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Bundespräsident Horst Köhler hat der Wochenzeitung Rheinischer Merkur aus Anlass des zweiten Ökumenischen Kirchentages ein Interview gegeben. Die Fragen stellte Michael Rutz

Bundespräsident Horst Köhler beim Interview in seinem Amtszimmer in Schloss Bellevue Berlin, 12. Mai 2010 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Friedensstiftende Begegnungen"

Rheinischer Merkur:Der Ökumenische Kirchentag kann mit breiter politischer Beteiligung aufwarten, auch Sie werden dabei sein. Warum interessiert sich die Politik dafür?

Horst Köhler:Ich nehme teil, weil dort Christen zusammenkommen, die Fragen haben und die auf der Suche nach Antworten sind. Wir als Politiker sollten dort nicht für uns Öffentlichkeitsarbeit machen, sondern versuchen, diesen Suchprozess zu ermutigen. Da hilft manchmal schon gutes Zuhören. Ein Teil der Fragen wird der Politik gelten - dem müssen wir uns stellen.

Rheinischer Merkur:Welchen Nutzen kann ein Staat aus einem guten Verhältnis zu den Kirchen ziehen?

Horst Köhler:Kirchen tragen zum einen zur wichtigen vorpolitischen und moralischen Prägung der Menschen Entscheidendes bei. Zum zweiten enthalten das christliche Menschenbild und die christliche Soziallehre Prinzipien der Eigenverantwortung, der Solidarität und der Subsidiarität, die ins richtige Verhältnis gesetzt werden müssen zur Verantwortung des Staates für den Einzelnen. Auf dieses Austarieren kommt es an in einer Zeit, die nicht einfach ist und von uns viel verlangt. Ich habe die Hoffnung, dass der Christenmensch mit der Freiheit, die ihm Gott und unsere Verfassung gegeben haben, verantwortungsvoll umgeht - für sich selbst, für den Nächsten, für die Gemeinschaft. Verantwortung äußert sich auch in einem Bewusstsein, das die Grenzen menschlichen Handelns kennt. Das verstehe ich unter einer christlichen Orientierung, und sie ist wichtig in einer Zeit, in der sich Bindungen auflösen und sich bei vielem die Sinnfrage stellt.

Rheinischer Merkur:Das gilt ja alles auch für den Politiker selbst. Was bedeutet der Umstand, dass Sie selbst Christ sind, für Ihre politische Arbeit?

Horst Köhler:Das Christsein gibt mir Verwurzelung, Werte und lehrt mich vor allem Demut. Ich weiß, dass ich nicht auf alles letzte Antworten habe. Der Glaube an Gott gibt mir aber Grundzuversicht, und aus dem christlichen Glauben schöpfe ich Orientierung.

Rheinischer Merkur:Immer wieder sehen wir, dass politisches Handeln kompromisshaft ist. Gerade Christen in der Politik sind manchmal in Entscheidungen eingebunden, die sie nach reiner Lehre nicht hätten treffen dürfen. Das war bei der Abtreibung so, das ist gegenwärtig in der Bioforschung der Fall. Darf ein Christ Kompromisse machen?

Horst Köhler:Der Christ braucht eine klare Position, feste Überzeugungen - und daran muss er seine Entscheidungen messen. Aber Christsein heißt nicht, unfähig zu sein zu Kompromissen. Sie sind Teil des menschlichen Zusammenlebens und Teil der Demokratie, und sie entspringen ja oft komplizierten Abwägungsprozessen zwischen wichtigen, aber konkurrierenden Zielen. Die Lebenswirklichkeit ist oft kompliziert, und sie ist nicht immer einfach nur mit biblischen Maßstäben zu bewältigen. Kompromisse haben oft einen zusätzlichen Nutzen: Sie schaffen gesellschaftlichen Konsens, an dem wir als gemeinschaftsorientierte Christen außerordentlich interessiert sein müssen.

