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Interview mit Bundespräsident Horst Köhler für das Magazin "Afrika-Wirtschaft" des Afrika-Vereines. Die Fragen stellte Christoph Wirtz.

Bundespräsident Horst Köhler und Alpha O. Konaré sitzen im Vordergrund an einem runden Konferenztisch Berlin, 25. Oktober 2006 Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Afrika-Wirtschaft:Herr Bundespräsident, Sie setzen sich engagiert ein für einen Wandel des Bildes der Deutschen von Afrika. Was wollen Sie erreichen, wie sehen Sie Afrika?

Horst Köhler:Ich will erreichen, dass wir in Deutschland Afrika so sehen, wie es wirklich ist. Dass es eben auch viel Gutes gibt neben dem Schlechten. Dass die Menschen wie bei uns Hoffnungen und Ambitionen haben, sich bemühen und anstrengen. Und dass wir, wenn wir diese Hoffnungen und Anstrengungen in Afrika nicht unterstützen, uns letztlich selber schaden. Wir werden unglaubwürdig gegenüber uns selbst, wenn wir über Werte und die Würde des Menschen reden, und im Grunde aber doch hinnehmen, dass in Afrika vieles im Argen liegt. Besonders junge Leute werden sich mit dieser Unglaubwürdigkeit nicht zufrieden geben.

Afrika-Wirtschaft:Warum liegt Ihnen Afrika so am Herzen? Wie entstand Ihre persönliche Begeisterung?

Horst Köhler:Für mich war der Ausgangspunkt eine längere Afrika-Reise im Rahmen meiner Arbeit beim IWF im Jahr 2000. Die Begegnungen mit den Menschen haben mich tief beeindruckt. Es gibt wirklich unglaubliche Armut und Not in Afrika. Aber gleichzeitig erleben Sie inmitten des Elends die Würde des Menschen: Nicht aufgeben, das Beste aus seiner Lage machen, den Kindern Hoffnung, eine bessere Perspektive geben - auf diese Haltung bin ich oft gestoßen. Gerade die Frauen leisten schier Unglaubliches, und das mit Würde, Verantwortung, einem tiefen Gespür für den Wert von Umwelt und Natur. Wenn man das einmal erlebt hat, dann begreift man erst richtig, auf welch hohem Niveau wir hier in Deutschland jammern.

Afrika-Wirtschaft:Wer Afrika so intensiv begleitet wie Sie das tun - wird der nicht notwendigerweise früher oder später zum Pessimisten?

Horst Köhler:Manches erscheint ausweglos, und es ist nicht immer leicht, den Optimismus zu bewahren. Ich habe aber in Afrika auch unglaublich viel Kreativität erlebt, erfolgreiche Projekte und Menschen, die längst begriffen haben, was sich bei ihnen ändern muss. Aber sie haben eben auch begriffen, was sich im Rest der Welt ändern muss. Und damit sind sie gedanklich schon weiter als viele bei uns. Weit schlimmer noch als Pessimismus ist nämlich Zynismus. Und auf den stoße ich immer wieder - gerade auch in der westlichen Welt, wo zwischen Worten und Taten ein großer Unterschied besteht. Und koloniale Denk- und Handlungsstrukturen sind eben noch nicht überall überwunden. Trotzdem: Ich bleibe zuversichtlich, dass sich am Ende in der ganzen Welt die vernünftigen Kräfte durchsetzen. Es ist auch zu unserem Nutzen, dass es in Afrika besser geht, und es lohnt sich, dafür einzutreten.

Afrika-Wirtschaft:In Ihrer Antrittsrede haben Sie gesagt: "Die Menschlichkeit der Welt entscheidet sich am Schicksal Afrikas." Sind sich die Menschen im Norden, in Deutschland dessen bewusst?

Horst Köhler:Ich weiß doch, dass jeder seine eigenen Sorgen hat. Aber durch meine vielen Begegnungen weiß ich auch, dass das Schicksal der Afrikaner den Deutschen nicht gleichgültig ist. In unserem Land ist ein hohes Maß an Solidarität vorhanden, im Inneren wie nach Außen. Vor allem junge Menschen sind bereit, ganz konkret anzupacken. Mehr und mehr Deutsche erkennen, dass die Schablone, in Afrika sei alles nur schlecht und hoffnungslos, einfach nicht stimmt.

Afrika-Wirtschaft:Mit abnehmendem Wohlstand sinkt hierzulande die Bereitschaft, sich für die Belange des Südens einzusetzen. Wie erklären Sie einem deutschen Arbeitslosen, dass soziale Fragen im Weltmaßstab zu lösen sind?

