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Kulturabend "Jazz in Schloss Bellevue"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache  beim Kulturabend 'Jazz im Schloss Bellevue' im Präsidentengarten von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 17. Juli 2017 Kulturabend "Jazz im Schloss Bellevue" – Ansprache im Präsidentengarten © Guido Bergmann

"Der Jazz ist tot!" Als US-amerikanische Musikkritiker das am Ende der 1920er Jahre schrieben, war der Jazz noch keine dreißig Jahre alt. Die Experten haben sich geirrt. Gott sei Dank. Der Jazz lebt und wurde und wird gebraucht.

Jazz war vielleicht die erste wirkliche Weltmusik. Jazz ist nicht Abgrenzung, Jazz ist von Anfang an Verschmelzung afrikanischer, amerikanischer und europäischer Musikkulturen – und war immer auch politisch. Die Macht des Jazz ist die Freiheit der Rede, hat Wynton Marsalis geschrieben. Auch wenn das nicht in jedem Stück zu hören ist, viele haben es gespürt:

Walter Kempowski erzählt in seinem Roman "Tadellöser und Wolff" immer wieder von der Jazzbegeisterung Jugendlicher im "Dritten Reich". Offiziell war diese Musik ja verpönt bis verboten – und so war diese Begeisterung für Jazz auch ein Akt des Widerstands:

"Wurde eine neue Platte aufgelegt, dann raste Heini am Radio von Sender zu Sender. Ob da nicht irgendwo Jazz-Musik zu ergattern wär – und was besser sei, dies oder dies? Bis beide Stücke vorüber waren. […]

Gute Platten klaubten sie aus dem Altmaterial im Musikhaus Löhrer-Wessel. Wer eine neue Platte kaufen wollte, mußte nämlich zwei alte abgeben. Dolle Entdeckungen: ‚Black Beauty‘, ein Klavier-Solo von Duke Ellington, so aus dem Altmaterial gefischt. ‚Dürfen wir mal eben das Altmaterial durchsehen?‘ Quartette von Beethoven dafür hergegeben."

Diese Begeisterung der sogenannten Swing-Jugend, die von der ewigen Marschmusik und den Heimat- und Volksliedern genug hatte, war sicher ein Grund, warum dann nach dem Krieg die neue Musik, die von den Siegern vor allem aus Amerika mitgebracht wurde, so stürmisch begrüßt wurde.

Jazz war nach dem Krieg für die Deutschen so etwas wie der Soundtrack zum neuen Leben, die Melodie der Befreiung und der Freiheit.

Für die, die vom Jazz leben wollten, war es das meistens nicht. Anders als Rock und Pop fehlte dem Jazz häufig das Massenpublikum.

Wenn ich wollte, könnte ich jetzt länger reden über die ganz besondere Verbindung, die im Jazz zwischen Struktur und Freiheit, zwischen Konzept und Improvisation, zwischen Strenge und Spontaneität herrscht und was das für Kultur und den schöpferischen Prozess überhaupt bedeutet – tue ich aber nicht.

Ich sage nur: Es ist am stärksten meine Musik.

So schien es mir einfach naheliegend und plausibel, dass am ersten Abend, an dem ich als Bundespräsident eine große und buntgemischte Auswahl von Menschen, die sich in unserem Land um die Kultur bemühen, ins Schloss Bellevue einlade, Jazz gemacht wird. Wir haben Jazzer auf der Bühne und auch im Publikum.

Aber der Jazzabend ist ein Kulturabend, und deshalb freue ich mich, dass so viele auch aus anderen Kulturbereichen gekommen sind.

Kultur ist so vielfältig wie Sie, die heute meiner Einladung zu dieser festlichen Zusammenkunft gefolgt sind. Jeder und jede von Ihnen stellt einen Aspekt, eine Facette, eine Form des kulturellen Lebens in unserem Land dar. Keiner ist durch den anderen ersetzbar, keiner tut dasselbe, was der andere tut, viele haben Ideen, die andere noch nicht hatten.

Ich freue mich auf Sie, auf die Musik und auf unsere Gespräche und Begegnungen nachher.

Der Zufall will es, dass ich mich gleichzeitig auf eine andere große Veranstaltung vorbereite. Die Älteren erinnern sich vielleicht wie ich an den Sommer 1972 und die Olympischen Spiele.

Es ist demnächst genau fünfundvierzig Jahre her, dass Deutschland der Welt heitere Spiele zeigen wollte. Unter dem wie aus Zauberkraft schwebenden, transparenten Dach und dem strahlenden weiß-blauen Himmel über München präsentierte sich ein Land als Gastgeber, das diese Spiele in allen Aspekten als Gegenteil zu Berlin 1936 konzipiert hatte. Dann die Geiselnahme von israelischen Sportlern durch den "Schwarzen September" und ein Befreiungsversuch, den keine der Geiseln überlebte.

Was hat das mit Jazz zu tun, werden Sie fragen?

Mehr als Sie bei den sportlichen und politischen Rückblicken demnächst sehen: Denken Sie an die ungeheure Leichtigkeit der Eröffnungsveranstaltung, die die Welt erstaunte. Die Musik, die zum Einzug der Nationen erklang, wurde von Deutschlands damals wohl bester Big-Band gespielt, eines der längsten Medleys der Musikgeschichte. Es war die Big-Band von Kurt Edelhagen, einem jener deutschen Bandleader, die wie Hugo Strasser oder Max Greger nach dem Krieg über die Amerikaner den professionellen Jazz kennengelernt hatten. Vielleicht war das nicht allen bewusst, aber es war die vom Jazz bestimmte Musik der Freiheit, mit der sich ein neues Deutschland der Welt präsentierte – als ziviles Land und als eine erneuerte Kulturnation.

Auch heute darf ich Ihnen große Namen ankündigen, die die deutsche Jazztradition bis in unsere Gegenwart weiterführen. Ich freue mich sehr, dass sie heute Abend für uns spielen. Es sind Nils Landgren (Posaune), Till Brönner (Trompete), Michael Wollny (Piano), Lisa-Rebecca Wulff (Kontrabass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug).

Jetzt müssen wir anfangen! Sie kennen sie alle, die vier Feinde des Jazz: Tageslicht, frische Luft, Mineralwasser und das unerträgliche Gebrüll der Vögel am Morgen!

Viel Vergnügen! Ich wünsche uns allen einen schönen Abend.