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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts an Medaillengewinner der Olympischen und der Paralympischen Spiele 2004 in Berlin

Bundespräsident Köhler verleiht Franziska van Almsick das Silberne Lorbeerblatt Berlin, 16. März 2005 Foto: bpa © Foto: bpa

Mit der Verleihung ganzer Kränze von Lorbeer habe ich seit meinem Besuch bei den Paralympics 2004 schon ein wenig Erfahrung. Das Silberne Lorbeerblatt dagegen verleihe ich heute zum ersten Mal. Ich freue mich darüber, nicht zuletzt, weil ich selber gern Sport treibe und mich auch gern als Zuschauer vom Sport begeistern lasse.

Das Silberne Lorbeerblatt ist die höchste deutsche Auszeichnung für sportliche Leistung. Ich habe mir zur Vorbereitung auf den heutigen Tag einmal angesehen, welche Überlegungen Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, angestellt hat, ehe er vor mehr als 50 Jahren das Silberne Lorbeerblatt stiftete. In einem seiner Briefe schreibt er dazu: "Ich will aus der Geschichte keine große Sache machen, sondern möchte annehmen, ein ganz leicht stilisiertes, silbernes Lorbeerblatt würde einen gewissen, gerade in seiner Einfachheit schlichten Charakter haben. Natürlich wird jemand sagen können, dass dies nicht gerade industriefördernd ist, wo man eher mit Humpen oder Bowlen oder Schalen rechnet (...)."

Ich finde, Theodor Heuss hat auch da weise entschieden. Das Silberne Lorbeerblatt ist als höchste staatliche Auszeichnung im Bereich des Sports zum Begriff geworden, und es macht sich am Revers nun wirklich besser als jeder Humpen.

Das Silberne Lorbeerblatt würdigt - anders als Goldmedaillen und Meistertitel - nicht die einmal erbrachte sportliche Bestleistung, sondern es wird Sportlerinnen und Sportler verliehen, die wiederholt sportliche Erfolge erzielt haben und auch menschlich und charakterlich vorbildlich sind.

Diese Vorbildfunktion von Sportlerinnen und Sportlern halte ich für mindestens ebenso wichtig, wie es die sportlichen Höchstleistungen sind. Wenn Sportler wie Sie ihre Mitbürger durch Einsatz, Energie und Erfolg begeistern, dann sind Sie viel mehr als Spitzenathleten und Publikumsmagneten. Ihre Mitbürger lassen sich über den Sport hinaus beflügeln von Ihrem Enthusiasmus und Ihrer Disziplin. Der Sport gibt nicht nur denen, die ihn betreiben, sehr viel, er hat auch eine große Bedeutung für unsere Gesellschaft als ganze. Auf dem Spielfeld, in der Loipe, in der Sporthalle wird geformt und wird wirksam, was überall auf der Welt gebraucht wird: Vorbilder durch Leistung und Persönlichkeit.

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2005 zum Jahr des Sportes erklärt. Warum ist der Sport überhaupt ein Thema für eine internationale politische Organisation, mag man sich fragen? Eben weil der Sport Dinge im Menschen fördert, die jede Gesellschaft reicher machen: Teamgeist, Respekt, Engagement und vor allem Fairness. Sport verbindet Menschen weltweit, baut Brücken, bringt uns im friedlichen Wettkampf zusammen. Sport zeigt uns, dass wir uns gerade durch friedlichen Wettbewerb gegenseitig anspornen und voneinander lernen. Beim Sport erfahren wir, dass Wettbewerb hart sein kann, aber wir erfahren auch, dass er eben nicht persönliche Gegnerschaft oder gar Feindschaft bedeutet. Der Wille zur Höchstleistung, der Mut, seine Kräfte mit anderen zu messen und die Zähigkeit, selbst nach einer Niederlage wieder aufzustehen und weiter an sich zu arbeiten - all das sind unverzichtbare Tugenden auch für jede offene, im Wettbewerb stehende Gesellschaft.

Ob Profis oder Amateure, ob Sportler mit oder ohne Behinderung, ob Olympioniken oder Hobbyathleten: Alle leisten sie ihren eigenen, unverzichtbaren Beitrag dazu, diese Tugenden zu stärken. Fast drei Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich für den Sport, ganz zu schweigen von den Abermillionen Sportbegeisterten daheim vor den Fernsehern und Radios. Für diese und für viele andere sind Menschen wie Sie Vorbilder, weil Sie mit Ihrem Können, mit Ihrem Einsatz und mit Ihrer Fairness für all das Gute stehen, das eine Gesellschaft wie die unsere hervorbringen und voranbringen kann. Gerade wir in Deutschland können den Optimismus, die Energie und den Siegeswillen gut gebrauchen, den Sie bewiesen haben. Jede und jeder von Ihnen verdient die besondere Anerkennung, die durch die Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts heute zum Ausdruck kommt.

Höchstleistung ist ein Wort, das eigentlich nicht mehr steigerbar ist. Dennoch möchte ich den Behindertensport noch ganz besonders würdigen: Mein Besuch bei den Paralympics in Athen war für mich ein unvergessliches und tief beglückendes Erlebnis. Ich habe dort Menschen mit Behinderung kennen gelernt, die einen Mut und Leistungswillen haben, die für mich eine große Ermutigung waren und von denen sich viele eine große, große Scheibe abschneiden können. Deutschland war bei den Paralympics sehr erfolgreich. Das ist ein Ausdruck der guten Entwicklung, die der Behindertensport bei uns genommen hat; und ein anderer Ausdruck dieser guten Entwicklung ist es, dass das Silberne Lorbeerblatt für Medaillengewinne bei den Paralympics längst gute Normalität ist.

Sportlicher Erfolg hat immer viele Väter und Mütter. Dazu gehören Mannschaftskameraden und Betreuer, Sportverbände und Trainer, Freunde und natürlich die ganze Familie. Wenn Sie die alle mitgebracht hätten, dann hätten wir uns ein paar Kilometer weiter, in der Max-Schmeling-Halle, treffen müssen. Ich grüße herzlich diejenigen, die Sie hierher mitgebracht haben, und bitte grüßen Sie auch alle diejenigen, die heute nicht mit dabei sein können.

Bei der Olympischen Spielen und bei den Paralympics habe ich einige Male den Satz gehört: "You won Silver, you lost Gold." Diesen Satz habe ich nie so recht verstanden, denn jede Medaille ist doch ein Riesenerfolg. Zum Silbernen Lorbeerblatt passt der Satz erst recht nicht. Da kann es nur heißen: "You won Silver, keep going for Gold!"

Ich wünsche Ihnen allen auch weiterhin viel Erfolg. Bleiben Sie uns allen ein Vorbild!