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Abendessen zu Ehren von Bundespräsident a. D. Horst Köhler anlässlich seines 75. Geburtstages

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache beim Abendessen zu Ehren von Bundespräsident a. D. Horst Köhler anlässlich seines 75. Geburtstages im großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 8. März 2018 Abendessen zu Ehren von Bundespräsident a. D. Horst Köhler – Ansprache anlässlich seines 75. Geburtstages im großen Saal © Jesco Denzel

Ich freue mich, dass wir heute Abend hier in diesem Kreis zusammen sind und dass wir gemeinsam Sie, Herr Bundespräsident Köhler, zu Ihrem 75. Geburtstag hochleben lassen. Die erlesene Gästeschar hochrangiger Persönlichkeiten zeigt, welche Hochschätzung Sie in unserem Land ja in der ganzen Welt genießen. Alle sind gekommen, um Ihnen, lieber Herr Köhler, ihre Ehre zu erweisen und im Rahmen des Protokolls ordentlich mit Ihnen zu feiern.

Ich will aber zuerst einmal besonders Ihre Frau Eva Luise begrüßen. Wenn man an Ihre Amtszeit als Bundespräsident denkt, dann können wir Sie uns ohne Ihre Frau gar nicht vorstellen. Ohne Ihr gemeinsames Wirken als Paar, aber auch nicht ohne die inhaltlichen Akzente, die Sie, Frau Köhler, bei den Themen Jugend, Bildung, Gesundheit – insbesondere der Erforschung und Behandlung seltener Krankheiten – gesetzt haben. Und noch etwas ist den Menschen immer wieder aufgefallen und hat sie tief berührt: Ihre Vertrautheit miteinander. Ich habe mir sagen lassen, dass sich nach der Fernsehübertragung der ersten Ankunft von Papst Benedikt auf deutschem Boden Zuschauer gemeldet haben, die besonders beeindruckt davon waren, wie Sie beide Hand in Hand in offensichtlich selbstverständlicher Vertrautheit auf die Ankunft der Alitalia-Maschine gewartet haben. Manchmal sind es offenbar die kleinen Dinge, die den Menschen auffallen, die sie besonders finden und an die sie sich vielleicht sogar manchmal länger erinnern als an das Zeremoniell und unsere Ansprachen. In diesem Sinne: herzlich willkommen Ihnen beiden, liebe Frau Köhler und lieber Horst Köhler!

Die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten für das höchste Staatsamt ist hierzulande immer wieder Anlass für angeregte öffentliche Diskussionen, Spekulationen und – so habe ich das erlebt – neuerdings sogar für interaktive Online-Votings. 2004 allerdings war Ihre Nominierung für die allermeisten eine Überraschung – und das, obwohl Sie in Ihrem Leben längst wichtigste Aufgaben übernommen hatten, als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, später als starke Stimme der deutschen Sparkassen. Sie waren an Weichenstellungen entscheidend beteiligt, die für unser Land von herausragender Bedeutung waren – ich nenne nur den Vertrag von Maastricht und die Verhandlungen über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland.

Zum Zeitpunkt Ihrer Kandidatur waren Sie zudem einer der ganz wenigen Deutschen in einem bedeutenden internationalen Amt. Die meisten Deutschen haben dann erst nach und nach gemerkt, welch hohes internationales Ansehen ihr neuer Bundespräsident durch seine Arbeit beim IWF und bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung bereits gewonnen hatte. Sie brachten Ihre internationalen Erfahrungen mit ins Amt und das Bewusstsein für die große und vor allem wachsende Verantwortung, die ein wirtschaftlich starkes, politisch stabiles und international respektiertes Land wie Deutschland in einer zunehmend unübersichtlichen Welt hat und annehmen muss. Provinzialismus und innerdeutsche Nabelschau hatten in Ihrer Amtszeit keinen Platz.

Ideen für Deutschland schon. Nachdem man Sie vorschnell als "Mann der Wirtschaft" in eine Schublade zu stecken versucht hatte, setzten Sie in Ihrer Antrittsrede andere Akzente. Zum einen stellten Sie heraus, wie sehr es in unserem Land darauf ankommt, dass in ihm gute Ideen geboren werden, und dass diese guten Ideen auch die Chance haben, realisiert zu werden. Unter "gute Ideen" verstanden Sie nicht nur technische Spitzenleistungen der Ingenieurskunst, sondern auch soziale Ideen wie beispielsweise neue Initiativen der Berliner Stadtmission. Ein "Land der Ideen" sollte Deutschland nach Ihren Worten werden – und die Formulierung "Deutschland – Land der Ideen" wurde dann für eine gemeinsame Standortinitiative von Bundesregierung und deutscher Industrie aufgegriffen und ist bis heute ein lebendiges, viel zitiertes Markenzeichen unseres Landes.

