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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Verleihung des Deutschen Hauptschulpreises

Bundespräsident Köhler bei der Verleihung des ersten Preises Berlin, 27. April 2005 Foto: Brigitte Hiss, bpa © Foto: Brigitte Hiss, bpa

Jedes Jahr im Februar laufen nur wenige hundert Meter von hier entfernt die großen Stars über den Roten Teppich der Berliner Filmfestspiele. Heute, liebe Jungen und Mädchen, seid Ihr die Stars, heute hat die "Initiative Hauptschule" für euch und eure Lehrer den Roten Teppich ausgerollt. Prämiert wird die beste Hauptschule Deutschlands, ausgezeichnet werden pädagogische Spitzenleistungen von Schulen und Lehrern. Ich freue mich wirklich sehr, dass ich heute diese Preise übergeben darf. Gern hätte ich euch und Sie in meinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue, begrüßt, aber dort wird immer noch renoviert.

Beim Deutschen Hauptschulpreis geht es um die Zukunft. Er zeichnet Schulen aus, die es in besonderer Weise verstehen, Jugendliche auf das Leben im Beruf und in der Gesellschaft vorzubereiten. Er würdigt den enormen Erziehungsbeitrag der Schulen, der gerade dort besonders wichtig ist, wo Eltern ihrer Erziehungsaufgabe aus verschiedenen Gründen oft nur unzureichend gerecht werden können.

Und er zeigt uns, was Hauptschulen leisten und was Hauptschülerinnen und Hauptschüler schaffen. Das Können steht im Mittelpunkt dieses Preises, nicht die Klage über das "Problemkind" Hauptschule. Die PISA-Studien haben uns gezeigt, dass die Förderung von Schülerinnen und Schüler individueller sein muss - in welcher Form von Schule das am besten passiert, darüber sagt PISA uns nichts Abschließendes.

Wenn fast neun Prozent (Schuljahr 2003/2004) der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss bleiben, wenn Arbeitgeber immer häufiger darüber klagen, dass Bewerbern elementare Kenntnisse fehlen, dann muss uns das alarmieren. Wir müssen den jungen Menschen bewusst machen: Lernen ist der Schlüssel für die Zukunft. Wir müssen dafür sorgen, dass sie das Rüstzeug dazu bekommen, ihre eigenen Talente zu nutzen. Fördern und fordern heißt auch hier die Devise. Bei den Schulen, die heute ausgezeichnet werden, ist diese Botschaft längst angekommen. Die Lehrerinnen und Lehrer haben nicht darauf gewartet, dass die PISA-Ergebnisse von allen Seiten analysiert und diskutiert worden sind; sie haben nicht gefragt, ob Bund und Länder sich über Zuständigkeiten im Bildungssystem einigen können; sie haben nicht kapituliert vor der sicher nicht immer einfachen Aufgabe, gute Schule in schwierigem Umfeld zu machen. Stattdessen haben sie angefangen, es einfach selber besser zu machen. Ich möchte allen Lehrerinnen und Lehrern dafür ausdrücklich danken. Sie haben nicht nur einen der schwierigsten, sondern auch einen der wichtigsten "Jobs". Ihre Arbeit verdient mehr öffentliche Anerkennung.

Und ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, habt verstanden, dass Schule nicht ein lästiges - und nach Möglichkeit zu umgehendes - Übel ist. Ihr habt neue Formen des Lernens entdeckt und euch mit euren Lehrerinnen und Lehrern auch jenseits der Schulstunden für Projekte engagiert. Was ihr gelernt habt, das besitzt ihr. Darauf könnt ihr stolz sein. Ihr habt euch für die Schule begeistern lassen; ich bin sicher, dass ihr mit eurer Begeisterung auch andere anstecken könnt - an eurer Schule oder in eurem Bekanntenkreis! Vielleicht habt ihr schon einmal darüber gelesen, dass ich es mir vorgenommen habe, als Bundespräsident in unserem Land Vorbilder zu suchen - ihr seid solche Vorbilder!

Eine gute Hauptschule braucht kreative Planer, engagierte Lehrerinnen und Lehrer, motivierte Schülerinnen und Schüler. Aber eine gute Hauptschule braucht auch Partner von außen. Das können Elterninitiativen ebenso sein wie Sportvereine, Kirchen oder Nachbarschaftsprojekte. Ich freue mich aber auch besonders über das Interesse und das Engagement der Wirtschaft für Hauptschulen. Immer wieder versichern mir Unternehmer, wie wichtig es sei, gut ausgebildete, handwerklich begabte, motivierte junge Mitarbeiter zu gewinnen. Unser Land lebt schließlich nicht nur von guten Ideen und spannenden Konzepten, sondern davon, dass daraus gefertigte Dinge und gute Dienstleistungen werden.

Die Wirtschaft weiß, dass sie mit Verantwortung dafür trägt, dass junge Menschen in Deutschland gut ausgebildet werden - die Voraussetzung dafür aber ist, dass die Schulbildung stimmt. Deswegen ist es zum Beispiel gut, dass die Bundesvereinigung der Arbeitgeber sich gemeinsam mit der Hertie-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung für die "Initiative Hauptschule" engagiert. Deswegen ist es auch wichtig, dass Unternehmen und Wirtschaftsverbände direkt an die Schulen herangehen, um gemeinsam Unterrichts- und Berufsfindungsprojekte zu erarbeiten. Und deswegen ist es erfreulich, dass im vergangenen Jahr erstmals seit 1999 wieder mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden - und zwar vor allem für die betriebliche Ausbildung.

Wenn ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, einmal eure Bewerbungsunterlagen schreibt, dann solltet ihr unter "Sonstiges" vermerken: Teilnahme am Deutschen Hauptschulpreis. Denn egal, ob eure Schule heute zu den ersten Preisträgern gehört oder nicht: Gewonnen habt ihr alle, weil ihr euch und uns bewiesen habt: Das können wir, das kann Hauptschule!

Ich danke allen, die den Deutschen Hauptschulpreis möglich machen, und allen, die sich dieses Mal daran beteiligt haben. Und jetzt freue ich mich auf die Preisverleihung!