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Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main: Meisterfeier

Was für ein Rahmen! Die Paulskirche – dieser für die deutsche Geschichte so historische Ort. Und was für ein Blick von hier oben: So viele strahlende Gesichter. So viel Vorfreude haben meine Frau und ich zum letzten Mal gesehen, als Kinder in Schloss Bellevue die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet haben. Weihnachten war zwar erst, aber Sie haben schon wieder allen Grund zur Freude. Sie sind "Deutscher Meister"! Ganz besonders auch im Namen meiner Frau: herzlichen Glückwunsch.

Einige von Ihnen haben eine zusätzliche Qualifikation für die Arbeit in einem internationalen Umfeld erworben. Das war eine gute Entscheidung. Für Sie gilt: Sie spielen als Internationale Meister nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in der Champions League. Ihnen allen meine höchste Anerkennung und Gratulation!

Meine Frau und ich haben uns zur Einstimmung die Videomitschnitte der vergangenen Jahre angeschaut. Uns hat das berührt: die glücklichen, ja euphorischen Jungmeisterinnen und Jungmeister, wie sie stolz ihre Urkunden in die Kamera halten. Eine Jungmeisterin umarmte ihre Familie und sagte: "Alle sind stolz auf mich – Papa hatte Tränen in den Augen." Ein anderer: "Einmalig! Davon träume ich seit 20 Jahren. Ich bin stolz, unglaublich stolz."

Liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister, Sie haben es geschafft. Ein Jahr harter Arbeit, Stress und Entbehrungen hat heute ein glückliches Ende. Seien Sie stolz auf sich!

Der Meister ist die Krönung des Handwerks. Das ist so, weil es ihn nicht zum Nulltarif gibt. Deshalb ist der Meistertitel auch so viel wert. Wir, Ihre künftigen Kunden, können darauf vertrauen: Wer einen Meisterbrief hat, der kann was. Sie sind Meister Ihres Fachs.

Mehr noch: Der Meister ist Ausdruck von Qualität "Made in Germany" – also das, was unseren Wirtschaftsstandort auszeichnet, was uns von anderen, auch in Europa, unterscheidet.

Der exzellente Ruf unserer beruflichen Bildung strahlt weit über die Grenzen Deutschlands. Ich bin in meinem vorherigen Amt viel auf der Welt herumgekommen. Egal wo ich war, meist kam der Wirtschaftsminister zu mir und fragte: "Wie macht ihr das eigentlich in Deutschland? Wie ist das mit der beruflichen Ausbildung bei Euch? Das ist eine tolle Sache für Leute, die nicht nur was im Kopf haben, sondern auch etwas mit ihren Händen anfangen können!"

Ich weiß, wovon ich rede: Mir war eine politische Karriere nicht in die Wiege gelegt, ich bin unter Handwerkern groß geworden. Mein Großvater war Ziegler, der sein Geld noch als Wanderarbeiter in den Sommermonaten verdienen musste, weil die kleine Landwirtschaft nicht reichte, um die Familie durchzubringen. Mein Vater war Tischler, der Vater meiner Frau ist Tischler, mein Bruder Schlosser, meine Frau ist gelernte Industriekauffrau, ihr Bruder ist Zimmermannsmeister. Wir beide müssen vom guten Ruf des Handwerks und der handwerklichen Ausbildung nicht mehr überzeugt werden – wir sind es.

Doch der gute Ruf eilt Ihnen nicht nur voraus – Sie eilen ihm auch hinterher und treiben und verbreiten ihn. Deutsche Handwerker sind international bestens vernetzt, auch wenn die Werkbank weiter im Odenwald oder im Taunus, in Bensheim, Darmstadt oder Frankfurt steht. Ihre Produkte, Ihre Dienstleistungen und Ihr Know-how sind auf der ganzen Welt gefragt. Und manche von Ihnen geben Ihr Wissen weiter in Berufsbildungsprojekten der Entwicklungszusammenarbeit. Herzlichen Dank dafür.

Auf all das können wir stolz sein. Und wir können stolz sein, dass berufliche Bildung einen Aufstieg in unserer Gesellschaft ermöglicht. Für einen guten Platz im Leben benötigt man eben nicht zwei juristische Staatsexamen oder einen Doktor der Medizin. Die Berufschancen sind für beruflich Ausgebildete keineswegs schlechter als für Akademiker. Auszubildende und Gesellen werden gesucht, und erst recht Meister, die einen Betrieb weiterführen können, den der Inhaber aus Altersgründen abgeben will. Sie können sich selbständig machen und Lehrlinge ausbilden. Und vor allem: Die berufliche Ausbildung ist keine Endstation mehr. Meine Damen und Herren, wer von Ihnen später noch studieren möchte, dem steht dieser Weg auch offen: Mit Ihrem Meister halten Sie das Eintrittsticket für die Uni in der Hand. Das ist ein Beispiel für die Querverbindungen unseres Bildungssystems, von denen es mehr geben sollte, und in unterschiedliche Richtungen.