Und zugleich erinnerten Sie schon in Ihrer ersten Rede daran, dass dieses Land, ja der freie und wohlhabende Teil dieser Welt insgesamt, Verantwortung übernehmen muss für ihre ärmeren Regionen. Schon hier blitzte es auf, Ihr leidenschaftliches Engagement für Afrika. Bis heute erinnern sich viele an den bemerkenswerten Satz in Ihrer Antrittsrede: "Die Menschlichkeit unserer Welt entscheidet sich am Schicksal Afrikas".

Die schicksalhafte Beziehung zwischen Europa und Afrika stand im Zentrum Ihres Denkens, Ihres Redens und Wirkens. Wir müssen uns viel mehr mit unserem Nachbarkontinent auseinandersetzen, mit seinen Chancen und seinen Gefahren, haben Sie gesagt – und das lange bevor die Projektion wachsender Migrationsströme gewissermaßen als "Drohkulisse" in unsere täglichen Debatten Einzug gehalten hat. Uns im Westen mahnen Sie, Afrika wirklich partnerschaftlich zu begegnen – und die afrikanischen Partner mahnen und ermutigen Sie, in dieser Partnerschaft auch zur eigenen Verantwortung zu stehen. So sind Sie in vielen Teilen Afrikas zu einem weithin bekannten und glaubwürdigen Vertreter Deutschlands und Europas geworden und so ist es ein Glücksfall, dass Sie sich nun als Beauftragter der Vereinten Nationen für eine friedliche Lösung des Konflikts um die West-Sahara einsetzen. Die intensiven, ja freundschaftlichen Beziehungen nach Afrika, die Sie als Bundespräsident aufgebaut haben, dauern ganz offensichtlich bis in die Gegenwart an – das zeigt ein kurzer Blick in diesen Saal.

Am Beispiel Ihres Themenschwerpunkts Afrika haben Sie uns Deutschen eine Frage gestellt, die vielleicht zu den schwierigsten überhaupt gehört: "Was geht uns das Leid von Fremden an?" Diese Frage haben Sie uns zugemutet, und zwar bevor sie durch fortschreitende Globalisierung, Entgrenzung und letztlich in Gestalt hunderttausender Flüchtlinge unausweichlich und politisch höchst umstritten wurde: "Was gehen uns andere an?"

Das war der Titel Ihrer Weltethos-Rede in Tübingen 2004. In einem ersten Teil führen Sie aus, wie der christliche Glaube, dem Sie sich verpflichtet fühlen, und die Idee der Nächstenliebe über den eigenen Lebensbereich hinausweisen, hin zum anderen. Für Sie ist die biblische Gestalt des barmherzigen Samariters, der sich um den unter die Räuber Gefallenen kümmert, ein bleibender ethischer Anspruch. Der Samariter beantwortet die Frage: "Was gehen uns andere an?" durch die helfende Tat an einem Fremden, mit dem ihn eigentlich nichts verbindet. Für diesen Samariter galt eben nicht "Samaritans first", sondern jeder, der in Not ist, fordert uns heraus.

Im zweiten Teil dieser Rede – und ich finde, das entspricht zutiefst Ihrem praktisch-politischen Anspruch – belassen Sie es nicht bei ethischen Betrachtungen, sondern Sie buchstabieren vom Großen bis ins Kleine durch, was eine ethische Haltung, die den in Not befindlichen Anderen als Partner begreift, für Afrika bedeuten könnte. Direkt nach der Rede schauten Sie noch im nahen Herrenberg vorbei, und trafen sich dort mit alten Freunden und Mitstreitern in jenem "Dritte-Welt-Laden", wie man damals noch sagte, den Sie Jahrzehnte zuvor mitgegründet hatten. Und dann machten Sie sich, mit konkreten politischen und ökonomischen Ideen im Gepäck, auf Ihre erste große Afrika-Reise. So war eine markante Kontur Ihrer Amtszeit vorgezeichnet. Dass nämlich ethische Maximen und praktische Politik zusammengehören und auch zusammen passen.

