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Verleihung des "Zukunftspreises für Kulturbildung – der Olymp"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache bei der Verleihung des 'Zukunftspreises für Kulturbildung – DER OLYMP' in der Barenboim-Said Akademie in Berlin Berlin, 10. Juli 2018 Verleihung des "Zukunftspreises für Kulturbildung – DER OLYMP" – Ansprache in der Barenboim-Said Akademie © Henning Schacht

"Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer."

Das ist ein Satz, den man nie vergessen sollte. Er geht alle an, die sich fragen, was eigentlich passiert, wenn Kinder entdecken, wie groß die Welt ist – und wenn sie anfangen, den Willen und die Kraft in sich zu spüren, diese Welt, die vor ihnen liegt, zu erobern.

"Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer." Mit diesem knappen, aber genialen Satz beginnt ein deutscher Roman. Heinrich Mann hat ihn geschrieben, den Roman in zwei Teilen über seinen Namensvetter, den französischen König Heinrich IV, "Henri Quatre".

In diesem einen Satz – "Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer" – liegt schon die ganze Spannung, die dann im Folgenden entfaltet wird. Die Spannung eines Lebens, in dem aus einem kleinen Kind schließlich ein großer und bedeutender König wird, der sein Land und später auch ganz Europa zutiefst prägen wird.

Dieser Anfangssatz, dachte ich, passt auf mehrfache Weise zu der Initiative, wegen der wir heute hier versammelt sind: "Kinder zum Olymp". Der Olymp war ja im alten Griechenland nicht nur der Sitz der Götter, sondern auch der höchste Berg.

Kulturelle Initiativen und Projekte, ja Kultur überhaupt, können auf Kinder und junge Menschen auch so "ungeheuer" wirken wie die Berge der Pyrenäen auf den jungen Henri im Roman – nämlich als undurchdringliche Wildnis und zugleich als große Verlockung.

Es ist einerseits richtig: Kultur, oder besser gesagt, die Beschäftigung mit Kultur, das Schätzenlernen von Kultur, das langsame Erobern von dem, was zur Kultur oder zum kulturellen Leben gehört – das ist in der Tat kein Spaziergang, es ist ein Abenteuer. Es gibt Reichtümer, die einem nicht in den Schoß fallen, die man aber auf keinen Fall mehr missen möchte, wenn man sie sich einmal erobert hat – das ist vielleicht die wichtigste Erfahrung in der Beschäftigung mit Kultur.

Aber auf der anderen Seite soll man auch nicht so tun, als sei kulturelle Bildung reine Anstrengung, als sei sie ausschließlich mühsames Training oder schweißtreibende Übung, deren Belohnung erst in weiter Ferne winkt. Im besten Falle erleben wir Kultur wie der kleine Henri die Erkundung seiner Berge, nämlich mit "Mühen und Freuden" zugleich.

Ich bin überzeugt davon: Jeder Mensch, jedes Kind hat ein ganz natürliches Verlangen danach, sich auf irgendeine Weise künstlerisch und kreativ auszudrücken, ob durch Schreiben oder Programmieren, durch Gestaltung, Film oder Foto, durch Musik, Singen oder durch Theater, Performance und Mode – wie auch immer.

Und ich bin auch überzeugt davon, dass jeder Mensch, jedes Kind das natürliche Bedürfnis und die Fähigkeit hat, zu verstehen und zu genießen, was andere gestaltet haben. Und zwar sowohl das, was jetzt gerade in der Gegenwart entsteht, als auch das, was schon früher oder sogar vor ganz langer Zeit geschaffen wurde. Ich glaube: Jeder kann einen Zugang zur Kunst und zur Kultur finden, wenn er nur eröffnet und nicht verstellt wird. Und ich glaube: Durch einen solchen Zugang wird jedes Leben reicher, tiefer und schöner.

Aber es haben nicht alle Kinder und nicht alle jungen Menschen das Glück, in einem Umfeld oder in einer Familie aufzuwachsen, wo dieser Zugang gefunden, wo diese Fähigkeiten gelebt werden können. Deswegen müssen sie – zum Beispiel in Schulen, zum Beispiel in kommunalen Initiativen oder gerade im ländlichen Raum, zum Beispiel in Vereinen – gefördert werden.

Wie ideenreich das geschehen kann, das werden wir alle zusammen gleich vor Augen geführt bekommen. Ich danke allen, die sich immer wieder so unendlich viel Mühe geben, Kindern den Weg zum Olymp zu erschließen. Ich weiß zwar noch nicht, wer die Preisträger in diesem Jahr sein werden. Aber ich bin davon überzeugt: Alle, die hier vertreten sind, hätten es verdient, zu gewinnen.

Ich werde nachher, wie beim Oscar in Hollywood, die verschlossenen Umschläge öffnen und die ersten Preise bekanntgeben. Ich möchte aber noch einmal sagen: Auch wer nicht Erster ist, ist heute kein Verlierer. Im Gegenteil: Ich glaube, dass ich heute unter lauter Gewinnern bin.

Ich bin gespannt, wer gewonnen hat. Und vor allem freue ich mich auf das, was wir von der Abenteuerreise Kultur heute im Verlauf dieses Vormittags noch zu sehen und zu hören bekommen.