Horst Köhler:Vielleicht weiß ein Arbeitsloser besser als manch anderer, was Not und Perspektivlosigkeit bedeuten. Wichtig ist, dass wir uns in Deutschland bewusst machen: Es ist einfach die klügere Politik, Afrika zu unterstützen. Selbst wenn wir es wollten - vergessen können wir Afrika nicht. Umweltprobleme, Migration, politische Instabilität in Afrika betreffen uns hier in Europa ganz konkret. Der Tropische Regenwald in Zentralafrika schützt unser Klima. Jeden Tag sehen wir Bilder von Flüchtlingen, die versuchen, nach Europa zu kommen, und sie werden nicht weniger, sondern mehr. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die sogenannten "Failed States" in Afrika zu Ruhe- und Vorbereitungszonen für Terroristen werden. Also: Es gibt eine wechselseitige Abhängigkeit. Übrigens auch im positiven Sinne, denken Sie nur an Afrikas Rohstoffreichtum.

Afrika-Wirtschaft:Die Entwicklungshilfe für Afrika wird inzwischen auch aus Afrika selbst verstärkt kritisiert. Sie schaffe Passivität, fördere Abhängigkeit und Korruption - was halten Sie dem entgegen?

Horst Köhler:Natürlich gibt es Misswirtschaft, Nepotismus, Korruption. Das muss man in aller Klarheit benennen und darf es nicht akzeptieren. Wir müssen darauf bestehen, dass in Afrika Kriterien ordentlicher Regierungsführung eingehalten werden, dass afrikanische Regierungen bei Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und konsequenter Bekämpfung der Korruption an ihrem Handeln gemessen werden.

Ich glaube auch, dass wir gut beraten sind, dabei auf die vielfältigen Stimmen aus der afrikanischen Zivilgesellschaft zu achten. Dort gibt es wirklich positive Entwicklungen. Die Menschen erheben zunehmend ihre Stimme und verschaffen sich Gehör. Dabei müssen wir ihnen helfen. Denn in jedem Fall wird die Entwicklung Afrikas nur dann positiv verlaufen, wenn wir afrikanischen Wegen und afrikanischen Ideen Raum und Unterstützung geben und nicht als Besserwisser von außen kommen. Wir wissen es nämlich keineswegs besser.

Afrika-Wirtschaft:Weltbankchef Paul Wolfowitz hat kürzlich die Korruption zur größten Gefahr für die Demokratie seit dem Ende des Kommunismus erklärt. Stimmen Sie dem zu?

Horst Köhler:Es kommt sehr darauf an, was man unter Korruption versteht. Es gibt in Afrika und in anderen Armutsregionen eine Korruption - ich nenne sie mal "kleine Korruption" - die entsteht, weil die Leute schlicht nicht wissen, wie sie anders an Nahrungsmittel kommen und sich durchschlagen sollen. Dieses Verhalten ist von "großer Korruption" zu unterscheiden. Und da geht es um Bestechungen bei großen Wirtschaftsverträgen oder um die Umleitung von öffentlichen Geldern in die Taschen von Staatsbediensteten oder Politikern. Vor allem diese Korruption untergräbt die Demokratie. Und gerade bei dieser Korruption sind oft - viel zu oft - Kräfte von außen beteiligt und sogar initiativ. Auch Geschäftsleute aus dem Westen legen wahrlich nicht immer die Haltung des ehrlichen Kaufmanns an den Tag. Und ich glaube auch, dass bis in die jüngsten Tage hinein Lieferverträge für Rohöl aus afrikanischen Ländern bestehen, bei denen zu wenig von diesem Reichtum den afrikanischen Völkern zu Gute kommt.

Afrika-Wirtschaft:Wie sollten wir, ganz konkret, der Korruption begegnen?

Horst Köhler:Am wichtigsten ist Transparenz. Die afrikanische Zivilgesellschaft muss in die Lage versetzt werden, die Korruption selbst zu erkennen. Bitte bedenken Sie, dass das Thema Korruption in Afrika lange schon diskutiert und benannt wurde, bevor der Westen sich das zum Thema gemacht hat. Nur hat man den Afrikanern schlicht nicht zugehört. Besser Zuhören, das ist ein Schlüsselkriterium für eine gute entwicklungspolitische Zusammenarbeit. In Fällen, in denen wir feststellen, dass westliche Firmen an unfairen Verträgen beteiligt sind, sollten wir dies öffentlich machen und beim Namen nennen. Wir haben schon seit vielen Jahren UN- und OECD-Richtlinien gegen die Korruption, aber ich habe nicht den Eindruck, dass die Regierungen außerhalb Afrikas mit großem Ehrgeiz auf die Einhaltung dieser Richtlinien achten.

