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Abendessen für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache beim Abendessen aus Anlass der Vorstandssitzung des Stifterverbandes im Langhanssaal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 18. Januar 2018 Abendessen aus Anlass der Vorstandssitzung des Stifterverbandes – Begrüßungsworte im Langhanssaal © Guido Bergmann

Da ich Vertreter von Wirtschaft und Wissenschaft in unterschiedlichen Formaten und Konfigurationen seit dem 1. Januar dieses Jahres bereits getroffen habe, sage ich lediglich denjenigen, die ich noch nicht getroffen habe, alle guten Wünsche für das gerade begonnene neue Jahr, Glück, Gesundheit in Ihren Unternehmen, bei Ihren Forschungen, viel Erfolg! Auch im Namen meiner Frau darf ich Sie ganz herzlich willkommen heißen, hier im Schloss Bellevue. Ich darf Sie heute zum ersten Mal als Schirmherr des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft zu diesem gemeinsamen Abendessen einladen.

Und ich weiß natürlich, nach meiner Vorbereitung, dass der Stifterverband nicht weit entfernt von seinem 100. Geburtstag ist. 1920 gegründet, damals in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – man rückte zusammen als "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft". Gründungsvorsitzender war damals Carl Friedrich von Siemens. Der erste Sitz lag nicht weit von hier in der Berliner Siemensstadt. Heute sind Sie uns sogar noch etwas näher gerückt: das Hauptstadtbüro am Pariser Platz direkt neben dem Brandenburger Tor. Damit hat sich gegenüber der Siemensstadt der Blick und der Ausblick etwas verändert, aber wir dürfen uns darüber freuen, dass trotz des neuen Ausblicks die Werte der Stifter die gleichen geblieben sind: natürlich unternehmerischer Erfolg, den Sie brauchen, aber das eben nicht allein, sondern auch Verantwortung für Gesellschaft und Wissenschaft. Und dieser Verantwortung fühlen Sie sich bis heute und in die weitere Zukunft verpflichtet. Dafür sage ich als Schirmherr Ihnen allen ganz herzlichen Dank.

Ihr Engagement beweist, dass die deutsche Wirtschaft den Blick nach vorn richtet, und in die Zukunft investiert. Das geht nur mit Investitionen in Bildung, Wissenschaft und Grundlagenforschung. Da ich nun schon ein bisschen länger im Geschäft bin, kann ich mich zurück erinnern und weiß, dass das vor 15 und 20 Jahren ein großes Thema war. Mittlerweile stehen wir im europäischen Vergleich mit unseren Nachbarn in diesen Bereichen ganz gut da. Aber wir dürfen nicht selbstzufrieden sein, sondern müssen einen Blick darüber hinaus haben – und zur Kenntnis nehmen, dass im globalen Wettbewerb die innovativsten Regionen und Unternehmen, mit denen wir uns messen müssen, häufig genug auf der anderen Seite des Atlantiks und immer öfter am anderen Ende der "Neuen Seidenstraße" zu finden sind.

Vergleichen wir uns etwa mit Japan, Südkorea, Singapur, Hongkong, China, dann wird deutlich: Wir müssen ganz offenbar über das 3-Prozent-Ziel hinausdenken. Was sind die notwendigen Ziele für die Zukunft? Wie können wir das Bildungs- und Wissenschaftssystem in Deutschland ständig verbessern? Wie können wir den Quantensprung in der digitalen Infrastruktur schaffen? Denn der ist notwendig, damit deutsche Unternehmen und deutsche Hochschulen die technologische Entwicklung nicht nur mitmachen, sondern auch weiterhin anführen.

Zudem hat das Ganze nicht nur eine technische Seite, sondern es stellen sich gleichzeitig auch Fragen, wie die: Was bedeutet Digitalisierung für die Zukunft der Arbeitsgesellschaft? Wie erhalten wir soziale Sicherungssysteme bei sich verändernden Arbeitsverhältnissen? Alles Fragen, auf die eine zukünftige Bundesregierung, die wir hoffentlich bald haben, Antworten finden muss.

