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Abendessen mit der Präsidentin der Republik Estland

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede beim Abendessen in Schloss Maarjamäe, gegeben von der estnischen Präsidentin, in Tallin anlässlich seines offiziellen Besuchs in der Republik Estland  Tallinn/Estland, 22. August 2017 Offizieller Besuch in der Republik Estland – Rede beim Abendessen in Schloss Maarjamäe, gegeben von der estnischen Präsidentin © Jesco Denzel

Ich freue mich, zurück zu sein in Tallinn. Es ist – das spüre ich an Ihrem wunderbar herzlichen Empfang – ein Besuch unter Freunden!

Schon viele Male war ich hier. In keine andere Region der Welt bin ich als deutscher Außenminister häufiger gereist als in die baltischen Staaten. Aber heute stehe ich zum ersten Mal als Präsident meines Landes vor Ihnen.

Wem von Ihnen das deutsche politische System im Detail nicht so geläufig ist, dem darf ich mein neues Amt kurz erläutern. Der Bundespräsident ist nicht nur das deutsche Staatsoberhaupt, er unterzeichnet nicht nur Gesetze, vertritt das Land auf der Welt, ernennt Minister und akkreditiert Botschafter – sondern hier in Estland, im Land der Liedkultur und der Sängerfeste, möchte ich eines besonders betonen: Der Bundespräsident ist ebenso Schirmherr des deutschen Musikrates und verleiht die Zelter-Plakette für die Pflege der Chormusik und des Volksliedes.

Aber keine Angst – ich werde meine Tischrede nicht singend vortragen.

Statt zu singen möchte ich Ihnen gern von einem alten deutschen Volkslied erzählen, das ich sehr liebe: "Freiheit, die ich meine". Es ist ein wehmütiges Lied, und seine Zeilen passen leider allzu gut in unsere Zeit, in der in vielen Weltgegenden, auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, die Freiheit beschnitten wird und die Demokratie in Bedrängnis gerät:

"Freiheit, die ich meine", heißt es dort, "die mein Herz erfüllt – magst du dich nie zeigen der bedrängten Welt? Führest deinen Reigen nur am Sternenzelt?"

Wer an der Freiheit zweifelt, soll nach Estland schauen! Hier hat sie sich gezeigt, hier hat sie sich Bahn gebrochen. Kein Datum steht dafür so eindrücklich wie der morgige 23. August: vom Tiefpunkt des Hitler-Stalin-Pakts 1939, von Krieg und Besatzung, bis hin zur mutigen Selbstbefreiung, der Baltischen Menschenkette fünfzig Jahre später. In Estland hat die Freiheit sich Bahn gebrochen. Und: Hier hat sie festen Halt gefunden – in Verfassung und Rechtsstaatlichkeit, in der Mitgliedschaft der NATO und vor allem der Europäischen Union.

Präsident Lennart Meri sagte 1999 in einem Interview mit dem deutschen Magazin "Der Spiegel", die "Stärke Europas" sei die "Summe verschiedener Mentalitäten und Kreativitäten. In der EU können auch kleine Staaten das Gefühl haben, als Gleichberechtigte akzeptiert zu werden."

Heute will ich es noch stärker formulieren, denn in diesem Halbjahr führt Estland ganz wesentlich die Geschicke der Europäischen Union. Die EU soll eben nicht nur das Gefühl der Gleichberechtigung geben, sondern es gilt auch umgekehrt: Gelebte und aktive Gleichberechtigung ist nichts weniger als überlebenswichtig für die EU selbst. Denn in Zeiten, in denen Populismus und Nationalismus den Zusammenhalt der Union bedrohen, in denen auch das Transatlantische Bündnis auf eine schwere Probe gestellt wird – da kommt es auf kleine Staaten wie Estland an, deren Freiheitsliebe und Verantwortungsbewusstsein unerschütterlich sind.

Diese Haltung – die Leidenschaft der übergroßen Mehrheit der Estinnen und Esten für die europäische Sache und ihre ganz konkrete Verantwortungsbereitschaft für den Zusammenhalt Europas –, die zeigt sich gerade aktuell in der estnischen Ratspräsidentschaft der EU.

Ich danke Ihnen für dieses Engagement, ich erhebe mein Glas auf Präsidentin Kaljulaid und die Republik Estland, auf die deutsch-estnische Freundschaft und die Europäische Union – in ihr möge sie leben, die Freiheit, die wir meinen!