Afrika-Wirtschaft:Streitbare Entwicklungsexperten aus Afrika behaupten, die Mentalität der Afrikaner selbst trage entscheidend zum Elend auf ihrem Kontinent bei. Sie seien einfach mittelmäßig und untätig.

Horst Köhler:Hier werden Symptome mit Ursachen verwechselt. Wir dürfen nicht vergessen, dass durch Sklaverei, Kolonialismus oder die Stellvertreterkonflikte während des Kalten Krieges viel von den afrikanischen Kulturen und Institutionen kaputt gemacht worden ist. Und jetzt, nachdem die afrikanischen Völker über Jahrhunderte keine Chance hatten, zu sagen, sie scheiterten an ihrer Faulheit, ist zynisch und bequem.

Afrika-Wirtschaft:Sie fordern einen langen Atem und langfristiges Denken hinsichtlich der Entwicklung Afrikas. Ist dieser Kontinent in der galoppierenden Globalisierung nicht eigentlich schon längst abgehängt und verloren?

Horst Köhler:Nein, Afrika hat die Möglichkeiten, sich aus seinem Elend zu befreien. Dafür stehen nicht nur eine Zivilgesellschaft, die sich zunehmend bemerkbar macht, sondern auch beeindruckende Reformpolitiker und tatkräftige Geschäftsleute. Wir beobachten gerade in den letzten fünf bis acht Jahren eindeutige Fortschritte beim Wirtschaftswachstum, in der Bildung und im Gesundheitswesen. Die ganz überwiegende Zahl der afrikanischen Staaten hat auch Fortschritte beim Demokratieprozess gemacht. Natürlich sehen wir auch die Rückschläge, zum Beispiel in Côte d'Ivoire oder Darfur, aber insgesamt überwiegen die Fortschritte.
Setzen wir also auf die Reformkräfte in Afrika. Man kann sie ohnehin nicht mehr ignorieren. Die Afrikaner besinnen sich auf ihre eigenen Kräfte. Das sollte uns freuen und uns veranlassen, eine echte Partnerschaft mit Afrika zu entwickeln. Mit seinem Rohstoffreichtum hat Afrika prinzipiell eine gute Perspektive.

Afrika-Wirtschaft:Hat die deutsche Wirtschaft das ökonomische Potential Afrikas voll erkannt?

Horst Köhler:Ich denke, nein, und ich stelle fest, dass zum Beispiel China nicht nur Rohstoffe aus Afrika bezieht, sondern inzwischen zunehmend auch Produkte nach Afrika liefert, wie Mopeds, Haushaltsartikel und ähnliches. Die Chinesen sind auch bei fast jeder Ausschreibung für Infrastrukturprojekte dabei. In Deutschland wird derweil gewogen und hin- und hergeredet, weil alles zu unsicher sei. Ich wünschte mir da deutlich mehr unternehmerische Risikobereitschaft. Auf Dauer wird sich das auszahlen!

Afrika-Wirtschaft:Verliert Deutschland durch das zunehmende asiatische Engagement auf dem afrikanischen Kontinent an politischer Bedeutung für die Afrikaner?

Horst Köhler:Das kann man nicht ausschließen. Der chinesische Präsident Hu beraumt eine chinesisch-afrikanische Konferenz an - und alle afrikanischen Führer gehen hin. Die Europäer haben das so noch nicht geschafft. Mit unserer Zögerlichkeit übersehen wir langfristige politische und ökonomische Perspektiven.

Afrika-Wirtschaft:Wo sehen Sie konkret unausgeschöpftes Potential für die deutsche Wirtschaft in Afrika? In welchen Bereichen wünschen Sie sich mehr Verantwortung?

Horst Köhler:Eindeutig bei dem Weg von der Rohstoffexploration zur Verarbeitung und bei Infrastrukturprojekten, einschließlich Energieversorgung, Gesundheitswesen sowie Bildung und Ausbildung. Es sitzt hier in meinem Amtszimmer kein afrikanischer Besucher, der nicht glaubt, die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland könnten massiv ausgebaut werden.

Afrika-Wirtschaft:Welchen Ruf hat die deutsche Wirtschaft in Afrika?