Lieber Horst Köhler, unsere Begegnungen und Berührungspunkte während Ihrer Amtszeit haben mir großen Respekt eingeflößt. Vor der besonderen Rolle dieses Amtes im Gefüge der Bundesrepublik, und vor der Haltung derer, die es ausgefüllt haben. Es ist dies ein Amt – so wird oft analysiert, manchmal beklagt –, das gewissermaßen "über der Politik" steht, gewiss über der Politik von Parteien, Regierung oder Opposition. Aber es ist zugleich ein Amt, das zutiefst "in der Politik" steht, das Verantwortung zu tragen hat für die Integrität unserer Demokratie – umso mehr, wenn es darauf ankommt.

2005 mussten Sie über die Auflösung des deutschen Bundestages entscheiden. Ich weiß noch gut, wie ich Ihnen gemeinsam mit Bundeskanzler Schröder gegenüber saß, drüben im Bundespräsidialamt, wo Sie Ihr Büro hatten, da das Schloss in dieser Zeit noch renoviert wurde. Ich erinnere mich auch daran – ohne jetzt in Details einzusteigen –, wie intensiv das Gespräch war. Jeder – nicht nur wir, die wir Ihnen gegenüber saßen – konnte spüren, wie gewissenhaft, abwägend, vielfach beratend Sie sich dem Ernst, manchmal auch der Last der Verantwortung gestellt haben.

Eine Gewissensfrage war es auch, als Sie den Plan der Bundesregierung ablehnten, den Feiertag zur Deutschen Einheit vom festen Datum des 3. Oktober auf den ersten Oktobersonntag zu legen, um einen Arbeitstag zusätzlich zu bekommen. Da machte der Ökonom Köhler klar, dass es auch jenseits von Bilanzen und Haushaltsplänen Erfahrungen, Erinnerungen, Werte zu schützen und zu verteidigen gibt, die nicht der Disposition im politischen Alltag unterliegen. Auch das ist eine Lernerfahrung von damals: Ich glaube, alle ehemaligen Mitglieder der damaligen Bundesregierung dürfen heute selbstkritisch sagen, dass es gut war, dass der Bundespräsident damals seine Meinung kundgetan hat.

Und schließlich war es auch das Ergebnis intensiver Selbstprüfung, als Sie überraschend vom Amt des Bundespräsidenten zurücktraten. Die allermeisten Deutschen haben das sehr bedauert. Sie waren beliebt und hoch geschätzt. Die Bürgerinnen und Bürger haben immer gespürt, dass Sie, trotz der hohen Ämter, einer geblieben sind, der nicht vergessen hat, woher er kommt. Sie sind den Menschen ohne Dünkel begegnet, haben sie ernst genommen. Nicht nur den Papst aus Deutschland, der in Ihrer Amtszeit gewählt wurde, nicht nur die Staatsfrauen und Staatsmänner, von denen einige heute hier sind, sondern auch die Schwerbehinderten in Bethel oder die Pfadfinder, die zum 100. Geburtstag der Internationalen Pfadfinderbewegung hier im Park von Bellevue ein großes Zeltlager veranstalten durften. Ihr Herz gehörte den Machern, aber auch den Machtlosen.

Nicht zuletzt auch vielen Künstlern. Auf der Traueranzeige der Freunde von Christoph Schlingensief zu dessen Tod im August 2010, die mir damals in der F.A.Z. ins Auge gefallen war, da steht zwischen all den Künstlern, Theater- und Filmemachern zu lesen: "Horst Köhler". Ohne akademische Titel, ohne Bundespräsident a. D., ganz schlicht alphabetisch eingereiht: ein Freund.

Was den Deutschen zuerst auffiel, je mehr sie Sie öffentlich kennen lernten, das war Ihr ansteckendes Lachen, mit dem Sie auf Ihr Gegenüber zugehen. Ein "Kennedy-Lachen", haben einige gesagt. Aber dieses Lachen haben Sie nicht aus Amerika mitgebracht und sich nicht aus PR-Gründen angewöhnt, sondern es kommt ganz von innen heraus. Sie haben es sich bewahrt, trotz der Verantwortung, die Sie bis heute wahrnehmen.

Bitte erheben Sie das Glas. Ad multos annos, lieber Herr Köhler, rufen wir Ihnen zu. Begleiten Sie uns weiter mit Ihrer ebenso Mut machenden wie tätigen Zuversicht. Herzlichen Glückwunsch – im Namen des ganzen Saales – lieber Herr Köhler! Wir freuen uns auf den Abend mit Ihnen. Zum Wohl!