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Besuch in Masar-i-Scharif

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Austausch mit Soldatinnen und Soldaten in der Begegnungsstätte von Camp Marmal in Masar-i-Sharif anlässlich seines Besuchs in Afghanistan Masar-i-Sharif/Afghanistan, 13. Juli 2017 Besuch in Afghanistan – Austausch mit Soldatinnen und Soldaten in der Begegnungsstätte von Camp Marmal © Jesco Denzel

Ich freue mich wirklich, hier heute bei Ihnen zu sein. Ich weiß nicht, zum wievielten Male ich hier bin im Camp Marmal. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Darin steckt aber auch die Einsicht, dass dieser Einsatz ganz offensichtlich sehr viel länger dauert und sich anders entwickelt hat als die politischen Verantwortlichen sich das ganz zu Beginn, vor über fünfzehn Jahren, vorgestellt haben, ja vorstellen konnten.

Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen: Wir haben diesen Konflikt nicht vergessen und wir sollten würdigen, was Sie hier leisten – und was Sie gemeinsam mit den vielen, die vor Ihnen hier waren, geleistet haben. Dabei spreche ich zu Ihnen stellvertretend auch für diejenigen, die heute nicht hier sein können und anderswo in Afghanistan eingesetzt sind.

Immer, wenn ich mit Soldatinnen und Soldaten über ihre Einsatzerfahrungen spreche, wenn mir Diplomaten von der politischen Situation berichten, wenn mir die Entwicklungsexperten von Erfolgen und Problemen bei Projekten in Afghanistan erzählen – dann beeindruckt mich immer wieder, mit wieviel Herz, mit wieviel Mut, Professionalität und Tatkraft Sie alle seit vielen Jahren unter wirklich schwierigsten Bedingungen hier arbeiten.

Mir ist dabei bewusst, dass der Weg schwieriger ist als ursprünglich erhofft – auch noch schwieriger als in der heute sehr viel nüchterner gewordenen Beschreibung unserer Ziele. Dass die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Kräfte und der Abzug des Großteils der internationalen Truppen reibungslos verlaufen würden, hat kaum jemand erwartet. Aber die Sicherheitslage im Land – nicht überall, aber in einzelnen Regionen – ist angespannt, hat sich an einzelnen Orten auch verschlechtert. Für Sie, für die internationalen Helfer, aber natürlich besonders für viele Afghaninnen und Afghanen ist das jeden Tag spürbar. Die jüngsten Anschläge sind in Ausmaß und Brutalität schockierend. Ich denke an den verheerenden Anschlag in Kabul vom 31. Mai, aber auch an das Massaker an Ihren afghanischen Kameraden im Camp Shaheen, an den Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat hier in Masar, und auch an das mehrfache Eindringen der Taliban in die Stadt Kundus. Diese Entwicklungen an manchen Orten sind mehr als ernüchternd.

Wir müssen uns eingestehen, dass sich manche unserer Transformationshoffnungen von damals als zu optimistisch erwiesen haben. Auch, dass unsere Möglichkeiten, von außen Einfluss zu nehmen und die Dinge in die richtigen Bahnen zu lenken, zwar bestehen, aber doch ihre Grenzen haben.

Ja, wir haben Rückschläge erlebt, aber wir dürfen uns die Bewertung auch nicht zu einfach machen. Viele von Ihnen sind nicht das erste Mal hier in Afghanistan im Einsatz. Diejenigen, die das Land früher erlebt haben, erinnern sich vielleicht noch, aus welchem Abgrund von Bürgerkrieg, Terror und völligem Zusammenbruch aller staatlichen Strukturen heraus hier nach und nach viele Fortschritte erzielt worden sind. Das sollten wir nicht vergessen und nicht kleinreden. Das wache Bewusstsein für diese Fortschritte gerade in der jungen Generation von Afghanen gibt auch Anlass zur Hoffnung. Wir kommen jetzt gerade aus Kabul. Klar, wir haben den Ort der Verwüstung, die zerstörte Botschaft, gesehen. Aber wir haben außerhalb des Zentrums auch rege Bautätigkeit, viele neu entstandene Wohnviertel gesehen, die zum Ausdruck bringen, dass diese junge Generation von Afghanen eben doch an ihrer eigenen Zukunft baut. Ohne Sie alle, meine Damen und Herren, liebe Soldatinnen und Soldaten – ohne Sie stirbt deren Hoffnung auf eine Zukunft im eigenen Land. Ohne Sie stirbt die Chance auf die friedliche Zukunft des ganzen Landes. Deshalb ist und bleibt Ihr Einsatz wichtig.

