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Antrittsbesuch in Brandenburg: Verleihung des Steh-auf-Preises für Toleranz und Zivilcourage

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache beim 'Steh-Auf-Preis für Toleranz und Zivilcourage' der F.C. Flick Stiftung in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg anlässlich des Antrittsbesuch in Brandenburg Potsdam, 22. Juni 2017 Antrittsbesuch in Brandenburg – Ansprache beim "Steh-Auf-Preis für Toleranz und Zivilcourage" der F.C. Flick Stiftung in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg © Guido Bergmann

"Ankommen und bleiben." So heißt das stimmungsvolle Lied, das wir eben gehört haben.

Und jetzt wissen wir auch, wie schön dieser Text in der arabischen Sprache klingt. Shukran – Motsahkerm – Danke! Wir danken den Musikern dafür, dass sie uns dieses Lied so wunderbar zur Aufführung gebracht haben.

Sie haben die Nächstenliebe besungen, das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Ankommen und bleiben, das würde als Überschrift für viele Geschichten in Brandenburg passen. Hier in der Staatskanzlei muss ich auch an meine ganz eigene Geschichte denken, und die reicht schon eine Weile zurück. Die Brandenburger haben mich als Ostwestfalen so herzlich aufgenommen, dass ich sagen darf: Brandenburg ist mir über all die Jahre wirklich zu einer zweiten Heimat geworden.

Ankommen und bleiben setzt etwas voraus, das auch für den Steh-auf-Preis, wie ich finde, ganz essentiell ist: dass Menschen sich bewegen, dass sie tätig werden, dass sie ein Miteinander finden statt nebeneinander her zu leben oder statt sich gar in Feindschaft zu begegnen. Manfred Stolpe hat früh erkannt, dass friedliches Miteinander eben keine Selbstverständlichkeit ist, keine Selbstverständlichkeit in einer Region, die in den 90er-Jahren vor so vielen Aufgaben, und das gleichzeitig, stand: dem tiefgreifenden Strukturwandel nach der Deutschen Einheit, dem Umgang mit Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung, der Suche nach einer neuen Identität und nicht zuletzt der Konfrontation mit Bomberjacken und Springerstiefeln. Die Initiative Tolerantes Brandenburg ist damals ins Leben gerufen worden und mit ihren zahlreichen Partnern, von denen heute viele hier sind, gar nicht mehr weg zu denken. Man braucht sich nur im Saal umzuschauen, um zu wissen, wie viele sich daran beteiligt haben und weiterhin beteiligen.

Als die Flick-Stiftung den Steh-auf-Preis 2011 auslobte, waren die Bomberjacken und Springerstiefel in den Städten und Dörfern vielleicht nicht mehr so dominant präsent, rechtsextreme Gesinnung aber sehr wohl, wenn auch häufig genug in anderem Gewand oder genauer: in vielen Gewändern und auch parteipolitisch oft gar nicht mehr so eindeutig zu verorten. Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit hatten schon zu diesem Zeitpunkt ganz unterschiedliche Erscheinungsformen, ganz unterschiedliche Gesichter – in Brandenburg, in Ostdeutschland und bundesweit. Mit der Flüchtlingsdebatte 2015 ist dann noch eine weitere Dimension hinzugekommen.

Wer die Vielschichtigkeit des Problems durchdringt, der ahnt, wie viele Ansätze es in der Politik und in der Bürgergesellschaft braucht, um erfolgreich Lösungen zu entwickeln. Und gerade deshalb sind Formate wie dieser Steh-auf-Preis so unendlich wichtig. Die Flick-Stiftung rückt eben diejenigen ins Scheinwerferlicht, die den richtigen Ton, die richtigen Argumente, die richtigen Kanäle gefunden haben, um nicht weniger als das, um unsere Demokratie zu verteidigen: zu verteidigen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt, wie es schon in der Satzung der Stiftung heißt, gegen die vielen Anfechtungen im Alltag, die von einem bösen Blick bis hin zu Brandsätzen auf Flüchtlingsheime reichen können.

Die Preisträgerinnen und Preisträger 2017 haben sich solch schwierigen Situationen gestellt, und die meisten nicht nur ein Mal, sondern immer wieder. Wir werden gleich Näheres über ihre Biografien und ihre Projekte hören, über ihren Ideenreichtum und ihren Mut, über ihren Gemeinsinn und ihre Ausdauer. Ich will jetzt und darf auch gar keine Namen nennen – diese Aufgabe obliegt gleich den Laudatoren –, aber ich will Ihnen allen schon jetzt Glückwunsch sagen und ganz herzlich danken, weil Ihr Einsatz so unendlich wichtig ist.

Deutschland braucht Menschen, die immer an ein bisschen mehr denken als an sich selbst. Menschen, die nicht nur zuschauen, sondern selbst auf den Platz kommen und anpacken. Menschen, die gegen Vorurteile genauso entschlossen vorgehen wie gegen Naivität, die Probleme ausblendet statt sie zu lösen.

Sie alle, die Preisträgerinnen und Preisträger, und Sie alle, die Sie die unterschiedlichen Initiativen hier im Lande Brandenburg repräsentieren, Sie alle leben vor, was Demokratie verlangt: Einsatz für ein Gemeinwesen, indem das Miteinander ganz unterschiedlicher Biografien, Erfahrungen und Herkünfte unter sich verändernden Bedingungen immer wieder neu hergestellt wird und neu hergestellt werden muss. Dafür stehen Sie alle miteinander und dafür gehören Ihnen unser aller Dank und unser Respekt. Vielen Dank!