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Soiree zu Ehren von Heinrich Böll aus Anlass seines 100. Geburtstages

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache bei der Soiree zu Ehren von Heinrich Böll aus Anlass seines 100. Geburtstages im Empfangssaal der Villa Hammerschmidt in Bonn  Villa Hammerschmidt, 22. April 2018 Soiree zu Ehren von Heinrich Böll aus Anlass seines 100. Geburtstages – Ansprache im Empfangssaal © Thomas Imo

"Es war Freundschaft auf den ersten Blick, als wir uns in Moskau vor fast zwanzig Jahren zum ersten Mal begegneten, es war eine Freundschaft, die mehr hielt, als sie versprach; eben weil es mehr als bloße Sympathie war, auch das Erkennen einer Verwandtschaft. Da gab es gewisse äußere Ähnlichkeiten: Gleichgültigkeit gegenüber Kleidung, beide nie so richtig angeschirrt, schon gar nicht adrett, beide nie so recht diszipliniert und auch nicht so recht disziplinierbar; doch da war weitaus mehr, das uns verband, und ich weiß bis heute nicht so recht, worin es besteht; es hat einer wohl doch Brüder, die nicht durch die Biologie als solche bestimmt sind und die auch nicht unter das Schlagwort Brüderlichkeit fallen."

So schrieb Heinrich Böll über seinen Freund, seinen Bruder Lew Kopelew. Beide lernten sich 1962 in Moskau kennen, wo Böll mit Schriftstellerkollegen während einer Delegationsreise Station machte, und die Verbindung hatte Bestand bis zu Bölls Tod 1985. Sogar darüber hinaus, denn was zwischen den Ehepaaren Kopelew und Böll in Jahrzehnten entstanden war, war inniger noch als eine Freundschaft. Es war ihre Haltung, die sie miteinander verband: Anstand, Anständigkeit, Verantwortungsgefühl, eine tiefe Abneigung gegen die Zumutungen eines totalitären staatlichen Zugriffs auf den Menschen und schließlich der Glaube an die "Vernunft der Poesie".

Ich würde behaupten: Diese Wahlverwandtschaft hat alle, die Zeugen der öffentlichen Begegnungen von Böll und Kopelew waren – Russen wie Deutsche – bewegt und viel bewirkt im Verhältnis unserer Länder zueinander. Wer diese Freundschaft erlebt hat, der hat die beiden noch vor Augen und ihr Zwiegespräch im Ohr, vielleicht eher noch im Herzen.

Das Beispiel dieser Freundschaft, Bölls Engagement als Autor und als Zeitgenosse sind der Anlass für diese zweite Soiree zu Ehren Heinrich Bölls, für die wir Sie heute Abend nach Bonn gebeten haben. Geografisch rücken wir so ein wenig näher an seine und auch an Lew Kopelews spätere Heimat, Köln, heran, sicher aber auch an ein Lebensthema Bölls: sein Erleben von Faschismus und Krieg und den Willen zur Versöhnung.

Wir wollen die Stimmen der beiden noch einmal hören. Ich persönlich muss gestehen, ich vermisse sie besonders in den vergangenen Jahren, in denen vieles in Frage gestellt wird, woran sie und woran wir geglaubt haben. Ich vermisse sie in Zeiten, in denen Entfremdung zwischen Deutschland und Russland scheinbar unaufhaltsam voranschreitet.

Wir wollen aber auch die Stimmen zweier Schriftsteller – Priya Basil und Geert Mak – hören, die in eben demselben Sinn Zeitgenossen sind, wie Böll und Kopelew es waren, und die sich in ihrer Arbeit von derselben Verantwortung leiten lassen.

Als im vergangenen Jahr das Kriegstagebuch Heinrich Bölls erschien, fühlte ich mich an die Frage erinnert, die Böll und Kopelew sich zu Beginn ihrer Freundschaft gestellt hatten: "Warum haben wir aufeinander geschossen?"

Der WDR hatte eines dieser Gespräche fürs Fernsehen aufgezeichnet. Für die Gesprächspartner wie für die Zuschauer war es eine Art gemeinschaftliche Initiation. Man ging mit Heinrich Böll und Lew Kopelew noch einmal durch die Hölle, die es bedeutet hatte, einander als Kriegsgegner und Feinde ausgeliefert zu sein. Und man kam geläutert daraus hervor. Niemals wieder sollten Deutsche und Russen in eine Lage geraten, in der sie einander als Feinde unversöhnlich gegenüberstehen.

Wer das Kriegstagebuch Heinrich Bölls heute liest – lakonisch, elementar und dramatisch bis an die Grenze des Erträglichen – der ahnt, wie sehr diese Gewalterfahrung das Leben beider überragt und überschattet haben muss.

Böll und Kopelew aber ging es immer um mehr als um eine Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen. Sie wollten Zeugnis darüber ablegen, wie Krieg und Ideologie von einem Leben Besitz ergreifen können, von einer Person, ja von Generationen.

