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Interview von Bundespräsident Horst Köhler mit der "Bild am Sonntag". Die Fragen stellten Walter Mayer, Michael Backhaus und Martin S. Lambeck.

Porträt Bundespräsident Horst Köhler Berlin, 28. Dezember 2008 Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Die Idee der Freiheit bleibt entscheidend für Verbesserung in der Welt"

BamS:Herr Bundespräsident, in wenigen Tagen beginnt 2009. Diesem Jahr sehen die Bürger mit großem Bangen entgegen. Ist Deutschland auf die ökonomischen Herausforderungen gut vorbereitet?

Horst Köhler:Wir haben ein gutes, solides Fundament. Die Reformen der vergangenen Jahre zahlen sich aus. Es gibt eine neue Bereitschaft zum Miteinander in den Betrieben. Das wird uns helfen.

BamS:Was bereitet Ihnen die größten Sorgen?

Horst Köhler:Mir bereitet Sorge, wenn das Wachstum deutlich negativ wird und dann die Arbeitslosigkeit steigt. Ich freue mich deshalb, dass Großunternehmen beim Gipfel im Kanzleramt das Ziel erklärt haben, die Beschäftigten zu halten. Das spricht für Einsicht in die soziale Verpflichtung unserer Marktwirtschaft. Es spricht auch für wirtschaftliche Vernunft. Die Firmen denken längerfristig und wissen deshalb, dass sie ihre Mitarbeiter brauchen. Schlechtere Zeiten lassen sich auch dazu nutzen, zusätzlich in die Qualifikation der Mitarbeiter zu investieren. Fortbildung mit Blick auf die Zukunft ist klüger als Entlassung aus Panik. Wir können das durchstehen.

BamS:In Großbritannien werden die Steuern gesenkt, in den USA bereitet der neue Präsident Obama ein riesiges staatliches Investitionsprogramm vor. Was ist nach Ihrer Überzeugung am besten geeignet, um Wirtschaft und Arbeitsmarkt in der Rezession zu stützen?

Horst Köhler:Es geht weltweit um Vertrauen, und wir müssen die Nachfrage stützen. Dies muss aber auf die jeweilige Situation in den einzelnen Ländern zugeschnitten sein. In den USA muss zum Beispiel die vernachlässigte Infrastruktur verbessert werden. Das hat Barack Obama erkannt. In Deutschland dagegen können wir froh sein über eine Infrastruktur, die sich sehen lassen kann. Auch wenn es Mängel gibt, zum Beispiel bei Schulen, Universitäten und bei der Breitbandverkabelung. Insgesamt müssen wir unser Binnenwachstum stärken. Das hat auch mit dem privaten Konsum zu tun. Und mit dem Zukunftsvertrauen der Menschen. Vor allem aber müssen all jene motiviert werden, die sich an die Gesetze halten und ihre Steuern zahlen.

BamS:Ist es vertretbar, für eine gewisse Zeit Arbeitsplätzen Vorrang vor dem Klimaschutz zu geben?

Horst Köhler:Wir müssen beides unter einen Hut bekommen - die Bekämpfung der Krise und den Klimaschutz. Ich kann nur dazu raten, den Klimawandel und seine Folgen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene sehr ernst zu nehmen. Deutschland ist hier übrigens technisch Spitze und kann Vorreiter sein. Wenn es uns gelingt, die Naturverbundenheit, die uns Deutschen in der Seele steckt, nachhaltig mit unserer Ingenieurskunst und unserer wirtschaftlichen Effizienz zu verbinden, dann können wir eine Allianz von Ökologie und Ökonomie schmieden, die weltweit etwas bewirkt.

BamS:Der Kölner Kardinal Meisner hat angesichts der Krise vor Verhältnissen wie am Ende der Weimarer Republik gewarnt. Haben Sie ähnliche Sorgen?

Horst Köhler:Ich sehe nicht, dass wir Verhältnisse wie in der Weimarer Republik bekommen. Umso wichtiger ist es, dass die Krise nicht zu massenhaften Entlassungen führt.

