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Antrittsbesuch in Hamburg: Einbürgerungsfeier

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache bei einer Einbürgerungsfeier im Hamburger Rathaus anlässlich des Antrittsbesuchs in Hamburg  Hamburg, 23. Januar 2018 Antrittsbesuch in Hamburg – Ansprache bei einer Einbürgerungsfeier im Hamburger Rathaus © Steffen Kugler

Meine Frau und ich sind seit gestern zu Besuch in dieser schönen Stadt, und der Besuch, wie Sie sehen, ist noch nicht ganz zu Ende. Wir dürfen uns jetzt schon ganz herzlich bedanken, Herr Bürgermeister. Wir haben viel gesehen, was Hamburg auszeichnet und stark macht: den Containerhafen natürlich, da kommen wir gerade her, oder die Elbphilharmonie gestern, Medien und Stiftungen, vor allem aber viele engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich hier in Hamburg für das Gemeinwohl zwischen Alster und Elbe einsetzen. Man könnte also meinen: Mehr geht eigentlich nicht!

Aber diese Feier heute Nachmittag, hier in diesem wunderschönen Saal, sie ist auch für uns noch einmal etwas ganz Besonderes und ein wirklicher Höhepunkt in unserem zweitägigen Programm hier. Und das liegt natürlich an Ihnen, liebe Ehrengäste! Sie alle haben sich entschieden, die Staatsangehörigkeit des Landes anzunehmen, in dem Sie schon lange leben. Sie alle haben sich noch einmal zu Deutschland bekannt, freiwillig und ganz bewusst. Und unser Land, es bekennt sich zu Ihnen. Das ist ein Grund zum Feiern – für Sie, für Ihren Bundespräsidenten, für uns alle. Meine Frau und ich, wir freuen uns wirklich, dass wir heute dabei sind.

Hier in Hamburg wird ganz besonders deutlich, wie vielfältig die Gesellschaft in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist. Sie alle hier im Saal haben ganz unterschiedliche Biografien, und Sie sind aus verschiedenen Motiven und auf ganz unterschiedlichen Wegen hierhergekommen.

Die neuen Deutschen, denen der Erste Bürgermeister und ich gleich die Einbürgerungsurkunden überreichen dürfen, haben Wurzeln in aller Welt: Sie oder Ihre Familien stammen aus Spanien, Polen und Litauen, aus Großbritannien und der Türkei, aus Bosnien-Herzegowina, Nigeria und Ghana, China und Kirgisistan.

Sie alle sind nicht nur Gesichter dieser Stadt, sondern auch Gesichter Deutschlands. Hier in Hamburg können wir den Alltag unserer Einwanderungsgesellschaft erleben, wie es ihn auch in vielen anderen Städten und Regionen unseres Landes schon lange gibt:

Jeder Dritte in dieser Stadt hat eine Einwanderungsgeschichte, bei den unter 18-Jährigen sogar jeder Zweite. Menschen aus mehr als 180 Nationen leben hier in Hamburg zusammen. Ich weiß, in Billbrook und auf der Veddel spiegelt sich das anders wider als in Winterhude und Blankenese. Und deshalb ist es gut und wichtig, dass Politik und engagierte Bürger sich gemeinsam darum kümmern, möglichst in allen Stadtteilen gerechte Chancen für alle zu schaffen.

Hamburg, die Hafen-, Handels- und Hansestadt, ist nicht erst seit gestern mit der Welt verbunden. In den vergangenen Jahrhunderten sind hier immer wieder ganz unterschiedliche Menschen angekommen, die ihr Glück an diesem Ort gesucht und es dann auch gefunden haben. Diese Geschichte hat natürlich auch das Lebensgefühl in dieser Stadt geprägt, auf ganz außerordentliche Weise: Auf Ihre Weltoffenheit und Toleranz sind Sie in Hamburg genauso stolz wie auf Ihre Stadt.

