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Besuch der Warschauer Buchmesse

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache und eröffnet den deutschen Stand auf der Warschauer Buchmesse im Nationalstadion in Warschau anlässlich des Antrittsbesuchs in der Republik Polen  Warschau/Polen, 19. Mai 2017 Antrittsbesuch in der Republik Polen – Ansprache und Eröffnung des deutschen Standes auf der Warschauer Buchmesse im Nationalstadion © Steffen Kugler

Die traditionsreiche große polnische Buchmesse in Warschau – Deutschland ist Gastland und die Präsidenten beider Länder sind hier und sprechen. Mich freut das alles sehr. Was könnte deutlicher davon zeigen, dass auch wir Deutsche nicht stumm geblieben sind, wie es die slawische Wurzel unseres Namens Niemiec nahelegt, dass wir einander nicht sprachlos begegnen, sondern uns im Gegenteil viel zu sagen haben, Polen den Deutschen und Deutsche den Polen.

Die Literatur ist ein Fenster, durch welches ein Volk einem anderen in die Augen schauen kann, hat uns Karl Dedecius gesagt. Jedenfalls dann, wenn große Übersetzer, wie Dedecius selbst es war, uns diese Fensterscheiben reinigen. Andernfalls blieben die Scheiben blind und unser Gegenüber stumm.

Ich will die Gelegenheit nicht versäumen, die Mittler zwischen der polnischen und der deutschen Sprache und Literatur zu loben. Ohne Karl Dedecius, Renate Schmidgall, Martin Pollack, Esther Kinsky und Lisa Palmes und viele andere wären wir ärmer. Sie alle sind weit mehr als nur Übersetzer. Ohne sie als Botschafter zwischen den Kulturen wären wir Deutschen vermutlich taub für den großen Beitrag der polnischen zur europäischen Literatur, wir wüssten nichts über Adam Mickiewicz, Czesław Miłosz, Andrzej Szczypiorski, Wisława Szymborska, Olga Tokarczuk und Andrzej Stasiuk. Und das hieße nichts weniger, als dass wir einander nicht kennten. Vor allem dank der Literatur lernen wir uns kennen – und immer wieder neu kennen.

Literatur erschließt uns den Raum, in dem wir Zwiesprache halten, uns aufeinander beziehen, auch miteinander streiten können. Literaturwissenschaftler und Lehrer, wie Sie es sind, verehrte Frau Kornhauser-Duda, vermitteln diesen Austausch. Wie notwendig und fruchtbar dieser Austausch ist, für uns und für andere, hat die Fundacja Kultury Polskiej, die Stiftung der Polnischen Kultur, eben erst beglaubigt, und dem Deutschen Polen-Institut den Ehrenpreis für die Promotion des polnischen Buches in der Welt zuerkannt. Dafür danken wir herzlich und dazu, lieber Dieter Bingen, meinen herzlichen Glückwunsch!

Das Zwiegespräch, vom dem ich spreche, das Zwiegespräch zwischen den Literaturen unserer Länder hat Tradition. Es reicht von den Polenliedern des deutschen Vormärz, Uhland, Herwegh und Chamisso, bis zur deutschen Nachkriegslyrik Günter Eichs und Johannes Bobrowskis, den Romanen Siegfried Lenz‘ und natürlich der Danziger Trilogie von Günter Grass. Von deutsch-polnischer Geschichte erzählen Andrzej Szczypiorski und Czesław Miłosz. Manchmal spiegelt sich das Werk des deutschsprachigen Autors in dem seines polnischen Pendants und auch umgekehrt. In den Erzählungen Bruno Schulz‘ etwa findet Franz Kafka ein Echo. Und schließlich sind einige unserer Besten, wie Herta Müller, in Polen früher entdeckt und übersetzt worden, als bei uns in Deutschland.

Und das Zwiegespräch zwischen den Literaten unserer Länder blieb nicht nur auf die Kultur beschränkt. Es hat seine Spuren durchaus auch in der Politik hinterlassen. Einige Jahre vor seinem tragischen Tod gab Ihr Amtsvorgänger, verehrter Herr Präsident Duda, Polens Staatspräsident Lech Kaczyński, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview zu einem außergewöhnlichen Thema. Er sprach mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Thomas Manns Zauberberg, seinen "liebsten Roman", wie er damals sagte. Was ihn besonders beeindruckt habe, erklärte er, sei die Kontroverse zwischen Settembrini, dem Aufklärer und Liberalen und seinem intellektuellen Gegenspieler Naphta, dem religiös-konservativen Revolutionär.

