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Rede von Bundespräsident Horst Köhler bei der Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa

Bundespräsident Köhler und die Vertreter der anderen Verfassungsorgane in der Neuen Wache Berlin, 8. Mai 2005 Foto: Brigitte Hiss, bpa © Foto: Brigitte Hiss, bpa

"Begabung zur Freiheit"
I.Am 8. Mai 1945 sitzt der deutsche Sanitäts-Oberfähnrich Wolfgang Soergel in einem Kriegsgefangenenlager in Schottland. Dort schreibt er in sein Tagebuch:

"Adolf Hitler ist tot. Um Chemnitz wird noch gekämpft, in den zerfetzten Zeitungsmeldungen lese ich von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in diesem Raum, in dem ich Euch suche. Sehe ich Euch wieder? Ende April wurden von britischen Truppen NS-Konzentrationslager befreit (...). Die Wirklichkeit ist viel schlimmer als das Geflüster und Geraune der letzten Monate (...). Es liegt nun kein ehrenvoll Besiegter am Boden, wir werden als Mörderbande angesehen, denen die Maske abgerissen wurde."

Harte Worte, treffende Worte. So war Deutschlands Lage vor sechzig Jahren.

Am 8. Mai 1945 hatte die Wehrmacht bedingungslos kapituliert. Die Waffen schwiegen. Die meisten Deutschen waren erleichtert darüber. Zugleich waren sie wie betäubt von der Wucht der Niederlage und fragten sich bang, welches Schicksal sie nun erwartete.

Die Völker und die Menschen, die unter dem sogenannten "Dritten Reich" gelitten hatten, empfanden beim Untergang der Naziherrschaft Freude und Genugtuung. Aber Europa hatte Furchtbares erlebt, ehe dieser Sieg errungen war. Es war in einen Kontinent der Massengräber, der Todeslager und der Trümmer verwandelt. Millionen Soldaten aller Nationen waren gefallen. Auf Europas Straßen zogen Hunderttausende entwurzelter und verzweifelter Menschen, und in den so furchtbar zerstörten Städten wie Warschau, Caen und Kiew waren fast nur noch die Keller bewohnbar. Auch brachte das Ende des Krieges noch lange nicht das Ende des Leids: In den befreiten Konzentrationslagern, in den Lazaretten und in den Krankenhäusern starben weiter Menschen an ihren Entbehrungen und Wunden. Im Osten gingen die Bevölkerungsverschiebungen weiter, und die gewaltsame Vertreibung der Deutschen hatte gerade erst begonnen. Die Länder Mittel- und Osteuropas gingen Jahrzehnten neuer Unfreiheit entgegen.

Im Grunde wirkt das Unglück, das Deutschland über die Welt gebracht hat, bis heute fort: Noch immer weinen Söhne und Töchter um Eltern, die damals getötet wurden, noch immer leiden Menschen unter ihren damaligen Erlebnissen, und noch immer trauern ungezählte Menschen in vielen Ländern um den Verlust ihrer Heimat.

Hier bei uns in Deutschland hat jeder Verwandte oder Bekannte, die erlebt und erlitten haben, was in jener Zeit geschah. In jeder deutschen Familie gibt es Erzählungen darüber, denn alle waren betroffen.

Wir Deutsche blicken mit Schrecken und Scham zurück auf den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und auf den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch Holocaust.

Wir gedenken der sechs Millionen Juden, die mit teuflischer Energie ermordet wurden, oft nach Jahren öffentlich sichtbarer Entrechtung. Solange es Menschen gibt, wird dieses Grauen jedes fühlende Herz und jeden wachen Sinn bewegen.

Wir gedenken der Sinti und Roma, der Kranken und Menschen mit Behinderung, der politisch Andersdenkenden und der Homosexuellen, die verfolgt und ermordet wurden.

Wir gedenken der vielen Millionen Menschen, die darüber hinaus dem deutschen Wüten vor allem in Polen und in der Sowjetunion zum Opfer fielen.

Wir fühlen Abscheu und Verachtung gegenüber denen, die durch diese Verbrechen an der Menschheit schuldig geworden sind und unser Land entehrten.