BamS:Meisner sagte auch, der Umgang der Banker mit anderer Leute Geld erfülle ihn "mit heiligem Zorn". Erleben wir eine Krise des Kapitalismus, des Gedankens der Marktwirtschaft?

Horst Köhler:Ich unterstelle Kardinal Meisner keine prinzipielle Ablehnung der Marktwirtschaft. Wahr ist aber, dass Verantwortliche in Banken in jüngster Vergangenheit mehr Schaden für die Soziale Marktwirtschaft angerichtet haben, als uns lieb sein kann. Die Menschen fragen sich, wie Entscheidungsträgern, die viel Geld verdient haben, so grobe Fehleinschätzungen unterlaufen konnten. Ich hoffe auf die reinigende Wirkung dieser Krise. Die Verantwortlichen der Finanzwelt müssen über sich und ihr Tun nachdenken und Konsequenzen ziehen. Und wir brauchen international einen neuen Ordnungsrahmen, der solche Fehler in Zukunft ausschließt.

BamS:Haben sich die politischen Führungskräfte in der Krise bisher besser geschlagen als die wirtschaftlichen Eliten?

Horst Köhler:Die Politik hat gezeigt, dass sie ihre Verantwortung kennt und entschlossen handelt. In der Rückschau kann diese Krise der Punkt sein, an dem man feststellt: Die Politik hat neues Ansehen hinzugewonnen. Das fände ich gut.

BamS:Wie lange wird uns die Krise noch beschäftigen. Direkt gefragt: Wird die Krise das beherrschende Thema Ihrer zweiten Amtszeit sein?

Horst Köhler:Diese Krise wird uns bestimmt noch in das Jahr 2010 hinein beschäftigen. Dann werden wir hoffentlich das Gröbste hinter uns haben. Wenn ich für eine zweite Amtszeit gewählt werde, dann werde ich mich weiter dafür einsetzen, dass die Krise systematisch aufgearbeitet wird. Ich finde, es geht auch ordnungspolitisch um Konsequenzen. Die Krise hat Schaden angerichtet für den Gedanken der Freiheit in der Welt. Wir dürfen deshalb nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren, wenn das Schlimmste überstanden ist. Darauf möchte ich achten. Denn die Idee der Freiheit bleibt richtig und entscheidend für Verbesserungen in der Welt. Wir brauchen aber einen klaren Ordnungsrahmen, der Freiheit mit Verantwortung verbindet und auch durchgesetzt wird.

Bams:Die Arbeitnehmer haben jahrelang Lohnzurückhaltung geübt. Jetzt haben wir eine globale Krise, und sie müssen auch noch um ihre Arbeitsplätze fürchten. Ist das gerecht?

Horst Köhler:Man kommt ins Grübeln. Im Rückblick erkennen wir: Die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften in den vergangenen Jahren hat auch eine hohe moralische Qualität. Die Lohnpolitik der Vernunft in den vergangenen Jahren hat gezeigt, dass sich durch gute Sozialpartnerschaft klare Erfolge erzielen lassen, auch am Arbeitsmarkt. Aber: Zu diesem neuen Geist des Miteinanders gehört auch, dass die Arbeitnehmer am Erfolg stärker beteiligt werden. Belegschaften und Geschäftsführungen müssen sich als Team verstehen. Das ist die moderne Zeit.

BamS:Müssen trotz der Krise die Löhne erhöht werden?

Horst Köhler:Es wird keine Motivation für Arbeitnehmer erreicht, wenn sie das Gefühl haben, es geht nicht fair zu. Zurückhaltung darf nicht ausgenutzt werden. Sie muss sich erkennbar lohnen. Je früher das geht, desto besser. Das stärkt das Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft, und das sollen die Beschäftigten auch im Geldbeutel spüren. Für mich gehören dazu auch Gewinnbeteiligungen oder Beteiligungen am Produktivvermögen, wenn dabei das Risiko richtig gestreut ist. Die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der Sozialpartnerschaft sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

BamS: In den 70er Jahren haben Sie gemeinsam mit Ihrer Frau einen Dritte-Welt-Laden eröffnet. Ist die Welt seitdem gerechter geworden?