Rheinischer Merkur:Hans Maier hat ein Büchlein geschrieben, das heißt: "Welt ohne Christentum, was wäre anders?" Gäbe es das Christentum nicht - was würden Sie vermissen?

Horst Köhler:Das Allerwichtigste: Die Botschaft der Liebe. Mir würde aber auch das karitative Engagement der Kirchen fehlen. Vermissen würde ich die Stellungnahmen der Kirchen aus der Sicht der Bergpredigt, die Orientierung geben für Fragen von Gerechtigkeit und Nächstenliebe und damit auch für praktisches Handeln. Das hat mehr als 2000 Jahre getragen, trotz aller geschichtlichen Irrungen und Wirrungen der Welt und auch der Kirche selbst. Wir brauchen diese Orientierung, diese Werte auch für die Zukunft, in der menschliches Leben auf diesem Planeten nicht eben einfacher wird und sich neue Paradigmen herausbilden.

Rheinischer Merkur:Staat und Kirche sollen, das ist die Theorie, voneinander getrennt sein. In unserem Land aber haben sie viel miteinander zu tun. Das schafft positive Möglichkeiten, aber auch Konflikte. Wo liegen die Grenzen?

Horst Köhler:Wir haben seit Weimar die Trennung von Kirche und Staat, und das ist gut. Aber die beiden bleiben aufeinander bezogen, und ihre Zusammenarbeit in bestimmten Bereichen kann für beide Seiten fruchtbar sein - in karitativen Fragen, in den Schulen, in der Diskussion über Ethik und Moral. Man kann zusammenarbeiten, wenn es darum geht, Sozialpolitik zu definieren, die geprägt ist von der Frage nach Gerechtigkeit. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Aber ganz klar ist: In unserem Staat gilt staatliches Recht für alle, auch für die Kirchen, und Gesetzgeber sind die demokratisch gewählten Vertreter des Volkes. Erst diese klare Zuordnung macht eine fruchtbare Kooperation möglich.

Rheinischer Merkur:Das Verhältnis des Staates zu den Kirchen ist bei uns vor allem von den christlichen Kirchen bestimmt. Wie gehen wir in der Immigrationsgesellschaft, auf die wir zulaufen, von Staats wegen mit den anderen Religionen um?

Horst Köhler:Ich will vorweg betonen, dass dieses Aufeinandertreffen der Religionen für mich etwas grundsätzlich Hoffnungsvolles ist. Unsere Verfassung formuliert eine Neutralität gegenüber den verschiedenen Glaubensrichtungen, und zwar eine wohlwollende. Das Grundgesetz bezieht also auch den Islam mit ein, will ich damit sagen. Unsere muslimischen Mitbürger haben deshalb das Recht und die Freiheit, ihren Glauben zu leben. Aber diese offene Gesellschaft bedingt, dass sich keiner isoliert oder gar fundamentalistisch gegen die Mehrheitsgesellschaft wendet. Das heißt auch, dass Zuwanderer die Gesetze, aber auch die Verhaltensweisen unseres Kulturkreises respektieren. Dann ist es für mich auch selbstverständlich, dass der Staat zum Beispiel islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache möglich macht.

Rheinischer Merkur:Kommt eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Religionen nur mit den Religionen infrage, die auch demokratiegeneigt sind, die Gleichberechtigung akzeptieren? Was ist mit dem Islam?

Horst Köhler:Ich kenne den Islam als im Kern friedliche Religion, die in sich ruht, ihre eigene Berechtigung und Geschichte hat. Respekt muss uns leiten, wenn wir über den Islam diskutieren. Aber wir dürfen unsere Erwartung dennoch entschieden formulieren: Sie lautet, dass sich die Religion des Islam von fundamentalistischen Gewaltpropheten und Gewalttätern strikt abgrenzt, ihnen klar entgegentreten muss, und sich in unsere Rechtsstaatlichkeit einordnet. Für Zwangsverheiratungen und sogenannte Ehrenmorde ist in unserer Gesellschaft kein Platz.

