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Abendessen für die Mitglieder des Wissenschaftsrates

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede im Großen Saal von Schloss Bellevue anlässlich des Abendessens für die Mitglieder des Wissenschaftsrates Schloss Bellevue, 25. Januar 2018 Abendessen für die Mitglieder des Wissenschaftsrates – Rede im Großen Saal © Jesco Denzel

Die Erwartungen an das Wechselspiel von Politik und Wissenschaft sind breit gefächert. Platon etwa hat in seiner Politeia gefordert, Philosophen sollten zu Königen oder Könige zu Philosophen werden. Auch wenn Platon anderes im Sinn hatte, mag manch einer hier Philosophen durch Wissenschaftler und Könige durch politische Entscheider ersetzen und an Modelle einer Expertenherrschaft denken. Bei meinem ersten "Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie" im vergangenen September war unter anderem Parag Khanna zu Gast, der sich für eine Mischung aus Elementen direkter Demokratie und einer Technokratie ausgesprochen hat. Gewissermaßen am anderen Ende der Skala ist die Äußerung eines Regierungsmitglieds eines (Noch-)Mitgliedslandes der EU zu verorten: "This country has had enough of experts".

Der Wunsch nach den Philosophen-Königen hat in der Geistesgeschichte zahlreiche Kritiker gefunden, von Aristoteles über Kant bis Popper. Kant hat dazu in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" etwa geschrieben: "Daß Könige philosophieren, oder Philosophen Könige würden, ist nicht zu erwarten, aber auch nicht zu wünschen […]. Daß aber Könige […] die Klasse der Philosophen nicht schwinden oder verstummen, sondern öffentlich sprechen lassen, ist beiden zur Beleuchtung ihres Geschäfts unentbehrlich." An diese Mahnung – verfasst 1795 – müssen wir heute, 2018, leider wieder erinnern!

Dass politische Entscheider und philosophisch-wissenschaftliche Geister in ein und derselben Person zu finden sind, das scheint in einer komplexen und hochgradig arbeitsteiligen Welt wie der unsrigen kaum mehr denkbar. Philosophie und Wissenschaft streben nach methodologisch abgesicherter und überprüfbarer, aber keineswegs immer eindeutiger Erkenntnis. Politik muss hingegen konkrete Entscheidungen treffen, die zudem als legitim gelten sollen und dabei neben Fakten und Prognosen stets auch unterschiedliche, nicht immer vereinbare Interessenlagen zu berücksichtigen haben.

Dass aber Politik Entscheidungen wissens- und wissenschaftsbasiert trifft, das sollte doch mindestens möglich, wenn nicht zu erwarten sein. Voraussetzung dafür ist eine gute Wissenschaftskommunikation, die wissenschaftliche Methodik, Erkenntnisse und auch offene Fragen für Politik und Öffentlichkeit nicht nur verständlich vermittelt, sondern auch – der Soziologe Armin Nassehi hat das im vergangenen Jahr bei der Hochschulrektorenkonferenz unterstrichen – die dabei erforderlichen "Übersetzungsfragen" mitdenkt.

Und wir müssen natürlich die Gegenrichtung ins Auge nehmen: Politik hat Einfluss darauf, wie sich Wissenschaft entfalten kann. Im Positiven, indem sie gute Rahmenbedingungen, Freiräume und Fördermöglichkeiten schafft. Und im Negativen, wenn autoritäre Staaten die Freiräume von Wissenschaften und wissenschaftlichen Institutionen gezielt beschneiden oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gleich ganz ihrer beruflichen Freiheit berauben. Den kritischen Blick nach außen sollten wir dabei – Sie, liebe Frau Professorin Brockmeier haben das bei anderer Gelegenheit bereits betont – aber auch im eigenen Land behalten, zum Beispiel wenn Wissenschaftsfreiheit zwar nicht durch staatliches Handeln, aber doch beispielsweise durch persönliche Bedrohungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder durch – implizite oder explizite – Beschränkungen oder Verächtlichmachung des wissenschaftlichen Diskurses behindert wird.

Wissenschaft und Politik sind also – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – gleichermaßen gut beraten, das gemeinsame Gespräch zu suchen und aufrechtzuerhalten.

Mit dem Wissenschaftsrat ist dieses Gespräch zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Freundinnen und Freunden der Wissenschaft und Vertreterinnen und Vertretern der Politik von Bund und Ländern seit nunmehr sechs Jahrzehnten institutionell fest verankert. Und – ich schaue mich um in diesem Saal – es scheint tatsächlich zu funktionieren. Jedenfalls haben Sie, liebe Frau Professorin Brockmeier, sich positiv überrascht davon gezeigt, welche Allianzen sich um der Sache Willen im Wissenschaftsrat immer wieder bilden – über Disziplingrenzen und – nicht weniger wichtig – über Parteigrenzen hinweg.

Die Bandbreite dessen, womit sich der Wissenschaftsrat befasst, ist beachtlich. Für das vergangene Jahr umfasst allein Ihr Arbeitsprogramm 42 Seiten. Dazu gehört unter anderem das wichtige Thema Fachkräfte. Besonders gefreut hat mich, dass sich bei diesem Thema gleich die erste Teilempfehlung des Wissenschaftsrats dem Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung gewidmet hat. Neben sehr konkreten Empfehlungen sprechen Sie sich grundsätzlich für eine Angleichung der gesellschaftlichen Wertschätzung von beruflicher und akademischer Bildung aus. Ich finde: richtig so! Weil unser Land beides braucht – akademisch und beruflich gebildete Fachkräfte – werden meine Frau und ich im April im Rahmen einer Themenwoche "Berufliche Bildung" für eben diese Anerkennung werben.

Dass der Wissenschaftsrat die ihm zugedachte Aufgabe erfüllt, das hängt ganz wesentlich mit den dort handelnden Personen zusammen: Das sind in erster Linie Sie, die Mitglieder des Wissenschaftsrates, das sind aber natürlich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle und die zahlreichen Sachverständigen, die Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen.

Die Tradition der Abendessen des Bundespräsidenten mit den Mitgliedern des Wissenschaftsrats führe ich bewusst und gerne fort. Glauben Sie mir, diese Gespräche sind auch für mich persönlich eine willkommene Gelegenheit zum Austausch. Unmittelbar vor unserer Zusammenkunft konnte ich schon mit Frau Professorin Brockmeier zu den Themen Vertrauen in der Wissenschaft, Außenwissenschaftspolitik und Big Data sprechen, und nun gibt uns unser gemeinsamer Abend die Gelegenheit, jenes und manch anderes Gespräch zu vertiefen. Aber das Wichtigste nochmals zum Schluss: Vor allem soll dieses Abendessen ein Anlass sein, Ihnen für Ihr engagiertes Mitwirken im Wissenschaftsrat zu danken. Ihnen allen mein herzlicher Dank!