Ich glaube, dass beides zusammengehört: Weltoffenheit auf der einen Seite und bodenständiges Selbstbewusstsein auf der anderen Seite. Beides erleichtert es Menschen, hier anzukommen. Das jedenfalls habe ich bei meinen Antrittsbesuchen in vielen Regionen unseres Landes erlebt, wo die Menschen fest verankert, nicht in Ungewissheit leben und gerade deshalb offen für Neues sind.

Sie alle verbindet, dass Sie in Hamburg ein Zuhause und eine Heimat gefunden haben. Bei den Einbürgerungsfeiern hier im Rathaus, habe ich mir sagen lassen, da ist oft zu hören: "Ich bin Hamburger. Und deshalb habe ich mich für die deutsche Staatsangehörigkeit entschieden."

Nun können Sie alle auch sagen: "Ich bin Deutsche." Oder: "Ich bin Deutscher." Ihre Hymne ist nicht mehr nur "Heil über Dir, Hammonia" oder "Hamburg, meine Perle", sondern auch die deutsche Nationalhymne "Einigkeit und Recht und Freiheit". Und der deutsche Pass ist jetzt der ganz konkrete, sogar greifbare Ausweis Ihrer Zugehörigkeit. Ich hoffe, dass er Ihnen nicht nur den Alltag erleichtert, sondern auch Ihre Verbundenheit mit unserem Land noch einmal stärkt.

Die deutsche Staatsbürgerschaft ist nun hinzugekommen zu den vielen Facetten, die jede und jeden von Ihnen ausmacht. Denn Sie alle sind ja nicht nur Hamburger und Deutsche, sondern Sie bringen auch etwas aus Ihren Herkunftsländern mit. Diese Erfahrungen und Prägungen bleiben Ihnen, und einige von Ihnen behalten auch ihren alten Pass.

"Hamburg, mein Hafen. Deutschland, mein Zuhause." Und was ist Heimat? Für einige von Ihnen mag das eindeutig sein, die werden sagen: Heimat ist da, wo mein Zuhause ist – also entweder Hamburg oder Deutschland. Vielleicht ist es für den einen oder anderen von Ihnen sogar etwas schwieriger. Bei denen kann es so sein, dass ihr Herz höher schlägt, wenn sie den Bosporus wiedersehen oder den Ebro, die Weichsel, die Themse oder den Niger – und dass sie sich dann wenig später auch wieder ganz zu Hause fühlen, wenn sie über die Elbbrücken fahren und auf Kräne und Speicherstadt blicken.

"Hamburg, mein Hafen. Deutschland, mein Zuhause." Meine Damen und Herren, die Sie heute Deutsche werden: Zu Ihnen mag auch ein religiöses Bekenntnis gehören, das in Deutschland in der Minderheit ist. Die Verfassung unseres Landes schützt Ihren Glauben: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich." So lautet der schöne und klare Satz des Grundgesetzes in Artikel 4. Er gilt für Christen ebenso wie für Juden und Muslime und andere.

Niemand soll seinen Glauben verbergen, verleugnen oder verbiegen müssen. Eine offene, eine friedliche und tolerante Ausübung der Religionen bereichert uns sogar. Sie ist Ausdruck genau der Freiheit, die unser Grundgesetz meint. Aber: Religiöser Fanatismus jeder Art und jede Form von Extremismus gefährden diese Freiheit. Dagegen müssen wir uns gemeinsam zur Wehr setzen!

Aber es geht nicht nur um Religion. Sie sollten das, was Sie mitgebracht haben in unser Land, nicht verstecken. Ganz im Gegenteil. In unserer Einwanderungsgesellschaft kommt es darauf an, dass wir uns einander zuwenden und einander zuhören, dass wir uns unsere Geschichten gegenseitig erzählen. Nur dann kann das Zusammenleben der Vielen gelingen: Wenn wir alle, Alteingesessene und Eingewanderte, miteinander das Gefühl haben, zu verstehen und verstanden zu werden.

Ich weiß, das gelingt nicht immer, es misslingt noch viel zu oft. Manche Menschen aus Einwandererfamilien, die schon lange in Deutschland leben, haben das Gefühl, außen vor zu bleiben. Sie fühlen sich noch immer nicht richtig akzeptiert. Ihr Eindruck ist, dass es ein deutsches "Wir" gibt, das sie ausgrenzt. Dass sie benachteiligt werden in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche.