Horst Köhler:Die Welt ist besser geworden in den vergangenen drei Jahrzehnten, seit wir den Laden gründeten. Die Achtung der Menschenrechte ist vorangekommen, auch wenn es an vielen Orten immer noch krasse Verstöße gegen sie gibt. Aber die Globalisierung hilft uns dabei, einander auf die Finger zu schauen. Zudem: Freiheit und Marktwirtschaft haben hunderte von Millionen Menschen aus bitterster Armut befreit. Und es ist ein Fortschritt, dass wir als Menschheit allmählich begreifen: Wir sitzen alle in einem Boot. Die Menschheit hat bewiesen, dass sie sich positiv weiter entwickeln kann - politisch, sozial, moralisch. So weit waren wir noch nie.

BamS:Herr Bundespräsident, Sie haben vor kurzem das "freundliche Desinteresse" der Deutschen an der Bundeswehr beklagt. Was hat Sie dazu veranlasst?

Horst Köhler:Die Bundeswehr hat einen Prozess erheblicher Veränderung hinter sich: Von der Territorial-Armee hin zur Armee im Einsatz. Unsere Werte können heute nicht mehr nur innerhalb unserer Landesgrenzen verteidigt werden. Nach meiner Überzeugung ist es zwingend, dass wir uns nicht verstecken, sondern dass wir in der globalisierten Welt so präsent sind, wie es unserem Gewicht und unseren Interessen entspricht. Die Deutschen nehmen die Leistung unserer Bundeswehr gerne in Anspruch. Doch nach meinem Gefühl fehlt manchmal die Anerkennung für unsere Soldatinnen und Soldaten. Ich habe deshalb vom freundlichen Desinteresse an der Bundeswehr gesprochen. Daraus muss freundliches Interesse werden, finde ich: echte Anteilnahme in der Bevölkerung an den Sorgen der Soldaten. Die Bundeswehr leistet einen wichtigen Beitrag zur Zukunftssicherung dieses Landes.

BamS:Viele Soldaten lassen sich öffentlich ungern in Uniform sehen, weil sie das Gefühl haben, dass das nicht gut ankommt.

Horst Köhler:Insgesamt besteht ein gutes Verhältnis zwischen Gesellschaft und Bundeswehr. Ich würde es aber begrüßen, wenn neues Interesse an der Bundeswehr dazu führt, dass unsere Soldaten in der Öffentlichkeit wieder mehr Uniform tragen. Ich wurde nachdenklich, als mir bei einem Besuch bei integrierten NATO-Einheiten im polnischen Stettin ein deutscher Offizier erzählte: "Herr Bundespräsident, hier in Stettin gehen wir viel lieber in Uniform aus als in Deutschland. Wir sind gern gesehene Gäste." Das sagt doch was. Und es ist auch ein Kompliment an die Polen.

BamS:Wir feiern im nächsten Jahr den 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Was ist für Sie das wichtigste nationale Symbol des wiedervereinigten Deutschland?

Horst Köhler:Die schwarz-rot-goldene Fahne. Die Menschen sehen ihre Fahne gern. Das merke ich daran, dass sie sie auf Balkonen oder im Garten hissen. Und: Die Nationalhymne wird heute öfter gesungen. Darüber freue ich mich.

BamS:Auf dem Stuttgarter CDU-Parteitag wurde beschlossen, dass die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufgenommen werden soll. Ein richtiges Anliegen?

Horst Köhler:Die deutsche Sprache ist etwas sehr Wichtiges für die Nation. Sie liegt uns allen am Herzen. Und doch sage ich: Manchmal liegt mehr Stärke im Unterlassen als im Handeln.

BamS:Aber in der EU-Bürokratie werden offizielle Dokumente auf Deutsch immer noch verspätet oder gar nicht vorgelegt, obwohl wir den größten Beitrag zahlen. Kann das so bleiben?

