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Eröffnung des 101. Deutschen Katholikentages

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache bei der Eröffnungsfeier des 101. Deutschen Katholikentages auf dem Domplatz in Münster Münster, 9. Mai 2018 101. Deutscher Katholikentag: Ansprache bei der Eröffnungsfeier auf dem Domplatz in Münster © Jesco Denzel

Zum ersten Mal bin ich als Bundespräsident auf einem Katholikentag – und ich freue mich sehr, heute Abend mit Ihnen und bei Ihnen zu sein. Aber gleichwohl wollen wir an diesem Ort nicht vergessen: Erst vor einem Monat hat sich nur wenige Meter von hier ein wirklich furchtbares Unglück ereignet. Unser aller Gedanken sind, gerade auch an dem heutigen Tage, bei den Opfern und ihren Angehörigen.

Kirchentage, liebe Schwestern und Brüder, sind Feste des Glaubens und damit natürlich auch immer Kraftquellen für uns Christen. Sie sind aber auch wichtige Orte der Selbstverständigung. Sie konfrontieren die Kirchen mit den aktuellen Fragen der Zeit – und die Gesellschaft konfrontieren sie mit Haltungen und Orientierungen, die aus christlicher Überzeugung kommen. Im Austausch, erst in der lebendigen Debatte, wird hier immer wieder deutlich, welche gesellschaftliche Relevanz der Glaube hat oder haben kann.

Als für diesen Katholikentag das Leitwort "Suche Frieden" gefunden wurde, da konnten die Planer nicht voraussehen, wie sehr es zu den ganz aktuellen Debatten passen würde. Ich glaube, wenn ich hier in die Runde schaue: Viele von uns haben gestern Abend vor dem Fernseher gesessen und auf Nachrichten aus Washington gewartet. Ich glaube, ein langfristiger Frieden im Mittleren Osten ist mit der gestrigen Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, einseitig aus dem Iran-Abkommen auszusteigen, jedenfalls nicht wahrscheinlicher geworden. Der Geist des Abkommens, nämlich die Spirale der Eskalation durch den Weg der Verhandlung und der verbindlichen Vereinbarung zu durchbrechen, ist jetzt wieder der Gefahr von noch mehr Konfrontation und mehr Unberechenbarkeit in dieser ohnehin so spannungsgeladenen Region gewichen. Friedensdiplomatie – das ist meine Meinung – hat gestern Abend einen schweren Rückschlag erlitten. Und das ist bitter in einer Zeit, in der wir sie brauchen – dringender denn je.

Aktuell ist das Motto "Suche Frieden" aber nicht nur in der Weltpolitik, sondern auch in unserem eigenen Land. Wo müssen wir in unserer Gesellschaft Frieden suchen, Frieden erhalten, noch mehr Frieden stiften?

Ich will zuerst eine gute und ermutigende Entwicklung nennen: Ich meine die selbstverständliche ökumenische Gemeinsamkeit unter Christen, die man noch vor einiger Zeit vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte. Sogar das Reformationsjubiläum im letzten Jahr war kein Anlass zu neuerlichem Streit. Katholiken und Protestanten haben sich vielmehr auf das Gemeinsame besonnen, das im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer mehr entdeckt werden konnte. Immer mehr ist klar geworden: Ökumene ist keine Nebensächlichkeit. Das Zeugnis der Christen in Politik und Gesellschaft, gerade das für Frieden, ist praktisch nur noch als gemeinsames glaubwürdig. Soviel, denke ich, kann ich auch als Bundespräsident dazu ruhig sagen.

Nicht als Bundespräsident, sondern als bekennender evangelischer Christ, der in einer konfessionsverschiedenen Ehe lebt, darf ich hinzufügen, was ich in Rom auch Papst Franziskus sagen konnte: Ich bitte um die Offenheit für weiteres ökumenisches Zusammenwachsen. Und hier auf dem Katholikentag möchte ich bitten: Lassen Sie uns Wege suchen, den gemeinsamen christlichen Glauben auch durch gemeinsame Teilnahme an Abendmahl und Kommunion zum Ausdruck zu bringen. Ich bin mir sicher: Abertausende Christen in konfessionsverschiedenen Ehen hoffen darauf.

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt ganz aktuell auch Streit und Auseinandersetzung wegen religiöser Überzeugungen oder religiöser Symbole. All das, so glaube ich, hat zu tun mit einer Sehnsucht bei vielen in unserem Land nach Identität, nach Orientierung, nach Halt im Strom einer rastlosen Zeit. Das müssen wir ernst nehmen. Dass unser Land zutiefst christlich geprägt ist, dass wir uns selber und unsere Kultur ohne unsere christliche Geschichte nicht verstehen können, das ist für mich selbstverständlich. Auch christliche Kirchen und christliche Symbole wie das Kreuz sind in unserem Land im öffentlichen Raum selbstverständlich. Aber wir wissen auch: Was sonntags in den Gottesdiensten fehlt, das kann das Kreuz im Behördeneingang nicht füllen.

Zur Herausbildung unserer gemeinsamen kulturellen Identität gehörte auch das jahrhundertelange Ringen um das rechte Verhältnis von Kirche und Staat, Religion und Gesellschaft. Die heutige Trennung beider Bereiche, wie sie das Grundgesetz vorsieht, gehört aus meiner Sicht historisch gesehen zu den segensreichsten und friedensstiftenden Errungenschaften, die wir haben. Der Staat hat die Religion nicht zu bevormunden, er hat sie nicht in Dienst zu nehmen und er darf sie nicht zum Instrument von Politik machen.

Die Freiheit der Religion, so wie das Grundgesetz sie versteht, die Bekenntnisfreiheit, gibt jedem Menschen auch das Recht, religiöse Symbole – auch im öffentlichen Raum – zu tragen. Aus ganz aktuellem Anlass sage ich: Bei uns soll kein Jude Angst haben müssen, eine Kippa zu tragen. Antisemitismus in Wort und Tat müssen wir entschieden bekämpfen. Es gibt für Antisemitismus keinen Fingerbreit Verständnis, ob er deutsche Wurzeln hat oder ob er von außen mitgebracht wird. Ich sage Ihnen: Diese Bundesrepublik ist vollkommen bei sich nur dann, wenn Juden sich hier vollkommen zuhause fühlen. Und es ist unsere Verantwortung, dafür zu sorgen.

Religion, das lehrt unsere Geschichte, ist nicht per se friedlich. Ihr Wahrheitsanspruch kann zu aggressiver Selbstbehauptung führen. Aber alle großen Religionen kennen die Selbstverpflichtung zum Frieden. Sie gilt weltweit. Und gerade in einem Land, wo Kreuz, Kippa und Kopftuch in derselben Stadt, im selben Viertel, in derselben Straße zusammentreffen, da haben die Religionen eben eine unabweisbare Verantwortung für den Frieden. Jeder soll in unserem Land nach seinem Glauben leben können und dürfen – ohne Angst, aber auch ohne Machtanspruch.

"Suche Frieden": Das Ringen um Ausgleich und Frieden zwischen zutiefst verschiedenen, ja sogar zerstrittenen Kontrahenten ist mühsam. Das zeigt die Geschichte der Friedensverhandlungen zu Münster und Osnabrück. Aber dieser Frieden ist notwendig. Und, ich bin überzeugt, er ist möglich – nach innen und nach außen! Und das soll die Botschaft dieses Katholikentages sein, die Botschaft aus der Friedensstadt Münster.

Mit dieser guten Botschaft wünsche ich Ihnen allen einen lebendigen, einen spannenden, einen ganz wunderbaren Katholikentag. Herzlichen Dank!