Navigation und Service

Bundespräsident Johannes Rau im Interview mit dem ARD-"Bericht aus Berlin" am 28. März 2003

Thomas Roth:Herr Bundespräsident, Wenn Sie all diese Bilder vom Krieg sehen, diese schrecklichen Bilder, was empfinden Sie denn da persönlich?

Bundespräsident:
Zuerst einmal natürlich Erinnerungen an den Krieg, den man selber erlebt hat. Ich gehöre ja zu denen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, und die Bombenhagel und Luftschutzkeller und Verletzte und Tote erlebt haben. Und ich denke dann, die Bilder vom Krieg, die ich jetzt sehe, sind wahrscheinlich nicht einmal die Bilder der Wirklichkeit, sie sind nur ein Ausschnitt. Da ist schrecklich viel Leid, man wünscht sich, dass dieser Krieg nicht zu lange dauert, dass er bald zu Ende geht, zumal er ja ein Volk trifft, das in 25 Jahren drei Kriege durchzustehen hatte und das unter einem Diktator leidet, der auch in Friedenszeiten alles getan hat, um die Menschen zu demütigen, zu erniedrigen und in Armut und Abhängigkeit zu halten.

Thomas Roth:
Ganz direkt gefragt, Herr Bundespräsident: Ist dieser Krieg gerechtfertigt, ja oder nein?

Bundespräsident:
Ich gehöre zu denen, die eine andere Lösung für angemessen and für richtig und für erfolgversprechend gehalten haben. Aber jetzt ist er da, dieser Krieg, und -

Thomas Roth:
Ist er gerechtfertigt, ja oder nein? Können Sie das beantworten?

Bundespräsident:
Nein, nein, das kann ich so nicht beantworten, denn die Lehre vom gerechten Krieg, die dahinter steht, die hatte Konditionen, die heute gar nicht mehr gelten. Und sowohl der Papst als auch die evangelischen Kirchen sprechen nicht mehr vom gerechten Krieg.

Thomas Roth:
Ich sagte "gerechtfertigt". Hintergrund ist natürlich, was auch viele Völkerrechtler sagen -

Bundespräsident:
Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, Sie müssen nur wahrnehmen, worauf ich hinaus will. Und ich will darauf hinaus, niemand in Deutschland hat diesen Krieg gewollt. Die Menschen in Europa wollen ihn sowenig wie die Menschen in den übrigen Erdteilen, und deshalb muss er bald zuende gehen. Gerechtfertigt ist, dass Saddam Hussein abrüsten muss, und dass er die UNO-Resolution befolgen muss. Und ich gehöre zu denen, die einen anderen Weg für erfolgversprechender gehalten hätten, und darum will ich jetzt nicht nachträglich über diesen Krieg philosophieren im Blick auf die Rechtfertigung dieses Krieges, weil ich eine andere Lösung für richtig gehalten hätte, aber nicht jetzt die Schlachten von gestern schlage, denn jetzt leiden da Menschen, und zwar Iraker, Amerikaner und Briten, und es ist kein Ende abzusehen.

Thomas Roth:
Herr Bundespräsident, wir werden ja am Wochenende in Deutschland, in Berlin, aber auch in vielen anderen europäischen Hauptstädten, vielleicht oder auch weltweit, vermutlich sogar weltweit, wieder viele, viele tausend Menschen auf den Strassen sehen, um gegen diesen Krieg zu protestieren. Wie sehen Sie das?

Bundespräsident:
Ich bin danach von jungen Menschen gefragt worden, und ich habe gesagt: Geht hin. Das ist eine ganz andere Generation, das sind nicht die Achtundsechziger, das sind alle Generationen, die sich da beteiligen, und dann habe ich gesagt: "Aber achtet darauf, dass die Demonstration deutlich macht, welche Sorgen Ihr habt und welche Ängste Ihr habt, und achtet darauf, dass nicht Hass gepredigt wird bei den Demonstrationen. Weder antiamerikanisch noch antiislamisch noch antiisraelisch. Es geht nicht um was "anti", sondern es geht darum, dass wir diese Welt mit friedlichen Mitteln zueinander bringen müssen, und wenn die Demonstrationen das deutlich machen, dann finde ich das richtig, denn es hat mal jemand gesagt "die Demonstrationsrecht ist die Pressefreiheit des kleinen Mannes". Da gibt es sicher auch gelegentlich mal Menschen, die die falschen Plakate zeigen. Es darf nicht "anti" sein, sondern es muss "pro" sein.

