Navigation und Service

Bundespräsident Horst Köhler hat der Tageszeitung "Die Welt" aus Anlass der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises ein Interview gegeben. Die Fragen stellte Norbert Lossau.

Bundespräsident Horst Köhler mit den Preisträgern 12. November 2005 Foto: bpa © Foto: bpa

Die Welt:Was bedeutet Ihnen der Deutsche Zukunftspreis?

Horst Köhler: Der Deutsche Zukunftspreis gibt mir die Gelegenheit, Anerkennung auszusprechen und Öffentlichkeit zu schaffen für bedeutende wissenschaftliche Leistungen in der Forschung. Mit dem Preis kann ich den Deutschen zeigen, dass es in unserem Land hervorragende Forscher und Leistungen gibt, die weltweit vorbildlich sind. Wir brauchen diese Forscher und ihre Arbeit, um für unser Land eine gute Zukunft zu schaffen.

Die Welt:Was können wir von den Preisträgern des Deutschen Zukunftspreises lernen?

Horst Köhler: Ich habe bei meinen Begegnungen mit ihnen festgestellt: Häufig ist unstillbare Neugier der Ausgangspunkt für eine große Leistung. Hinzu kommt die Begeisterung für das eigene Forschungsprojekt und für die Wissenschaft insgesamt. Alle Preisträger haben Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit bewiesen - die Bereitschaft, an einem Thema länger zu arbeiten, nicht nachzulassen, Schwierigkeiten zu überwinden. Daraus ist etwas Gutes entstanden.

Die Welt:Der Deutsche Zukunftspreis ist mit 250.000 Euro hoch dotiert. Geben wir an anderen Stellen in Deutschland auch genug aus, um Leistungsfähigkeit in der Wissenschaft zu fördern?

HorstKöhler:Ich glaube nicht. Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, die Forschungsausgaben bis zum Jahr 2010 auf drei Prozent des Bruttosozialproduktes zu erhöhen. Wir setzen derzeit etwa 2,5 Prozent unseres Bruttosozialproduktes für Forschung und Entwicklung ein - Staat und Wirtschaft zusammen. Ich halte es für ein Minimum, dass wir das EU-Ziel fristgerecht erreichen. Wir brauchen auch mehr Geld für Bildung, denn gute Bildung und Ausbildung geben uns die beste Gewähr dafür, dass junge Menschen auch eine gute Zukunft haben. Der Rest der Welt bleibt ja nicht stehen. Viele Länder, zum Beispiel die USA, aber auch Japan und die Skandinavier, geben anteilig mehr aus für Forschung und Entwicklung als wir. Deshalb wünsche ich mir, dass die Politik die Kraft findet, hier eine neue Priorität zu setzen. Das heißt: Da wir nicht neue Schulden machen können, müssen wir in der Lage sein, die Mehrausgaben für Forschung und Entwicklung an anderer Stelle einzusparen.

Die Welt:Es ist natürlich nicht leicht, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Menschen in unserem Lande klar zu machen, dass man an dieser Stelle mehr Geld in die Hand nehmen soll. Wie können wir das dem Bürger vermitteln?

HorstKöhler: Das Wichtigste ist, dass wir uns klarmachen, was Leistungsfähigkeit in Forschung und Entwicklung ganz praktisch für unser Leben bedeutet. Deshalb gefallen mir die vielen Veranstaltungen und Ausstellungen zu Wissenschaft und Forschung gerade im Einsteinjahr. Wir gewöhnen uns ja alle schnell an Technik und Innovation, zum Beispiel an das Handy, den Computer, das Internet. Aber machen wir uns auch ausreichend klar, dass all dasLeistungen sind, die einmal in den Köpfen von Forschern und Wissenschaftlern entstanden sind? Wir brauchen mehr öffentliches Bewusstsein für die Leistung von Forschern und Entwicklern und für die Notwendigkeit, ihnen gute Arbeitsmöglichkeiten in den Universitäten und den Forschungsinstituten zu geben. Wir müssen insgesamt günstigere Rahmenbedingungen - auch durch Bürokratieabbau - schaffen. Wer gute Ideen hat, soll auch die Möglichkeit haben, daran zu arbeiten und sie in die Wirklichkeit umzusetzen.

