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Interview von Bundespräsident Horst Köhler mit der Schwäbischen Zeitung. Die Fragen stellten Joachim Umbach, Herbert Beck und Sabine Lennartz

Bundespräsident Horst Köhler, Karlheinz Böhm und weibliche Auszubildende in Böhms Ausbildungszentrum seiner Stiftung "Menschen für Menschen" in Harar Leutkirch, 29. Oktober 2005 Foto: Andrea Bienert, bpa © Foto: Andrea Bienert, bpa

Schwäbische Zeitung: Herr Bundespräsident, Sie haben die Initiative "Partnerschaft mit Afrika" ins Leben gerufen. Weshalb stellen Sie diesen Kontinent so stark in den Vordergrund?

Horst Köhler: Ich bin während meiner Arbeit beim IWF regelmäßig nach Afrika gereist. Dort habe ich erlebt, wie Menschen mit unvorstellbarer Not, mit Chaos und Hunger fertig werden müssen und dabei doch mit großer Würde ihr Schicksal zu meistern versuchen. Das hat mich gefesselt, und mir ist klar geworden: dieses Afrika dürfen wir nicht fallen lassen.
Ich habe deshalb auch in meiner Antrittsrede gesagt, die Menschlichkeit unserer Welt entscheide sich am Schicksal Afrikas. Dabei bleibe ich.

Schwäbische Zeitung: Wer sind für Sie verlässliche Ansprechpartner, um sowohl politische wie auch gesellschaftlich zwingende Reformen anzustoßen?

Horst Köhler: Wissen Sie, im Grunde gibt es tausend Afrikas, und selbst da, wo die Not am größten ist, gibt es immer auch Zeichen der Hoffnung. Und es gibt überall auf dem Kontinent auch verantwortungsvolle Reformer, die wissen, dass es vor allem auf die Afrikaner selber ankommt. Sie finden sie in Führungsverantwortung, aber Sie finden sie auch und ermutigenderweise in wachsender Zahl in der Bevölkerung selbst. Da wächst etwas, was wir Zivilgesellschaft nennen. Ich denke da an die vielen Frauen, die sich um Kleinkredite kümmern und Genossenschaften gründen. Ich denke auch an afrikanische Wirtschaftsvertreter, die wissen, sie müssen etwas anbieten, um in der Welt des globalen Wettbewerbs zu bestehen. Es geht darum, diese Menschen zu finden und zu bestärken. Das ist der Weg vorwärts.

Schwäbische Zeitung: Ist der Kreis dieser Menschen schon groß genug, um diese 1000 Afrikas voranzubringen?

Horst Köhler: Ich weiß es nicht, und ich glaube, es ist jetzt gar nicht so wichtig, die Zahl dieser Menschen zu messen. Wichtig ist: Es gibt sie, und sie arbeiten daran und haben Ideen, wie sie sich selber helfen wollen, und wir haben eine Verantwortung, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten. Da ich ein grundoptimistischer Mensch bin, glaube ich auch, dass gute Ergebnisse erreichbar sind. Aber ich will ehrlicherweise sagen, es wäre vermessen zu behaupten, dass sich die Dinge in Afrika nur in eine Richtung, nämlich positiv, entwickeln werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir noch viel harte Arbeit leisten. Wir brauchen auf der einen Seite die Einsicht in Afrika, an sich selber zu arbeiten, und wir brauchen auf der anderen Seite die Fortsetzung von Entwicklungsarbeit, die aber ehrlicher ausfallen muss als bisher. Wenn das nicht zusammen kommt, sind auch düstere Szenarien vorstellbar.

Schwäbische Zeitung: Was muss an der Entwicklungshilfe ehrlicher werden?

Horst Köhler: Ich verstehe darunter, Unterstützung zu leisten, die dazu dient, Armut wirklich zu überwinden - und nicht vorwiegend, eigene Wirtschafts- und Handelsinteressen zu bedienen. Zu einer ehrlichen Entwicklungsarbeit gehört aber auch Strenge. Wir müssen Fortschritte bei Demokratie, der Einhaltung von universellen Menschenrechten und guter Regierungsführung verlangen, ohne allerdings damit zugleich den Anspruch auf eine Kopie des westlichen Systems in Afrika zu erheben. Und wir müssen aus 40 bis 50 Jahren sehr gemischter Ergebnisse von entwicklungspolitischer Zusammenarbeit Schlussfolgerungen ziehen. Eine davon ist, dass eben leider auch Hilfsgelder in falsche Kanäle geflossen sind oder nicht gut angelegt werden. Wir müssen deutlich machen, dass wir nicht akzeptieren, wenn Hilfsgelder in den Taschen von Politikern und Staatsbeamten landen. Deshalb kommt es auch darauf an, dass die Afrikaner selber an ihren Fehlern arbeiten, dass sie dafür kämpfen, Misswirtschaft und Korruption zu beenden. Und bei uns muss die Beteiligung an Korruption aufhören. Auch dürfen wir Afrika nicht nur als Rohstofflieferanten verstehen.

