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Bundespräsident Horst Köhler hat der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza aus Anlass seines Besuches in Warschau zu Beginn der zweiten Amtszeit ein Interview gegeben. Die Fragen stellte Bartosz Wielinski.

Gruppenbild: Bundespräsident Horst Köhler, Frau Köhler, Präsident Lech Kaczynski und Frau Kaczynska Warschau, 13. Juli 2009 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Ein gemeinsamer Blick nach vorne"

Gazeta Wyborcza: Sie sind 1943 im polnischen Skierbieszów geboren. Damals, in der Kriegszeit, hieß das Dorf Heidenstein. Die Deutschen haben die dortigen polnischen Einwohner zwangsläufig ausgesiedelt und die deutschen Aussiedler, u.a. Ihre Eltern, niedergelassen. Welchen Einfluss auf Ihr Leben hatte Ihre Herkunft?

Horst Köhler:Meine Eltern waren Bessarabiendeutsche, die ihre Heimat nach dem Hitler-Stalin-Pakt verlassen mussten. Sie wurden nach Polen umgesiedelt von den deutschen Besatzern. Dann kam die Flucht vor der Kriegsfront im Osten. Sie endete in der Nähe von Leipzig in der sowjetischen Besatzungszone. Dort lebten wir wieder als Bauernfamilie, bis zur Flucht nach Westdeutschland Ostern 1953. Meine Eltern standen also dreimal im Leben vor dem Nichts. Für mich bedeutet das: Nie wieder darf von deutschem Boden Krieg ausgehen, Anerkennung der deutschen Verantwortung für die Verbrechen der Nazis und Verpflichtung zur Arbeit am europäischen Einigungswerk. Meine Herkunft macht mich empfindsam für die besondere Bedeutung der Beziehungen zwischen Polen und Deutschland und für die Notwendigkeit der deutsch-polnischen Aussöhnung.

Gazeta Wyborcza: Was haben Ihre Eltern über das Leben in Skierbieszów erzählt? Was für eine Erinnerung war es? Mit welchen Gefühlen war es verbunden? (Haben sie vielleicht das Leid der früheren polnischen Bewohner angesprochen? Würden Sie Skierbieszów besuchen?)

Horst Köhler: Meine Eltern waren einfache Leute, die voll damit ausgelastet waren, für eine Familie mit acht Kindern den Lebensunterhalt zu verdienen. Sie sprachen wenig über Skierbieszów; ich spürte, dass es sie Überwindung kostete. Deshalb hakte ich damals nicht nach. Heute bedauere ich das. Wenn ich in meiner zweiten Amtszeit Skierbieszow besuche - und das nehme ich mir gern vor - dann sollte dieser Besuch auch dazu dienen, unseren Blick als Polen und Deutsche gemeinsam nach vorne zu richten und zu fragen, welche Zukunft wir vor dem Hintergrund unserer Geschichte für unsere Kinder und Enkel gemeinsam aufbauen können.

Gazeta Wyborcza: Viele Deutsche, die die gleiche Herkunft wie Sie haben, nennen sich "die Vertriebenen" und beteiligen sich in Vertriebenenverbänden. Sie aber haben mehrmals betont, dass Sie nicht zu dieser Gruppe gehörten. Wieso?

Horst Köhler: Die Geschichte meiner Familie ist von Umsiedlung und Flucht bestimmt, nicht von Vertreibung. Daher fühle ich mich nicht als Vertriebener. Und doch meine ich, ich kann nachvollziehen, was Vertreibung bedeutet.

Gazeta Wyborcza: Ich spreche es an, weil die Vertriebenen in Polen seit Jahren große Besorgnis erregten. Wir fürchteten, dass sie alten Besitz in Westpolen wieder bekommen wollen oder die Geschichte umzuschreiben versuchen. Manche deutsche Politiker nahmen keine große Rücksicht auf diese polnischen Ängste. War das nicht ein Fehler, seinen Nachbarn nicht verstehen zu wollen?