Horst Köhler:Einen guten Ruf. Man schätzt unsere Zuverlässigkeit. Und wir stehen nicht im Ruf, kolonialem Denken verhaftet zu sein. Insgesamt hat Deutschland gute Aussichten, ein fairer Partner zu sein. Nutzen wir unsere Chancen!

Afrika-Wirtschaft:Deutschland hat im kommenden Jahr die Gelegenheit, seine EU-Präsidentschaft und den G8-Vorsitz zu nutzen, um Afrika erneut auf die Agenda zu setzen. Was wünschen Sie sich von der Bundesregierung?

Horst Köhler:Ich wünsche mir zunächst, dass die Bundesregierung das Thema Afrika auf der Agenda belässt. Denn dort ist es bereits, und wir sind heute viel weiter als noch vor 10 Jahren. Für unsere Europäische Präsidentschaft wünsche ich mir, dass weiter an der europäischen Afrikastrategie gearbeitet wird, nicht zuletzt in der Frage der Fairness im Handel gegenüber Afrika. Wir Europäer haben da nicht nur eine geografische und historische, sondern auch eine moralische Verantwortung. Zweitens: Die Europäische Union gibt zwar sehr viel Geld für die Entwicklungszusammenarbeit aus. Letztlich aber tut sie das recht ineffizient und ist auch politisch nicht immer konsequent genug. Wir sollten unsere Ressourcen für eine echte politische Vorwärtsstrategie nutzen.

Für den G8-Gipfel würde ich mir wünschen, dass weiter an einem konkreten Konzept für dieeineWelt gearbeitet wird. Es ist nicht mehr möglich, Wohlstand und Frieden zu erhalten, ohne dass Afrika eine positive Entwicklung nimmt. Und es wäre sehr wichtig, dass gerade auch die Staats- und Regierungschefs des Nordens den Afrikanern genau zuhören und sie nicht nur zum Mittagessen und zu einer halben Stunde an den Katzentisch einladen.

Afrika-Wirtschaft:Es gibt Ansätze einer europäischen, bislang aber keine deutsche Afrikastrategie. Sehen Sie da Handlungsbedarf?

Horst Köhler:Ja, da muss noch mehr geschehen. Und es spricht überhaupt nichts dagegen, dies gerade auch mit Frankreich besonders zu besprechen.

Afrika-Wirtschaft:Sehen Sie nicht die Gefahr einer Europäisierung französischer Interessen?

Horst Köhler:Ich bin überzeugt, dass man hier einen gemeinsamen Nenner finden kann und finden muss. Das Thema verdient vertieftes Nachdenken.

Afrika-Wirtschaft:Sind Sie mit der bislang erzielten Aufmerksamkeit für Ihre Initiative "Partnerschaft mit Afrika" zufrieden?

Horst Köhler:Ja. Mein Hauptanliegen ist es, einen Dialog auf gleicher Augenhöhe zu ermöglichen und zu entwickeln. Das schafft Vertrauen.

Afrika-Wirtschaft:Welche Beteiligung würden Sie sich seitens der deutschen Wirtschaft an Ihrer Initiative wünschen?

Horst Köhler:Darüber werde ich noch mal in Ruhe nachdenken. Die Initiative zielt jedenfalls tiefer als darauf, deutsche Wirtschaftsinteressen in Afrika zu fördern. In den ersten Diskussionen wollen wir herausfinden, was heißt das eigentlich: "gleiche Augenhöhe"? Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass wir vielleicht beim dritten Mal ein Wirtschaftsforum angehen. Zum Beispiel zu der Frage unternehmerischer Verantwortung in Afrika.

Afrika-Wirtschaft:Herr Bundespräsident, in diesem Sommer hat die Fußballweltmeisterschaft Deutschland bezaubert und ganz erstaunliche Impulse gesetzt. Erhoffen Sie sich für Südafrika 2010 einen ähnlichen Kraftschub?

Horst Köhler:Natürlich, und ich habe mich sehr darüber gefreut, dass der Deutsche Fußballbund hier beratend zur Seite stehen will. Ich habe keinen Zweifel, dass es auch 2010 eine großartige WM wird. Das wird Afrika einen zusätzlichen Push geben.

Afrika-Wirtschaft:Und können wir dann davon ausgehen, dass Sie nach dem Abpfiff des Endspieles der deutschen Fußballnationalmannschaft in der Kabine zum Sieg gratulieren werden?

Horst Köhler:Wer weiß? Unsere Mannschaft wird es im Endspiel gegen eine afrikanische Nationalmannschaft jedenfalls nicht leicht haben.

Afrika-Wirtschaft:Herr Bundespräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.