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Verleihung der Ehrendoktorwürde der Lebanese University Beirut

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde im Auditorium Maximum der Libanesischen Universität anlässlich des offiziellen Besuchs im Libanon  Beirut/Libanon, 30. Januar 2018 Offizieller Besuch im Libanon – Rede bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde im Auditorium Maximum der Libanesischen Universität © Steffen Kugler

Ich will mich zunächst von Herzen bedanken für die große Ehre, die mir mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde zuteilwird. Und ich freue mich sehr über die Einladung, aus diesem Anlass heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Manche von Ihnen werden wissen, ich bin nicht zum ersten Mal in Ihrem schönen Land. Wenn ich richtig gezählt habe, dann bin ich jetzt zum siebten Mal in unterschiedlichen Funktionen in Ihrer Stadt. Aber ich habe mir sagen lassen, dass seit 120 Jahren kein deutsches Staatsoberhaupt im Libanon war. Deshalb freut es mich besonders, dass dieser Besuch, der erste als Bundespräsident, noch einmal eine Premiere ist.

Noch ein weiteres "erstes Mal" verbinde ich mit Beirut, einen Moment, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Damals – ich war erst kurze Zeit im Amt des Außenministers – durfte ich erfahren, dass Diplomatie und die Suche nach Frieden nicht nur geduldiges, oft zähes Verhandeln sind, sondern auch Erfolg bedeuten können. Greifbaren und sichtbaren Erfolg. Ich erinnere mich gut an diesen Moment im Kriegsjahr 2006. Es war am 7. September hier in Beirut, und ich stand mit dem damaligen Ministerpräsidenten auf dem Balkon seines Amtssitzes. Da zeigte sich ein kleiner Punkt am Himmel, der näher und näher kam. Dieser Punkt nahm mehr und mehr die Konturen eines Flugzeugs an und setzte schließlich zur Landung an. Es war die erste Maschine, die nach Wochen der Blockade in Beirut landete. An Bord hatte sie Nahrungsmittel der Vereinten Nationen.

Der Libanon war nicht mehr von der Außenwelt abgeschnitten, weil es auf diplomatischem Weg gelungen war, mit dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah auch eine Aufhebung der Blockade zu erreichen. Viele haben damals geholfen – außenpolitische Akteure aus vielen Nationen. Wir Deutschen konnten durch die Entsendung von Grenzpolizisten und Soldaten und die Ausrüstung der libanesischen Marine helfen, die Bedingungen des Friedensschlusses abzusichern. Für mich ist dieser Moment auf dem Balkon des Grand Serail unvergesslich – einer jener Augenblicke, für die wir arbeiten. Wir standen dort, Libanesen und Deutsche. Viele hatten Tränen in den Augen – die Verhandlungen, das Ringen, der Streit, auch die Rückschritte waren nicht umsonst gewesen.

Es ist gut, wenn ein Krieg zu Ende geht. Ein Krieg dauert immer zu lange. Er kostet zu viel: den Frieden, vor allem das Leben unschuldiger Menschen. Der Libanonkrieg 2006 war einer der ersten des neuen Jahrhunderts und doch schon ein alter. Libanon, Ihr Land, hat eine ganze Kette von Kriegen, Bürgerkriegen und gewaltsamen Aufständen in der Nachbarschaft erlebt und durchlitten.

Ich bin also gewiss nicht gekommen, um Ihnen zu erklären, was Krieg bedeutet. Sie, die Studierenden, haben mir – und ich bin einige Jahre älter – diese schreckliche Erfahrung voraus.

Doch eben diese, Ihre Generation, hat auch erfahren, wie schwer es ist, den Frieden dauerhaft zurückzugewinnen. Meine Tochter hat mich auf eine junge libanesische Musikerin aufmerksam gemacht, die diese Erfahrung in etwas Schöpferisches, in etwas Fruchtbares verwandelt hat: Yasmine Hamdan.