Die Welt:Würden Sie zustimmen, dass es für Deutschland eine Schicksalsfrage ist, dass wir Exzellenz in Forschung und Technologie bewahren?

Horst Köhler:Wir wissen doch, dass unsere Löhne in Deutschland relativ hoch sind, und wir alle wünschen uns, dass wir dieses Niveau halten können. Das gelingt am besten, wenn wir mit unseren Produkten und mit unseren Dienstleistungen so viel besser sind, wie wir teurer sind. Die Möglichkeit dazu haben wir, wenn wir in Bildung, in Forschung, in Entwicklung investieren. Benjamin Franklin hat einmal gesagt: "Investition in Wissen bringt die höchsten Zinsen". Das war nie so wahr wie in der Wissensgesellschaft von heute.

Die Welt:Was kann ein Bundespräsident über den Deutschen Zukunftspreis hinaus tun, um die Wissenschaft in unserem Land zu stärken, die Innovationskraft zu fördern?

HorstKöhler:Er kann alle unterstützen, die Bildung, Wissenschaft und Forschung fördern. Ich glaube, dass wir bei uns viele Talente haben. Jetzt geht es darum, Möglichkeiten zu schaffen, dass sich diese Talente entwickeln können. Und das fängt schon in der Schule, ja im Kindergarten an. Deshalb breche ich gern eine Lanze für die vielen Lehrer und Erzieher, die sich tagtäglich für die Aufgabe begeistern können, die Talente zu fördern und zu unterstützen, die in jedem von uns stecken. Ihre Arbeit ist lohnend.

Wir haben doch allen Grund, auf unsere hervorragenden Forscher und Entwickler stolz zu sein. Ich habe unter ihnen beeindruckende Persönlichkeiten kennengelernt, die sich auch durch Schwierigkeiten nicht entmutigen ließen. Sie haben unsere Anerkennung als Vorbilder verdient.

Die Welt:Was ist denn der größte Hemmschuh, der uns auf dem Weg zur Innovation bremst?

HorstKöhler:Viele gute Ideen finden nicht den Weg zum Geld, das zu ihrer Umsetzung nötig ist. Und oft haben wir es auch mit einem Übermaß an Bürokratie zu tun. Forscher brauchen Freiheit - zum Beispiel darin, wie sie sich selber und ihre Mitarbeiter organisieren. Ich befürworte mehr Autonomie für die Forschungseinrichtungen und die Universitäten. Das schafft Freiheit für kreative Ideen. Wir müssen weiter daran arbeiten, dass die Öffentlichkeit versteht: Was wir in Forschung und Entwicklung investieren, ist eine Investition zum Nutzen Aller, nicht nur der Forscher oder der Wirtschaft. Das Ziel, gute Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung zu schaffen, dient der Verbesserung unseres Lebens und der Sicherung der Arbeitsplätze in unserem Land. Dieses Ziel hat unsere Aufmerksamkeit verdient. So gewinnen wir die Zukunft.

Die Welt:Wenn es den Deutschen Zukunftspreis nicht schon seit acht Jahren gäbe - ich bin mir sicher, Sie würden ihn neu erfinden, Herr Bundespräsident. Wird er in den nächsten Jahren in derselben Konzeption weitergehen oder sind Modifikationen denkbar?

HorstKöhler:Den Deutschen Zukunftspreis wird es auch künftig geben. Das wollen wir mit Unterstützung der Förderer des Preises sicherstellen. Ich möchte dazu beitragen, dass wir noch mehr Öffentlichkeitswirksamkeit für die Leistungen der Forschung in Deutschland erzielen können. Deshalb ist es für mich auch nicht mit der Preisverleihung getan; vielmehr suche ich das Gespräch mit den Preisträgern auch an ihren Wirkungsstätten, um den Dialog zu vertiefen. Ich will dranbleiben am Thema und unseren Forschern signalisieren: Der Bundespräsident will sie nachhaltig unterstützen. Wir müssen unsere Anstrengungen und die Ergebnisse von Forschung und Entwicklung in Deutschland stetig ausbauen. Dann habe ich überhaupt keinen Zweifel, dass wir künftig mit neuer Zuversicht in die Welt schauen können.