All das ist wichtig – nicht nur für Sie und Ihre persönlichen Berufschancen, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt. Was macht uns stark? Dass wir eine Balance zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung halten. Jedem sei die bestmögliche Bildung gegönnt, aber es hilft der Gesellschaft als Ganzes überhaupt nicht, wenn wir alle Jugendlichen in die akademische Ausbildung drücken. Im Gegenteil: Schon jetzt müssen wir aufpassen, dass wir das Gleichgewicht nicht verlieren, und wir müssen uns anstrengen, dass wir regional, in manchen Berufen gar bundesweit, ausreichend Auszubildende finden. Schon jetzt ist jeder zehnte Ausbildungsplatz unbesetzt.

Sie merken es an der festlich erleuchteten Paulskirche, Sie merken es an den vielen wichtigen Leuten in der ersten Reihe: Heute ist ein besonderer Moment. Sie treten ein in eine neue Phase Ihres Lebens: Aus Lernenden werden heute auch Lehrende. Ab heute können Sie Ihre Fähigkeiten, Ihr Wissen, Ihre Begeisterung an die nächste Handwerksgeneration weitergeben. Das ist in Zeiten des viel beschworenen Fachkräftemangels wichtiger denn je. Das Handwerk muss attraktiv bleiben für junge Leute, die sich heute in der Schule oder nach dem Abschluss fragen, welchen Weg sie einschlagen sollen. Und wer kann eine bessere Inspiration und ein besserer Ratgeber sein als Sie – die jungen Meister des Fachs.

In einer Umfrage habe ich gesehen: Immerhin 70 Prozent der jungen Leute sagen, "das Handwerk ist wichtig für Deutschland." Aber weniger als die Hälfte sehen das Handwerk als einen attraktiven Arbeitgeber. Zu Unrecht – wie ich finde. Klar: Auch der große Industriebetrieb hat seine Vorteile. Vielleicht ist auch die Bezahlung besser. Aber im Handwerk sind Sie nicht einer von Hunderten in einer Schicht, Sie stehen nicht am Fließband. Hier sind Sie als Person mit all Ihren Fähigkeiten und all Ihrem Können gefragt. Ich bin heute auch hier, weil meine Frau und ich möchten, dass möglichst viele Leute da draußen etwas mitbekommen von Ihrer tollen Arbeit und von den großen Chancen im Handwerk. Aber Aufmerksamkeit allein reicht nicht. Damit sich auch viele talentierte junge Erwachsene für Ihre Berufe entscheiden, brauchen wir eine bessere Berufsorientierung, und zwar schon in der Schule. Und Eltern, die wissen, dass eine Berufsausbildung nicht der Weg mit den schlechteren Chancen ist. Aber vor allem brauchen wir eine ordentliche Bezahlung, sowohl in der Ausbildung, wie später im Beruf. Denn Sie haben unsere Wertschätzung verdient – Deutschland braucht Sie.

Zurzeit sind Ihnen vielleicht die Mitglieder des Meisterprüfungsausschusses noch in eher leidvoller Erinnerung. Glauben Sie mir, die Prüfer haben Ihnen nicht mutwillig das Leben schwer gemacht, sondern wenn sie gelegentlich streng waren, dann deshalb, damit Sie als eigenständiger Meister bestehen können. Und was besonders bemerkenswert ist: Die Prüfer haben das ehrenamtlich gemacht. Ohne Ehrenamt – oft viele Stunden im Monat – würden die Kammern und Innungen nicht funktionieren. Ohne Ehrenamt gäbe es nicht das Handwerk, wie wir es heute kennen.

Wenn Sie sich gleich Ihren Meisterbrief abholen, ist das zugleich auch eine Bitte an Sie: Übernehmen auch Sie Verantwortung und bringen Sie sich später einmal ein, sei es in Kammer, Innung oder Meisterprüfungsausschüssen – also überall dort, wo Ihr Handwerk nur dank des Ehrenamts funktioniert.