Hier komme der Kampf zweier kultureller Auffassungen zum Vorschein, erklärte Lech Kaczyński im Interview. Seit er, als junger Mann, den Roman gelesen habe, sei seine Entscheidung eindeutig gewesen: Er habe sich "selbstverständlich überhaupt nicht mit Naphta, sondern mit seinem freiheitlichen Gegenspieler Settembrini identifiziert", dem "Symbol der Opposition gegen den Totalitarismus". Naphta dagegen stünde exemplarisch, so sagte Lech Kaszyński, "für die Verführbarkeit eines Teils der Intelligenz durch totalitäre Ideologien".

Meine Lektüre des Zauberbergs liegt – wie Sie sich vorstellen können – auch schon eine Weile zurück, aber ich erinnere mich gut: Meine Parteinahme für Freiheit und Vernunft und deren Protagonisten war dieselbe und genauso eindeutig

Die Wortgefechte der beiden Figuren jedenfalls sind in ihrer ganzen Rabulistik aktueller, als es uns lieb sein kann. Settembrinis pädagogischer Impetus, sein aufgeklärtes Weltbürgertum sind Naphta verhasst. Er hält diese Art Humanismus für verfehlt. Settembrini wiederum graut es vor Naphtas Modell eines Gottesstaats, einschließlich seines gegen jede Freiheit gerichteten Fundamentalismus.

Man kann manches in dieser Kontroverse entdecken, das uns aktuell und gegenwärtig erscheint. Es kann uns nachdenklich stimmen. Nur Bange machen lassen sollten wir uns nicht. Jedenfalls will ich hoffen, dass wir, dass Europa seine Lektion gelernt hat. Unsere Kontroversen enden nicht mehr, wie im Zauberberg, mit der Forderung nach Satisfaktion. Wir haben uns auf den Rechtsstaat als Mittler verständigt, er ist der Garant von Freiheit und Demokratie.

In all den Jahren des Ringens um eine europäische Einigung haben wir uns bemüht, eine gemeinsame Sprache zu finden. Das heißt nicht, dem anderen das Wort zu reden und die eigene Identität aufzugeben, sondern im Bewusstsein der Gleichzeitigkeit von gemeinsamen und unterschiedlichen Interessen nach Formen der Verständigung zu suchen. Die Aufklärung ist kein historisches Ereignis – das wusste Thomas Mann so gut wie Lech Kaczyński –, sie ist ein europäisches Projekt, niemals abgeschlossen und ein Teil unserer europäischen Identität.

Der Ausgang dieses Projekts ist notwendigerweise offen. Es gab nie eine Erfolgsgarantie, ebenso wenig, wie es Aufklärung je ohne Gegenaufklärung gab. Kritik ist ein Mittel der Aufklärung. Ohne Vertrauen in die Vernunft und den Wunsch nach Emanzipation aber würden wir nicht nur Orientierung, wir würden unsere Urteilskraft verlieren und mit unserer Urteilskraft vermutlich auch unsere Handlungsfreiheit. Das gemeinsame Ziel ist ein Europa, in dem freie Menschen mit Mitteln der Vernunft zu einem politischen Konsens finden können.

Dazu gehört, die Kunst und auch die Literatur frei von politischer Einflussnahme zu halten. Sie erweist sich ohnehin als erstaunlich resistent gegen jede Art Vereinnahmung. Ein Volk kann sich in seiner Literatur finden, Polen ist ein hervorragendes Beispiel dafür, aber Literatur kann nicht zur Vergötzung eines Volkes missbraucht werden. Deutschland hat das in einer bitteren, mit schmerzhaften Verlusten verbundenen Lektion lernen müssen.

Thomas Mann hat dem Faschismus, Lech Kaczyński dem Kommunismus widerstanden. Wir sollten heute jeder Form des Fatalismus widerstehen. Europa ist nicht machtlos gegen die Versuchungen der Unfreiheit. Wir sind frei, zu handeln, und wir sind frei, unsere Zukunft zu gestalten.

Und wir, unsere Generation, sind nicht die ersten, die ihren Traum einer gemeinsamen Zukunft in Europa träumen: "Über den ewigen Frieden zwischen den Völkern", das ist die wohl erste Verfassung für ein vereinigtes Europa, und diese Verfassung verdanken wir einem Polen, dem Wissenschaftler, Wojciech Jastrzębowski. Sie spricht von einem Europa gleichberechtigter Völker, das keine Grenzen kennt und zusammengehalten wird durch gemeinsame europäische Gesetze und Institutionen. Er schrieb sie während des Novemberaufstands gegen den russischen Zaren 1831.

Auch die Idee der europäischen Einigung entstammt schließlich dem gemeinsamen kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas. Sie ist ein Kind der Aufklärung, und sie ist, wie die Aufklärung selbst, ein fortdauernder Prozess. Dieses große Erbe sollten wir pflegen, und wir sollten es gemeinsam pflegen.