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Mittagessen mit dem Präsidenten der Tschechischen Republik

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache beim Mittagessen mit dem Präsidenten der Tschechischen Republik, Miloš Zeman, anlässlich seines Besuchs in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 21. September 2018 Begrüßung des Präsidenten der Tschechischen Republik mit militärischen Ehren – Ansprache beim Mittagessen mit dem Präsidenten der Tschechischen Republik, Miloš Zeman © Jesco Denzel

Ich freue mich, Sie zu sehen, in diesem besonderen Jahr für die Tschechische Republik. Seien Sie ganz besonders herzlich willkommen in Berlin!

Die Tschechen feiern in diesem Oktober 2018 den 100. Jahrestag ihrer ersten Staatsgründung der Tschechoslowakischen Republik.

Deutschland wird im November an das Kriegsende und die Ausrufung der Republik erinnern. Ein paar hundert Meter von hier stand Philipp Scheidemann am Fenster des Westbalkons im Reichstag. Es gibt ein schönes Bild von diesem Augenblick: Scheidemann hält sich mit beiden Händen am Fensterrahmen fest – doch man hat den Eindruck, als stoße er die Fensterflügel weit auf, um das Neue, die Republik, die Demokratie willkommen zu heißen.

Ich weiß, nach vielen Besuchen in Prag, dass der Moment der Freiheit für die Tschechen und Slowaken aufs Engste mit Tomáš Garrigue Masaryk verbunden ist, dem Staatsgründer und ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik. Glaubt man dem Urteil seines von mir sehr geschätzten Zeitgenossen Thomas Mann, dann war Masaryk nicht nur ein außergewöhnlicher Mensch und Staatsmann, sondern mehr noch ein großes Glück für sein Land. Es gab wohl keinen Politiker seiner Zeit, der die Phantasie Manns mehr angeregt hätte:

"Möge seinesgleichen, in welcher individuellen und nationalen Erscheinung nun immer, wieder auf Erden weilen, wenn eine europäische Konföderation nach ihrem gemeinsamen Oberhaupt Ausschau hält", heißt es bei Mann über Masaryk. Ich glaube, wir beide wären wohl mit dieser Wahl einverstanden.

Denn auch Sie selbst, verehrter Herr Staatspräsident, verbindet – wenn ich es richtig verstanden habe – eine besondere, persönliche Geschichte mit Tomáš Masaryk. Es heißt, man habe Ihnen wegen eines Referats über das Buch "Gespräche mit Masaryk" von Karel Čapek den Zugang zu einem Studienplatz verweigert. Eine lobende Erwähnung Masaryks war ebenso wenig opportun wie die Čapeks. Das Referat erfüllte also gleich zwei Tatbestände. Vielleicht erfahren wir beim Essen noch mehr darüber.

Mir scheint, einen besseren, wahrhaftigeren Fürsprecher der Demokratie in Europa als Tomáš Masaryk hat es damals wohl kaum gegeben. Er hielt sie nicht allein für eine Staatsform, sie lebe auch nicht nur von dem, was in den Verfassungen geschrieben stehe, sagte Masaryk einmal im Gespräch mit Karel Čapek. Die Demokratie sei vielmehr eine Lebensanschauung, sie beruhe auf dem Vertrauen in die Menschen, in Menschlichkeit und Menschentum. Sie sei ein Gespräch unter Gleichen, und deshalb sei das demokratische Ideal nicht nur politisch, sondern auch sozial und wirtschaftlich.

Europa hat immer wieder neue Impulse aus Ihrem Land erhalten, es hat vor fünfzig Jahren auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz gehofft, das gewaltsame Ende des Prager Frühlings betrauert und die Samtene Freiheitsrevolution bewundert. Ihnen selbst, lieber Miloš Zeman, liegt das direkte und persönliche Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern Ihres Landes seit Jahrzehnten besonders am Herzen.

Dieses sanfte, aber beharrliche Festhalten an einer Politik mit menschlichem Maß, das ist wohl das tschechische Erbe des vergangenen Jahrhunderts. Wir sollten es gemeinsam bewahren.

Erfreulicherweise sind sich die Tschechische Republik und Deutschland heute näher und freundschaftlicher verbunden als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Als Freunde tragen wir gemeinsam Verantwortung dafür, die europäische Dauerkrise zu überwinden, gemeinsame Antworten auf offene Fragen zu finden, vor allem aber dafür, dass Europa eine erneute Spaltung in Ost und West erspart bleibt.

Unsere Freundschaft ist – nach unserer mehr als wechselvollen Geschichte – alles andere als selbstverständlich. Lassen Sie uns gemeinsam dafür arbeiten, dass es so bleibt. Ich will mein Glas erheben auf das Wohl des tschechischen Staatspräsidenten Miloš Zeman, auf die Freundschaft unserer Länder, vor allem aber auf die Menschen in Tschechien und Deutschland und ihre Zukunft in einem freien und demokratischen Europa!