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Iftar-Essen der Initiative JUMA

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache im Berliner Rathaus anlässlich des Iftar-Essens der Initiative JUMA Berlin, 10. Juni 2017 Iftar-Essen der Initiative JUMA – Ansprache im Berliner Rathaus © Henning Schacht

Dazugehören – nicht dazugehören: Dazu hatte ich am Mittwoch eine wunderbare Begegnung in Hannover, mit einer Gruppe von Menschen, die sich um die Aufnahme von Flüchtlingen, um Integration kümmern. Da war jemand dabei mit türkischem Migrationshintergrund – deutscher Staatsangehöriger –, der gesagt hat: "Mich ärgert das, nachdem ich mehr als 30 Jahre in diesem Land wohne, deutscher Staatsangehöriger bin, dass ich oft genug immer noch das Gefühl habe, nicht dazuzugehören. Nur ein einziges Mal ging es mir anders. Ich war als Gewerkschafter", hat er mir erzählt, "im letzten Jahr während der Kampagne um das Brexitreferendum in Großbritannien." Und er hat dort, bei seinen Kolleginnen und Kollegen gegen den Brexit geworben. Und da haben ihm die Briten entgegengehalten: "Scheiß-Deutscher". Und da hat er gesagt: "Da fühlte ich mich zum ersten Mal richtig dazugehörig."

Endlich ist es soweit: Zwischen Ihnen und dem JUMA Iftar 2017 liegt jetzt nur noch meine Rede und ein bisschen Comedy, und dann darf anschließend wirklich gefeiert werden. Und ich freue mich natürlich riesig und bin dankbar dafür, dass Sie mich heute hierher ins Rote Rathaus eingeladen haben, um gemeinsam mit Ihnen zu feiern. Auf Facebook hat man in den letzten Tagen gesehen, wie Sie förmlich auf diesen Abend, auf diesen Tag hingefiebert haben: strahlende JUMAnerinnen und JUMAner mit großen Plakaten, noch zehn Tage – noch sieben – noch drei. Wie bei einem Adventskalender haben Sie die Tage bis zum Iftar heruntergezählt. Und eben beim Hereinkommen habe ich gesehen: Einige Gesichter von dieser Fotoaktion sind hier im Raum.

Ein Bekannter hat mir vor ein paar Tagen erzählt, dass es das tatsächlich seit einiger Zeit gibt: einen "Adventskalender" für den Ramadan, den "Iftarlender". Ich finde, das ist ein wunderschönes Symbol – nicht nur, weil es zeigt, wie sich unterschiedliche Traditionen ganz offenbar gegenseitig inspirieren können, sondern weil es ein Bild für das ist, was im Ramadan im Mittelpunkt steht: Jeden Tag ganz bewusst die Türen aufzumachen, Familie und Freunde einzuladen, andere Menschen teilhaben zu lassen an dem, was einem geschenkt ist. Diese schöne Haltung haben Sie auch als Motto über Ihre Iftar-Feier gestellt: Mut zum Zusammenhalt!

Diesen Mut brauchen wir in der Tat in Zeiten, in denen schon bloßes Zusammensein nichts Selbstverständliches ist. Viele Menschen in Deutschland feiern auch dieses Jahr wieder den Ramadan weit weg von ihrer Heimat und ihren Familien. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak, die alles zurücklassen mussten, wie wir es eben in der in Sand gezeichneten Geschichte noch einmal gesehen haben. Im Ramadan ist die Sehnsucht nach der Heimat ganz besonders groß, und die Trauer darüber, dass sie so unerreichbar scheint, eben auch.

Ich wünsche Ihnen nicht nur, dass die Möglichkeit zur Rückkehr eines Tages wieder eine greifbare Realität wird. Sondern es ist Aufgabe von Politik, jedenfalls Aufgabe von verantwortlicher Politik, genau für diese Perspektive zu arbeiten. Oder ganz aktuell gesagt: Es kann nicht Aufgabe von Politik sein, neue Krisenherde zu schaffen – wie wir das gegenwärtig in der Golfregion im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar sehen. Sondern Aufgabe verantwortlicher Politik muss es doch wohl sein, die Konflikte zu lösen und Frieden zu schaffen – und damit eben auch Heimkehr zu ermöglichen.

Gleichzeitig wünsche ich uns, dass die Menschen, die zu uns gekommen sind, hier eben auch ein Stück Heimat finden. Über die letzten Jahrzehnte ist unser Land bereits Heimat geworden für Millionen von Menschen aus der Türkei, aus Südeuropa, vom Balkan. Heimat – so hat es der deutsche Philosoph Karl Jaspers einmal gesagt – ist dort, wo wir verstehen und verstanden werden. Und in dem Satz steckt eben beides: Angebot, aber auch Erwartung. Ich glaube jedenfalls, es ist deshalb eine große Stärke, wenn eine Gesellschaft das kann: Heimat bieten. Und diese Stärke sollten wir haben in Deutschland!

Mit JUMA haben Sie eine Flüchtlingsinitiative gegründet, die genau da ansetzt. Viele von Ihnen haben sich als Mentoren ausbilden lassen und nehmen Flüchtlinge mit in den Berliner Alltag, vom Sprachkurs bis zum Sportverein. Das finde ich beeindruckend. Und nicht nur da mischen Sie sich ein. Auch mit Bildungsinitiativen, Workshops, Kampagnen geben Sie jungen Muslimen in Deutschland ein Gesicht und eine Stimme. Oder wenn mich ich hier im Saal umschaue: Gesichter und Stimmen. JUMA – das ist ganz offenbar keine Einheitsfront, das sind junge Muslime sunnitischer, schiitischer, alevitischer Prägung, die sich gemeinsam engagieren. Und von dieser Stimmenvielfalt lebt eben JUMA.

Jemand sein, der Türen öffnet – das ist auch Ihr Selbstverständnis, liebe JUMAner. Es war der Anfangspunkt, der Zündfunke für die Gründung von JUMA. Sie wollten zeigen: Wir sind hier, wir sind ein Teil der Gesellschaft, und wir zeigen Euch jetzt mal, wie das gehen kann. Menschen ganz unterschiedlicher Glaubensrichtungen, die gemeinsam etwas bewegen. Sie alle verbindet dabei, dass Ihr Glaube Anspruch und Ansporn zugleich ist für Ihr soziales Engagement. Diese Haltung ist mir als Protestant vertraut – oder ich kann das auch ganz anders und einfacher sagen: sehr sympathisch.

Dass wir gemeinsam unsere Gesellschaft zum Guten gestalten, dafür stehen Sie alle mit großem Engagement. Deshalb meine Bitte: Bleiben Sie auch in Zukunft solche "Türöffner"! Wir brauchen Sie, die Zusammensein organisieren, die streiten und arbeiten für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Ich bin gekommen, um Ihnen dafür herzlich "Danke" zu sagen!