Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen.

Und jetzt am Ende meines Grußwortes, bin ich genauso gespannt wie Sie alle, auf die Veranstaltung, auf die Preisträger, und ich freue mich riesig darauf, dass ich ganz am Ende einige Urkunden – so wurde mir versprochen – auch noch selbst überreichen darf.

Vielen Dank fürs Zuhören!