Horst Köhler: Meine Erfahrung ist: Es verleiht Kraft und weitet den Blick, sich in den anderen hineinzuversetzen, zu lernen, wo der andere verletzlich ist, und davor Respekt zu entwickeln. Empfindsamkeit füreinander bringt uns gemeinsam voran. Vielleicht wird in Deutschland nicht immer der richtige Ton getroffen. Aber ich bin froh, sagen zu können: Es gibt in Deutschland keine ernstzunehmende politische Kraft, die die Geschichte umschreiben will. Ich habe es begrüßt, dass sich auch der Bund der Vertriebenen von der so genannten "Preußischen Treuhand" und ihren rückwärtsgewandten Forderungen ausdrücklich distanziert hat. Ich kann verstehen, dass die Klage dieser kleinen privaten Vereinigung vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte seinerzeit die polnische Öffentlichkeit bewegt hat. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass die Abweisung der Klage durch das Gericht eine ebenso breite Resonanz gefunden hätte. Mein Amtsvorgänger, Bundespräsident Johannes Rau, und der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski haben im Oktober 2003 in Danzig gemeinsam erklärt, dass es keinen Raum mehr geben kann für Entschädigungsansprüche, für gegenseitige Schuldzuweisungen und für das Aufrechnen der Verbrechen und Verluste. Diese Danziger Erklärung habe auch ich mir zu eigen gemacht. Es geht eben nicht um materielle Entschädigung, sondern es geht um die Erinnerung an menschliches Leid und um unsere gemeinsame Entschlossenheit zur Aussöhnung und zukunftsgerichteten Zusammenarbeit. Dafür ist es sehr wichtig, mehr voneinander zu wissen, die gegenseitigen Sorgen zu kennen und aufeinander einzugehen. Die Menschen sollen miteinander ins Gespräch kommen, am besten auch zwischen den Generationen. Jung und Alt können gemeinsam vieles möglich machen. Das schließt aber ein, zuzuhören und einander Glauben zu schenken und auch bereit zu sein, neue Erfahrungen an die Stelle alter Stereotypen zu setzen.

Gazeta Wyborcza: Letztendlich haben beide Länder eine Kompromisslösung gefunden. Die deutsche Regierung hat die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" gegründet. Die umstrittene BDV-Präsidentin Erika Steinbach beteiligt sich in dieser Stiftung nicht. Wie finden Sie diese Lösung? Können die Deutschen gewährleisten, dass die Geschichte bei der Darstellung des Schicksals der Vertriebenen nicht umgeschrieben wird?

Horst Köhler: Zweck der Stiftung ist es, im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert wachzuhalten. Es geht um ein Schicksal, das Millionen von Menschen überall in Europa erlitten haben. Ich bin sicher: Die geplante Dauerausstellung wird keinen Zweifel daran lassen, was die Ursache für Flucht und Vertreibung der Deutschen war: Das nationalsozialistische Unrechtsregime und der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg.

Gazeta Wyborcza: Ein Besuch in Warschau wird Ihre erste Auslandsreise nach Ihrer Wiederwahl, so wie in 2004. Wieso ist Polen so wichtig für Sie? (Ich vermute, nicht wegen der Geschichte und Ihrem Geburtsort.)

Horst Köhler: Polen ist für mich so wichtig, weil es unser größter Nachbar im Osten ist und weil ich die Freiheitsliebe der Polen bewundere. Ich glaube, dass wir gerade wegen unserer leidvollen Geschichte besondere Verantwortung für den Weg in die Zukunft tragen. Wenn wir diesen Weg als gute Nachbarn gehen, dann können wir das Beste für das Wohlergehen der Menschen in beiden Ländern erreichen. Ich freue mich auf meine Gespräche in Warschau. Ich will mit dieser ersten Auslandsreise nach Warschau zu Beginn meiner zweiten Amtszeit ein Zeichen setzen für die Bedeutung der deutsch-polnischen Beziehungen.

Gazeta Wyborcza: In Polen hat man oft bezweifelt, ob die umfangreiche und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland überhaupt möglich sei. Es gibt doch so viele Unterschiede, die z.B. der Bau der Nord-Stream-Pipeline symbolisiert ...

