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Ordensverleihung zum Tag des Ehrenamtes

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache bei der Verleihung des Verdienstordens zum Tag des Ehrenamtes im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 4. Dezember 2017 Verleihung des Verdienstordens zum Tag des Ehrenamtes – Ansprache im Großen Saal © Felix Zahn

Neulich habe ich ein altes Foto wiedergefunden: 1966, meine Fußballmannschaft vom TuS Brakelsiek. Ich bin zehn Jahre alt, im weiß-roten Trikot – eingerahmt von meinen Freunden, meinem Trainer und Betreuern, also von den Menschen, die die Illusion am Leben hielten, ich würde ein großer und erfolgreicher Fußballspieler. Und die mit Ihrem Ehrenamt uns Kindern so viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt haben, die uns trainiert und getröstet, die uns zu den Spielen am Wochenende gefahren und bei Turnieren ausgeharrt haben, bis es zurückging, die Weihnachtsfeiern mit uns Kindern und Jugendlichen veranstaltet haben, kurz: Die uns geprägt haben.

Auf dem Platz habe ich Freundschaften geschlossen, die halten bis heute. Im Verein lernte ich, wie wichtig die sind, die sich um mehr kümmern als sich selbst, die für andere da sind. Damit unser Land funktionieren kann, brauchen wir das Engagement der Ehrenamtlichen, wir brauchen Leute wie Sie.

Ich denke an die vielen Menschen, die eines Tages alte Gruppenfotos aus den Kartons herauskramen aus ihrer Zeit im Fußballverein, im Volleyballclub, der Musikkapelle, Gesangsverein oder der Feuerwehr und sich dankbar an die Zeit und Aufmerksamkeit erinnern, die Sie ihnen geschenkt haben. Die eines Tages sagen werden: ‚Die haben mich geprägt!‘

Sie sind heute hier, weil Ihr ehrenamtliches Engagement herausragt und Sie anderen ein Vorbild sind. Weil Sie – zum Beispiel – Mädchen und Jungen den Mut geben, einmal selbst große Sportler oder Musiker zu werden. Weil Sie Frauen in Ingenieurberufen und junge Menschen bei der handwerklichen Ausbildung unterstützen. Weil Sie sich gegen Antisemitismus engagieren und das Gedenken wachhalten an die Häftlinge in NS-Konzentrationslagern. Weil Sie an das Schicksal der Menschen in Stasi-Gefängnissen erinnern. Und weil Sie sich stark machen, für die sozialen und ökologischen Fragen unserer Gesellschaft, weil Sie sich um kranke oder sterbende Menschen kümmern oder sich unermüdlich für die Rechte von Patienten einsetzen. Weil Sie die Lebensräume seltener Vogelarten schützen, Kinder in Sachen Zahnpflege aufklären, oder Ihre Feierabende und Wochenenden in den Dienst der Wohlfahrt- und Hilfsorganisationen stellen.

Ihr Engagement ist ebenso vielfältig wie unsere Gesellschaft. Sie machen Deutschland lebenswert. Sie sorgen dafür, dass wir uns in unseren Heimaten auch ‚heimisch‘ fühlen. Deshalb ist es mir so wichtig, Sie anlässlich des Tags des Ehrenamtes persönlich zu ehren.

Denn Ihr Engagement wirkt weit über das hinaus, was Sie konkret tun. Mit Ihrem Engagement bauen Sie mit an unserer Demokratie. Ein Vordenker der Demokratie, Alexis de Tocqueville, hat schon vor 200 Jahren verstanden, dass – wie er sie nannte – "freiwillige Vereinigungen" ein Grundpfeiler der Demokratie sind. Sie leisten mit Ihrem Ehrenamt einen Dienst an Ihren unmittelbar Nächsten, aber Sie leisten auch unserer Demokratie einen unermesslichen Dienst. Mit Ihrem Ehrenamt bauen Sie mit am Fundament, auf dem wir alle gemeinsam stehen.

Was glauben Sie, wie viele Ehrenamtliche gibt es eigentlich? Wir sind ja in Deutschland, und deshalb gibt es auch dafür eine Statistik. Etwa 40 Prozent der Bürger über zehn Jahren sind ehrenamtlich oder freiwillig engagiert – das sind rund 25 Millionen. Seit der letzten Erhebung vor zehn Jahren ist das ehrenamtliche Engagement insgesamt stabil geblieben, auch wenn wir in manchen Bereichen und einigen Regionen Nachwuchssorgen haben. Ich würde mich freuen, wenn Ihre Auszeichnung heute hier im Schloss Bellevue einen Lichtschein auf Ihre Arbeit wirft und andere motiviert, mitzumachen.

Das Statistische Bundesamt war übrigens noch fleißiger und hat auch den Tagesablauf von Freiwilligen ausgewertet. Das Ergebnis: Ehrenamtliche wenden im Durchschnitt pro Tag zwei Stunden und sieben Minuten für ihr Engagement auf. Was könnten diese Menschen in dieser Zeit nicht alles sonst so machen? Zum Beispiel vier Folgen ‚Lindenstraße‘ schauen. Oder die Beine hochlegen. Oder beides. Zwei Stunden und sieben Minuten jeden Tag – das ist eine Menge Zeit. Aber ich weiß: Viele von Ihnen hier stecken sogar noch mehr Zeit in ihr Ehrenamt.

Sie tun das, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ich nehme an, niemand von Ihnen dachte bei seiner Entscheidung, sich für andere einzusetzen daran, einmal den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland zu bekommen. Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich vor Kurzem mit einer Frau in Bayern hatte, die seit 65 Jahren für das Rote Kreuz arbeitet. "Bedanken müssen Sie sich nicht bei mir!", sagte mir die Frau. "Wenn ich die 65 Jahre zusammen nehme, dann habe ich immer mehr bekommen, als ich gegeben habe."

Selbst die höchste Auszeichnung unseres Staates kann kaum die abertausende Stunden aufwiegen, die Sie in die Waagschale geworfen haben. Aber sie ist der Versuch, Ihnen für Ihren großen Dienst die größte Anerkennung auszusprechen, die unserem Staat zur Verfügung steht.

Sie haben allen Grund, stolz zu sein. Sie haben Ihre Auszeichnung verdient. Und ich weiß, Sie werden nicht müde werden, sich weiter für andere einzusetzen. Und falls Sie doch mal eine nur zu verständliche Müdigkeit beschleicht, dann lassen Sie sich von folgender wissenschaftlicher Erkenntnis wieder aufwecken: Vor einigen Wochen hatte ich Forscher in Bellevue zu Gast, die seit 30 Jahren eine Langzeitumfrage unter Bundesbürgern durchführen. Dabei geht es um alles Mögliche, vom Einkommen, bis zu den Lebensumständen und der allgemeinen Zufriedenheit. Das schöne Ergebnis: Am glücklichsten waren nicht etwa jene Menschen, die Karriere machen oder ein Vermögen anhäufen – am glücklichsten waren Menschen wie Sie, die sich gemeinnützig engagierten.

Machen Sie sich und andere weiterhin glücklich! Nehmen Sie den Schwung mit und tragen sie ihn zurück in Ihre Dörfer und Städte.

Und wo wir von Glück reden: Nun bin ich sehr glücklich, Sie mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland auszuzeichnen.