Ich bin nach Kabul gekommen, um mit Präsident Ghani über die notwendigen Schritte hin zu einem ernsthaften und glaubwürdigen Friedensprozess in Afghanistan zu sprechen. Meine Botschaft an ihn war heute: Deutschland ist bereit, Afghanistan mit seinen internationalen Partnern weiter zu unterstützen. Die afghanische Seite muss aber mehr dazu beitragen, dass dieser Einsatz eine realistische Erfolgschance behält. Denn die Zukunft dieses Landes liegt nicht in erster Linie in den Händen Deutschlands, der NATO oder der internationalen Geber. Sie liegt zuallererst in den Händen der afghanischen Regierung und ihren Anstrengungen, dieses gespaltene Land zu einen. Ohne die Akzeptanz einer Zentralregierung in Kabul, ohne eine politische Verständigung mit den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, auch mit den Taliban, wird alles das nicht möglich sein. Das ist Teil der Realität, die wir, aber vor allem die Verantwortlichen in Afghanistan anerkennen müssen. Ihre Präsenz hier kann nie Ersatz sein für eine politische Lösung. Ihre Präsenz kann nur den Raum und die Zeit verschaffen für eine politische Lösung, die die Afghanen selbst wollen und aushandeln müssen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

To our fellow international soldiers here at Camp Marmal, I want to pay my respect for your exceptional service alongside our German troops, our diplomats and aid workers. We are truly grateful for your joint efforts to train, assist and advise the Afghan forces. Your dedication helps provide the space and time for a political settlement that shall allow a more peaceful future for Afghanistan. Be assured that your professionalism and your solidarity are deeply appreciated by Germany. We rely on you – you can rely on us. Thank you all!

Meine Damen und Herren, Soldatinnen und Soldaten, ich bin gekommen, um derer zu gedenken, die hier in Afghanistan ihr Leben gelassen haben. Ich bin in Gedanken auch bei denen, die heute noch an den Narben ihres Einsatzes in Afghanistan leiden.

Dieser Einsatz hat unseren Blick auf das schärfste Instrument, das wir als Staat einsetzen können, verändert. Als Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr stehen Sie heute nicht mehr allein im Dienst der Landes- und Bündnisverteidigung wie zwei Generationen von Staatsbürgern in Uniform vor Ihnen. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr – das schließt ja auch ihre zivilen Kolleginnen und Kollegen ein – sind Teil einer neuen Wirklichkeit; einer Wirklichkeit, die Ihre Aufgaben, Ihren Beruf aber vor allen Dingen die Bedingungen für Ihren Beruf verändert hat.

Sie sind in Ihrem Einsatz aktiv eingebunden in die internationale Staatengemeinschaft. Sie arbeiten Seite an Seite mit zivilen Helfern. Sie sind im Einsatz in einer Tradition der Friedenssicherung und auch der Hilfe für jene, die auf den Beistand ihres eigenen Staates nicht bauen können. Sie kämpfen gegen einen Terror, unter dem die Welt leidet und der auch vor unserem Land nicht Halt macht.

Sie stehen hier in Afghanistan für die Werte unseres Grundgesetzes ein. Im Einsatz für die Werte und Interessen unseres Landes sind Sie bereit, auch persönlich ein hohes Risiko in Kauf zu nehmen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Und eben deshalb ist Ihr Beruf keiner wie jeder andere.

Sie sind Teil einer Bundeswehr, die sich mit Ihrer Professionalität, mit Ihrer Haltung, auch mit Ihrem Mut und Ihrer Tapferkeit den Respekt der Afghanen und der internationalen Partner erworben hat.

Wir werden in Afghanistan weiter einen langen Atem brauchen. Aber Sie haben allen Grund, mit Stolz und Selbstbewusstsein auf Ihren Einsatz zu schauen.

Wir können miteinander am Ende vielleicht nicht erwarten, dass 100 Prozent der Menschen in Deutschland zu 100 Prozent hinter jedem Einsatz stehen. Die Debatte, auch die kritische, gehört zur Demokratie. Das gilt auch für die aktuelle Diskussion über die innere Verfassung der Bundeswehr.

Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir alle auch über dasselbe reden. Wir müssen Sorge dafür tragen, dass die Bundeswehr und die Gesellschaft die Debatte nicht jede für sich, sondern miteinander und gemeinsam führen. Armee und Gesellschaft dürfen sich in einer Demokratie niemals fremd werden. Dafür trägt Politik Verantwortung.

Das Vertrauen der Deutschen in eine demokratisch legitimierte Bundeswehr und ihren Auftrag unter schwierigen Bedingungen – das können und das müssen Sie erwarten. Ich bin hier, um Ihnen zu sagen: Dieses Vertrauen verdienen Sie nicht nur, sondern dieses Vertrauen haben Sie – das des Bundespräsidenten und das der ganz großen Mehrheit der Deutschen. Für Ihren Einsatz möchte ich Ihnen meinen Respekt und meinen tief empfundenen Dank aussprechen. Deutschland kann stolz sein auf das, was Sie alle hier gemeinsam miteinander leisten.

Herzlichen Dank!