Horst Köhler:Nein. Der deutschen Sprache als Amtssprache in multinationalen Einrichtungen sollte entsprechend der Bedeutung des Landes Rechnung getragen sein.

BamS:Herr Bundespräsident, Sie treten am 23. Mai für eine zweite Amtszeit an, und Sie treten zum zweiten Mal gegen Gesine Schwan an. Was mögen Sie an Ihrer Gegenkandidatin?

Horst Köhler:Ich habe zwei Gegenkandidaten: Herr Sodann tritt für die Linkspartei an. Ich kenne beide. Mit Frau Schwan als Polen-Beauftragter der Bundesregierung habe ich sogar schon eine gemeinsame Reise gemacht und mich mit ihr über das deutsch-polnische Verhältnis beraten. Sie hat immer so eine fröhliche Art. Das finde ich gut. Herrn Sodann habe ich bei einer Veranstaltung gleich nach meiner Wahl kennen gelernt. So ist er mir bekannt geworden über seine Rolle als TV-Kommissar hinaus.

BamS:Kanzlerin Merkel und ihren Ehemann, Professor Sauer, kennen Sie gut. Was verbindet das Ehepaar Köhler mit dem Ehepaar Merkel/Sauer?

Horst Köhler:Wir treffen uns. Auch schon mal in Frau Merkels Wochenendhaus in der Uckermark. Da lässt es sich die Bundeskanzlerin nicht nehmen, selber zu kochen. Ich habe immer zu viel gegessen, so gut hat es geschmeckt. Mal gab es Rouladen, mal Fisch. Wir genießen zusammen die Natur. Einmal wollten wir baden und mussten dafür einige Zäune überwinden. War ein Abenteuer.

BamS:In Ihrer ersten Amtszeit hat sich gezeigt: Der Bundespräsident Horst Köhler ist ohne seine Ehefrau Eva Luise kaum vorstellbar. Was hat Ihnen Ihre wichtigste Beraterin für die Zeit bis zur Bundesversammlung geraten?

Horst Köhler:Wir haben gesprochen und sorgsam abgewogen. Sie hat mir gesagt, dass sie mich gern in eine zweite Amtszeit begleiten würde. Und sie hat gesagt: Mach so weiter wie bisher.

BamS:Und wenn Ihre Frau aus guten Gründen von einer zweiten Kandidatur abgeraten hätte?

Horst Köhler:Ich hätte mir das sehr gründlich überlegt. Einen Rat meiner Frau würde ich nicht ignorieren.

BamS:In diesem Sommer haben Sie Ihrer Frau in Warnemünde vor Publikum eine Liebeserklärung gemacht. Und bei Staatsbesuchen sieht man Sie beide häufig Hand in Hand. Wie schaffen Sie und Ihre Frau es, nach all den Jahren frisch verliebt zu wirken?

Horst Köhler:In Warnemünde fragte mich jemand: Wie kommt es, dass Sie so gut mit Ihrer Frau auskommen? Und ich sagte, wie es ist: Weil ich sie liebe. Im nächsten Jahr sind wir 40 Jahre verheiratet. Ich sehe darin ein Geschenk, das uns von Gott gegeben ist. Manchmal staune ich und frage: Was hast Du selber dazu beigetragen?

BamS:Vor knapp zwei Jahren haben Sie eine Enkelin bekommen. Wie oft spielen Sie mit Ihrer Helen?

Horst Köhler:Zu selten. Nur so drei, vier mal im Jahr. Meine Frau organisiert, dass wir wenigstens an Weihnachten, an Ostern und im Sommerurlaub unsere Enkeltochter sehen können. Und diesmal ist sie auch im Winter dabei.

BamS:Was sollen die Menschen dem Kind später einmal über seinen Großvater sagen?

Horst Köhler:Er hat versucht, den Menschen in Deutschland sein Bestes zu geben. Er hat sich angestrengt, die Menschen zu verstehen. Und er hat sich gefreut, wenn die Menschen das Gefühl hatten: Er vertritt sie, er spricht für dieses Land.