Wir trauern um alle Opfer Deutschlands - um die Opfer der Gewalt, die von Deutschland ausging, und um die Opfer der Gewalt, die auf Deutschland zurückschlug. Wir trauern um alle Opfer, weil wir gerecht gegen alle Völker sein wollen, auch gegen unser eigenes.

Wir gedenken des Leids der Zivilbevölkerung in allen Ländern. Wir gedenken der in deutscher Gefangenschaft umgekommenen Millionen Soldaten und der Millionen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Wir gedenken der mehr als eine Million Landsleute, die in fremder Gefangenschaft starben, und der Hunderttausende deutscher Mädchen und Frauen, die zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden. Wir gedenken des Leids der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen, der vergewaltigten Frauen und der Opfer des Bombenkriegs gegen die deutsche Zivilbevölkerung.

Wir haben die Verantwortung, die Erinnerung an all dieses Leid und an seine Ursachen wachzuhalten, und wir müssen dafür sorgen, dass es nie wieder dazu kommt. Es gibt keinen Schlussstrich.

Hören wir also den Geschichten der Opfer gut zu: der Geschichte von Meir Lau, der erst acht war und sich trotzdem viel älter fand als der Soldat, der das KZ-Tor aufbrach und ihn umarmte, denn dieser Soldat lachte und weinte dabei ja wie ein Kind. Denken wir nach über die Geschichte von Hermann Matzkowski, der als deutscher Kommunist im eroberten Königsberg zum Bürgermeister ernannt wurde und dessen alte Mutter dann Weihnachten 1945 an der Ver­gewaltigung durch Besatzungssoldaten starb. Hören wir Lew Kopelew zu, der als Rotarmist wegen "Mitleids mit dem Feind" mehr als zehn Jahre in sowjetische Lager gesperrt wurde, und dem Schriftsteller Dieter Forte, der als Kind die Bombenangriffe auf Düsseldorf erlebte und darum noch heute Alpträume hat, und Anne Frank, die sich mit ihrer Familie jahrelang vor der Gestapo versteckt hielt und am Ende doch im Konzentrationslager umkam. Hören wir, was Erika Winter erzählt hat, die als Kind mit ihrer Schwester an Hungertyphus erkrankte und von einem polnischen Arzt gerettet wurde, der den Mädchen beim Abschied sagte, seine beiden kleinen Töchter seien von Deutschen getötet worden.

II.
Deutschland ist heute ein anderes Land als vor sechzig Jahren.

Auf den ersten Blick sieht man das am Bild der Städte. Es trennen uns Welten von der Trümmerzeit nach dem Kriege. Zehn Millionen Waggonladungen Schutt und Asche sind weggeräumt worden, hat jemand ausgerechnet. Architekten wie Otto Bartning und Walter Gropius hielten den Wiederaufbau für unmöglich oder frühestens in 100 Jahren zu schaffen. Millionen Menschen waren obdachlos, und viele sind in den Hungerwintern nach dem Krieg erfroren. In den zerbombten Städten besaßen Hunderttausende Kinder keine vernünftigen Schuhe und kein eigenes Bett. Die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen hatten alles verloren. Zwischen damals und heute liegen Welten - und Jahrzehnte harter Arbeit. Es war eine große Leistung der gesamten Gesellschaft, und viel haben die Flüchtlinge, Vertriebenen und Ausgebombten beigetragen. Wir sollten dankbar sein für das Erreichte und es als Ansporn verstehen. Und wir sollten nicht vergessen, wie schnell ein Erbe verspielt werden kann, an dem viele Generationen gebaut haben.

Deutschland ist heute aber nicht nur äußerlich ein anderes Land als vor sechzig Jahren. Unser Land hat sich von seinem Inneren her verändert, und das ist erst recht ein Grund zur Freude und Dankbarkeit.

Diesen Dank schulden wir an erster Stelle den Völkern, die Deutschland besiegt und vom Nationalsozialismus befreit haben. Sie haben den Deutschen nach dem Krieg eine Chance gegeben. Das war vernünftig, aber das macht das Geschenk nicht kleiner. Die anderen Nationen haben damals verlangt und erwartet, dass die Deutschen lernen und sich ändern.

