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Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie: "Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede beim Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie: 'Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten' im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 30. November 2017 Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie: "Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten" – Rede im Großen Saal © Felix Zahn

Es war Ralf Dahrendorf, der die Intellektuellen einmal als "Hofnarren der modernen Gesellschaft" bezeichnet hat. Er sah sie in der Pflicht, "alles Unbezweifelte anzuzweifeln, über alles Selbstverständliche zu erstaunen, alle Autorität kritisch zu relativieren, alle jene Fragen zu stellen, die sonst niemand zu stellen wagt."

Ein guter Hofnarr, das wissen wir aus Geschichte und Literatur, lebt natürlich davon, dass er sich von seinem Schlossherrn – wer auch immer das sei – nicht vereinnahmen lässt, dass er stets um seine Unabhängigkeit besorgt ist, keine Vorgaben befolgt und das Erwartbare immer wieder unterläuft. Im besten Fall erweist er seinem Publikum gerade dadurch einen Dienst, dass er niemandem zu Diensten ist.

Ich will deshalb heute Nachmittag gar nicht erst versuchen, die Rolle des Intellektuellen vom Katheder herab zu bestimmen, schon gar nicht als Schlossherr. Und ich werde mich hüten, ein Bundespräsident zu sein, der Schriftstellern und Künstlern gesellschaftliche Aufgaben zuweist. Denn das ist es ja gerade, was unsere offene Gesellschaft auszeichnet: Dass sie Literatur und Kunst nicht auf irgendwelche Ziele verpflichtet, auch nicht auf Demokratie, Vernunft oder eine bestimmte Vorstellung vom guten Leben.

Aber das heißt natürlich nicht, dass Literatur und Kunst keine politische Wirkung entfalten könnten. Ganz im Gegenteil: Gerade die Erzählkunst wirkt immer wieder politisch, wenn gesellschaftliche Analysen in sie einfließen, wenn sie ein Porträt der Zeit zeichnet oder unsere gewohnte Sicht auf die Welt herausfordert. Sie trägt zur Selbsterkenntnis einer Gesellschaft bei, wenn sie uns auf Abwege führt, in dunkle Ecken und Hinterhalte lockt, wenn sie auch denen eine Stimme verleiht, die sonst ungehört bleiben.

Die schottische Schriftstellerin Ali Smith hat vor Kurzem erklärt, warum sie fiktive Geschichten gerade heute, in diesen unübersichtlichen Zeiten, für wichtiger denn je hält: "Die Menschen, die literarische Geschichten erfinden", schreibt sie, "bieten Welten an, die uns die Welt zurückgeben. Sie sensibilisieren uns gegenüber den Machenschaften der Leute, die Dinge über die Welt erfinden und dann behaupten, sie seien wahr."

Es ist also kein Zufall, dass wir heute Schriftsteller eingeladen haben. Sie sind ganz besonders betroffen, wenn die Freiheit des Wortes und der Rede angefochten wird, wenn die Politik Geschichten erfindet und die Literatur die Wahrheit sagen muss – mit ihren eigenen Mitteln. Und sie können uns, als Meister des Wortes, vielleicht am ehesten helfen zu verstehen, was da eigentlich gerade geschieht, mit uns und um uns herum.

Unsere Gäste, so unterschiedlich ihre Biografien und ihre Werke auch sind, haben eines gemeinsam: Sie alle sind preisgekrönte Schriftsteller, Geschichtenerzähler, die in diesem Jahr neue Bücher herausgebracht haben, Romane und Erzählungen, die mit überraschenden Perspektiven aufwarten und ein großes Echo ausgelöst haben. Sie alle sind aber auch engagierte Beobachter, die sich immer wieder einmischen in gesellschaftliche Debatten.

Mein erster Gast wurde in Bombay geboren und lebt seit vielen Jahren in New York, der Stadt, in der auch viele seiner Romane spielen. Er weiß aus eigener Erfahrung, was es für einen Schriftsteller bedeutet, von religiösen Eiferern mit dem Tod bedroht und zu einem Leben im Untergrund gezwungen zu werden – in seinem großen autobiografischen Roman "Joseph Anton" hat er alles dazu gesagt.

Immer wieder hat er die Freiheit der Rede als unveräußerliches universales Gut verteidigt, gegen religiöse Intoleranz und autoritäre Machthaber, aber auch gegen die Gesinnungswächter in liberalen Gesellschaften. "Die Begrenzung der Meinungsfreiheit", hat er einmal gesagt, "ist nicht nur Zensur, sie ist ein Angriff auf die menschliche Natur." Denn das, was den Menschen zum Menschen mache, sei gerade seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen.

In dieser "Zeit voller Lügen" hat er sich grundsätzliche Gedanken über seine Literatur gemacht – und dann beschlossen, einen "Gesellschaftsroman von heute" zu schreiben: "Golden House" spielt in den USA, es geht um die Fiktionalität der Wirklichkeit, um schwankende Identitäten, um die Frage, ob ein Mensch gleichzeitig gut und böse sein kann. Und es geht um eine reale Demokratie, in der groteske Figuren die alte liberale Welt und ihre Tugenden der Selbstironie, der Gelassenheit und Vernunft ins Wanken bringen.

