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Soiree zu Ehren von Heinrich Böll

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache bei der Soiree zu Ehren von Heinrich Böll aus Anlass seines 100. Geburtstages im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 17. Dezember 2017 Soiree zu Ehren von Heinrich Böll aus Anlass seines 100. Geburtstages – Ansprache im Großen Saal © Lene Münch

Die Zeiten, an die wir durch die musikalische Fotogalerie, die Sie gerade gesehen haben, noch einmal erinnert worden sind, waren Zeiten ganz erstaunlicher Begegnungen und Koinzidenzen.

Da singt im Jahre 1971 einer, der auch vor eingängiger Schlagerware nicht zurückschreckte, ganz unterwartet, ein kritisches Lied über das "Vaterland". Und er benutzt dabei auch noch eine Melodie, die den älteren Hörern noch im Ohr war, während sie den jüngeren schon gar nichts mehr sagte, nämlich die "Wacht am Rhein", ein deutschnationales Lied aus dem neunzehnten Jahrhundert. Der Bruch zwischen den Generationen dieses Landes als Thema im deutschen Schlager.

Im selben Jahr, 1971, erhält der Bundeskanzler dieses so kritisch besungenen Landes den Friedensnobelpreis. Im darauffolgenden Jahr plakatiert seine Partei: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land" und gewinnt damit Wahlen – und kurz darauf bekommt der Schriftsteller Heinrich Böll den Nobelpreis für Literatur verliehen. Ausgerechnet Heinrich Böll.

Heinrich Böll hatte den ganzen Krieg als Soldat mitertragen. Danach, in seinen ersten Texten, diese Erfahrungen ganz unpathetisch und realistisch literarisch gestaltet und aufgearbeitet. Aber bald drängt immer mehr die gesellschaftliche Gegenwart der Bundesrepublik in seine Texte: "Die Abenteuerlichkeit eines alltäglichen Lebens", wie er das schon 1953 genannt hatte.

Mit dieser Abenteuerlichkeit eines alltäglichen Lebens ist aber eben nicht nur privates Erleben von Individuen gedacht und gemeint. Die Menschen in den Böllschen Texten sind von den gesellschaftlichen Institutionen und von den politischen Verhältnissen geprägt. Sie sind davon sogar nicht selten gegängelt oder gar verfolgt, oder aber – auch das kommt vor bei Böll – sie lehnen sich dagegen auf.

So wird diese Literatur selbst ein gesellschaftlicher Faktor. Diese Texte fordern auf, Partei zu ergreifen. Und nicht nur die Texte, sondern immer mehr auch der Autor. Der Staatsbürger Heinrich Böll stellt sich und andere unter den Anspruch: Einmischung erwünscht! Und das erreicht – und das haben wir gerade gehört – sogar Udo Jürgens. Er, Heinrich Böll, war damit in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Wann mischt Böll sich ein? Der ehemalige Soldat mischt sich ein, wenn er den Frieden bedroht sieht. So sieht man ihn bei der großen Demonstration im Bonner Hofgarten an exakt demselben Ort, an dem Böll 40 Jahre vorher aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Und man sieht ihn natürlich in Mutlangen.

Er mischt sich auch ein, wenn er als tiefgläubiger Katholik erleben muss, wie seine Kirche für parteipolitische Zwecke in Anspruch genommen oder gar missbraucht wird, oder wenn seine Kirche dabei ist, ihren Ursprung zu verraten. Das bringt ihm oft erbitterte Gegnerschaft in der Politik ein, und nicht weniger häufig, auch bei den kirchlichen Würdenträgern.

Böll mischt sich ein, wenn er glaubt, um Barmherzigkeit oder Gnade bitten zu sollen. Und erst durch seine Kriegstagebücher ist so richtig deutlich geworden, wie zentral Barmherzigkeit und Gnade für Heinrich Böll seit frühester Zeit waren. Ich bin seinem Sohn René Böll, der heute Abend gekommen ist, sehr dankbar, dass er diese Tagebücher kürzlich erst herausgegeben hat. Und ich bin sicher, viele Böll-Liebhaber und -Kenner werden aus diesen Tagebüchern noch viele Facetten Bölls kennenlernen.

