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Gespräch an der Kaffeetafel mit Bürgerinnen und Bürgern aus Chemnitz


Sehr herzlich willkommen an meiner Kaffeetafel, liebe Gäste, liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer!

Zunächst herzlichen Dank Ihnen, liebe Frau Wolfram, dass Sie uns diesen Ort zur Verfügung stellen. Dankeschön für Ihre Gastfreundschaft, umso mehr, weil ich weiß, wie sehr die Chemnitzer dieses Museum schätzen und lieben!

Und einen großen Dank Ihnen, Frau Oberbürgermeisterin, nicht nur dafür, dass Sie mich in Ihrer Stadt begrüßen – sondern auch dafür, dass Sie schon ganz lange im Gespräch sind und "im Gespräch bleiben" mit den Bürgern Ihrer Stadt, gerade zu den schwierigen Themen, und dass Sie damit den Gedanken dieser Kaffeetafel weitertragen. Allerdings habe ich gehört: Bei Ihren Gesprächen gibt es Kaffee und Kuchen erst nach getaner Arbeit.

Liebe Gäste, warum sitzt jetzt der Bundespräsident vor Ihnen?

Vorneweg: Ich bin nicht gekommen, um über Chemnitz zu reden. Oder über "die Chemnitzer". Übrigens auch nicht über Sachsen, oder "die Sachsen".

So wird in den letzten Monaten oft genug geredet oder geschrieben und es trägt nicht unbedingt dazu bei, die Gräben, die es gibt, wieder zu schließen.

Nein, ich bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen. Ich bin gekommen, um zuzuhören, um mit Ihnen darüber zu sprechen, wie wir zusammenleben wollen, und was uns zusammenhält. In "Zugehörigkeit" stecken nämlich zwei Wörtchen: Zuhören und gehört werden. Das ist die Idee der Kaffeetafel!

Ich bin überzeugt: Wir brauchen solche Gespräche, um es denen schwerer zu machen, die mit einfachen Antworten daherkommen.

Ich freue mich, mit Ihnen Gäste an dieser Tafel zu haben, die die unterschiedlichsten Hintergründe, Erfahrungen und Meinungen mitbringen. Diese Begegnung zwischen Bürgern, die der Aufnahme von Flüchtlingen offen gegenüber stehen, mit Bürgern, die kritisch ein Zuviel an Zuwanderung befürchten, die Begegnung zwischen Bürgern, die selbst eine Migrationsgeschichte haben, mit denen, deren Familien immer hier gelebt haben – diese direkte Begegnung ist notwendig.

Natürlich hat mich bewegt, was in den letzten Wochen in Chemnitz passiert ist. Ganz hier in der Nähe ist einer Ihrer Mitbürger getötet worden. Eine solche Gewalttat erschüttert eine Stadt. Meine Anteilnahme gilt zuallererst der Familie des Opfers.

Natürlich: Diese schwere Straftat muss geahndet werden – so wie jede andere auch, gleichgültig von wem sie begangen wurde. Aber eins ist klar: Der Staat, und nur der Staat, ist für Sicherheit und Strafverfolgung zuständig!

In die Trauer über diese Tat hat sich Wut gemischt, bei manchen auch Ungehaltenheit. Aber eine Grenze ist überschritten worden, als die aufgewühlte Stimmung missbraucht wurde, um Hass auf Ausländer zu schüren, verfassungsfeindliche Symbole zu zeigen und Gewalt auf die Straßen zu tragen. Die Aufdeckung und ersten Ermittlungen über die rechtsterroristische Gruppe "Revolution Chemnitz" zeigen doch, welche ungeheure Gefahr in solchen Grenzüberschreitungen steckt!

Für unsere Runde sage ich ganz bewusst vorneweg: Es gibt kein Thema, über das wir nicht sprechen können. An diesem Tisch kann alles auf den Tisch. Ich halte entschieden dagegen, wenn Leute so tun, als ginge das nicht. Jeder kann in Deutschland seine Meinung sagen, und auch seine Unzufriedenheit äußern, ohne andere herabzuwürdigen, auszuschließen oder zu bedrohen, ohne Hetzern oder Verfassungsfeinden hinterherzulaufen. Diese Grenzen muss jeder von uns ziehen!

Ich weiß auch: Mit Reden allein sind die Probleme noch nicht gelöst. Weder in Chemnitz, noch irgendwo anders in Deutschland. Aber Dialog muss der Anfang sein. Man muss bereit sein, an den Tisch zu kommen, damit die Dinge auf den Tisch kommen. Denn: die Unterschiede, die Gegensätze, die Konflikte, sie werden bleiben. Sie gehören zu einer freiheitlichen Gesellschaft – wir müssen sie aushalten und aushandeln.

Lassen Sie uns das heute doch mal versuchen!

Es gibt keine Aufsicht und keine Themenvorgaben, aber ein paar einfache Regeln habe ich schon mitgebracht:

Jeder Gesprächspartner verdient Respekt. Alle gehen respektvoll und wertschätzend miteinander um.

Wir wollen streiten, aber einander in die Augen schauen! Und zwar gerade denen, die ganz anderer Meinung sind und mit denen wir wahrscheinlich sonst nicht reden würden.

Jedem wird aufmerksam zugehört und jeder darf aussprechen.

Es geht nicht ums Rechthaben oder Rechtbehalten. Es geht um Lösungen.

Ich freue mich auf unser Gespräch!