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Ausstellungseröffnung "Hinter der Maske. Künstler in der DDR" im Museum Barberini

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache im Auditorium vom Museum Barberini in Potsdam bei der Ausstellungseröffnung 'Hinter der Maske. Künstler in der DDR' Potsdam, 28. Oktober 2017 Ausstellungseröffnung "Hinter der Maske. Künstler in der DDR" – Ansprache im Auditorium vom Museum Barberini © Felix Zahn

Wie vermutlich fast alle von Ihnen, bin ich nicht zum ersten Mal hier. Umso mehr freue ich mich heute Abend, in diesem wunderbaren Museum und vor allen Dingen mit Ihnen gemeinsam diese wirklich große Ausstellung zur bildenden Kunst der DDR zu eröffnen. Ich freue mich darüber. Aber eine Selbstverständlichkeit ist es nicht, dass hier ein Vertreter des Staates, gar das Staatsoberhaupt zur Eröffnung einer Ausstellung redet, die das sensible Verhältnis von Staat und Kunst thematisiert.

"Hinter der Maske" heißt diese Ausstellung – und hinter der Maske stecken die Künstler, die sich ja gerade, jeder auf seine ganz besondere Weise, dem Anspruch des Staates kritisch stellen oder sogar entziehen wollen. Und das gilt natürlich insbesondere gegenüber jedem Anspruch oder Ansinnen staatlich definieren zu wollen, was Kunst ist und wie Kunst zu sein hat, welchen Auftrag sie hat, welchen erzieherischen, volkspädagogischen, gesellschaftsfördernden Imperativen sie folgen muss.

Der Kunst in der DDR – und das gilt für die bildende Kunst genauso wie für Literatur, Film und Theater – dieser Kunst galt immer das ganz besondere Interesse des Staates. Der Künstler, für den die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit, die Herausbildung eines spezifischen Verhältnisses zur Welt ja geradezu Voraussetzung für seinen Erfolg ist, der geriet oft schon deshalb ins Visier der Staatsorgane, wurde misstrauisch beäugt. Nicht immer und nicht jeder, aber oft genug wurde Kunst zensiert, gegängelt und in den Dienst genommen. Oder sie ließ sich freiwillig in den Dienst nehmen. Das hat zu einem bestimmten Bild von DDR-Kunst geführt, das in dieser Verkürzung immer noch in vielen Köpfen herumspukt. Dass man nämlich dort entstandene Kunst nicht verstehen und einordnen kann, ohne immer sofort ihren Bezug zu Staat und Gesellschaft zu bestimmen. Dass man es gar nicht für möglich hält, dass sie allein aus sich heraus Gültigkeit haben könnte, eben als Kunst.

Diese Ausstellung will, wenn ich es richtig sehe, diesem Fehlurteil entgegentreten. Sie will zeigen, wie sich Künstler selbst gesehen und wie sie Wirklichkeit künstlerisch reflektiert und verarbeitet haben. Auch ohne sich ständig, sei es zustimmend affirmativ oder widerständig oppositionell, auf Staat und Gesellschaft zu beziehen.

Keiner der hier ausgestellten Künstler steht für eine Kunst um ihrer selbst willen. Aber für ein Verständnis von Kunst, das auch innerhalb eines Systems, das alles und jeden für sich und seine Ziele in Dienst nehmen möchte, den Anspruch erhebt, zunächst als Kunst wahrgenommen und ernstgenommen zu werden. Also als Auseinandersetzung mit menschlicher Erfahrung in all ihren Facetten, als Versuch, neue Zugänge zur Wirklichkeit zu erschließen, als kritische Auseinandersetzung mit großen Vorgängern und Traditionen.

Um das zu erkennen, zu erforschen, zu entdecken, wie es hier geschehen soll – dazu brauchen Sie keinen Bundespräsidenten. Dabei könnte sogar die Repräsentanz des Staates eher stören oder zumindest widersinnig erscheinen.

Doch aus diesem Grund bin ich auch nicht hier. Schon gar nicht, um in schlechter Tradition der Kunst staatliche Zensuren zu erteilen. Ich möchte vielmehr als Repräsentant des geeinten Deutschlands darauf hinweisen, dass sich in dieser Ausstellung zwar ganz sicher die Besonderheit der Malerei der DDR und ihrer oft ziemlich deutlich erkennbaren Schulen zeigt. Ich möchte darauf hinweisen, was für einen sehr eigenständigen Wert die künstlerische Selbstbefragung in der DDR im Unterschied zur Bundesrepublik besaß. Ich möchte auch darauf hinweisen, wie in sich wertvoll und ernst zu nehmen diese Kunst ist, selbst wenn sie sich politischen Statements entzog oder wenn ihre politische Botschaft nur sehr vorsichtig formuliert und schwer zu dechiffrieren war. Wir können gerade hier in dieser Ausstellung vieles Kostbare vielleicht zum ersten Mal entdecken, das zu unserem gemeinsamen nationalen Erbe gehört.