Rheinischer Merkur:Das Verhältnis von Staat zu Religionen wird ja auch immer zeichenhaft diskutiert. Da kann sich eine CDU-Landesministerin vorstellen, die Kreuze aus den Schulklassen zu nehmen, woanders macht sich die Debatte am Verbot von Burka oder Kopftüchern fest. Haben Sie da eine Position?

Horst Köhler:Ich rate uns zu pragmatischen Lösungen. Auf der einen Seite kennen wir das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das im Kern besagt, dass niemand im Klassenzimmer "unter dem Kreuz" lernen muss. In der Praxis stören sich aber wenige daran, wenn in unseren Schulen Kreuze hängen. Darüber bin ich persönlich froh.

Rheinischer Merkur:Und das Verbot der Burka?

Horst Köhler:Sich mit offenem Gesicht gegenüberzutreten, entspricht unserer aufgeklärten, freien Gesellschaft. Die Burka widerspricht meinem Verständnis von der Gleichberechtigung der Frau und ihrer Entscheidungsfreiheit. Aber ich rate auch hier dazu, diese Diskussion nicht ideologisch zu führen, sondern aufzuklären, Gespräche zu führen und vor allem Begegnungen zwischen Muslimen und Christen zu ermöglichen. Wenn einige Frauen in Deutschland dennoch die Burka tragen wollen, so sehe ich darin noch keinen Grund, nach einem Burka-Verbot zu rufen.

Rheinischer Merkur:Beim Ökumenischen Kirchentag treffen sich Gläubige aller Religionen, debattieren miteinander, feiern miteinander Gottesdienste. Welchen Unterschied macht es für einen Staat, ob Religionen in dieser Weise miteinander reden - oder sich gegeneinander abgrenzen?

Horst Köhler:Solche Begegnungen halte ich für sehr wichtig, ja friedensstiftend in einer Welt, die immer unterschiedliche Kulturen und Religionen kennen wird. Nicht nur wegen des selbstbewussten Auftretens des Islam, nicht nur wegen der innerkirchlichen Krise der katholischen Kirche, nicht nur wegen der gemeinsam erlebten und erlittenen Probleme unserer Gesellschaft ist es aber auch an der Zeit, dass sich die christlichen Konfessionen noch stärker auf die grundlegenden Gemeinsamkeiten besinnen - auf das Glaubensbekenntnis, die Bergpredigt und die Nächstenliebe. Darauf kommt es an.

Rheinischer Merkur:Worauf noch?

Horst Köhler:Ich persönlich denke, dass den allermeisten Christen in unserem Land die theologischen, die dogmatischen Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten nicht so wichtig sind. Deshalb habe ich die große Hoffnung und auch Erwartung, dass die beiden großen christlichen Kirchen die Ökumene weiter voranbringen. Sie sind ja schon jetzt wahrlich nicht auf einem konfrontativen Kurs: Vieles hat sich verbessert zwischen den beiden Konfessionen, man redet miteinander, man erarbeitet gemeinsame Stellungnahmen. In der Rechtfertigungslehre gelang ein großer Fortschritt. Mein großer Wunsch wäre die Einigung auf eine gemeinsame Abendmahlsfeier. Die teilweise Aussperrung erscheint mir unnatürlich.

Rheinischer Merkur:... die dogmatische Gründe hat...

Horst Köhler:Ja, und das ist sicherlich eine wichtige Frage. Die wichtigere Frage ist aus meiner Sicht aber die Seelsorge und dass die Menschen den Kirchen nicht davonlaufen.

Rheinischer Merkur:Haben Sie denn den Eindruck, dass sich die Kirchen von den Gläubigen entfremden?

Horst Köhler:Ja, wenn Dogmen von den Menschen nicht mehr verstanden werden, wie zum Beispiel bei der Frage von Kommunion und Abendmahl.

Rheinischer Merkur:Das heißt, es braucht mehr Ökumene statt weniger.

