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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Staatsbankett für Ihre Majestät Elizabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, im Zeughaus in Berlin

Bundespräsident Horst Köhler und die britische Königin Elisabeth II. beim Toast auf dem Staatsbankett im Zeughaus 'Unter den Linden'. Berlin, 2. November 2004 Foto: bpa © Foto: bpa

"Seien Sie herzlich willkommen bei uns in Deutschland. Meine Frau und ich freuen uns, Sie heute Abend im Zeughaus in Berlin zu Gast zu haben.

Majestät, Sie waren schon viele Male in Deutschland. Keinem anderen Land haben Sie mehr Staatsbesuche abgestattet. Sie haben immer ein Interesse an uns Deutschen gezeigt. Wir achten und schätzen Sie, weil Sie seit einem halben Jahrhundert mit großer Würde Ihr stolzes Land verkörpern. Weil Sie sich persönlich für die Versöhnung unserer Länder nach dem Krieg eingesetzt haben. Weil Ihre Regierung jahrzehntelang geholfen hat, die Freiheit Berlins zu garantieren. Und weil Sie mit Ihrem Staatsbesuch 1992 auch das frisch vereinigte Deutschland unterstützt haben.

Majestät, 12 Jahre später liegt Deutschland wieder buchstäblich in der Mitte Europas. Seit dem ersten Mai sind unsere Nachbarn im Osten Mitglieder der Europäischen Union. Darüber sind wir froh, weil damit die Teilung Europas endgültig überwunden wurde. Wir wissen aber auch, dass noch eine große Herausforderung vor uns liegt: Europa muss sich nach innen konsolidieren. Das wird keine leichte Aufgabe.

Noch haben wir keine Klarheit darüber gewonnen, was Europa sein will und wo es hin will. Während meiner Jahre im Ausland habe ich mich darüber gewundert, dass die Völker der Welt manchmal eine klarere Vorstellung von Europa hatten als Europa selbst. Offenbar sind wir selbst noch nicht so weit, die Frage nach der europäischen Identität zu beantworten. Es gilt, darüber eine offene und kraftvolle Debatte zu führen. In dieser Debatte wünsche ich mir Beiträge, Ideen und Anstöße - gerade auch aus Großbritannien. Europa braucht Großbritannien. Dieses Gefühl ist bei uns fest verwurzelt.

Europas Regierungen haben vor wenigen Tagen den Europä­ischen Verfassungsvertrag unterzeichnet. Er wird die Europäische Union demokratischer und effizienter machen. Es ist gut, wenn dieser Vertrag bald in Kraft tritt.

Europa muss auch wieder ökonomisch stark sein, damit wir Arbeit für alle in Europa schaffen. Dafür haben wir gemeinsam, aber auch jeder für sich, unsere Hausaufgaben zu machen. Auch Deutschland hat sich jetzt auf den Weg gemacht, mit ersten Schritten. Aber wir müssen uns noch mehr anstrengen. Majestät, Sie bringen aus Großbritannien wichtige Erfahrungen mit, denn Ihr Land hat früher damit angefangen. Was Großbritannien in den vergangenen zehn Jahren im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit erreicht hat, ist wirklich beeindruckend.

Majestät, Ihr zweiter Staatsbesuch in diesem Jahr führt Sie nach Deutschland. Das zeigt: Deutschland liegt Ihnen am Herzen. Unsere Völker verbindet ein sehr enges Verhältnis. Wenn es einen Schwachpunkt in unseren Beziehungen gibt, dann ist es der: Briten und Deutsche wissen immer noch zu wenig voneinander. Daran müssen wir arbeiten - und vor allem auch daran, dass mehr junge Briten nach Deutschland kommen.

Das moderne Deutschland hat mehr zu bieten als alte Klischees. Früher war in Europa nur London "swinging." Ich finde, heute swingt auch Berlin. Und vor dem Reichstag mit Norman Fosters Kuppel machen Besucher aus Deutschland und aller Welt jeden Tag nach, was sie von den Briten gelernt haben: sie stehen Schlange.

Majestät, meine Damen und Herren, seit Juni hat die Dresdner Frauenkirche wieder ein Turmkreuz. Das haben Spender aus Großbritannien möglich gemacht. Dafür danken wir Ihnen! Morgen werden Sie, Majestät, ein Benefizkonzert für den Wiederaufbau der Frauenkirche veranstalten. Dieses stetige Engagement freut uns sehr. Damit werden Sie weiter viele Herzen in Deutschland gewinnen.

Ich bitte Sie nun, meine Damen und Herren, mit mir das Glas zu erheben auf das Wohl Ihrer Majestät und seiner königlichen Hoheit, auf eine glückliche Zukunft Großbritanniens und auf die enge Freundschaft zwischen unseren Völkern."