"Die Gewalt ist mir gefolgt", sagt Yasmine Hamdan. Manche von Ihnen werden ihre Geschichte kennen. Als Kind floh sie mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg aus Beirut nach Griechenland und durch verschiedene arabische Länder nach Kuweit, wo sie der Golfkrieg einholte, und von dort zurück in den Libanon. Heute lebt sie in Paris. Doch auch dorthin ist ihr die Gewalt des Krieges gefolgt, dem sie entfliehen wollte.

"Ich entkomme der Gewalt nicht, ich kenne nichts anderes", sagt sie – und das ist die Erfahrung gleich mehrerer Generationen in zu vielen Ländern des Nahen Ostens. Spätestens seit der Terror Europa erreicht hat, ist diese Form der Gewalt eine Erfahrung, die auch wir in Europa teilen.

Und doch: Künstlerinnen wie Yasmine Hamdan sind der Beweis dafür, dass die Hoffnung noch hartnäckiger ist als der Krieg. Ihre Odyssee hat Yasmine Hamdan fünf Sprachen gelehrt und die Liebe zu ihrer Muttersprache, dem Arabischen, das sie in nahezu allen Dialekten beherrscht. Sie knüpft mit ihrer Art zu singen an Traditionen an und stellt sie zugleich infrage. So entsteht etwas Neues. Sie verbindet mit ihrer Musik nicht nur verschiedene arabische Kulturen und Lebenswelten, ihre Musik gefällt offenbar sehr vielen jungen Menschen, in der arabischen Welt wie in Europa.

Was mir daran gefällt, ist die Art, wie hier eine junge Frau nach Antworten auf offene Fragen sucht. Sie will sich keinen Begriffen unterordnen oder sich mit Etiketten versehen lassen, auch nicht mit denen, die der westlich-europäische Teil ihres Publikums für sie findet. Sie wehrt sich gegen die Gleichsetzung ihrer Heimat mit Krieg und Gewalt.

Ihr Weg führt über die Empathie, über Empfindung, etwa, wenn sie die Atmosphäre des Vorkriegs-Beiruts besingt. So gelingt ein Dialog, auch über Sprachgrenzen hinweg, auf fast selbstverständliche Weise.

Und darüber möchte ich heute mit Ihnen sprechen: Wie – trotz der Allgegenwart von Gewalt und Konflikten, gerade in dieser Region – ein Dialog gelingen kann. Wie wir Lösungen finden. Ich glaube Sie, die junge Generation, sind dafür der beste Gesprächspartner.

Mich lässt das Beispiel von Yasmine Hamdan hoffen, dass die junge Generation – in der arabischen Welt und darüber hinaus – viel mehr gemeinsam hat als kulturelle Vorlieben, dass sie Wünsche teilt, und Ängste ebenso wie Hoffnungen: die Hoffnung nach freien Entfaltungsmöglichkeiten, nach wirtschaftlichen Chancen, vor allem aber die Hoffnung nach einem friedlichen Zusammenleben, denn lange genug wurden die Konflikte in dieser Region auf dem Rücken Ihrer, der jungen Generation ausgetragen.

Ich war viel unterwegs in dieser Region und habe mit vielen jungen Menschen gesprochen – ihre Wünsche und Hoffnungen sind ganz ähnliche. In Beirut und in Tunis, in Teheran oder auch in Riad, in Kairo, Ramallah und Tel Aviv.

Ich glaube nicht nur daran, dass der Dialog gelingen kann. Ich glaube daran, dass Beirut der Ort sein kann, an dem er gelingt. Beirut liegt am Schnittpunkt vieler gegenläufiger Interessen, vieler Spannungen. Und doch kann es ein Ort der Hoffnung, ja der Inspiration sein, weit über seine Grenzen hinaus, für die ganze Region.

Beirut ist die Hauptstadt eines Landes, das auf die Akzeptanz des Anderen setzt, auf die Fähigkeit, Konflikte zu überwinden, und schließlich gegründet ist auf eine demokratische Tugend, nämlich die Bereitschaft zu Kompromissen. Das macht Beirut zu einer von allen Arabern geliebten Stadt und diese Faszination strahlt weit über die Grenzen des Nahen Ostens hinaus. Hier leben und streiten Fromme mit Säkularen, Muslime und Christen, Sunniten und Schiiten, Drusen, Maroniten und Chaldäer, Konservative und Progressive, Rechte und Linke seit tausenden Jahren. Wo 18 christliche und muslimische Religionsgemeinschaften zusammenleben und sich die Verantwortung für das Gemeinwesen teilen, da wollen wir Deutsche Sie bei diesem Versuch eines Brückenschlags auch weiterhin unterstützen.

