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100 Jahre Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache beim Konzertbesuch mit dem Präsidenten der Republik Polen, Andrzej Duda, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin anlässlich 100 Jahre Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit Berlin, 23. Oktober 2018 100 Jahre Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit – Ansprache beim Konzertbesuch mit dem Präsidenten der Republik Polen, Andrzej Duda, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt © Carsten Koall

Das ist schon ein stolzes Ereignis, das wir begehen: Wir feiern die Wiedergewinnung der polnischen Staatlichkeit und Souveränität vor einhundert Jahren. Und wir tun es mit Musik. Das ist immer eine gute Idee und – Sie werden es gleich hören – in diesem Fall eine besonders schöne.

Gleich das erste Stück, das wir hören werden, führt uns zurück in eine Zeit, in der Politiker Streichquartette komponierten und Komponisten mit Leidenschaft Politik betrieben. Ludwig van Beethoven jedenfalls, der seine Ouvertüre "zur Namensfeier" dem polnischen Fürsten Antoni Henryk Radziwiłł zueignete, war – wie die meisten wissen – ein ungemein politischer Mensch.

Fürst Radziwiłł, ein Wanderer zwischen den Welten, war ebenso sehr Politiker wie Musiker, ein vielbeachteter Komponist, guter Sänger und Cellist, wovon – nebenbei – auch ein Klaviertrio zeugt, das Frédéric Chopin ihm widmete.

Radziwiłł war in Warschau ebenso zuhause wie hier in Berlin. Fast 40 Jahre lang war er verheiratet mit der preußischen Prinzessin Louise Friederike, einer Schwester von Louis Ferdinand von Preußen. Und es heißt, dass es eine außergewöhnlich glückliche Ehe war. Radziwiłł hätte sich eine ähnlich glückliche Verbindung auch für seine Heimat Polen und das Königreich Preußen gewünscht. Eine Personalunion aber stieß in Polen auf wenig Gegenliebe.

Und das sollte niemanden wundern. Polen wollte sich nicht nur aus der Fremdherrschaft befreien und unabhängig werden, die Polen wollten und wollen es auch bleiben! Nach Jahrhunderten von Krieg, Besatzung, Teilung und Fremdbestimmung kennen und achten sie, die Polen, wie kaum ein anderes Volk, den Wert dieser mehrfach, und mit großen Opfern, errungenen und verteidigten Souveränität.

Polen war und ist eine unverzichtbare Stimme in und für Europa. Wir wissen das, seit die erste polnische Verfassung von 1791 Europa einen Weg gewiesen hat: Es war die erste Verfassung, die das Prinzip der Gewaltenteilung vorsah, die allgemeine Rechtsgleichheit anerkannte und Religionsfreiheit garantierte.

Dass die Deutschen den Polen gleich mehrfach in der Geschichte kein vertrauenswürdiger Nachbar waren, das beschämt uns zutiefst. Wie könnten wir an die Gründung der Zweiten Republik erinnern, ohne zugleich an ihr Ende zu denken, an den Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf Polen.

Liebe Gäste aus Polen: Wir haben die Spur der Verwüstung nicht vergessen, die Deutsche durch diese Zweite Republik gezogen haben. Deutschland wird die Verantwortung, die uns aus dieser Geschichte erwächst, nicht vergessen.

Dass wir, heute in diesem Haus, und zwar Polen und Deutsche gemeinsam, die Gründung der Zweiten Polnischen Republik feiern, das ist vor diesem Hintergrund der Geschichte alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es ist eine glückliche Wendung der europäischen Geschichte – eine Wendung, die wir mutigen Männern und Frauen zu verdanken haben, die für die Versöhnung gearbeitet haben und die die Hand ausgestreckt und sie ergriffen haben.

Verehrter Herr Staatspräsident, ich bin von Herzen froh über diese Wendung. Und ich bin dankbar für die Chancen, die sich unseren beiden Ländern nach einer so wechselvollen Geschichte heute bieten. Wir wünschen uns ein freies, demokratisches und selbstbewusstes Polen als Partner bei der gemeinsamen Gestaltung der Zukunft Europas. Und ich wünsche uns allen einen vergnüglichen Konzertabend.