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Antrittsbesuch in Sachsen-Anhalt: Besuch an der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften


Wie schön, bei Ihnen in Halle zu sein! Ich bin jetzt seit knapp einem Jahr im Amt des Bundespräsidenten und war viel unterwegs – nach acht Jahren im Außenamt jetzt deutlich mehr im Inland und ganz besonders häufig hier in Sachsen-Anhalt, zwischen Elbe und Harz: Zu Martin Luthers rundem Geburtstag war ich mehrfach hier im Geburtsland der Reformation, ich habe dem Diplomatischen Korps die industriellen Schwerpunkte und die kulturellen Höhepunkte dieses Landes zeigen können – ich glaube, der Ministerpräsident fühlte sich zuletzt schon fest belagert. Aber auch im Ausland bin ich weiterhin unterwegs, in Afrika, Asien und im Nahen Osten, sogar im Buckingham Palace, erst vergangene Woche beim Tenno in Japan. Aber was bislang noch fehlte, und was schon manche Nachfrage von Journalisten erzeugt hat: Ich war noch nicht im "Weißen Haus". Heute ist es endlich soweit! Ich freue mich auf angeregte Gespräche über Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und Innovation, wie man sie nur im "Weißen Haus" führen kann – hier in der Leopoldina auf dem Jägerberg, und das im zehnten Jahr ihres Bestehens als Nationale Akademie der Wissenschaften. Ich finde, das ist doch ein ganz wunderbarer Anlass für unser Zusammentreffen.

Die Leopoldina selbst ist natürlich viel älter als zehn Jahre. 1652 wurde sie in Schweinfurt gegründet und hat nach langen Jahren der Wanderschaft vor 140 Jahren in Halle ein bleibendes Zuhause gefunden. Die Leopoldina ist heute nicht nur für Sachsen-Anhalt ein Glücksfall, sondern für unser ganzes Land. Dieses ganze Land umschloss sie übrigens auch über die Jahre der Teilung hinweg. Es ist deshalb gut, dass sie zur Nationalen Akademie wurde.

In der Gründung der Nationalen Akademie kam die Einsicht zum Ausdruck, dass Politik und Gesellschaft kluge Beratung brauchen – und ganz besonders die Beratung auf wissenschaftlicher Grundlage.

Erstens: um Antworten auf die Zukunftsfragen zu finden, vor denen unsere Gesellschaft steht oder bald stehen wird – denken wir nur an die immer schnellere Abfolge von technologischen Innovationen und ihre Auswirkungen auf unser Zusammenleben.

Zweitens: um zu verstehen, wie unterschiedliche Antworten auf diese Fragen völlig unterschiedliche Konsequenzen und "Pfadabhängigkeiten" nach sich ziehen.

Oder, drittens: manchmal auch, um überhaupt erst zu begreifen und zu formulieren, welche Fragen es sind, die wir uns als Gesellschaft stellen müssen, um nicht mit verschlossenen Augen in Richtung Zukunft zu laufen. Einen Beitrag dazu soll die heutige Diskussion zur Digitalisierung leisten.

Beratung durch die Wissenschaft ist wichtig, doch Entscheidungen über unsere Zukunftsfragen haben wir in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft gemeinsam zu treffen – und zwar in und mit den demokratischen Institutionen der Willensbildung, die wir in Deutschland haben und – ich finde – gegen alle Kritik und wachsende Verächtlichkeit verteidigen sollten.

Ihre Arbeit – die Arbeit der Leopoldina mit ihren Analysen, Positionspapieren, Empfehlungen und Veranstaltungen – trägt ganz entscheidend zu einer Kultur der Willensbildung bei, in der am Ende die informierte Meinung, das bessere Argument mehr zählen als die grobe Parole oder verschwörerische Spekulation. Sie, meine Damen und Herren, verteidigen die Vernunft gegen die Verrohung unserer öffentlichen Debatten – und allen hier im Saal, die dazu Ihren Beitrag leisten, gilt mein herzlicher Dank!