Horst Köhler: Unterschiede gibt es immer. Sie sollen nicht den Blick dafür verstellen, dass die deutsch-polnischen Beziehungen heute vor allem von vielen gleich gerichteten Interessen geprägt sind. Darüber freue ich mich. Wir sind Partner mit gleichen Rechten und Pflichten in NATO und Europäischer Union. Und wir wissen, dass wir den globalen Herausforderungen, dem Klimawandel, der Energiesicherheit, der Armut in der Welt, der Neugestaltung der globalen Wirtschafts- und Finanzpolitik, dem internationalen Terrorismus gemeinsam am wirksamsten begegnen können. Unsere geografische Lage gibt uns viele gemeinsame Aufgaben auf, zum Beispiel in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, im Umwelt- und Landschaftsschutz und in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Aber auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit hat mit der Gründung der deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung eine weitere Stärkung erfahren. Um diese Erfolge zu sichern und weiter auszubauen fördern beide Regierungen das deutsch-polnische Jugendwerk - und soweit ich sehe, mit gutem Erfolg. Ich freue mich besonders auch über die Zusammenarbeit der Bürger auf beiden Seiten der Grenze, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich entwickelt hat. Denken Sie auch an die über 400 aktiven Städtepartnerschaften mit ihren zahlreichen Austauschprogrammen, an die Schul- und Hochschulpartnerschaften, an die engen Beziehungen zwischen Kulturschaffenden oder an die vielen deutsch-polnischen Ehen. Alles das sind Beweise einer lebendigen Partnerschaft, wie unsere Bürger sie sich bauen.

Gazeta Wyborcza: Man kritisiert auch die deutsche Haltung gegenüber Russland. In Polen findet man, dass die Deutschen mit Moskau, wo die Menschenrechte verletzt und die Freiheiten unterdrückt werden, zu sanft und zu freundlich reden.

Horst Köhler: Ich finde, die Bundeskanzlerin zum Beispiel hat klare Worte zur Menschenrechtslage und zur Pressefreiheit in Rußland gefunden. Und trotzdem ist Rußland auch Nachbar der Europäischen Union, und ich meine, wir haben als europäische Partner ein gemeinsames Interesse an einem guten Verhältnis zu Rußland. Dass jedes EU-Mitgliedsland in die Ausgestaltung dieser Politik seine eigenen Erfahrungen einbringen können muss, ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Gazeta Wyborcza: Die Wahlbeteiligung in den letzten EU-Wahlen war sehr niedrig. Sind Sie nicht besorgt, dass die Leute einfach das Interesse an Europa verloren haben? Vermutlich verstehen sie es nicht mehr, weil sie zu bürokratisch und fremd geworden ist?

Horst Köhler: Die niedrige Wahlbeteiligung bei den jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament habe ich bedauert. Aber wir müssen sie eben auch als Ausdruck der Demokratie verstehen. Europas Bürger sagen uns Verantwortlichen in der Politik, dass wir es nicht geschafft haben, ihnen klarzumachen, welche Bedeutung die Europäische Union für ihr Leben in Frieden und Freiheit hat. Ich finde es wichtig, dass die Bürger die Europäische Union als ihr Projekt annehmen, als eine Idee, für die es sich lohnt, sich zu engagieren. Dafür müssen wir uns alle verstärkt einsetzen.

Gazeta Wyborcza: Wie ist Ihrer Einschätzung nach der Kampf gegen die Wirtschaftskrise, den man in der EU führt? Auch in Deutschland sind Stimmen zu hören, dass die Konjunkturprogramme nicht weit genug gehen, dass man, um die Krise zu beenden, die ganze Weltwirtschaft umbauen muss ...

Horst Köhler: Die Krise lehrt uns: In unserer Einen Welt sind wir alle aufeinander angewiesen, also brauchen wir eine kooperative Weltpolitik. Die Europäische Union hat mit Besonnenheit auf die Krise reagiert und gemeinsame Maßnahmen für eine bessere Kontrolle der Finanzmärkte und zur Stärkung der Konjunktur beschlossen. Mitgliedstaaten mit besonderen Schwierigkeiten hat sie Unterstützung gewährt. Aber es sind auch von jedem Land eigene Anstrengungen nötig. Wir brauchen weltweit bessere Regeln, an die sich alle halten, die transparent sind, fair und verläßlich. Da liegt noch jede Menge Arbeit vor uns. Zugleich müssen wir uns vor nationaler Selbstbezogenheit hüten. Protektionismus etwa würde die Krise vertiefen. Das wissen wir aus der Erfahrung der 30er Jahre. Aber heute sind wir weiter. Wir erkennen: Eigennutz im 21. Jahrhundert heißt, sich auch um die anderen zu kümmern.

(Bilder vom Besuch in Warschau)