Zurzeit führe ich hier im Hause Gespräche über die Zukunft der Digitalisierung in unserem Land und weltweit. Erst vor ein paar Wochen hatte ich Expertinnen und Experten der digitalen Bildung zu Gast. Es war ein Gespräch über den Sprung von der analogen in die digitale Welt. Eine Welt, in der wir Älteren uns vielleicht noch einleben, aber eine Welt, in der Schülerinnen und Schüler heute vom ersten Tag an aufwachsen. Die Frage ist also nicht die nach dem "Ob" der Digitalisierung in den Schulen, sondern die nach dem "Wie". Ich könnte auch umgangssprachlicher formulieren: nicht rumdaddeln – das können die meisten –, sondern arbeiten mit den digitalen Optionen. Darum geht’s. Auch das hat wiederum eine technische Seite, klar. Wir müssen mehr Schüler fit machen für die Arbeit in digitalen Berufsfeldern. Aber wir müssen ganz nebenbei auch eine andere Frage lösen, nämlich: Wie erziehen wir "Digital Natives" auch zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern, also zu "Native Democrats"?

Da hilft vielleicht ein Blick in die Bildungsgeschichte. Wilhelm von Humboldt, dessen 250. Geburtstag wir kürzlich in diesen Räumen gedacht haben, übertrug die Werte der Aufklärung auf das Bildungssystem. Das autonome, aufgeklärte Individuum, ja der Weltbürger war sein Ideal. Natürlich hat er nicht ans digitale Zeitalter gedacht – aber sein Anspruch gilt unverändert. Jeder hat das Recht auf eine faire Chance, durch eigene Vernunft und eigenes Tun ein mündiger Bürger unserer Gesellschaft zu werden.

Dazu bietet das Netz endlose Ressourcen. Junge Menschen können sich über die großen Fragen der Kultur, der Natur, der Sprachen, der Politik und der Gerechtigkeit in wenigen Klicks informieren. Und sich über dieses Wissen dann schnell und kreativ mit anderen austauschen, sich vernetzen. Ich denke, Schulen müssen jungen Menschen auch das Rüstzeug in die Hand geben, damit sie unterscheiden können zwischen echten Informationen, Fehlinformationen oder Manipulation in den sozialen Netzen. Schüler müssen lernen, wie sie Informationen im Internet finden, aber auch lernen, sie zu bewerten. Und am Ende reicht das Wissen um die Frage ‚Wie finde ich die geeignetste Suchmaschine?‘ dazu nicht aus. Und es reicht auch nicht aus, einfach nur iPads auf die Schultische zu stellen. Wir brauchen kompetente Lehrer, die sich zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern in den digitalen Dschungel begeben und mit digitalen Hilfsmitteln auch den Ausweg aus dem Dschungel suchen und finden.

Vielleicht müssen wir dafür einige alte schulische Traditionen in Frage stellen. Vielleicht ist die althergebrachte Struktur mit nach Fächern sortierten Unterrichtsstunden, und das im 45-Minuten-Takt, nicht mehr so richtig zeitgemäß. Fächerübergreifendes, an Phänomenen und Problemen orientiertes Lernen könnte uns einen Weg in neue Lern- und Lehrformen weisen. Ich glaube, wir müssen in diesen Bereichen mutiger und kreativer werden.

Wie das besser gelingen kann, darüber möchten Sie uns heute informieren, lieber Herr Schmidt. Sie sind Direktor für innovatives Lernen am MIT Media Lab in Cambridge. Zusammen mit Designern, Informatikern und Pädagogen gestalten Sie digitale Bildungssysteme, die kreatives Lernen fördern und verbreiten. Wie dieser Ansatz der "Open Education" gelingt und wer alles davon profitieren kann, davon werden Sie später berichten.

Die Altphilologen unter Ihnen wissen: Plenus venter non studet libenter – das betrifft den vollen Magen. Aber ein leerer Magen studiert ebenso ungern und deshalb freuen wir uns auf Ihren Vortrag nach dem Hauptgang.

Ich heiße Sie, lieber Herr Schmidt, und Sie alle, verehrte Freunde und Förderer des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, noch einmal ganz herzlich willkommen und wünsche uns allen einen schönen und anregenden Abend.

Herzlich willkommen!