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Rückgabe der Kathedrale St. Peter und Paul an die Evangelisch-Lutherische Kirche Russlands

Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei der Zeremonie zur Rückgabe der Kathedrale St. Peter und Paul an die Evangelisch-Lutherische Kirche Russlands Moskau/Russland, 25. Oktober 2017 Reise nach Moskau – Rede des Bundespräsidenten anlässlich der Rückgabe der Kathedrale St. Peter und Paul an die Evangelisch-Lutherische Kirche Russlands © Jesco Denzel

Ich freue mich sehr und ich bin dankbar, diesen Tag hier, in Moskau, zu erleben. Mit der Rückübertragung der Kathedrale St. Peter und Paul geht ein langgehegter Wunsch in Erfüllung und ebenso ein geduldiges Bemühen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland um dieses schöne Gotteshaus. Ich danke dem russischen Präsidenten für seine Unterstützung und die schöne Geste im Jahr des Reformationsjubiläums, umso mehr, weil ich weiß, wie viel sie den evangelischen Christen in Russland bedeutet.

Andere Staaten grenzten an Berge, Meere, Flüsse, Russland aber grenzt an Gott, hat Rainer Maria Rilke uns von seinen Reisen durch dieses Land berichtet. Dieser Satz sagt uns viel über den besonderen Blick Rilkes auf Russland. Wir haben ihn in diesem Jahr noch einmal kennenlernen dürfen, in einer wunderbaren Ausstellung im Marbacher Literaturarchiv. Rilkes Blick sagt uns zugleich aber auch viel über uns selbst und das besondere Verhältnis, das wir, Russen und Deutsche, in tausendjähriger Geschichte zueinander haben – vielleicht auch über die Suche nach Gott, die Nähe zu ihm, über den Raum, den diese Suche einnimmt und den Wert, den sie für uns hat.

Noch deutlicher wird, was uns unterscheidet und doch zugleich verbindet, wenn wir einen anderen, russischen Dichter, Fjodor Tjutschew, hören, der bekannte

"Ich mag den Gottesdienst der Lutheraner,
Den strengen Ritus, einfach und durchdacht.
Die nackten Wände, leerer Kirchen Pracht:
Den tiefen Sinn darin, ich hab ihn gut verstanden…"

Orthodoxe und Lutheraner, Russen und Deutsche waren sich in der wechselvollen Geschichte, die sie verbindet, nah und fern. Und oft, so wage ich zu behaupten, wussten wir nicht einmal zu sagen, was unser Verhältnis mehr bestimmt, Nähe oder Ferne.

In den Archiven von Memorial, die wir heute Morgen besuchen konnten, finden sich Spuren einer von Orthodoxen und Lutheranern gleichermaßen durchlittenen Zeit. Sie alle waren Christen, die für ihren Glauben eintraten. Das anzuerkennen, sind wir den Opfern dieser Jahre schuldig.

Vielleicht kann die Errungenschaft der Reformation, die Entdeckung der Würde des Individuums vor Gott, ja, auch ihr Freiheitsversprechen, das wir in diesem Jahr feiern, Anlass sein, uns wieder und neu zu begegnen. Ich würde es mir wünschen. Ebenso, wie ich mir wünschte, dass dieses Gotteshaus ein Ort der Begegnung bleiben wird, ein Raum, in dem Orthodoxe und Lutheraner, Russen und Deutsche einander nah sind. Und hier vorleben, dass Unterschiede Gemeinsamkeiten nicht im Wege stehen müssen.