Zwischen 1949 und 1989 war der Himmel über Deutschland ja nicht nur geteilt, um mit dem Bild Christa Wolfs zu sprechen. Die Leinwand war für die Künstler in Ost und West oft gleich leer und gleich weiß, der kreative Prozess war auf beiden Seiten ein Ringen um den Eigensinn und die Angemessenheit des Ausdrucks.

Mit anderen Worten: Es gab Problemkonstanten, denen sich Künstler in Ost und West gleichermaßen zu stellen hatten. Angesichts der deutschen Geschichte, angesichts der deutschen Gegenwart, aber auch angesichts der vielfachen Instrumentalisierung des Menschen in der Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Dabei war natürlich auch die bewusste Wahl der künstlerischen Mittel ein dauerndes Thema. Auch hier war die Problemstellung gleich – doch die Antworten, die im Osten gefunden wurden, oft vom Westen verschieden. Da gab es – wir wissen es – Vorgaben von Partei und Staat, etwa in der Ablehnung von Abstraktion und sogenanntem Formalismus, was auch bedeutete, dass die Künstler in der DDR in ganz anderer Weise als ihre westdeutschen Kollegen um ihre künstlerische Freiheit ringen mussten.

Diese Ausstellung, soviel kann ich als Bundespräsident, der kein Kunstkritiker sein darf und es auch gar nicht sein will, ruhig sagen, wird uns also neu die Augen öffnen. Und sie ist deswegen ein sehr wichtiger Meilenstein auf dem Weg zueinander, den wir in Ost und West mit der Vereinigung vor über einem Vierteljahrhundert begonnen haben – und der länger dauert, als wir alle das damals gedacht haben.

Die Verständigung darüber, was Kunst und Künstler sind und tun, und wie Künstler sich selber verstanden haben, ist ein guter und vor allem spannender Weg, um zu erkennen, wie im jeweils anderen Teil des Landes gelebt, gedacht, gearbeitet und wie die Welt gesehen wurde – und was so wichtig und wertvoll war, dass man es künstlerisch gestaltete.

Wenn Sie mir zwei Bemerkungen zum Schluss gestatten. Der Zufall will es, dass ich vor gerade einmal zwei Wochen in Rom war und auch wieder einmal die Sixtinische Kapelle und Michelangelos Jüngstes Gericht ansehen konnte.

Wenn es je politisch oder ideologisch motivierte Auftragskunst gegeben hat, dann dort, im Palazzo Apostolico. Aber es zeigt sich an diesem unbezweifelbaren Höhepunkt europäischer Kunst eben auch, wie sich selbst in solchem Kontext der individuelle Künstler in seinem Glauben und seinem Zweifel, in seinem Selbstbildnis und seiner Auffassung von der Welt ausdrücken und künstlerisch darstellen kann. Das gilt zu allen Zeiten.

Und eine letzte Beobachtung. Im Mittelpunkt der Ausstellung hier stehen – kein Wunder, wenn es um das Selbstverständnis des Künstlers geht – Selbstporträts. Ein künstlerisches Sujet mit einer sehr langen und sehr vielfältigen Tradition in der europäischen Kunstgeschichte. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt hier aus der DDR-Kunst zusammengetragen wurde. Und es nötigt große Bewunderung ab, mit welcher hohen künstlerischen Meisterschaft und mit welcher tiefen Reflexion hier der einzelne Künstler, wie man mit Recht sagen kann: an sich gearbeitet hat.

Die Wahrheit über uns – das lernen wir aus diesen Porträts – die Wahrheit über uns sagt uns nicht die Partei, nicht der Markt und nicht einmal ein soziales Medium. In der geduldigen, gelegentlich einsamen Befragung unseres Selbst und unserer Seele, in der gewissenhaften Abwägung unserer Worte und Taten werden wir erfahren, ob wir dem Blick unserer eigenen Augen standhalten, ob wir mit unserem Leben vor uns selbst bestehen können. Auch hinter der Maske.