Ich will an dieser Stelle eines nicht verhehlen: Durch die jüngsten Fälle von fragwürdigen Studien, die im Zusammenhang mit der Manipulation von Abgaswerten im Automobilsektor stehen, ist die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit wissenschaftlicher Experten zum öffentlichen Gesprächsgegenstand geworden. Ein Einzelfall vielleicht – aber mit großer Tragweite, weil er von allen, die an der Delegitimierung von Wissenschaft interessiert sind, genutzt wird. Wir leben in einer Zeit, in der die Relevanz der Wissenschaft auch in westlichen Gesellschaften in Zweifel gezogen wird. Der sogenannte "Kampf gegen das Establishment" wird eben längst nicht nur gegen Politik und Medien geführt, sondern auch in und gegen die Wissenschaft. Wenn die Geltung, gar die Notwendigkeit von empirischer Forschung angezweifelt wird, dann heißt das nichts Gutes für die Zukunft einer aufgeklärten Gesellschaft.

Einzelfälle wie die strittigen Abgasversuche zeigen, dass sich Forschung immer ethisch zu verantworten hat, dass sie öffentlich sagen können muss, warum sie notwendig ist und welchem Ziel sie dient. Heimlichtuerei mit schlechtem Gewissen hilft keinem. Erst recht darf Wissenschaft niemals zur Gefälligkeit mächtiger Interessen werden – ob wirtschaftlicher oder politischer. Jeder einzelne solche Fall ist Wasser auf die Mühlen der Wissenschaftsfeinde. Im Gegenteil: Wir müssen die Notwendigkeit und Zielsetzung empirischer Forschung offensiv begründen. Deshalb ist es gut, dass die Leopoldina gemeinsam mit anderen Wissenschaftsorganisationen schon 2016 eine breit angelegte Informationsinitiative über Tierversuche gestartet hat.

Für mich ist die aktuelle Diskussion ein guter Grund, uns daran zu erinnern, wie eng Freiheit und Verantwortung auch in der Wissenschaft miteinander verbunden sind. Ja, wir brauchen Ethikkommissionen, wir brauchen auch klare Regeln zur Interessenentflechtung und Transparenz. Aber am Ende ersetzt nichts das Verantwortungsbewusstsein des einzelnen. Wer als Forscher in unserem Land die Freiheit der Wissenschaft genießt, muss über das reine Erkenntnisinteresse hinaus gesellschaftliche Verantwortung erkennen und annehmen. Und umgekehrt heißt das für mich, für Politik: Wer Verantwortung von der Wissenschaft einfordert, der muss zuallererst ihre Freiheit schützen.

Sie alle hier im Saal sollen wissen, dass Sie einen Bundespräsidenten an Ihrer Seite haben, der – wo immer nötig – eine Lanze für die Freiheit der Wissenschaft brechen wird – aber der zugleich darauf baut, dass jeder Forschende sich seiner großen gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viele Gespräche geführt – mit der Akademie der Wissenschaften, mit Vertreterinnen und Vertretern der großen Wissenschaftsorganisationen, erst vor kurzem mit dem Wissenschaftsrat und dem Stifterverband, und natürlich auch an vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland –, und ich habe dabei gespürt, dass das Verantwortungsgefühl in der deutschen Wissenschaft zutiefst verankert ist. Darauf zähle ich.

Ich freue mich jetzt auf die Podiumsdiskussion über ein Themenfeld, in dem wir uns täglich und selbstverständlich bewegen, das unseren Alltag längst durchdrungen hat, aber dessen gesellschaftliche Auswirkungen wir noch nicht ausreichend durchdrungen haben. In der Digitalisierung ist das, was ich zu Beginn sagte, besonders wichtig: nämlich in der scheinbar überwältigenden Flut der Veränderung zuallererst die richtigen Fragen zu umreißen und zu formulieren. Wir müssen eben nicht nur technologische Entwicklungen selbst in den Blick nehmen, sondern fragen: Was machen diese Entwicklungen mit uns selbst und mit unserem Zusammenleben?