Während meiner früheren Besuche in Ihrem Land habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Menschen des Libanon aus leidvollen Erfahrungen ein Lebensprinzip, ja besser noch, ein Überlebensprinzip gemacht haben: Man akzeptiert den Anderen, man lässt ihn sein, wie er ist, weil diese gegenseitige Anerkennung die Voraussetzung für Frieden und Ausgleich ist. Möglicherweise gibt es ebenso viele Spielarten dieser Übung, wie es Nationalitäten und Konfessionen im Libanon gibt. Und sicher wird das Prinzip gegenseitiger Akzeptanz auch immer wieder infrage gestellt oder verletzt. Aber nur wo ein friedliches Nebeneinander gelingt, kann es auch ein Miteinander geben.

Der libanesische Historiker Kamal Salibi hat schon vor Jahrzehnten bemerkt, die Suche nach einer historischen oder philosophischen Basis für die libanesische Nationalität gehe weiter. Das tut sie wohl bis heute. Währenddessen aber sei es die tagtägliche Praxis, Libanese zu sein, die die Menschen des Libanon tatsächlich zu einer Nation werden lasse.

Doch diese Praxis hat Voraussetzungen: Sie braucht verlässliche, funktionierende staatliche Institutionen. Das ist der Grund, weshalb Deutschland in den vergangenen Jahren viel in die Stärkung solcher Institutionen im Libanon investiert hat: in die Ertüchtigung von Armee und Marine, der Polizei und der Grenzsicherung. Wir wollen auch in Zukunft die Kräfte in Ihrem Land stärken, die nicht nur Partikularinteressen einzelner Gruppen vertreten, sondern ihr Zusammenleben in der Gesellschaft fördern.

Selbstverständlich bleibt ein so kompliziertes Arrangement der Teilung von Macht, wie es im Libanon praktiziert wird, nicht ohne Probleme. Kompromisse sind ihrer Natur nach unvollkommen. Doch Aussöhnung und Überwindung von Gewalt beruhen am Ende immer auf Vermittlung, auf dem Ausgleich von Interessen. Plurale Gesellschaften brauchen den Kompromiss und die Toleranz wie die Luft zum Atmen. Ohne sie ist Frieden nach innen wie nach außen nicht zu gewinnen und nicht zu bewahren.

Mein Land, Deutschland, hat die Fähigkeit zum demokratischen Kompromiss erst im vergangenen Jahrhundert erlernt. Genauer: Es hat die Lektion gleich mehrfach wiederholen müssen, auch weil die vor 100 Jahren gegründete erste deutsche Republik scheiterte und ein verbrecherisches Naziregime die Macht übernahm. Und selbst heute ist die Fähigkeit zum Kompromiss keine Selbstverständlichkeit. Das merken wir in diesen Tagen. Manche stellen sogar – leichtfertig, wie ich finde – den Wert von Kompromissen an sich infrage und reden dem, im wahrsten Wortsinne, "kompromisslosen" Vorgehen autokratischer Herrschaftsformen das Wort. Gewiss ist, je schneller sich Gesellschaft verändert, je vielfältiger sie wird, desto schwerer fällt es den politisch Verantwortlichen, Brücken zu bauen. Aber je schwerer es fällt, umso wichtiger ist es.