Horst Köhler:Nach meinem Empfinden, ja. Ich glaube, das könnte auch dazu beitragen, wieder mehr Menschen in die Kirchen zu bringen. Die hohe Zahl der Kirchenaustritte ist ja nicht erst in der letzten Zeit beunruhigend. Es ist Zeit für die Kirchen, über neue Wege angesichts dieser Tatsache nachzudenken.

Rheinischer Merkur:Sie weisen zu Recht darauf hin, dass das schon lange andauert. Haben Sie eine Vorstellung, woran das liegen könnte? Warum gehen die Menschen, warum bedeuten ihnen Kirchen nichts mehr?

Horst Köhler:Die, die austreten, haben vielleicht ein Problem mit der Institution Kirche. Das heißt aber nicht, dass sie keine religiöse Orientierung suchen. Meine Bitte an die christlichen Kirchen ist: Kämpfen Sie um jeden Einzelnen. Sie haben einen Auftrag von Gott, seine Botschaft zu vermitteln, weil sie etwas Gutes ist, weil sie den Menschen hilft. Daher rührt mein Appell an die Kirchen, eine neue Innere Mission zu beginnen.

Rheinischer Merkur:Dieses Treffen in München, Herr Bundespräsident, findet ja in einer Zeit statt, in der insbesondere die katholische Kirche durch die Missbrauchsfälle belastet ist, die freilich auch die ganze Gesellschaft betreffen, denn sie kommen auch anderswo vor. Wie haben Sie diese Vorgänge erlebt?

Horst Köhler:Als bedrückend. Was den Opfern angetan wurde, ist sehr schlimm, denn sie haben Schaden an Körper und Seele genommen. Die Täter haben Vertrauenspositionen missbraucht und Schwächeren, Schutzbefohlenen Böses zugefügt. Dieses Thema muss ehrlich und schonungslos aufgearbeitet werden. Die Kirche insbesondere muss Buße tun und transparent werden. Ich will aber ausdrücklich auch auf eine andere Seite hinweisen: Ich finde es nicht richtig, wenn jetzt katholische Priester oder Lehrer an Reformschulen einem pauschalen Generalverdacht ausgesetzt werden. Das hat sachlich keine Grundlage und ist menschlich inakzeptabel. Und noch etwas will ich in diesem Zusammenhang sagen: Ich habe dank meiner Auslandstätigkeit die katholische Kirche als Weltkirche erfahren. So habe ich in Afrika und Lateinamerika katholische Priester erlebt, die in einem Chaos von Not und Elend ihren Auftrag erfüllt und den Menschen wahrlich Hoffnung gegeben haben. Wenn ich dann erlebe, wie die jetzige Diskussion die katholische Kirche generell in Misskredit bringt, der in keinem Verhältnis zu ihrer Bedeutung und Leistung steht, dann bedrückt mich das - auch als Protestant. Außerdem wissen wir, dass Missbrauch nicht nur in der katholischen Kirche vorgekommen ist. Missbrauch hat es in Reformschulen gegeben, in Internaten der evangelischen Kirche und mit Abstand am Häufigsten - in 80 bis 90 Prozent der Fälle - in Familien und deren Umfeld. Das heißt, wir haben ein tiefgehendes gesellschaftliches Problem. Dem müssen wir uns widmen, anstatt die derzeitige Situation auszunutzen, um alte Vorurteile über der Kirche oder über reformpädagogischen Konzepten auszukippen. Das ist nicht angemessen. Trotzdem gibt es keinen Zweifel, gerade auch die katholische Kirche muss um ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität kämpfen. Ich wünschte mir, sie würde jetzt zu einer Reformkirche, zum Beispiel bei Fragen der Sexualmoral und der Rolle von Laien in der Kirche und der von Frauen in der Kirche.

Rheinischer Merkur:Seit fünf Jahren hat die katholische Kirche einen deutschen Papst. Wenn Sie diese letzten fünf Jahre Benedikt des XVI. Revue passieren lassen, was sind Ihre Eindrücke?