Oft sind es gerade diejenigen, die hier in Deutschland geboren und mit dem Versprechen auf Chancengleichheit aufgewachsen sind, die besonders sensibel auf jedes Anzeichen von Diskriminierung und Benachteiligung reagieren.

Solche Gefühle von Entfremdung dürfen uns nicht gleichgültig sein. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass alle, die das wollen, auch an Politik und Gesellschaft teilnehmen können. Denn nur wer mitgestalten kann, wird sich am Ende auch wirklich zugehörig fühlen.

Eins ist dabei ganz klar: Die deutsche Gesellschaft erwartet auch etwas von denen, die zu uns kommen. Sie müssen die deutsche Sprache lernen, weil verstehen und verstanden werden sonst nur schwer möglich sind. Sie müssen sich, wie alle anderen auch, an Recht und Gesetz halten und die Ordnung des Grundgesetzes akzeptieren. Und sie sollten sich, nicht zuletzt, auch mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen, mit der besonderen Verantwortung, die alle Menschen tragen, die in diesem Land leben wollen, ganz gleich, woher sie kommen und wie lange sie schon hier sind.

Sie alle hier im Saal haben sich zu unserem Grundgesetz bekannt – zu unserer freiheitlichen Demokratie und zur offenen Gesellschaft. Unsere Verfassung ist das feste Fundament, auf dem wir uns begegnen, auf dem wir unsere Konflikte friedlich austragen und Kompromisse aushandeln können. Was dabei nicht zur Disposition steht, sind ihre Grundprinzipien: die Würde jedes und jeder Einzelnen, Gleichberechtigung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Als deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger können Sie nun politisch mitgestalten, und zwar voll und ganz. Sie haben das Recht, Ihre Abgeordneten zur Bürgerschaft und zum Deutschen Bundestag zu wählen. Und Sie können sich, das wird oft vergessen, auch selbst wählen lassen und ein Mandat anstreben. Das demokratische Wahlrecht ist das vornehmste Recht gleichberechtigter Bürgerinnen und Bürger. Es trägt dazu bei, uns als Gesellschaft zusammenzuführen und Zusammenhalt auf Dauer zu stiften.

Ich hoffe, Sie alle machen von diesen politischen Rechten Gebrauch. Mischen Sie sich selbstbewusst ein, gestalten Sie die Dinge mit, die uns alle angehen. Unsere Demokratie braucht auch Ihre Perspektiven, Ihren Blick auf die Welt und Ihre Erfahrungen.

Liebe Ehrengäste, Ihre Wege in unsere Gesellschaft machen Mut, dass wir die riesigen Integrationsaufgaben bewältigen können, die vor uns liegen. Ich bin sicher, dass auch einige von denen, die in den vergangenen Jahren bei uns Zuflucht gesucht haben, irgendwann deutsche Staatsbürger werden können, werden wollen und werden. Ich danke jedenfalls den vielen hier in dieser Stadt und im ganzen Land, die sich darum kümmern, den Flüchtlingen Wege in unsere Gesellschaft zu zeigen – manchmal auch gegen Widerstände und trotz mancher Rückschläge und Konflikte.

Meine Damen und Herren, Sie haben sich noch einmal neu für dieses Land entschieden. Das ist ein schönes Zeichen dafür, dass Sie sich hier wohlfühlen, dass Sie hier eine Zukunft sehen für sich und Ihre Familien. Und diese Zuversicht, die tut wirklich gut in Deutschland, die können wir alle gut gebrauchen. Lassen Sie uns also gemeinsam mutig sein und unser Land voranbringen, ganz gleich, woher wir kommen.

Ich gratuliere Ihnen von Herzen zur Ihrer Einbürgerung. Meine Frau und ich wünschen Ihnen eine schöne Feier, alles Gute und viel Glück – in Ihrer Stadt und in unserem Land.