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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich seines Nachbarschaftsbesuches in Polen beim Mittagessen, gegeben vom polnischen Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski

Präsident Aleksander Kwasniewski begrüßt Horst Köhler Warschau, 15. Juli 2004 Foto: Andrea Bienert © Foto: Andrea Bienert

Ich danke Ihnen, Herr Präsident Kwasniewski, für die freundschaftliche und herzliche Begrüßung hier in Warschau.

Wie meinen Vorgängern Rau und Herzog liegt mir viel an einem guten Verhältnis zu unserem großen Nachbarn Polen. Deswegen komme ich nur wenige Tage nach Amtsantritt nach Warschau. Das soll zeigen, wie wichtig mir die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen sind.

Der wenige Wochen zurückliegende Beitritt Polens zur Europäischen Union hat wirklich historische Bedeutung. Polen gehört für mich zu Europa, genau so wie Deutschland oder Frankreich. Und Polen hat jetzt die Gewähr, dass sich die schlimme Vergangenheit, die wir alle kennen, nicht wiederholen kann.

Der Beitritt wird Veränderungen in das Leben der Menschen bringen, die manchem auch schwer fallen werden. Aber ich habe keinen Zweifel, dass Europa letztlich für alle von Vorteil ist, wie uns ja auch die Beispiele Irland, Spanien oder Griechenland zeigen. Und deshalb sollten wir uns von Berufsskeptikern und auch Rückwärtsgewandten nicht irre machen lassen. Polen darf sich etwas zutrauen! Sie haben die Kraft, Sie haben die Ideen, Sie haben den Beweis in der erfolgreichen Geschichte nach der Wende. Trauen Sie sich etwas zu!

Ich habe erfahren, dass Minister Geremek im Gespräch ist für die Präsidentschaft im Europäischen Parlament. Ich kenne den Stand nicht - aber dass es einen ernsthaften polnischen Kandidaten gibt, ist doch ein gutes Zeichen.

Ich selber bin groß geworden und habe gearbeitet im Rahmen der deutsch-französischen Freundschaft. Ich setzte darauf, dass Polen ein neuer Motor wird. Ich sehe die europäische Einigung auch als eine gute Entwicklung, die sicherstellt, dass nie wieder über Polens Kopf hinweg sein Schicksal entschieden wird. Ich werde darauf achten.

Polen hat einen besonderen Platz in meiner Biographie. Meine Eltern waren freilich gar nicht freiwillig hierher gekommen. Es hing zusammen mit Krieg und Gewalt, die von Deutschland ausgingen und unendliches Leid und Zerstörung über Polen und seine Bewohner brachten. Wir Deutsche bleiben uns der historischen Verantwortung für diese schrecklichen Untaten bewusst. Wir schreiben die Geschichte nicht um.

Und ich glaube, dass es gut ist, dass zum Fundament für unsere gemeinsame Zukunft auch die Erinnerung an unsere Vergangenheit zählt. Auch für mich gilt deshalb - und ich will auch hier nochmals ganz deutlich sagen - die Danziger Erklärung von Präsident Kwasniewski und Bundespräsident Rau. Und ich zitiere: "Angesichts [der] bitteren Vergangenheit müssen wir unsere Anstrengungen für eine bessere Zukunft vereinen. Wir müssen der Opfer gedenken und dafür sorgen, dass es die letzten waren. Jede Nation hat das selbstverständliche Recht, um sie zu trauern, und es ist unsere gemeinsame Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass Erinnerung und Trauer nicht missbraucht werden, um Europa erneut zu spalten. Deshalb darf es heute keinen Raum mehr geben für Entschädigungsansprüche, für gegenseitige Schuldzuweisungen und für das Aufrechnen der Verbrechen und Verluste." Das war der Text der Erklärung, und ich mache mir dies zu eigen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, Sie werden auch beobachten, dass auch Deutschland seine Probleme hat und wir in einer Diskussion sind, was wir brauchen, um wirtschaftliche Dynamik zurückzugewinnen. Ich glaube, dass Bundeskanzler Schröder mit der Agenda 2010 eine mutige Weichenstellung unternommen hat, und ich unterstütze ihn dabei. Und manchmal wünsche ich mir sogar, ich hätte ein paar dynamische Reformer, wie es sie in Polen gibt, damit die Reformen schneller vorankommen. Ich glaube, dass der Hausner-Plan in die richtige Richtung geht und ich wünsche dem Ministerpräsidenten, dass möglichst viel umgesetzt werden kann. Es zeigt sich, dass Polen in seinen Reformbemühungen nicht alleine ist. Die Deutschen liegen teilweise zurück!

Ganz wichtig ist unsere Jugend. Sie soll sich begegnen. In Schulen, bei gemeinsamer Arbeit, im Studium. Meine Frau ist dankbar, dass sie heute Gelegenheit hatte, mit einer Schulklasse zusammenzutreffen.

Ich habe gelernt, dass zwei Millionen junge Polen in der Schule Deutsch lernen. Wenn man sich verständigen kann, dann kann man sich auch verstehen. Ich empfinde die Tatsache, dass so viele junge Polen Deutsch lernen, auch als eine Verpflichtung, sich darum zu bemühen, dass sich das deutsch-polnische Verhältnis richtig entwickelt.

Das alles wird uns fester verbinden. So werden auch alte, festverwurzelte Vorurteile allmählich verschwinden. Polen hat eine der jüngsten und dabei so hervorragend ausgebildeten Bevölkerungen Europas. Wir gratulieren Ihnen dazu. Auch Sie kämpfen mit der Alterung der Gesellschaft. Aber Sie haben einen Vorteil.

Als ich nach vielen Jahren im Ausland nach Deutschland zurückkehrte, habe ich den Deutschen gesagt: ich verstehe euren Pessimismus nicht. Und ich stelle fest, dass die Deutschen sehr positiv auf meinen Grundoptimismus reagieren. Aber gestatten Sie mir die Ermunterung: Auch die Polen sind mir zu pessimistisch. Präsident Kwasniewski erzählte mir die Geschichte von der Wodkaflasche: Ist sie nun halb voll oder halb leer? Die Polen können sie in jedem Fall als halb voll empfinden, sie sind auf einem guten Weg.