Die Wunden, die ein Krieg hinterlässt, das hatten sie erfahren, heilen nur schwer. Manchmal nie! Daran sollte sich erinnern, wer die mühsam errungene Friedensordnung in Europa wieder in Frage stellt. "Nie wieder!", das ist die Mahnung, die Böll und Kopelew uns hinterlassen haben. Lange schien es, als hätten wir in Europa diese Mahnung verinnerlicht. Doch inzwischen müssen wir uns die Frage stellen, wie nachhaltig die historische Lektion ist, von der wir glaubten, dass Europa sie ein für alle Mal gelernt hat. Heinrich Böll – und mehr noch der in Kiew geborene Lew Kopelew – wären empört, wüssten sie, dass der Traum vom gemeinsamen europäischen Haus schon ausgeträumt ist, bevor das Fundament gegossen wurde. Sie wären entsetzt, wüssten sie, dass die erneute Spaltung Europas nicht eine Befürchtung, sondern eine reale Gefahr ist.

Es war und ist wichtig, was Böll schrieb. Denn es ist die Literatur, die Kunst, die der Gesellschaft den Spiegel vorhält. "Wo warst Du, Adam" oder "Das Brot der frühen Jahre" sind große Literatur ebenso wie sie Geschichtsbücher sind.

Nicht weniger wichtig war, was Böll und Kopelew einander zu sagen hatten und dass sie es öffentlich taten. Entscheidend war nicht allein, was sie sprachen oder schrieben, sondern wie sie es taten. Sie waren Männer des Wortes. Es mag noch Wortmächtigere gegeben haben. Aber ihr Wort war durch ihr Leben, ihr Beispiel beglaubigt.

Sie besaßen Autorität. Ein Begriff, der in Deutschland gern missverstanden wird. Es war ihr Leben, die Summe ihrer Erfahrungen und die Konsequenzen, die sie daraus gezogen hatten, die Böll und Kopelew die Autorität und auch das Recht gaben, im Namen vieler zu sprechen.

Ihr Beispiel kann uns – so glaube ich – auch heute helfen, Antworten zu finden, in einer Zeit in der Gewissheiten wieder zur Disposition stehen. Es kann uns Orientierung geben, wenn Fakten nichts mehr gelten sollen, wenn die Gesellschaft droht, in unversöhnliche Lager zu zerfallen. Kurz: "Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt und immer mehr einer albtraumhaften Wirklichkeit gleicht", wie es ein anderer großer Autor und israelischer Freund, David Grossman, formuliert hat, der seinen eigenen Sohn im Jahre 2006 in den Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah verloren hat.

Was vermag Literatur in solchen Zeiten? Sie vermag viel, ist Grossman überzeugt. Kein einzelnes Buch, sondern der Geist, aus dem sie hervorgeht. Wenn die Gewissheiten verloren gegangen sind, vermag eine gute Geschichte uns Orientierung zu geben und uns mit einem "fast physischen Wissen" um das auszustatten, "was gut und böse ist, was rein und klar, was korrupt und trübe, was hell und was dunkel ist."

Heinrich Böll vermochte es, solche Geschichten zu erzählen. Er war ein großer Schriftsteller, hat Marcel Reich-Ranicki über ihn gesagt, aber er war mehr als das. Er war ein Moralist, ein Humanist, ein aufrichtiger, gütiger, ungeheuer glaubwürdiger Mensch, wie er kaum einen anderen gekannt habe. Eben das war auch Lew Kopelew. Und das erklärt die Wirkung, die beide auf meine Generation gehabt haben. Und es begründet meine Hoffnung, dass die Erinnerung an beide, Böll und Kopelew, nicht verloren geht.

Ich freue mich, dass wir heute mit dem niederländischen Schriftsteller Geert Mak, der britischen Autorin Priya Basil und dem deutschen Literaturkritiker Helmut Böttiger als Moderator drei Gesprächspartner gefunden haben, die aus ihrer Perspektive die verbindende Funktion von Literatur in Zeiten des Konflikts diskutieren und so auch ein Licht auf die Rolle und die Bedeutung Heinrich Bölls werfen werden – für die deutsche Literatur und die europäische Gesellschaft.

Und ich freue mich, dass wir Benjamin Höppner und Guido Lambrecht vom Schauspiel Köln dafür gewinnen konnten, Auszüge aus dem Briefwechsel von Heinrich Böll und Lew Kopelew zu lesen. 240 Briefe haben die beiden einander zwischen 1962 und 1982 geschrieben, über den Eisernen Vorhang hinweg – was nur mit Kurierdiensten anderer möglich war. Sie schrieben einander über die Systemgrenzen hinweg von ihrem Alltag, ihrer literarischen Arbeit, versuchten so gut es ging, dem anderen ihre Lebensverhältnisse begreifbar zu machen, in der Bundesrepublik wie in der Sowjetunion. Ihr Dialog ist ein wichtiges Zeugnis von Verständigung im ost-westlichen Gelände und ihrer aktiven Unterstützung für Dissidenten wie Alexander Solschenizyn und Andrej Sacharow.

Ich freue mich auf die Lesung! Und ich freue mich auf Jürgen Tarrach, den Sie bestimmt alle im neuen "Lissabon-Krimi" im Fernsehen gesehen haben, und Ingvo Clauder am Klavier, die den Abend musikalisch begleiten werden.