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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Empfang aus Anlass des 60. Jahrestages des 20. Juli 1944

Bundespräsident Horst Köhler bei der Kranzniederlegung im Bendlerblock zum 60. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats Schloss Charlottenburg, 19. Juli 2004 Foto: Bolesch, Sebastian © Foto: Bolesch, Sebastian

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich heute Abend hier im Schloss Charlottenburg. Sie alle haben direkt oder indirekt mit dem 20. Juli zu tun, Sie haben Widerstand geleistet oder Sie gehören zu den Familien und Freunden derer, die in den dunkelsten Stunden Deutschlands dem Ruf ihres Gewissens gefolgt sind.

Wir sind zu Ehren der großen Tat der Männer und Frauen des 20. Juli zusammengekommen. Es fällt mir nicht leicht, gerade vor Ihnen dafür die richtigen Worte zu finden. Viele von Ihnen haben ja bis in ihre Familien hinein oft tragische und bittere Konsequenzen tragen müssen. Wenn ich heute vor Ihnen als Bundespräsident spreche, will ich eines ganz deutlich an den Anfang stellen:

Die Männer und Frauen des 20. Juli waren Patrioten. Sie haben das, was sie getan und was sie auf sich genommen haben, für Deutschland getan - für die Selbstachtung unseres Landes und für eine bessere Zukunft. Deswegen bezeuge ich heute, am 60. Jahrestag, meinen und aller Deutschen Respekt und Dankbarkeit vor dem Mut und dem Gewissen der Verschwörer, vor der Tat des 20. Juli.

Wir alle wissen, dass der 20. Juli in Deutschland - in beiden Teilen Deutschlands - längst nicht immer und nicht von vornherein die Anerkennung gefunden hat, die er heute findet. Umso mehr freue ich mich, dass wir heute eine weitgehende Einigkeit darüber gefunden haben, was der 20. Juli für unsere Geschichte und für unser Land bedeutet. Er ist das sichtbarste Zeichen für den Widerstand, den es in Deutschland auch in den Zeiten der Diktatur gegeben hat. Der Widerstand war vielfältig und er war weiter verbreitet, als lange Zeit angenommen wurde. Er hatte viele Formen und viele Gesichter. Er war aus den unterschiedlichsten Motiven gespeist.

Er war vielleicht oft klein, er richtete vielleicht oft zu wenig aus. Aber es gab ihn. Es gab Widerstand. Es gab das Empfinden dafür, dass das Recht nicht ungestraft gebrochen werden darf, dass man Menschen nicht wegen ihrer Herkunft ausstoßen oder gar ermorden darf; dass Meinungs- und Redefreiheit nicht unterdrückt werden dürfen. Es gab das Empfinden für Anstand und Gerechtigkeit. Es gab Deutsche, die Verfolgte versteckten, die Zwangsarbeiter menschlich behandelten, die Juden zur Flucht verhalfen. Auch an all diese stillen Helfer, wie sie oft genannt werden, wird in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erinnert - und da sie kein sozusagen zentrales Gedächtnisdatum haben, will ich heute auch sie ins Gedächtnis rufen.

Dass Anstand einmal zu Widerstand führen würde, dass Glaube, Ehre und Gewissen zum Attentat auf das Staatsoberhaupt und den Oberbefehlshaber verpflichten würden - das hatte gerade den am 20. Juli beteiligten Soldaten und Offizieren wahrhaftig niemand an der Wiege gesungen. Das stand gegen alle Traditionen, in denen sie groß geworden waren, gegen nahezu alle Überzeugungen und Pflichten in ihrem Weltbild. Wie viel innere Kämpfe es brauchte, um zu der Entscheidung zu kommen, die sie schließlich fällten, wie viel quälende Gewissenserforschung - das können wir heute wohl nicht mehr ermessen. Selbst der christliche Glaube, aus dem heraus viele ihre Entscheidung letztlich begründeten, machte es ihnen zunächst schwer: Durfte man einen Eid brechen, durfte man sich gegen die staatliche Obrigkeit auflehnen? Das waren für sie alle schwere Fragen, niemand hat es sich leicht gemacht. Dazu kam, dass nicht wenige der Verschwörer anfangs auch, wie so viele andere, begeistert den neuen Staat Adolf Hitlers begrüßt hatten, Werkzeuge seiner Pläne geworden waren, die Eroberungskriege mitgeplant und mitausgeführt hatten.