Das gilt nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch zwischen Nachbarn. Die Europäer begannen nach 1945 Institutionen und Mechanismen zu schaffen, die halfen, auf unserem immer wieder vom Krieg verheerten und verwüsteten Kontinent zu einem Ausgleich zu kommen und gemeinsam zu handeln. Mehr als 20 Jahre dauerte es, bis die Idee der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa Wirklichkeit wurde, und sich die beteiligten Staaten auf eine Unverletzlichkeit ihrer Grenzen, auf die friedliche Regelung von Streitfällen, die Achtung der Menschenrechte und eine Zusammenarbeit aller einigten. Die Geduld hatte sich gelohnt. Die KSZE schuf eine erste Vertrauensgrundlage unter den Vertragspartnern. Für den europäischen Einigungsprozess war sie – im Rückblick – unverzichtbar.

Natürlich liefern die europäischen Erfahrungen keine Blaupause für Friedensschlüsse im Nahen und Mittleren Osten. Aber sie weiten den Blick, sie bieten Erfahrungen, Lehren und im besten Fall auch Handlungsoptionen. Die Geschichte, auch die Geschichte anderer Nationen und Regionen, kann helfen, die richtigen Fragen an die Gegenwart zu stellen.

In unserer Geschichte half oft nur das zähe Ringen am Verhandlungstisch, der mühsame Ausgleich von Interessen, um tief eingefahrene Konflikte Stück für Stück einer Lösung näher zu bringen. Der Dreißigjährige Krieg in Europa, ein erbitterter und opferreicher Hegemonialkonflikt, der überlagert war von religiösen und konfessionellen Spannungen, ging mit einem Friedensschluss zu Ende, in dem die Frage nach der absoluten politischen oder gar religiösen Wahrheit eben nicht allumfassend beantwortet wurde.

Und ähnlich ist es, glaube ich, auch in dieser Region. Vollständige Wahrheit und Gerechtigkeit mag das erklärte Ziel jeder Konfliktpartei sein. Doch wer sie als Voraussetzung für Frieden und Aussöhnung verlangt, wird weder das eine noch das andere erreichen. Ich weiß, dass es nicht alle Beobachter so sehen, aber für mich liegt der Weg in eine gute Zukunft des Nahen Ostens gerade nicht in Zuspitzung und Polarisierung. Der Frieden ist nicht zu gewinnen durch das Insistieren auf einer Politik der Unbedingtheit und der vollständigen Interessendurchsetzung, sondern eher im Verzicht darauf. Hier im Libanon ist das keine akademische Frage, sondern eine Überlebensfrage.

Der ungelöste Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern strahlt unmittelbar in Ihr Land aus. Auch in Deutschland gibt es viele Zweifel, ob die einseitige Anerkennung Jerusalems durch die Vereinigten Staaten uns dem Ziel eines friedlichen Nahen Ostens tatsächlich näher bringt. Umgekehrt hoffe ich, dass aus diesen Zweifeln keiner eine Rechtfertigung für Hass und Gewalt gegen Israel ableitet, weder in meinem eigenen Land noch anderswo. Unsere Position in Deutschland ist klar: Der endgültige Status von Jerusalem muss ebenso wie die anderen Schlüsselfragen des Konflikts im Rahmen einer Zweistaatenlösung zwischen den Parteien ausgehandelt werden, so mühsam und schwierig das auch ist.

Auch die wachsenden Spannungen zwischen den großen regionalen Mächten Iran und Saudi-Arabien spüren Sie ganz direkt und unmittelbar. Diese Spannungen drohen das feingesponnene Netz der unvollkommenen, aber friedensbewahrenden Kompromisse des Libanon zu zerreißen.

In Ihrem Nachbarland Syrien tobt nun im siebten Jahr ein Krieg, der in einer solchen Brutalität und Härte geführt wird, dass die Möglichkeit der gesellschaftlichen Versöhnung, gar politischer Kompromisse schon in scheinbar unerreichbare Ferne gerückt ist.

Den Frieden zu gewinnen, bedeutet, sich mit viel Geduld auf einen langen Weg zu begeben. Ich bin lange genug in der Politik, um zu wissen, dass das sehr viel leichter gesagt als getan ist. Und doch: Gerade weil das so ist, hat der Libanon der Welt mehr zu sagen, als viele ahnen – auch in meinem eigenen Land. Gerade weil es auf unserer Welt so wenig Eindeutigkeit gibt, weil es an so vielen Orten darauf ankommt, zwischen ganz unterschiedlichen Menschen und Interessen Kompromisse zu finden, ist das Beispiel des Libanon so wertvoll. Auch deshalb liegt mir, liegt Deutschland, so sehr daran, den Libanon zu stärken und zu unterstützen.

