Navigation und Service

Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2017

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede in der Stadthalle Braunschweig anlässlich der Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2017 Braunschweig, 29. Oktober 2017 Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2017 – Rede in der Stadthalle Braunschweig © Marvin Ibo Güngör

Ich bin beeindruckt! Wer auch immer die Idee hatte, die Verleihung des Deutschen Umweltpreises in diesen Zeitraum zu legen, hat große Weitsicht bewiesen. Die Terminierung in diese Zeit des Übergangs – eine Legislaturperiode ist gerade zu Ende gegangen, die neue hat noch nicht richtig begonnen, eine neue Regierung ist noch nicht gebildet, selbst Koalitionsverhandlungen stehen noch bevor, Sondierungen finden statt. Wann, wenn nicht jetzt, ist der richtige Zeitpunkt, den Stellenwert von Klima und Umwelt noch einmal ins öffentliche Bewusstsein zu rücken? Wo, wenn nicht hier – bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises – schaut genau diese Öffentlichkeit zu? Deshalb ist der Umweltpreis an diesem 29. Oktober noch wichtiger als sonst schon!

Einen Glückwunsch also an die Organisatoren – und den Glückwunsch verbinde ich gerne mit einem Dank. Ich bedanke mich herzlich für die Einladung hierher. Erst vorgestern war ich hier in der Gegend und durfte den wunderschönen neuen Plenarsaal für den Niedersächsischen Landtag eröffnen. Und ich bin gern wiedergekommen. Für diejenigen, die nicht von hier sind, sage ich zusätzlich: Niedersachsen war lange Zeit der Mittelpunkt meines Lebens. Ich kenne das Land gut und ich weiß, dass Braunschweig ein idealer Standort, ein idealer Gastgeber für das große Wochenende der Umweltstiftung ist. Hier liegen die Wurzeln der Stiftung, und in kaum einem anderen Bundesland gibt es stärkere Kontraste zwischen Industrie und Natur, zwischen den Ballungszentren wie Hannover, Braunschweig und Göttingen, den Fabriken von Wolfsburg auf der einen Seite, und den Nationalparks im Harz und im Wattenmeer auf der anderen Seite. Und eins weiß ich lange: Die Niedersachsen achten nicht nur auf ihre brummende Wirtschaft, sondern auch auf die Bewahrung Ihres natürlichen Erbes. Die Durchsetzung beider Nationalparks habe ich noch hier, in der niedersächsischen Landespolitik, selbst miterlebt.

Sie merken es schon: Gerne schließe ich mich heute der schönen Tradition an, als Bundespräsident den Deutschen Umweltpreis zu überreichen. Es ist eine wichtige Ehrung – mit dem Preis wird herausragende Arbeit gewürdigt. Und seine Signale erreichen auch die vielen Tausend Menschen, die sich ehrenamtlich für unsere Umwelt engagieren. Ihnen allen, hier im Saal und draußen überall, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich "Danke!" sagen für ihren unermüdlichen persönlichen Einsatz – vielen Dank dafür!

In wenigen Tagen ist der 9. November. Für uns Deutsche ist das ein Tag der Erinnerung, ein Tag des Gedenkens. Das hat viele Gründe, tragische, schreckliche – aber auch schöne. So auch, dass an einem 9. November die Berliner Mauer gefallen ist und damit die Teilung Europas überwunden wurde. Wir alle wissen: Die jahrzehntelange Teilung hat Narben hinterlassen – in den Familien und unzähligen Lebensgeschichten, in der Wirtschaft und auch in der Politik. Viele dieser Narben sind unsichtbar, manche müssen wir behutsam ertasten. Manche jedoch fallen uns auch direkt ins Auge. Dazu gehören die Narben in unserer Landschaft. Mit Mauern, Stacheldraht und Patrouillenwegen wurde ein breites Band der Teilung über Felder, Berge und Wälder gelegt. Von Spandau bis Neukölln, von Travemünde bis nach Plauen, vom Nordmeer bis zur Adria: Der Schnitt durch Europa war unübersehbar, und das damit angerichtete Leid für Menschen durch nichts zu rechtfertigen.

Im Schatten der Geschichte jedoch ist zwischen Selbstschussanlagen und Wachtürmen ein weltweit einzigartiges Naturerbe entstanden. Und zum Glück ist einer unserer heutigen Preisträger, nämlich Sie, lieber Herr Dr. Kai Frobel, bereits in den 1970er Jahren auf die Idee gekommen, aus diesem Band des Schreckens ein "Grünes Band" der Hoffnung zu machen. Im "Grünen Band" sind heute unzählige Naturwunder zuhause, die anderswo auf der Welt schon längst verdrängt wurden. Mit Ihnen, liebe Inge Sielmann, und der Sielmann-Stiftung sowie vielen anderen fand diese Idee tatkräftige Unterstützung – und sie ist heute Realität geworden. Und dank des Engagements von Ihnen, lieber Herr Professor Hubert Weiger, war das "Band" bald nicht mehr nur eine deutsche, sondern eine europäische Idee. Ich finde: Unter den vielen Geschichten, die kursieren, ist dies eine besonders schöne Nachwendegeschichte. Ihnen allen dreien vielen Dank dafür, und meine Anerkennung zum Deutschen Umweltpreis 2017.