Oppositionelle zu werden, Attentäter gar, das war oft ein langer Prozess. Und schließlich fanden Menschen zueinander, die sonst durch vielerlei Schranken voneinander getrennt waren: Konservative und Sozialisten, Offiziere und Deserteure, Adelige und Arbeiterführer. Was sie einte, das war sicherlich die Sehnsucht nach Freiheit und nach der Wiederherstellung der Herrschaft des Rechts, wie es in der vorbereiteten Regierungserklärung hieß. Sie, Gräfin Moltke, haben aber auch noch einen tiefer liegenden Grund genannt, dass es nämlich "Menschlichkeit ist, die dem gesamten deutschen Widerstand zu Grunde liegt".

Diese Haltung und die Verständigung über die gesellschaftlichen Schranken hinweg legten - auch wenn das viele zunächst gar nicht recht wahrgenommen haben - eine moralische und geistige Basis für ein neues Deutschland, letztendlich auch für die Chance der Versöhnung in Europa.

Wieder darf ich Sie, Gräfin Moltke, zitieren: "Europa, so reich und wunderbar verschieden es in seinen vielen Ländern geworden ist, hat trotz seiner zahllosen Kriege, Kämpfe und Krisen über die Jahrhunderte hinweg doch ein gemeinsames Fundament der Menschlichkeit entwickelt." Was könnte uns mehr Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft geben?

Der 20. Juli ist ein Ehrendatum der deutschen Geschichte. Nicht nur weil er, wenn das Attentat Erfolg gehabt hätte, vielen Millionen das Leben gerettet hätte, die von da an bis zum Ende des Krieges noch getötet wurden. Sondern vor allem, weil er zeigt, dass sich nicht alle, längst nicht alle in Deutschland, mit Diktatur, Barbarei und Völkermord abfinden wollten.

Es ist richtig, dass sich die Bundeswehr in die Tradition des 20. Juli stellt und dass morgen, am 60. Jahrestag des versuchten Umsturzes, im Bendlerblock ein feierliches Gelöbnis stattfindet. Das zeigt, dass unsere Armee und unsere Soldaten sich auf die Verteidigung von Freiheit und Recht verpflichten.

Der Widerstand in allen seinen Formen und Gestalten macht kein einziges Verbrechen ungeschehen. Er ist für keine Aufrechnung zu gebrauchen. Mord und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit können durch nichts aufgewogen werden. Und doch leuchten die kleinen und großen Taten des Widerstands bis heute. Sie zeigen, dass Menschlichkeit, Anstand und Zivilcourage nicht ganz und gar zerstört wurden.

Der 20. Juli war die letzte Chance, dass Deutsche selber die Diktatur hätten abschütteln können. Als er scheiterte, wurde der Krieg bis zum bitteren Ende geführt, sodass Niederlage und Befreiung in eins fielen. Aus eigener Kraft hat Deutschland sich von der Barbarei nicht befreien können. Dass aber aus Siegern und Befreiern schließlich Freunde wurden, dazu haben sicher auch die Tat und das Zeugnis des 20. Juli beigetragen.

Was bleibt als Vermächtnis? Die Verschwörer sprachen damals davon, dass die "Majestät des Rechts" wieder gelten müsse. Das klingt heute vielleicht manchem zu pathetisch. Aber vergessen wir nicht: Die Majestät des Rechts hat sich noch immer nicht überall in der Welt durchgesetzt. Ich glaube, der 20. Juli und die vielen anderen Zeugnisse des Widerstandes verpflichten uns vor allem, uns immer für ein freiheitliches Gemeinwesen einzusetzen, oder, mit den Worten unserer Nationalhymne: für Einigkeit, für Recht und für Freiheit.