Und es funktioniert gut. Auch wenn es gelegentlich in den Medien unterschätzt wird: Sie sind die "Wirtschaftsmacht von nebenan", wie das Handwerk für sich wirbt. Das Handwerk ist eine wichtige Säule auf dem Arbeitsmarkt und bei der Ausbildung. Es ist eine Stütze der Gesellschaft. Die einzige Frage, die Sie sich bei der Berufswahl gestellt haben: Wird das in Zukunft so bleiben – im Zeitalter der Digitalisierung und Automatisierung? Also Neuerungen, die mit den alten Handwerkstraditionen scheinbar wenig zu tun haben.

Im vergangenen Jahr sagte einer Ihrer Vorgänger: "Der Fleischer ist ein Traditionsberuf – und den will ich hochhalten". Ein anderer sagte fast das Gegenteil: "Ich habe mich für den Meister entschieden, weil der Zukunft bietet." Diese beiden Stimmen drücken aus, welchen Brückenschlag das Handwerk immer wieder bewältigen muss: Die Tradition bewahren und sie zugleich fit machen für das 21. Jahrhundert. Denn wer Traditionen nur verwaltet, nicht gestaltet und nicht erneuert, der hat bald keine Traditionen zum Bewahren mehr.

Sie haben in Ihrer Meisterausbildung viel gelernt und viel gearbeitet. Allzu natürlich wäre jetzt der Wunsch, die Beine erst einmal hochzulegen. Das dürfen Sie morgen früh nach einer sicherlich langen Nacht auch tun. Aber nächste Woche müssen viele von Ihnen wieder in den Betrieb, an die Hochschule oder an die Werkbank, und sich überlegen: Wie bleibe ich auf dem neuesten Stand? Wie mache ich mir die Kraft der weltweiten Vernetzung zunutze?

Das sind keine theoretischen Fragen. Die Digitalisierung ist jetzt schon im Handwerk angekommen, auch wenn Smartphones noch keine Brötchen backen können. Aber Apps vermitteln beispielsweise heute schon Handwerker an Kunden, fahren Jalousien hoch und runter oder steuern die Heizung, bei manchem schon die ganze Haustechnik. Aber nicht nur das: Fenster, Dachstühle – ganze Häuser entstehen heute an Computerprogrammen, aber gebaut und eingebaut werden müssen sie weiterhin von qualifizierten Handwerkern. Und die Arbeit wird nicht weniger anspruchsvoll, sondern die Herausforderungen steigen: Erst vor kurzem war ich bei Auszubildenden im zweiten Lehrjahr, die wir früher Klempner genannt haben – Anlagenmechaniker sagt man heute. Die Auszubildenden lernen neben der Heizungsinstallation auch die Gasheizung mit den Solarmodulen und Geothermie in einer zentralen Steuerung energieoptimal zu vernetzen. Wer in die Lehrbücher dieser Auszubildenden schaut, der sieht, dass dort Wissen auf hohem Niveau vermittelt wird – Anforderungen, die mit vielen Bachelorstudiengängen mühelos mithalten können.

Die Digitalisierung lässt in vielen Bereichen des Handwerks die Anforderungen weiter steigen. Und die Betriebe werden sich der Digitalisierung nicht entziehen können, wenn sie auf dem Markt erfolgreich bleiben wollen. Aber niemals wird noch so viel Digitalisierung Sie und Ihre handwerklichen Fähigkeiten ersetzen. Ihre Fähigkeiten bleiben gefragt – und Sie persönlich in der Zukunft umso mehr.

In Zeiten, in denen alte Gewissheiten verloren gehen und vieles, an das wir uns gewöhnt hatten, nicht mehr selbstverständlich ist, selbst Regierungsbildungen, in solchen Zeiten dürfen Sie optimistisch in die Zukunft schauen. Ich bin sicher: Ihnen stehen viele Türen offen. Wie es ein Jungmeister letztes Jahr so schön sagte: "Kanada, Neuseeland – und dann mache ich mich vielleicht selbständig in Deutschland." Ein wenig beneide ich Sie! Erstarren Sie nicht vor den unendlichen Möglichkeiten, sondern nehmen Sie den Schwung von heute mit.

Mir bleibt nur noch zu sagen: Holen Sie sich jetzt Ihren Titel! Ich hoffe, Sie finden einen großen Bilderrahmen und einen Ehrenplatz für Ihren Meister. Sie haben ihn verdient. Und dass Sie heute einen kräftigen Schluck darauf trinken ebenso.

Herzlichen Glückwunsch!