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Verleihung des Deutschen Bürgerpreises

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Laudatio im ZDF Hauptstadtstudio in Berlin bei der Verleihung des Deutschen Bürgerpreises Berlin, 15. November 2017 Verleihung des Deutschen Bürgerpreises – Laudatio im ZDF Hauptstadtstudio © Felix Zahn

"Wir leben von dem, was wir geben" – der Satz ist nicht von mir. Das hat ein schon verstorbener, sehr kluger Staatsmann gesagt. Ich finde, er hatte Recht. Und doch freut es mich immer wieder, wie viele engagierte Bürgerinnen und Bürger in unserem Land genau diesem Leitspruch folgen. Wie viele sich für das Miteinander und den Zusammenhalt vor Ort einsetzen, Menschen verbinden und es ihnen dabei eine Freude macht, anderen zu helfen. Nicht die ewig Empörten und Besserwisser, sondern diese Gefährten, Retter, Seelsorger, Problemlöser, Zuhörer, Brückenbauer – genau die sind das Herz unserer Gesellschaft. Was sie – oft im Stillen – leisten, ist die Grundlage dessen, was wir im Alltag Gemeinsinn nennen. Er macht unser Zusammenleben möglich oder – jetzt verrate ich es – wie Churchill gesagt hat: Davon leben wir. Sie, liebe Engagierte, schöpfen damit Werte, die mit keiner Währung der Welt aufzuwiegen sind. Es sind Menschen wie Sie, die unser aller Leben lebenswerter machen.

Deshalb freut es mich besonders, bei diesem jetzt schon 15. Deutschen Bürgerpreis die Laudatio in der Kategorie U21 halten zu dürfen. Ich darf also diejenigen ehren, die dafür sorgen, dass all das, was ich eben beschrieben habe, dass es das nicht nur heute gibt, sondern auch in Zukunft weiter geben wird.

Sie werden Verantwortung tragen für unser Land. Und weil Sie längst gezeigt haben, wie gut Sie das können, weil sie sich schon heute um mehr kümmern, als um sich selbst, bin ich ganz zuversichtlich, was unsere gemeinsame Zukunft hier in diesem Land angeht. Sie wissen, es ist diese Kraft, die den Gemeinsinn stiftet, der im Kleinen eine Gemeinschaft und im Großen eine ganze Nation ausmachen kann.

Die Kraft dieses Gemeinsinns zeigt sich in unserem Land in ganz großer Vielfalt. Ich erlebe das im Augenblick gemeinsam mit meiner Frau bei den Antrittsreisen durch die Bundesländer. Da sind Millionen von Menschen – und wir treffen nur einige von ihnen. Zuletzt zum Beispiel gestern und vorgestern in Sachsen. Menschen, die bereit sind, sich dort zu kümmern, wo Not am Mann oder auch an der Frau ist. Und schauen wir nach Dortmund, wo junge Menschen Gleichaltrigen, die schon früh am Leben verzweifeln, beistehen. Die sie begleiten, ihnen zuhören, ihnen Mut machen. Und dabei nicht nur ihre persönlichen Lebenswelten und Erfahrungen ins Spiel bringen. Sondern sich auch den Schicksalen und Nöten von Menschen öffnen, die ihnen bis dahin ganz unbekannt waren. Und die jungen Menschen der Online-Suizidprävention, U25 Dortmund, engagieren sich anonym. Warum hebe ich das hervor? Weil das selten geworden ist: Sich auf eine Art zu engagieren, für die man, weil anonym, nicht mit öffentlichem Applaus rechnen darf. Es gibt also auch keine "Follower" und es gibt keine "Likes" auf den sozialen Plattformen im Netz – also es gibt alles das nicht, was eigentlich die heute übliche Währung der Anerkennung geworden ist. Und doch stellen sie zu keinem Zeitpunkt ihren Einsatz in Frage.

Genauso wenig wie die Engagierten von JUFO, die Tag für Tag losziehen, um etwas zu tun, das ich für sehr wichtig halte, nämlich unsere Demokratie zu stärken. Sie begeistern sich für die Politik, ein Metier, das sich aktuell, vielleicht gerade unter jungen Menschen, eher unterdurchschnittlicher Beliebtheit erfreut. Warum das so wichtig ist? Weil junge Menschen für Politik zu gewinnen auch heißt, sie für dieses Land und seine Zukunft zu gewinnen. Wir brauchen mehr denn je Menschen, die sich für die Demokratie in unserem Gemeinwesen engagieren. Die für Austausch und politische Meinungsbildung sorgen. Die sich nicht zu schade sind fürs Debattieren und Diskutieren, fürs Inspirieren und Sensibilisieren. Die nicht nur selbst mitmachen, sondern auch andere dazu bewegen, mitzumachen.

Und schließlich brauchen wir Menschen, die jenen eine Chance geben, die kaum eine haben. Die am Rand unserer Gesellschaft leben, in den sogenannten "sozialen Brennpunkten". Dort haben es vor allem Kinder und Jugendliche schwer, sich zu entwickeln, Talente auszubilden, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Weil es meist an den elementarsten Voraussetzungen dafür fehlt: an Bildung, an Teilhabe, vor allen Dingen aber auch an Respekt und Anerkennung, ohne die ein menschenwürdiges Dasein oder auch nur die eigene Persönlichkeitsentwicklung nur ganz schwer denkbar sind.

Hier engagieren sich die jungen Menschen aus der Courage Schülerstiftung, die ihr Projekt selbst ins Leben gerufen haben. Hier packen sie an, indem sie andere an die Hand nehmen. Egal ob zum Fußballspielen, Eis essen oder Spazierengehen. Was sie schenken, ist wertvoller als jedes materielle Gut: Es ist Aufmerksamkeit. Es ist Respekt. Und es ist vor allem Zeit.

Sie alle, diese jungen engagierten Leute, machen eine einzigartige und – wie ich glaube – wichtige Erfahrung: Dass Sie das Zusammenleben in der Demokratie nicht nur als Stoff aus Schulbüchern kennen lernen, sondern als etwas Lebendiges, etwas, das offen ist für Sie und Ihre Anliegen, aber auch als etwas, das angewiesen ist auf Sie und Ihr persönliches Engagement. Demokratie ist – auch in unserem Land – nicht mit einer Ewigkeitsgarantie ausgestattet. Und Sie, liebe Jugendliche, Sie zeigen alle: Wenn uns die Demokratie wirklich am Herzen liegt, dann darf sie jedem von uns auch ein bisschen Mühe wert sein. Oder, wie eine berühmte Amerikanerin, die Sie möglicherweise besser kennen als ich, gesungen hat: "If you like it, then you should have put a ring on it!" Auf Deutsch: Kümmere Dich – sonst geht sie Dir flöten, die Demokratie. Deshalb danke ich Ihnen ganz besonders herzlich und nachdrücklich für Ihr Engagement!

Und deshalb zum Schluss: Der Deutsche Bürgerpreis 2017 in dieser Kategorie geht an das Projekt Courage Schülerstiftung aus Münster.

Herzlichen Glückwunsch!