Schwäbische Zeitung: Sie haben ermahnt, wir dürften Afrika nicht nur unser System von Demokratie überstülpen. Aber kann es ohne demokratische Systeme auch Wohlstand und Entwicklung geben? Kann man gewährleisten, dass auch in anderen Systemen das Geld in die richtigen Kanäle geht?

Horst Köhler: Die Demokratie ist nicht vollkommen, aber es gibt nun mal nichts Besseres. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Demokratie auch für Afrika der beste Weg ist. Aber wir sollten uns hüten, den Afrikanern für ihren demokratischen Weg Vorschriften zu machen. Es gibt auch in der westlichen Welt verschiedene Ausprägungen von Demokratie. Es gibt auch unterschiedliche Ausprägungen der Marktwirtschaft. Wir dürfen den Afrikanern das Recht auf ihren eigenen Weg nicht absprechen, damit sie ihre eigene Überzeugung, ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigene Kultur einbringen können.

Schwäbische Zeitung: Hat Afrika dazu ausreichend Ressourcen?

Horst Köhler: Die Armut in Afrika konzentriert sich stark in ländlichen Regionen. Deshalb muss bewusst eine Politik definiert werden, wie die afrikanischen Länder zu mehr Ernährungssouveränität kommen. Denn sie haben Land, sie haben Boden, aber sie können sich nicht ernähren. Wir müssen diejenigen in Afrika unterstützen, die dafür sorgen wollen, dass sich dort selber Wirtschaftskreisläufe und wirtschaftliches Denken entwickeln. Dazu gehört zum Beispiel, dass Eigentumsrechte definierbar werden.

Schwäbische Zeitung: Zu Bewertungskriterien der Geberländer gehört der Begriff "good governance". Wie weit müssen Vorgaben gemacht werden? Woran wird der Begriff "good governance" gemessen?

Horst Köhler: Für mich gilt eindeutig, dass der Respekt für universelle Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit nicht verhandelbar sind. Aber wenn es darum geht, die Art des Parlamentarismus zu bestimmen, die Art eines Regierungsaufbaus, sollten die Afrikaner ihren eigenen Weg finden.

Schwäbische Zeitung: Bekommt die Afrika-Diskussion eine neue Qualität durch die zunehmende Zahl von Flüchtlingen, die nach Europa wollen?

Horst Köhler: Wir sollten die jüngsten Ereignisse in den beiden spanischen Exklaven in Marokko als Warnung verstehen. Wenn wir den Menschen nicht Perspektiven aufzeigen, dass sie im eigenen Land oder auf dem afrikanischen Kontinent eine Chance für ein anständiges Leben haben, werden wir bei uns noch mehr Probleme erhalten.

Schwäbische Zeitung: Der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati hat gesagt, Entwicklungshilfe im bisher üblichen Rahmen sei eine furchtbare Hilfe. Was halten Sie so einem scharfen Kritiker entgegen?

Horst Köhler: Dass man ihn hören soll als klaren Beleg für die Einsicht, dass die Hauptverantwortung für die Lösung der Probleme in Afrika selber liegt, und dass man die Probleme nur von außen auch mit noch soviel Geld nicht lösen kann. Und er hat auch Recht, wenn er sagt, Hilfe darf nicht dazu führen, dass in Afrika kein Bewusstsein entwickelt wird, bei sich selber anfangen zu müssen. Kein Volk der Welt darf auf Dauer zum Hilfsempfänger herabgewürdigt sein.

Ich stimme aber nicht zu, wenn gesagt wird, dass Afrika nicht entwicklungsfähig wäre. Deshalb muss man die Erkenntnis eigener Fehler auf afrikanischer Seite kombinieren mit der Einsicht in die Fehler, die auf unserer Seite liegen. Und ganz wichtig sind der Respekt und die Geduld, die wir aufbringen müssen, damit afrikanische Wege auch ausprobiert werden können.

Schwäbische Zeitung: Sollten die reichen Länder am Ziel festhalten, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialproduktes an Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen? Glauben Sie, dass man dieses Ziel auch erreichen kann?

Horst Köhler: Daran sollten sie festhalten, und das kann man auch erreichen. Allerdings muss dann die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mehr Priorität erhalten in den nationalen Budgets. Zu viele treten wortreich für Afrika ein, aber wenn zu Hause der Haushalt verabschiedet wird, dann bleibt die Entwicklungshilfe dort stehen, wo sie jetzt steht. Wer es mit der Armutsbekämpfung wirklich ernst meint, sollte auch das 0,7-Prozent-Ziel ernst nehmen. Da bleibe ich fest. Die 0,7 Prozent werden hoffentlich bis 2015 erreicht. Damit können wir unsere Glaubwürdigkeit demonstrieren und zeigen: Wir wollen dafür sorgen, dass junge Afrikaner nicht in diesen Zäunen sterben oder im Meer ertrinken müssen.