Als nach dem Fall der Mauer, nach dem Ende der Blockkonfrontation, die Minenfelder geräumt und das "Grüne Band" befreit wurde, sprachen viele vom "Ende der Geschichte". Für einen kurzen Moment glaubten manche, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte würden sich nun all überall und unumkehrbar Bahn brechen. Die Realität sieht anders aus. Autoritäre Regime fühlen sich überall auf der Welt gestärkt und werben für Wohlstand und Stabilität – ganz ohne das Versprechen von Freiheit und Demokratie. Krieg und Zerstörung zerrütten ganze Regionen, insbesondere im Krisenbogen von Mali und Libyen bis Syrien und Irak.

Doch eines tritt in diesen letzten Jahren und Jahrzehnten spürbar hinzu: Veränderungen von Umwelt und Klima führen zunehmend zu Naturkatastrophen und Hungersnöten, die unzählige Menschen – Millionen! – in die Flucht treiben. Ressourcenknappheit und Umweltfragen sind längst nicht nur Angelegenheit der Klimaschutz- und Migrationspolitik, sondern sind inzwischen auch Fragen der Sicherheitspolitik. Nicht nur deshalb lohnt es sich, wenn wir uns um den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen weltweit bemühen. Am Ende geht es auch um die globale Verteilung von Lebenschancen, um die Möglichkeit einer friedlicheren Zukunft. Umwelt- und Klimaschutz ist praktische Arbeit an einer gerechteren Globalisierung, und die brauchen wir.

Und wir sollten nicht vergessen: Es gibt auch Erfolge vorzuweisen. Das Klimaschutzabkommen von Paris vor zwei Jahren hat gezeigt, dass die Weltgemeinschaft in der Lage sein kann, sich auf gemeinsame Ziele in der Umweltpolitik zu verständigen. Diesen November werden wir in Deutschland am Standort der Vereinten Nationen in Bonn nicht nur Austragungsort sein, sondern die Pariser Folgeverhandlungen unter dem Vorsitz der Fidschi-Inseln tatkräftig unterstützen. Und gerade uns Deutschen war – und bleibt es – in diesen Verhandlungen ein besonderes Anliegen, dass die Staatengemeinschaft auf die Bedürfnisse von kleineren Ländern eingeht, von Ländern, die keine Stimme haben im großen Weltkonzert. Vor allen Dingen die kleinen Inselstaaten bangen angesichts steigender Meeresspiegel im wahrsten Sinn des Wortes um ihr Land. Tony de Brum, der ehemalige Außenminister der Marshall-Inseln, hat deren Interessen eine klar vernehmbare und weltweit geachtete Stimme gegeben. Es freut mich deshalb besonders, dass seine Tochter Doreen heute hier bei uns ist, um den Ehrenpreis stellvertretend für ihren Vater entgegenzunehmen. Ich sage: Danke für die große und wichtige Leistung Ihres Vaters.

Doch wie überall in der Politik können Abkommen und Gesetze nur der erste Schritt sein. Viel wichtiger ist es am Ende, den gesetzlichen Rahmen mit guten Ideen auszufüllen. Es ist mir eine Freude, den Deutschen Umweltpreis heute auch einem innovativen Mittelständler aus Deutschland zu überreichen. Als Hidden Champion mit besonderer Expertise für Elektromotoren ist es der Firma OSWALD gelungen, einen um bis zu 50 Prozent effizienteren Antrieb für Industrieanwendungen zu entwickeln. Das ist ein beeindruckender Erfolg und es verdient großen Respekt – gerade auch für einen Familienunternehmer, der diese Entwicklung aus dem laufenden Betrieb finanziert. Die Firma OSWALD steht beispielhaft für all die kleinen und mittleren Familienunternehmen, die unser Land bereichern, und zwar nicht nur wirtschaftlich. Mittelständler wie die Oswalds engagieren sich intensiv in ihren Gemeinden, sie übernehmen Verantwortung nicht nur für ihre Mitarbeiter, sondern auch für die Stadt, die Region, in der sie produzieren. Lieber Johannes Oswald, lieber Bernhard Oswald, ich gratuliere Ihnen auch deshalb ganz herzlich zum Deutschen Umweltpreis 2017.

Einen weiteren Quantensprung in der Umweltpolitik der letzten Jahre will ich am Schluss nicht unerwähnt lassen. Im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen die Sustainable Development Goals beschlossen. Es ist das erste Mal, dass Umweltschutz und Klima, Frieden und Gerechtigkeit in eine globale Agenda zusammenfließen. Die Agenda 2030 setzt unserer Welt eine wahrlich ambitionierte Zukunftsvision. Und all denen, die daran gar nicht mehr glauben, die mit Verunsicherung, ja mit Angst in die Zukunft schauen – und ich weiß, das sind auch in unserem Land nicht wenige –, denen können unsere heutigen Preisträger eine Ermutigung senden: Aus der Teilung Europas erwächst ein "Grünes Band"; aus 197 Einzelstimmen wird ein großes Klimaschutzabkommen; und aus lokalem Erfindergeist erwachsen Technologien, die Ökonomie und Ökologie miteinander versöhnen. Ja, die Zukunft mag ungewiss sein, aber unsere Preisträger zeigen: Sie ist das, was wir daraus machen. Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen zum Deutschen Umweltpreis.