Horst Köhler:Das erste Mal habe ich mit dem damaligen Kardinal Ratzinger gesprochen bei der Beerdigungsfeier für Johannes Paul II. Zwischenzeitlich traf ich ihn als Papst öfter wieder. Ich war und bin beeindruckt von ihm, seiner geistigen Kraft, seiner Fähigkeit, spirituelle Dinge auszudrücken, seiner Menschlichkeit. Er ist ein großer Theologe und eine beeindruckende Persönlichkeit. Es ist verfrüht, sein Pontifikat abschließend zu beurteilen.

Rheinischer Merkur:Dieser Ökumenische Kirchentag findet auch statt in einer verunsicherten Haltung der Bürger gegenüber der Zukunft des eigenen Staates. Worüber sollen die Menschen reden, wozu sollen sie sich Mut machen?

Horst Köhler:Für mich wäre es das Wichtigste, dass die Menschen als Christen erst einmal über eine spirituelle Selbstvergewisserung reden. Dass sie sich fragen, was Christsein in der Welt von heute bedeutet angesichts der Herausforderungen durch demographischen Wandel, Klimaveränderung, Finanzkrise und anhaltende Armutsprobleme in der Welt.

Rheinischer Merkur:Hätten Sie eine Idee?

Horst Köhler:Ja, dass es immer um die Würde des Menschen geht und um die Frage, wie sich Freiheit in Verantwortung bindet und was Gerechtigkeit heute bedeutet. Ich freue mich auch über die Beiträge der Kirche über die Diskussion zur Aufarbeitung der Finanzkrise. Die Akteure auf den Finanzmärkten müssen sich der Gerechtigkeitsdiskussion stellen. Das, was sie tun, muss der Gemeinschaft dienen. Das gilt ebenso für die ökologischen Fragen. Was hat unser Lebensstil damit zu tun? Ich hoffe, der Kirchentag widmet sich solchen Fragen.

Rheinischer Merkur:Politik ist ja immer konkret. Müssen wir nicht dem deutschen Bürger sagen, dass es in den nächsten Jahren eher finster aussehen wird in Deutschland, dass wir sparen, reduzieren, zurückhaltend sein und christliche Bescheidenheit einüben müssen?

Horst Köhler:Bestimmt werden wir in den kommenden Jahren nicht das Füllhorn ausgießen können. Wir stehen vor einer Phase der Konsolidierung, nicht nur bei den Staatsfinanzen, sondern auch in Bezug auf das Bewusstsein der Menschen. Die Grenzen der Biosphäre auf unserem Planeten zeigen Grenzen für die Wünsche der Menschen auf. Das muss man jedoch nicht nur als Verzicht, als Einschränkung, als Not begreifen. Diese Phase der Konsolidierung kann uns auch zu neuer Spiritualität bringen, zu einem neuen Bewusstsein für Harmonie und Übereinstimmung menschlichen Lebens mit der Natur dieses Planeten. Wenn wir das schaffen, muss unsere künftige Lebensqualität nicht schlechter sein als die heutige, die doch viel zu sehr vom materiellen "Immer mehr" geprägt ist. Wohlergehen erwächst nicht nur aus Konsum. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er braucht menschliche Zuwendung, Empathie. Gerade da liegt manches im Argen. Die Menschen vereinsamen in einer Wohlstandsgesellschaft. Immer mehr fühlen sich trotz wirtschaftlichen Wachstums nicht mehr gebraucht und werden mit sozialpolitischer Alimentierung ruhig gestellt. Ich glaube, ein Umdenken ist nötig. Es kann unserem Land auch neue seelische Kraft bringen.

Rheinischer Merkur:Werden das auch die großen Themen der restlichen Jahre ihrer Amtszeit sein, Herr Bundespräsident?

Horst Köhler:Ja, das will ich diskutieren. Vor allem, was die Menschen wirklich frei macht. Frei in Verantwortung vor Gott und dem Nächsten.