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Abendessen mit dem Premierminister von Japan

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache beim Abendessen gegeben vom Premierminister von Japan, Shinzō Abe, im Amtssitz des Premierministers in Tokio anlässlich des Besuchs in Japan Tokio/Japan, 6. Februar 2018 Besuch in Japan – Ansprache beim Abendessen gegeben vom Premierminister von Japan, Shinzō Abe, im Amtssitz des Premierministers © Sandra Steins

Von den vielen Eigenschaften, die Japaner und Deutsche verbinden, sticht für mich eine ganz besonders heraus: die Begeisterung für die klassische europäische Musik. Vor allen anderen Werken gilt das vermutlich für die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Sie ist das Symbol für unsere gemeinsame Freude an der Musik. Viele wissen, dieses wunderbare Werk ist die Hymne der Europäischen Union. Aber was viele nicht wissen: Es liegt auch ein Moment japanisch-deutscher Geschichte darin.

Im Jahr 2018 feiern wir den 100. Jahrestag der japanischen Uraufführung der 9. Sinfonie. Und es war eine ungewöhnliche Uraufführung. Ein Konzert deutscher Kriegsgefangener des Ersten Weltkriegs im Lager Bandō. Es lag darin, 1918, auch eine Rückbesinnung der Soldaten auf ihre heimische Kultur und Zivilisation. Hier in Japan hat sie tiefe Spuren hinterlassen. Ein besonderes Jubiläum, wie ich finde. Am Ende dieser 9. Sinfonie steht die "Ode an die Freude", und ich muss gestehen: Freude ist, was ich heute empfinde – die Freude darüber, heute wieder hier in Tokio zu sein. Zwar war ich schon oft in Japan, es ist aber mein erster Besuch als Bundespräsident, und ich bin gern hier. Haben Sie jedenfalls vielen Dank für Ihren freundlichen Empfang.

Direkt nach meiner Ankunft vorhin sind wir durch die Gärten des ehemaligen Edo-Schlosses gegangen. Auch im Winter ein wunderbarer Anblick. Ich habe daran gedacht, wie Japan in diesem Jahr das 150. Jubiläum der Meiji-Restauration feiert – einer Umwälzung, die Ihr Land damals in die Moderne katapultiert hat und die auch der Grundstein für die japanisch-deutschen Beziehungen war.

Herr Premierminister, unser gemeinsames Eintreten für Demokratie und Freiheit, für Rechtsstaatlichkeit und starke internationale Ordnungssysteme – all das ist heute wichtiger denn je. Unsere Länder sind durch gemeinsame Werte verbunden – und mehr noch: Japan und Deutschland gehören zu den größten und innovativsten Volkswirtschaften der Welt. Auch deshalb sind unsere beiden Länder schlichtweg auf eine stabile und regelbasierte internationale Ordnung angewiesen. Eine Ordnung, die heute alles andere als gesichert und selbstverständlich ist.

Japan und Deutschland sind sich der außenpolitischen Verantwortung bewusst, die daraus erwächst. Gemeinsam arbeiten wir daran, globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel zu begegnen. Auch bei der Reform der Vereinten Nationen arbeiten wir eng zusammen. Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn wir unsere Zusammenarbeit noch auf andere Gebiete ausdehnen könnten – zum Beispiel auf Entwicklungsfragen in Afrika.

Wie Sie wissen, ist mein Kontinent, Europa, derzeit mit ganz eigenen Herausforderungen konfrontiert. Unsere Union hat zu kämpfen mit den Folgen einer Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise, mit dem Austritt eines wichtigen EU-Mitgliedstaats, und mit der Ankunft von hunderttausenden Flüchtlingen in den vergangenen Jahren. Doch ich spüre in den letzten Monaten auch, ganz besonders im Gespräch mit vielen Bürgern: Europa hat die Kraft, seine Krise zu überwinden und seine demokratischen Werte mit neuem Leben zu füllen. Der deutsch-französischen Freundschaft wird dabei eine besondere Rolle zukommen – spätestens dann, wenn die Regierungsbildung in Deutschland zu einem erfolgreichen Abschluss kommt.

Hier, in Ihrer Region, haben die Nuklear- und Raketentests Nordkoreas an den Rand einer militärischen Auseinandersetzung geführt. Ein nukleares Nordkorea ist auch für Deutschland eine Gefahr – und nicht nur deshalb völlig inakzeptabel. Wir sind davon überzeugt, dass der Dialog mit Nordkorea nur dann zum Ziel führen kann, wenn er mit größtmöglichem Druck durch Sanktionen verbunden bleibt. In dieser Frage sind sich Japan und Deutschland einig. Wir müssen uns gemeinsam weiter dafür einsetzen, dass alle großen Mächte und die ganze Weltgemeinschaft in dieser Frage geschlossen zusammenstehen.

Bei allen Herausforderungen sollten wir aber optimistisch in die Zukunft blicken. Wir leben in Zeiten, in denen Menschen auf der ganzen Welt wieder grundsätzliche Systemfragen stellen: nach dem besten Entwicklungs- und Gesellschaftsmodell. Auch die Demokratie bleibt dabei nicht unhinterfragt. Doch ich denke, unsere beiden Länder können selbstbewusst in diese Debatten treten: Freiheit und Demokratie, wirtschaftliche und soziale Grundrechte gehören für uns zusammen. Auch deshalb freue ich mich sehr über die engen und konstruktiven Beziehungen zwischen Japan und Deutschland.

In großer Sympathie für Ihr Land bitte ich Sie nun, mit mir Ihr Glas zu erheben – auf das japanische Volk und die japanisch-deutsche Zusammenarbeit und Freundschaft.