Wie sehr hat man zu gewissen Zeiten versucht, Werk und Person von Heinrich Böll regelrecht zu zerstören. Gerade diesen Autor, gerade dieses Werk, das so wesentlich dazu beigetragen hat, dass man im Ausland wieder angefangen hat, Deutschland zu vertrauen, und im Inland langsam wieder stolz auf das eigene Land werden konnte.

Wir wollen auch an diesem Abend nicht vergessen, mit welchem Hass und mit welcher Verlogenheit Heinrich Böll von politischen Gegnern und auch Teilen der Medien verfolgt worden ist.

Die öffentliche Person Heinrich Böll ist aber, glaube ich jedenfalls, nur zu verstehen aus den tiefsten Impulsen seines Schreibens. Um sie geht es uns und mir an diesem heutigen Abend, in diesem kleinen Programm.

Die wunderbare Angela Winkler hat gerade Enzensbergers Nachruf aus dem "Spiegel" gelesen und sie wird später noch den Böll zu Worte kommen lassen, der sich für immer zu seinen eher plebejischen Wurzeln bekannt hat. Wie schön, liebe Frau Winkler, dass Sie hier sind. Wir freuen uns alle. Herzlich willkommen!

Und der große Mario Adorf, Rheinländer mindestens zur Hälfte, wie ich weiß, wird den melancholischen Böll zu Wort kommen lassen, für den der Rhein und die Heimat keine vergangenen Idyllen sind, sondern raue und manchmal sogar gefahrvolle Wirklichkeit. Und für den der Humor immer die andere Seite der Melancholie darstellt. Und Mario Adorf wird am Ende des Abends einem Kellner die Stimme geben, der mehr vom weihnachtlichen Geist begriffen hat als er vielleicht selber weiß. Danke, Mario Adorf, dass Sie uns die Ehre geben. Schön, dass Sie da sind. Herzlich willkommen.

Und beide zusammen, Mario Adorf und Angela Winkler, erinnern uns an Bölls wichtigste politische Geschichte, "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", in deren Verfilmung sie nämlich gemeinsam vor der Kamera waren – unvergesslich für alle, die das damals gesehen haben. Und wer die Erzählung jetzt nochmal neu liest, für den hat sich die Frage nach der heutigen Aktualität Bölls eigentlich schon von selbst beantwortet.

Das vielleicht schönste Beispiel für die ganz neue Aktualität Bölls ist seine Satire "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen", von der wir auch später noch Auszüge hören werden: Da geht es um die manchmal verlogene Korrektheit akademischen Sprechens, höchst aktuell, finde ich, in einer Zeit, wo volltönende Worte und dröhnende Lautstärke gelegentlich genau den Raum besetzen, in dem es eigentlich etwas zu sagen gäbe. Und da offenbart plötzlich ein Kitschbild eine Wahrheit, die jeden intellektuellen Hochmut beschämen müsste. Und ist es nicht die tiefgründige Geschichte einer ironischen Mystik des Verweigerns? Diese Satire wird nachher von Ilja Richter vorgetragen, der sicher mehr vom Reden und vom Schweigen im Rundfunk und anderswo versteht als die meisten anderen hier im Saal. Vielen Dank, lieber Ilja Richter, dass Sie hier sind. Auch Ihnen ein herzliches Willkommen.

Heinrich Böll hat gerne mit anderen Künstlern zusammengearbeitet. Unter anderem mit dem Kölner Fotografen Chargesheimer. Sein Buch "Unter Krahnenbäumen" zeigt uns heute eine verlorene Welt. Wer, wenn nicht Wolfgang Niedecken, könnte diese Welt den Nicht-Rheinländern hier in Berlin nahebringen. Ich freue mich sehr, dass Wolfgang Niedecken gekommen ist, um sein Lied "Unger Krahnebäume" zu singen. Herzlich willkommen, lieber Wolfgang Niedecken. Heimat ist keine Idylle, das wissen wir von Heinrich Böll. Aber ohne Heimat wäre niemand, was er ist. Wolfgang Niedecken hat als Kölner nicht nur zu den Fotos Chargesheimers seine besondere Beziehung. Seine Lieder, vielleicht seine Auffassung von Kunst, so sagt er selbst, sind ganz wesentlich von Heinrich Böll geprägt.