Zum Beispiel in der Arbeitswelt: Wie bewahren und erneuern wir die Institutionen der Sozialen Marktwirtschaft, zum Beispiel die sozialen Sicherungssysteme, die unverzichtbar sind, auch wenn Berufsbilder und Arbeitsbiographien ganz anders aussehen werden?

Wie verändert sich der demokratische Diskurs? Wie sollen wir gesamtgesellschaftliche Debatten führen, wenn in sozialen Medien nur noch grüppchen- und milieu-intern kommuniziert wird?

Oder: Welche Bedeutung haben unsere Grundrechte im Verhältnis zu monopolartig und international aufgestellten digitalen Geschäftsmodellen, die – Stichwort "Daten als Rohstoff" – nur scheinbar kostenlos sind? Wie relevant das Thema Grundrechte ist, sehen Sie derzeit in Großfeldversuchen in China, wo gesellschaftliche Steuerung durch Big Data versucht wird. Jedem Bürger wird ein Konto zugeordnet, auf dem er durch seine alltäglichen Lebenshandlungen Abzüge oder Zugewinne verbucht. Und das Ganze ist nicht nur ein Experiment auf Ebene der Individuen, sondern wir sehen in China auch bei Nichtregierungsorganisationen zum Beispiel, wie Verhalten gegenüber der Regierung entweder belohnt oder bestraft wird. So etwas droht weiß Gott nicht in Deutschland – aber Sie sehen daran, wie wichtig es ist, dass wir gesellschaftliche Auswirkungen von technologischen Entwicklungen intensiv diskutieren.

Oder denken wir an die Bildung: Wie bilden wir die vielbeschworene Generation der "digital natives" sozusagen zu "native democrats"? Wie stellen wir sicher, dass Demokratie für sie noch einen Wert behält, wenn man ganz anders kommuniziert, keine Tageszeitung mehr hat oder sich nur unter Gleichgesinnten bestätigt? Wie vermitteln wir ihnen das Rüstzeug, um zwischen echten Nachrichten, Fehlinformationen und Manipulation unterscheiden zu können?

Ich bin dankbar, dass die Leopoldina gezielt auf Schülerinnen und Schüler zugeht – denn am Ende muss Bildung für die digitale Welt natürlich mehr sein, als nur die Digitalisierung des Unterrichts durch Tablets und Apps. Es geht um nicht weniger als die Rückeroberung der Mündigkeit in der digitalen Welt und um die digitale Emanzipation dort, wo Unwissenheit, Abhängigkeit und Fremdbestimmung gewachsen sind. Ich freue mich, dass zwei Schülerinnen, die beim Projekt "Digitales Ich – Digitales Wir" dabei waren, auch an unserer Diskussion teilnehmen.

So komplex schon die Fragen sind, so gewaltig ist die Aufgabe, wenn wir uns an die Antworten machen. Das wird gleich Aufgabe der Panellisten sein. Ich will nur so viel vorwegschicken: Vereinfachung wird uns nicht helfen. In den Buchläden finden Sie derzeit einen satirischen Zukunftsroman mit dem Titel "Qualityland". In "Qualityland" ist die Antwort auf buchstäblich alle Fragen "ok". Anders geht es auch gar nicht – denn allwissende Algorithmen haben jede unserer Entscheidungen in Arbeit und Familie, beim Einkaufen und in demokratischen Wahlen schon perfekt vorausberechnet. Sie wissen sogar besser als wir selber, wer der richtige Partner für uns ist, oder wann wir eine Beziehung besser beenden sollten, und erledigen selbst das noch für uns.

Glücklicherweise leben wir nicht in "Qualityland", und glücklicherweise ist die Antwort auf die großen Fragen der Digitalisierung niemals nur "ok" – oder "Gefällt mir" und "Gefällt mir nicht". Im Gegenteil: Die Zukunft ist offen, sie ist ungewiss, und es liegt an uns, sie zu gestalten.