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Empfang für die Mitglieder der Kulturpolitischen Gesellschaft

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede im Großen Saal anlässlich des Empfangs für die Teilnehmer des 9. Kulturpolitischen Bundeskongresses der Kulturpolitischen Gesellschaft e. V. Schloss Bellevue, 14. Juni 2017 Empfang für die Teilnehmer des 9. Kulturpolitischen Bundeskongresses der Kulturpolitischen Gesellschaft e. V. – Rede im Großen Saal © Jens Gyarmaty

Es ist erstens gut, Sie alle zu sehen. Es ist zweitens gut, Sie in dieser Zeit zu sehen, in der, wie ich finde, die Fragen größer sind als die Antworten.

Und Sie haben sich für Ihren Kongress einige der ganz großen Fragen vorgenommen!

Der große Mahlstrom der Globalisierung: Droht Kultur darin unterzugehen oder mindestens an Relevanz zu verlieren? Die Frage ist mehr als berechtigt!

Immerhin: Wer nach Antworten sucht, der findet Ereignisse, bei denen man ein bisschen Orientierung in diesem so unübersichtlich gewordenen Gelände findet. Frau Grütters und ich durften einer solchen Gelegenheit in Kassel am Samstagmorgen beiwohnen! Die offizielle Eröffnung der documenta 14. Sie war nicht deshalb besonders, weil sie in Anwesenheit von zwei Staatspräsidenten stattfand, sondern weil das die erste documenta ist, die mit einem Korrespondenzstandort im Ausland einen ganz neuen Spannungsbogen geschaffen hat.

Dass dieser Spannungsbogen mit Blick auf die nicht ganz einfachen Jahre im deutsch-griechischen Verhältnis auch ein politischer Spannungsbogen werden würde, war den Machern der documenta nicht nur bewusst, sondern ziemlich wahrscheinlich gewollt. Und deshalb konnte es gar nicht ausbleiben, dass vom ersten Tag dieser documenta an das Verhältnis von Kunst und politischer Botschaft Gegenstand heftiger Debatten wurde. Das ist nicht ganz neu. Als jemand der, viele Jahre in Hessen gewohnt hat und für den der Besuch der documenta zum Pflichtprogramm gehörte, kann ich Ihnen versichern: Diese Debatten gibt es so lange wie es die documenta gibt.

Bis auf wenige Ausnahmen allerdings mit anderen Ausschlägen als wir sie im Augenblick zur Kenntnis nehmen: Ganz überwiegend wurde in den letzten dreißig Jahren die documenta häufiger jedenfalls deshalb kritisiert, weil sie zu wenig politisch war. Diesmal scheint die überwiegende Mehrheit des Feuilletons der gegenteiligen Meinung zu sein. Die Waagschale neigt sich eher in die Richtung derer, die sagen: viel zu politisch und zu wenig für die Kunst. Ich kann, darf und will da gar nicht Schiedsrichter sein! Aber wir sollten nicht vergessen: die documenta ist eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst und Spiegel ihrer Zeit, sie kommentiert immer – ob sie das will oder nicht – die Umstände ihrer Zeit. Und deshalb kann es auch gar nicht sein, dass in diesen Zeiten gewaltiger Veränderungen und Umwälzungen und neuer Ungewissheiten die zeitgenössische Kunst diese Entwicklungen nicht abbildet.

Wenn Sie meinen, nicht sehr relevanten Eindruck hören wollen: Ich finde diese documenta ist sogar lesbarer als viele frühere. Die Kunst wird nicht kleingemacht oder verdrängt. Im Gegenteil: Ich fand, der Kunst wird Raum gelassen und auch der deutliche und nachdrückliche Auftritt. Und – vielleicht ganz ungewollt – ist mit dem Parthenon der Bücher ein Symbol – sehr sichtbar und nicht versteckt – entstanden, das genau reagiert auf die Zeitumstände, die ich eben angesprochen habe, kommentiert mit den Mitteln der Kunst. Politische Entwicklungen, in denen das Erbe der europäischen Aufklärung nicht verloren geht, aber angefochten ist. Wo selbst in Mitgliedstaaten der Europäischen Union die Freiheit der Wissenschaft ignoriert wird. Anderswo wird der für die Demokratie so existentielle Unterschied von Wahrheit und Lüge eingeebnet.

Für mich war diese documenta 14 jedenfalls ein Teil der Antwort auf die Frage, ob Kunst im Mahlstrom der Globalisierung zerrieben wird, irrelevant wird oder nur noch den Kriterien des globalen Kunstmarktes gehorcht. Alles das muss nicht und vor allem darf nicht das Ergebnis dieser aktuellen Entwicklungen sein.