Die ersten Schritte haben die Besatzungsmächte vorgegeben: Sie haben, vor allem in den Nürnberger Prozessen, die wichtigsten Kriegsverbrecher verurteilt, und sie haben Millionen Deutsche gezwungen, schriftlich Rechenschaft über ihr Verhalten während der Nazizeit abzulegen. Diese Entnazifizierung ging manchen Kritikern zu weit und anderen nicht weit genug. Aber jedenfalls wurden so die führenden Nazis als Gruppe aus dem politischen Leben verbannt.

Die Deutschen habendamals vieles miteinander beschwiegen. "Nichts sagen, nichts fragen", war die Einstellung vieler. Darin waren sich Schuldige und Unschuldige oft unausgesprochen einig. Vielleicht war das nötig, um inneren Abstand zu gewinnen und neu anfangen zu können. Gerade hier zeigt sich womöglich am deutlichsten, welchen Weg unser Land seither zurückgelegt hat. Heute sehen vor allem Jüngere genau hin und fragen, wie sich damals die Menschen verhalten haben. Sie fragen übrigens auch, wie es um die Aufarbeitung der SED-Diktatur steht. Und heute unterstützen wir Deutsche aus Überzeugung den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen ahndet.

In der Sowjetischen Besatzungszone überschattete schweres Unrecht die Erfolge bei der Entnazifizierung: Hunderttausende wurden ohne rechtsstaatliches Verfahren in Lager gesperrt, Zehntausende starben darin. Es wurden bei weitem nicht nur ehemalige Nationalsozialisten verfolgt. Jede Opposition und alle politisch Missliebigen sollten unterdrückt werden. Solche Unterdrückung erlitten nicht allein die Ostdeutschen, sondern alle Völker im sowjetischen Machtbereich. Im geteilten Europa genauso wie im geteilten Deutschland machten die Menschen von nun an völlig getrennte Erfahrungen. Nur in einem Teil Europas konnten sie ungehindert an den Aufbau freiheitlicher Gesellschaften gehen. Im anderen mussten die Menschen erst um ihre Freiheit kämpfen, und das haben sie wieder und wieder getan, bis sie sie endlich errungen hatten.

III.
Hier gegenüber, am Bundeskanzleramt, steht in diesen Wochen weithin lesbar ein Satz von Albert Einstein: "Der Staat ist für die Menschen und nicht die Menschen für den Staat." Mit diesen Worten lässt sich auch die zentrale Botschaft der demokratischen Neuordnung in Westdeutschland zusammenfassen: Nicht mehr der Staat oder "die Partei" stehen im Mittel­punkt, sondern die Würde und Freiheit des einzelnen Menschen.

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes konnten für diesen Neubeginn an viel Gutes anknüpfen: an Denker der Aufklärung wie Lessing und Kant, an die Ideen der Freiheitskämpfer von 1848 und an die Paulskirchenverfassung, an die Entwicklung des Rechts im 19. Jahrhundert und an das Gedankengut der deutschen Arbeiter­bewegung, an die jahrhundertealte demokratische Kultur der Städte und an das Vermächtnis des deutschen Widerstands von Graf Stauffenberg bis Julius Leber, von Hans und Sophie Scholl bis Dietrich Bonhoeffer.

Noch vor dem Grundgesetz bekam Westdeutschland eine solide Währung. Preise wurden freigegeben und Bewirtschaftungsvorschriften aufgehoben. Die Westdeutschen machten begeistert Gebrauch von der Freiheit und kamen durch eigene Initiative und Leistung zu Wohlstand.