Dann werden zwei Gelehrte etwas Unmögliches auf sich nehmen, und uns in ihren Beiträgen jeweils einen wesentlichen Aspekt des Werkes von Böll aufschließen. Der Schweizer Andreas Isenschmid, in Basel geboren, also am Rhein wie Böll, zeigt uns aus sozusagen neutraler Perspektive einen Deutschen in der deutschen Dialektik.

Und Karl-Josef Kuschel ist ein echter Pionier der Begegnung zwischen Literatur und Religion. Seine Doktorarbeit wurde einst vom kritischen Katholiken Hans Küng und von einem Freund und Kollegen Bölls aus der Gruppe 47, von Walter Jens nämlich, begutachtet. Wer könnte uns also besser Auskunft geben, was Religion für Böll bedeutet hat?

Sie haben gemerkt, indem ich die Mitwirkenden vorgestellt habe, habe ich eigentlich über den gesprochen, der natürlich im Mittelpunkt dieses Abends steht, über Heinrich Böll und seine verschiedenen Facetten.

Aber zu Ihnen, verehrte Gäste: Sie sind ganz überwiegend Autoren und Verlagsmenschen, Kritikerinnen und Journalisten, Buchhändlerinnen, Redakteure, Psychologinnen, kritische Katholiken, skeptische Protestantinnen, alte oder neue Linke, grüne, rote oder schwarze Friedensbewegte, gegenwärtige Ministerpräsidenten und Oberbürgermeisterinnen, in politischen Stiftungen Engagierte, ehemalige Präsidenten und Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Jesuiten und Ungetaufte. Ich würde sagen, eine Mischung wie aus einem Böll-Roman. Eine Mischung, wie sie ins Schloss Bellevue gehört.

Wir haben in der Veranstaltung des heutigen Abends – zum Abschluss – den jüngeren, den literarischen Böll ganz in den Mittelpunkt gestellt. Dass dieser wiederentdeckt zu werden verdient, das ist sicher auch Ihre Auffassung, Helge Malchow, der Sie als Verleger alle Anstrengungen unternehmen, Ihrem großen Autor immer wieder zu literarischer Aufmerksamkeit zu verhelfen. Auch von mir aus, ganz herzlichen Dank für diesen Einsatz, der keine Selbstverständlichkeit ist.

Es gibt aber auch den politischen Autor, es gibt den PEN-Präsidenten Böll, es gibt den, dem die Versöhnung ein wirkliches Herzensanliegen war, das ihm Freundschaften zu russischen Gelehrten und Autoren wie Lew Kopelew bescherte. Diesen Heinrich Böll, den wollen wir kommendes Jahr in einer zweiten öffentlichen Veranstaltung hören, die ihm gewidmet ist. Wir wollen nach der Verantwortung des Autors fragen, danach, was Literatur bewegen kann und ob Böll ein Vorbild für andere war. Dieser Abend wird in Bonn am Rhein stattfinden, in der Villa Hammerschmidt. Und ich würde mich freuen, wenn ich möglichst viele von Ihnen dort wiedersehe.

Auch mit zwei Veranstaltungen werden wir Heinrich Böll am Ende kaum gerecht werden können. Einem Autor, der eben nie nur eines war. Nicht nur der Nachkriegsschriftsteller, nicht nur der rheinländische Katholik, nie nur der friedensbewegte Aktivist, nie nur der Beobachter des Alltäglichen, nie nur der politische Autor, nie nur ein Freund der Linken, der er war, wegen Mutlangen, und nie nur ein Freund der Konservativen, wenn er Solschenizyn empfangen hat. Vor allem war er ein Autor, wie Tillmann Spengler über ihn geschrieben hat: "Der sich selbst eine wunderbare Empfindsamkeit gegenüber dem Absurden bewahrt hat."

Ich wünsche Ihnen und uns jetzt einen adventlichen Abend voller Erinnerung und am Ende hoffentlich auch voller Ermutigung.