Ganz unabhängig von der documenta hatten Frau Grütters und ich in den letzten Jahren aber viele Begegnungen, wenn ich das so sagen darf, in der Kulturpolitik. Sie in der großen nationalen Kulturpolitik und ich in der kleinen Sparte der Auswärtigen Kulturpolitik. Und hoffentlich haben wir beide zeigen können, dass Kulturpolitik nicht notwendigerweise ein Hindernis für Kunst und Kultur ist.

Warum ich das sage, verstehen Sie: Weil in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, sozusagen der "kleinen Sparte", die Sorge besonders groß war, dass Politik Kultur instrumentalisiert. Dabei geht es nicht um die Indienstnahme der Kultur für eine politische Botschaft. Es sei denn die Botschaft, dass Kultur Brücken baut, das Gegenüber ernst nimmt und verstehen hilft. Es geht darum, der Kultur ihren Raum zu geben, Foren der Begegnung zu schaffen. Und das sage ich, weil wir für all das genau Ihren Rat brauchen. Den Rat derjenigen, die sich mit Kenntnis und Erfahrung im kulturellen Leben unseres Landes bewegen – Menschen wie Sie!

Und deshalb bin ich froh, Sie, die Mitglieder der kulturpolitischen Gesellschaft, hier zu empfangen. Seien Sie uns herzlich willkommen im Schloss Bellevue.

Wenn ich den Titel Ihres 9. Bundeskongresses lese, scheinen wir auch in unseren Gedanken nicht ganz weit voneinander entfernt: "Welt. Kultur. Politik." lese ich da. Ich finde, Sie hätten es sich einfacher machen können. Aber dahinter stecken eben die großen Verwerfungen, von denen wir alle noch nicht wissen, wie sich Demokratie und demokratische Gesellschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verändern werden. Digitale Vernetzung, die die Welt zum Dorf werden lässt, aber die offene Frage mitformuliert: Halten wir die gewachsene Nähe eigentlich wirklich aus? Nachrichten über Kriege und Konflikte von den entferntesten Punkten der Erde, Bilder die uns erschüttern. Aber oft genug sind wir ohnmächtig, die Dinge tatsächlich zu verändern.

Die Gegenwart der Welt – täglich und 24 Stunden am Tag –, das ist phantastisch, ja, aber erzeugt eben offenbar auch Gegenwehr, erzeugt das Bedürfnis nach Identität und die Suche nach der Identität tendiert wieder zu neuen Ausgrenzungen, zur Ausgrenzung dessen, was stört. Kommunikation wird zunehmend segmentiert. Wer sich nur noch in sozialen Medien informiert, der wird zunehmend von Algorithmen in dem bestimmt, was ihn zu interessieren hat. Und schaue ich in die Kommentarspalten bei Facebook, habe ich Sorge, dass wir uns in Richtung einer Ja-Nein-Kultur bewegen, in der Differenzierung mehr und mehr als Schwäche empfunden wird.

Ich habe in meiner Antrittsrede im Bundestag nach Übernahme dieses Amtes gesagt: Globalisierung schafft neue Märkte, schafft neues Wachstum, aber ganz offenbar eben auch Verlierer und deshalb die Frage, die wir noch nicht beantwortet haben: Wieviel Ungleichheit halten eigentlich demokratische Gesellschaften aus? Oder die noch größere: Wie und was setzen wir eigentlich einer neuen Faszination des Autoritären, die auch in Europa Platz gegriffen hat, wirkungsvoll entgegen? Das sind meine Fragen.

Haben Sie keine Sorgen: Ich erwarte von Ihnen keine abschließenden Antworten, und ich habe insbesondere keine unrealistische Erwartungen an die Kulturpolitik. Aber ich weiß, dass Sie über dieselben Fragen nachdenken und inmitten derselben Veränderungen, die ich gerade skizziert habe, arbeiten und arbeiten müssen.

Ich habe Sie gerne eingeladen, um Ihnen erstens zu sagen: Wir brauchen Sie mit all Ihrer Kenntnis, mit Ihren Erfahrungen. Und zweitens möchte ich Ihre Meinung hören, wo und wie Sie die Rolle von Kultur in der Politik in diesen unübersichtlichen Zeiten tatsächlich sehen. Wir brauchen die Kraft der Kultur, davon bin ich überzeugt – mehr denn je!

Und damit ich Ihre Meinung tatsächlich und wirklich hören kann, verlasse ich jetzt das Rednerpult und begebe ich mich zu Ihnen an die Tische.

Herzlichen Dank!