Das half auch der jungen Demokratie: Sie fand auch deshalb Zustimmung, weil sie mit wirtschaftlichem Aufschwung einherging. Der kam aber nicht über Nacht. Darum fragte anfangs noch mancher: "Was nutzen mir Freiheit und Demokratie, wenn ich arbeitslos bin?" Die Frage wiegt schwer. Heute liegt die Antwort klarer auf der Hand, denn unsere Geschichte nach 1945 hat gezeigt: Jeder Mensch braucht Freiheit und Demokratie für seine Selbstachtung und Würde. Das ist es doch, was die friedliche Revolution von 1989 unaufhaltsam gemacht hat. Und unser Volk braucht wie alle anderen Freiheit und Demokratie, weil es nur in freier Selbstbestimmung eine gute Zukunft und soziale Gerechtigkeit erreichen kann. Der Stachel der Frage aber bleibt. Arbeitslosigkeit demütigt Menschen. Arbeit zu schaffen, das ist deshalb auch heute ein vorrangiger Auftrag an alle Demokraten.

IV.
Auch in der Sowjetischen Besatzungszone gingen viele Menschen zunächst voller Hoffnung ans Werk. Thomas Mann beobachtete damals: "Unter den kommunistischen Offiziosen (...) fehlt es gewiss nicht an (...) gewaltlüsternen Tyrannen. Aber ich habe in Gesichter geblickt, denen ein angestrengt guter Wille und reiner Idealismus an der Stirn geschrieben steht, Gesichter von Menschen, die achtzehn Stunden täglich arbeiten und sich aufopfern, um (...) gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die, wie sie sagen, einen Rückfall in Krieg und Barbarei verhindern sollen."

Doch dieser Idealismus wurde betrogen. Die SED schaltete die Gesellschaft gleich. Das Leben wurde uniformiert und bald auch militarisiert. Die DDR schottete sich gegen den Westen ab und verbot alles, was die parteiamtliche Linie bedrohte. Immer mehr Bauern, Handwerker, Unternehmer und Wissenschaftler verließen das Land, weil sie dort für sich keine Zukunft sahen. Die Liste der Künstler und Intellektuellen, die in der DDR das bessere Deutschland zu finden gehofft hatten und sich dann enttäuscht von ihr abwandten, wurde Jahr für Jahr länger. Ostdeutschland verlor immer mehr Lebenskraft und Kreativität an die Bundesrepublik, und das trug zu deren Blüte erheblich bei. Die DDR dagegen wusste sich nur mit Mauern und Stacheldraht zu behelfen. Auch das hat sie nicht retten können.

Denn das Streben nach Freiheit blieb lebendig, in der DDR und in den Völkern Mittel- und Osteuropas - vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 bis zum ungarischen Freiheitskampf 1956, vom Prager Frühling 1968 bis zum Streik der Danziger Werftarbeiter zwölf Jahre später.

V.
Westdeutschland hatte es viel leichter - auch, weil es vergleichsweise weniger Reparationen leisten musste und mehr Aufbauhilfe bekam. Vor allem aber, weil sich dort Ideen besser entfalten konnten und weil eine freiheitliche Ordnung schneller auf neue Herausforderungen reagieren kann.

Das Kennzeichen dieser politischen Ordnung war - jede Menge Streit! Um alle großen Fragen ist in der Öffentlichkeit und im Parlament heftig gestritten worden: um die soziale Marktwirtschaft und um die Wiederbewaffnung, um den Beitritt zur NATO und um die Mitgliedschaft in den Europäischen Gemeinschaften, um die neue Ostpolitik und um die Nachrüstung. Im Rückblick zeigt sich: Alle diese Entscheidungen waren richtig. Das hat nach einiger Zeit immer die große Mehrheit der Bevölkerung erkannt und auch die jeweilige parlamentarische Opposition eingesehen. Und darum hat im Ergebnis jede dieser großen Debatten die politische Kultur der Bundesrepublik und das Vertrauen in ihre demokratische Ordnung gestärkt. Auch das lässt sich erst jetzt, mit mehr zeitlichem Abstand, deutlich erkennen. Es ist ein Erfolg, an dem alle Bundesregierungen und alle Bundestage seit 1949 und vor allem alle Bürger Anteil haben.

