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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Eröffnung des Deutsch-Polnischen Jahres 2005/2006

Bundespräsident Köhler und Präsident Kwasniewski stehen auf dem roten Teppich vor dem Konzerthaus und winken. Berlin, 30. April 2005 Foto: Brigitte Hiss © Foto: Brigitte Hiss

Ich heiße Sie alle zur Eröffnung des Deutsch-Polnischen Jahres willkommen. Ganz besonders herzlich möchte ich auch die Musiker aus Polen begrüßen.

Heute geht das erste Jahr Polens in der Europäischen Union zu Ende. Ich kann sagen: dieses erste Jahr war ein großer Erfolg. Die Wirtschaft in Polen entwickelt sich gut, der Beitritt hat große wirtschaftliche Dynamik freigesetzt. Die Zustimmung der polnischen Bevölkerung dazu, dass ihr Land wieder seinen Platz in Europa eingenommen hat, ist in diesem ersten Jahr gestiegen. Vor kurzem titelte eine deutsche Zeitung: "Schwung aus dem Osten - Ein Jahr nach dem EU-Beitritt leistet Polen wichtige Beiträge für die gemeinsame Außenpolitik."Das könnte auch dem Einigungsprozess neue Orientierung geben. Das ist nicht nur für Polen, sondern auch für Deutschland und Europa eine wichtige und gute Entwicklung.

Vor über eintausend Jahren haben sich Kaiser Otto III. und der polnische König Boleslav der Tapfere in Gnesen die Hand gegeben. Sie haben sich gegenseitig einen festen Platz in der damaligen Welt und ihrer Ordnung zuerkannt. Das hätte ein guter Ausgangspunkt für ein gutes nachbarschaftliches Miteinander werden können. Es ist anders gekommen. Wir waren uns nicht immer bewusst, dass wir, wie Johannes Paul II sagte, uns als Nachbarn von Gott gegeben sind.

Auf den großen polnischen Papst folgte ein Deutscher, der zuvor sein enger Vertrauter war. Ist das nicht eine List der Geschichte, die Polen und Deutsche noch enger miteinander verbindet?

Heute, nur 15 Jahre nach der Wende in Europa, kann ich zu meiner Freude feststellen: Deutschland und Polen waren sich in der langen Geschichte ihrer Nachbarschaft noch nie so nah. Wir haben eine feste Basis für unsere Beziehungen. Wir garantieren uns in der NATO gegenseitig Beistand bei äußerer Bedrohung. In der europäischen Union sind wir Teile eines gemeinsamen Marktes, haben Grenzen beseitigt und die Vision einer politischen Union fest im Blick. Uns verbindet nicht nur eine Interessengemeinschaft. Wir teilen grundlegende Ziele und Werte.

In wenigen Tagen werden wir uns an das Ende des zweiten Weltkrieges vor 60 Jahren erinnern. Angesichts des Schreckens, der mit ihm verbunden war, grenzt unsere nachbarschaftliche Verbundenheit für mich immer noch an ein Wunder, über das wir uns sehr freuen dürfen.

Aber auch Wunder wollen gepflegt sein. Gerade in jüngerer Zeit haben wir die Last der Geschichte wieder verstärkt gespürt.

Wir müssen unser Wissen voneinander verbessern. Dann werden wir auch mehr Vertrauen in den anderen gewinnen. Die Frage, ob der Nachbar ehrlich mit der Geschichte umgeht, wird sich dann so nicht mehr stellen - davon bin ich überzeugt.

Ich begrüße es deshalb, dass das Deutsch-Polnische Jahr vor allem dem weiteren gegenseitigen Kennenlernen der Menschen dienen soll. Während dieses Jahres wollen wir unsere Beziehungen auf breiter zivilgesellschaftlicher Ebene vertiefen und festigen. Viele kulturelle Projekte- Theater, Konzerte, Ausstellungen - wird es geben. Besonders gefällt mir, dass eine große Zahl dieser Projekte von polnischen und deutschen Partnern gemeinsam vorbereitet und durchgeführt werden.

Wir wollen auch so viele Menschen wie möglich einbeziehen. Es gibt überraschend viele deutsch-polnische Nachbarschaftsprojekte in den Ländern, den Städten und Gemeinden. Ich spreche von über 500 Projekten in Polen und über 500 Projekten in Deutschland, die ganz verschiedene Träger haben. Sie beziehen unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche ein. Das Deutsch-Polnische Jahr wird helfen, dass diese Initiativen voneinander erfahren, besser vernetzt werden und auch deutlicher ins Bewusstsein der Öffentlichkeit kommen.

Wir Deutsche wissen noch immer nicht genug von Land und Leuten, Kultur und Geschichte Polens. Wir kennen seine landschaftlichen Schönheiten zu wenig. Das muss sich vor allem bei denen ändern, bei denen es am meisten darauf ankommt: bei unserer Jugend. Besonders um die Projekte für unsere Jugend, zum Beispiel das Programm zur Vernetzung polnischer und deutscher Schulen, müssen wir uns bemühen.

Wir wollen Interesse wecken und neugierig machen. Wir bieten viel an, und hoffen, dass das Angebot angenommen wird.

Ich wünsche dem deutsch-polnischen Jahr viele interessierte und neugierige Zuhörer, Zuschauer und vor allem Teilnehmer. Dann werden wir das Ziel erreichen, mehr Menschen für den jeweiligen Nachbarn zu gewinnen und damit das wichtigste Kapital für gute, freundschaftliche Beziehungen zu mehren.