Thomas Roth:
Als Staatsoberhaupt, das Sie bei uns ja sind, als Bundespräsident mischen Sie sich nicht in die Tagespolitik ein. Trotzdem die Frage: der Kurs der deutschen Regierung ist "keine Beteiligung an diesem Krieg, keine deutsche Beteiligung an diesem Krieg im Irak". Halten Sie das für richtig?

Bundespräsident:
Ich habe das immer für richtig gehalten, habe das auch immer gesagt und hinzugefügt, dass ich die Haltung der anderen respektiere und nicht in Kriegswilligkeit ummünze. Denn es ist das gute Recht von politischen Parteien, unterschiedliche Positionen wahrzunehmen. Ich selber habe immer dafür gestritten, dass friedliche Mittel eingesetzt werden. Ich habe das auch nach dem 11. September 2001 getan, als es ja auch diese Demonstrationen gab, die damals die Amerikaner stützen wollten. Und ich widerrede und widerrate dem Gerede von einer europäisch-amerikanischen Feindschaft. Die Regierungen haben unterschiedliche Meinungen, aber es gibt keine Feindschaft zwischen den Völkern. Denn die Menschen demonstrieren überall.

Roth:
Trotzdem ist das Verhältnis, ich sage mal neutral, zumindest schwierig inzwischen zur amerikanischen Regierung oder zwischen den beiden Regierungen, um Sie beim Wort zu nehmen.

Bundespräsident:
Richtig.

Roth:
Frage: Wie kann man dieses Verhältnis wieder verbessern, instandsetzen, reparieren. Denn das beunruhigt ja viele Menschen, die zwar gegen diesen Krieg protestieren, andererseits aber auch mit Sorge sehen, dass das Verhältnis zwischen Deutschland - USA mindestens unter Spannung steht, andere sagen beschädigt sei.

Bundespräsident:
Bei den Regierungen ist es sicher beschädigt. Und ich kenne viele, die sich darum bemühen, das wieder auszugleichen, Gesprächsfähigkeit herzustellen und bestehende Gesprächsfähigkeit zu nutzen. Zum Glück gibt es da viele, die das tun. Ich glaube, dass wir nicht den Preis zahlen dürfen, unsere Haltung zu verändern und auf einmal auf die Linie der amerikanischen Administration einzugehen. Nur die Art und Weise, wie wir miteinander reden muss auch davon bestimmt sein, dass im Augenblick Menschen ihr Leben hergeben. Und da ist keine Polemik gefragt, sondern da muss sachgerecht und menschlich miteinander umgegangen werden. Das Wichtigste ist, dass wir erkennen, der Kampf gegen den Terrorismus muss weitergehen. Da ist aber ein anderes Kapitel als das Kapitel Irak. Und bei diesem Kampf um den Terrorismus und gegen den Terrorismus kommt es vor allem darauf an, dass wir zivile Antworten auf die Ursachen des Terrorismus finden. Und da tun wir noch zu wenig. Wir wissen noch zu wenig und wir sagen zu wenig, dass die Terroristen einen Nährboden haben, der sie fördert, der aus Armut und Elend besteht und aus Abhängigkeit. Die Terroristen selber, die sind weder arm noch abhängig. Aber sie finden Nährboden in einer Gesellschaft, die nicht der Gerechtigkeit nachstrebt. Und das muss deshalb bestärkt werden.

Roth:
Herr Bundespräsident, abschließende Frage: Könnte es sein, dass auf Grund dieser bewaffneten Auseinandersetzung im Irak auch das Zusammenleben auch bei uns in der Bundesrepublik zwischen den muslimischen Mitbürgern und den Mitbürgern anderen Glaubens gefährdet sein könnte?

Bundespräsident:
Die Sorge habe ich schon seit dem 11. September 2001 gehört und gehabt. Und ich bin froh darüber, dass es keinen Anlass zu dieser Sorge gibt, dass hier niemand so tut, als gehe es hier um einen Kampf gegen die Muslime oder dass hier Muslime glauben, sie müssten sich gegen die westliche Zivilisation richten. Natürlich gibt es immer Fundamentalisten. Die gibt es unter Muslimen, Christen und Juden. Und der Fundamentalismus ist der Feind des Glaubens. Und darum ist das Zusammenleben bei uns zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen so wichtig und so entscheidend. Und zum Glück gelingt es in den meisten Fällen, und wo es nicht gelingt, da muss der Staat Härte zeigen.

Roth:
Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Herr Bundespräsident.