Lieber Herr Rushdie, wenn ich bedenke, dass mindestens der größere Teil Ihres Buches vor dem November 2016 fertig geworden ist, dann müssen wir Ihnen seherische Fähigkeiten unterstellen.

Ich freue mich sehr, dass er heute bei uns ist: Bitte begrüßen Sie mit mir Sir Salman Rushdie!

Mein zweiter Gast ist in Wien geboren und lebt seit vielen Jahren hier in Berlin. Sie schreibt nicht nur Literatur, sondern, wie ich finde, kluge, aufregende, manchmal auch wütende Essays – und ist bekannt dafür, "die Goschen aufzureißen und sich das auch nicht verbieten zu lassen". So sagt sie das jedenfalls über sich selbst.

Von Künstlern erwartet sie, dass sie "Gebrauch von der Demokratie" machen – gerade weil sie im öffentlichen Diskurs eine besondere Rolle einnehmen können: "Die einzige Kraft, die wir haben", schreibt sie, "ist unsere Stimme und unsere Verletzlichkeit. Wir sind komische Käuze in stillen Kammern […]. Wir nehmen uns viel Zeit für seltsame, altmodische Gedanken. Wir haben und brauchen Abstand. Genau das ist unsere Expertise, die Voraussetzung für einen anderen, hoffentlich freieren Blick."

In ihren Büchern hat sie sich mit der gerichtlichen Aufarbeitung des Holocaust beschäftigt, die Geschichte einer Wiener Familie mit jüdischen Wurzeln großartig erzählt – und in ihrem Roman "Quasikristalle" den vielen Identitäten einer Frau nachgespürt.

Ihr neuestes Werk, für das sie gerade den österreichischen Buchpreis erhalten hat – ich glaube, wir können noch gratulieren! –, heißt "Tiere für Fortgeschrittene". Es geht darin natürlich um Menschen, um ihre Lebenslügen und vertrackten Beziehungen – und um ihre Versuche, in einer sich wandelnden Welt zurechtzukommen.

Keine Frage: Ihre Literatur ist durch Zeitgenossenschaft grundiert, und ich bin mir sicher, dass sie sich heute Nachmittag Gehör verschaffen wird. Herzlich willkommen, Eva Menasse!

Mein dritter Gast heute Nachmittag wurde in München geboren, lebt in Wien, Berlin und New York und ist, das trifft sich gut, mit Sir Salman Rushdie befreundet.

Während viele zeitgenössische Autoren in ihren Romanen düstere Visionen der nahen Zukunft entwerfen, um unsere Gesellschaft zu analysieren, geht er umgekehrt vor und nähert sich den Abgründen der Gegenwart über den Umweg der Vergangenheit.

In seinem neuen Werk verschiebt er die historische Figur des Till Eulenspiegel in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges – und macht seinen "Tyll" unter anderem zum Hofnarren, zu einem Freigeist in Zeiten des Umbruchs, womit wir wieder beim Thema wären.

Wenn Tyll überhaupt für etwas steht, dann vielleicht für die seltsame Rolle des Künstlers, über die sein Erfinder sagt: "Der Künstler ist nicht einfach nur die vernünftige Stimme, die in Gegnerschaft steht zu allem Unsinn, der um ihn herum vorgeht. Im Idealfall ist er noch mehr, da spielt etwas Dunkles und Unheimliches hinein."

Und wer nun meint, der Dreißigjährige Krieg sei doch lange her, den lässt unser Gast wissen: "Ich fürchte, es ist ein sehr aktuelles Buch. […] Wir erleben gerade wieder das zerstörerische Gegeneinander der Religionen, oder vielmehr: diese undurchschaubare Gemengelage von Religion und Machtpolitik, genau wie damals. Der Dreißigjährige Krieg ist das, was herauskommt, wenn Politik auf allen Seiten vollständig versagt."

Wir alle wissen: Er vermisst nicht nur die Welt immer wieder neu, er ist auch ein großer Romanist und Humorist – und er hat einen ausgeprägten Sinn für den Horror. Bitte begrüßen Sie mit mir Daniel Kehlmann!

Ich freue mich, dass ich die Moderation jetzt an eine Journalistin abgeben kann, die sich in der Kulturlandschaft auskennt wie kaum eine andere. Sie lebt in Berlin und Mailand und war viele Jahre lang Gesicht und Stimme von "Aspekte", dem ZDF-Kulturmagazin.

Liebe Luzia Braun, Sie haben jetzt das Wort – und ich begebe mich selbst aufs Podium, nicht als Schlossherr und nicht als Hofnarr, sondern als Bürger mit ein bisschen Erfahrung im politischen Raum, der hören will, was mutige Intellektuelle in diesen unruhigen Zeiten zu sagen haben.

Ich freue mich auf unser Gespräch.