Ich teile die Sorge meines französischen Amtskollegen um die Stabilität in der gesamten Region und appelliere an alle Akteure, Spannungen abzubauen und Wege für einen Ausgleich zu finden. Wir wollen und werden hier im Land und in der ganzen Region die Kräfte unterstützen, die verantwortungsbereit sind und sich am Verhandlungstisch ernsthaft um Verständigung bemühen. Schon zu oft haben Sie erleben müssen, dass Konflikte, die nicht Ihre eigenen waren, auf libanesischem Boden ausgetragen wurden.

Und natürlich werden wir Europäer weiterhin mit allen Kräften dabei helfen, die Folgen abzumildern, die der furchtbare Krieg in Ihrem Nachbarland für den Libanon hat. Denn ich weiß wohl, die Menschen hier im Libanon – und auch in Jordanien, von wo ich gerade komme – haben in den vergangenen Jahren eine große Last getragen. Beide Länder haben Millionen von syrischen Kriegsflüchtlingen aufgenommen. Ich weiß, dass das nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt. Lassen Sie mich gleichwohl sagen: Sie leisten Großartiges und verdienen dafür nicht nur Anerkennung. Sie verdienen Unterstützung. Die deutsche Bundesregierung – ebenso wie viele deutsche Hilfsorganisationen – werden dem Libanon bei dieser enormen Aufgabe auch künftig zur Seite stehen. Politisch, finanziell und mit ganz konkreter und praktischer Unterstützung vor Ort.

Wir schätzen diesen Beitrag des Libanon umso höher, weil wir wissen, dass er auch eigene Erfahrungen spiegelt. Die Libanesen wissen, was Flucht heißt. Sie wissen, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren. Es leben heute mehr Libanesen im Ausland als im eigenen Land.

Auch mein Land, Deutschland, hat in den vergangenen Jahren hunderttausende Menschen aufgenommen. Als Zufluchtsländer teilen der Libanon und Deutschland nun die Herausforderung, die es bedeutet, Menschen, die fliehen mussten, in ihrer Gesellschaft zu versorgen und zu integrieren. Die Aufnahme syrischer Flüchtlinge in Deutschland ist die humanitäre Seite unseres Engagements. Doch wichtig ist es auch, die Not bei der Wurzel zu fassen. Wir werden weiterhin, was wir können, zu einer politischen Lösung des Konflikts beitragen.

Der Impuls dazu aber wird aus der Region selbst kommen müssen. Und dafür kann der Libanon ein Beispiel geben. Toleranz üben und Kompromisse schmieden – das ist es, was die Region vom Libanon lernen kann. Stefan Leder, der ehemalige Direktor des hiesigen Orient-Instituts, nennt es "die Genialität Beiruts": Die freiheitliche Gesinnung, die jedem ins Auge steche, der hierher komme, das Nebeneinander von gegensätzlichen Lebensstilen und Lebensauffassungen – das sei die Besonderheit des Libanon. Eine Qualität, die auch ich immer wieder beobachtet habe, und die ich so an keinem anderen Ort in der Region erlebt habe.

Ich wünsche mir und ich wünsche Ihnen allen, dass der libanesische Lebensentwurf erhalten bleibt. Wir Deutschen wollen Sie dabei unterstützen. Denn wenn, was hier im Kleinen, trotz aller Widrigkeiten, selbstbewusst und hartnäckig gelebt wird, gelingt, dann kann es zu einem Beispiel für die ganze Region werden. Ich wünsche mir, dass die Genialität Beiruts Schule macht. Lassen Sie mich mit den Worten Charles Maliks schließen, eines Großen Ihres Landes, der besser als ich wusste, was der Libanon der Welt zu geben hat: "Wenn wir einen Beitrag leisten können, dann für das Verständnis von Freiheit, der Freiheit des Denkens, des Gewissens und des Seins."