Schwäbische Zeitung: Aber gibt es nicht auch nachvollziehbare Ermüdungserscheinungen? Viele Menschen spenden seit Jahrzehnten privat, gerade auch in der Vorweihnachtszeit, ohne dass man irgendwo Erfolge merkt?

Horst Köhler: Ich kann nachvollziehen, dass manchen der Glaube verlässt, wenn er Fälle von Verschwendung in Afrika sieht oder von der Korruption hört. Trotzdem sage ich: Wir dürfen um der notleidenden Menschen selbst willen die Hoffnung nicht verlieren, und ich hoffe, dass gerade auch Ihre Zeitung mit Ihrer Spendenaktion und der Berichterstattung dazu beiträgt, das andere Afrika zu vermitteln. Afrika ist mehr als Not und Hunger. Afrika ist die Wiege der Menschheit. Es gibt eine Kultur, die uns viel zu geben hat, es gibt wundervolle Landschaften, deren Erhalt uns alle angeht. Wenn wir diese Aspekte mehr in den Vordergrund stellen und auch über die positiven Beispiele der Entwicklung berichten, dann kann auch in unserer nördlichen Welt das Bewusstsein wachsen, dass Afrika zu den Reichtümern dieses Planeten gehört.

Schwäbische Zeitung: Zu den positiven Beispielen guter Entwicklungshilfepolitik, die privat angestoßen worden ist, gehört sicherlich die Böhm-Stiftung. Was hebt die Arbeit von Karlheinz Böhm von vielen anderen Organisationen ab?

Horst Köhler: Was Karlheinz Böhm über fast 25 Jahre hinweg aufgebaut hat, ist ein wirklich großes Lebenswerk. Er hat ja schon in der Zeit der Diktatur begonnen, und es ist ihm gelungen, unabhängig von den politischen Gegebenheiten Menschen zu helfen. Karlheinz Böhm versteht seine Idee "Menschen für Menschen" im Wortsinn. Er sieht keinen Gewinn darin, Menschen einzuordnen in politische Systeme oder Ideologien. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes, und dafür hat er meinen größten Respekt. Ich war selber im vergangenen Jahr bei ihm in Äthiopien. Meine Eindrücke haben mich darin bestärkt, dass Hilfe für Afrika auf fruchtbaren Boden fällt. Wir haben dort ein Ausbildungszentrum für handwerkliche Berufe besucht. Die Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 20 Jahren hatten einen Augenausdruck von Zukunftsvertrauen, von Freude und Lebensneugier. Wenn Sie sonst nach Afrika kommen, sehen Sie oft in Augen abgrundtiefer Trauer, oder in Augen, in denen alles Interesse erloschen ist. Der Besuch bei der Böhm-Stiftung zeigte mir, dass Afrika nicht verloren ist.

Schwäbische Zeitung: Was bedeutet das konkret auch für Ihre Initiative?

Horst Köhler: Wir dürfen die Menschen hier nicht überfordern mit Leid, Hunger und Tod, auch nicht nur mit der Bitte um Geld. Wir müssen Wege aus der Krise beschreiben, und wir müssen eben auch zeigen, wie vor allem die Frauen in Afrika kämpfen, wie sie ihren Kindern trotz schlimmster Verhältnisse vermitteln, dass es Vertrauen und Zuversicht gibt. Wenn ich das so sehe und es mit den Unzulänglichkeiten vergleiche, mit denen wir uns in Deutschland herumschlagen, dann kommt trotz aller Probleme bei uns Dankbarkeit in mir dafür auf, wie weit wir es gebracht haben und wie schön wir es haben in unserem Land.

Schwäbische Zeitung: Können wir noch Vorbild sein für Afrika?

Horst Köhler: Ich habe ja in diesem Jahr allen ausländischen Botschaftern beim Diplomatenausflug den Bodensee gezeigt. Den afrikanischen Botschaftern hier, die wissen, wie gut es ihnen gemessen an der Realität in ihrer Heimat vielfach geht, habe ich die Geschichte von den Schwabenkindern erzählt und ihnen gesagt: Die Gegend auf der Alb und um den Bodensee war vor nicht allzu langer Zeit noch ein ganz armes Land, und die Menschen haben es hochgebracht, weil sie sich eingestellt haben auf Veränderungen. Die Botschafter haben schon verstanden, warum ich ihnen das erzählt habe.

Pressemitteilung zum Afrikaforum