So gab es für die Bundesbürger immer mehr gute Gründe, ihr Land zu schätzen. Bundeskanzler Adenauer beeindruckte sie durch Klugheit und Führungsstärke; aber ebenso wichtig war später die Erfahrung, wie reibungslos sich in ihrer Demokratie Kanzler- und Regierungswechsel vollziehen. In der "Spiegel-Affäre" wurde staatliche Willkür sichtbar; aber der Skandal endete mit einem Sieg der Pressefreiheit. Der Kampf gegen den Terrorismus der RAF wühlte das Land auf; aber die Bundesrepublik blieb ein Rechtsstaat. Die Belange der Umwelt wurden vernachlässigt; aber weil sich viele engagierten und eine Partei gründeten, erreichten sie rasch politischen Einfluss und brachten den Umweltschutz voran, und die anderen Parteien zogen nach.

Alle diese politischen Entwicklungen gingen unauflösbar einher mit einem tiefen Wandel im geistigen und kulturellen Klima des Landes. Auch da waren zunächst aufrichtige Selbstprüfung, das Bekenntnis eigener Schuld und das Bemühen um Versöhnung geboten. Die beiden großen Kirchen haben dazu einen bleibenden Beitrag geleistet und vielen Menschen wieder tragfähigen Grund gewiesen. Die "Ostdenkschrift" der Evangelischen Kirche und der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe mit dem Satz aus Polen "Wir vergeben und bitten um Vergebung" bleiben unvergessen. Zur Wirkung dieser Botschaft trug damals der junge Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, entscheidend bei. Als Papst hat er nach dem Wort gelebt, dass allein die Wahrheit den Menschen frei macht. Nun folgt ihm mit Benedikt XVI. ein Papst, der aus Deutschland kommt, und Menschen in aller Welt freuen sich über diese Wahl. Zeigt das nicht auch, wie unser Land heute wahrgenommen wird?

Auch viele Künstler und Intellektuelle haben nach dem Krieg in Deutschland Aufräumarbeit geleistet, und oft war das weder für sie selbst noch für ihre Zeitgenossen bequem. Sie haben mit ihren Werken das Land verändert. Die Gesellschaft ist gründlich durchlüftet worden. Deutschland hat geistige Weite wiedergewonnen. Die Nobelpreise für Heinrich Böll und Günter Grass - nach dem Nobelpreis für die vor den Nationalsozialisten geflohene Nelly Sachs -, die Erfolge des deutschen Films, die Ausstellungen deutscher Künstler in den großen Museen der Welt: All das zeigt, dass Deutschland wieder eine geachtete Kulturnation ist.

VI.
Von Anfang an gingen viele Impulse von den Jüngeren aus. Gerade bei ihnen wurde der westliche Lebensstil ein Riesenerfolg. Sie waren hungrig auf Jazz und Rock'n'Roll und auf ausländische Bücher, Filme und Theaterstücke. Sie lernten begeistert Fremdsprachen und reisten, so weit das Geld reichte, und sie waren dabei gute Botschafter der Bundesrepublik.

Die deutsch-französische Freundschaft und ein geeintes Europa waren nicht allein ein Anliegen der großen Staatsmänner wie Churchill, Adenauer, Schumann und De Gasperi, sondern eine echte Jugendbewegung. Ich war selber dabei, als Charles de Gaulle am 9. September 1962 Ludwigsburg besuchte und die deutsche und die französische Jugend dazu aufrief, die Zukunft Europas zu bauen. Unsere Begeisterung war grenzenlos.

Es waren auch vor allem die Jüngeren, die die unbequemen Fragen stellten: Setzten sich die Deutschen ausreichend mit der Nazi-Vergangenheit auseinander? Musste nicht endlich weltweit Schluss sein mit der Rassendiskriminierung? War der Vietnamkrieg zu verant­worten? Barg die Atomkraft nicht zu große Gefahren? In der Auseinandersetzung mit diesen Themen haben ungezählte junge Leute gelernt, politisch zu denken und sich demokratisch zu engagieren. Ihre Vorbilder waren Albert Schweitzer, John F. Kennedy und Martin Luther King, so wie es später Willy Brandt und Nelson Mandela wurden. Auch das gehört zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, und es hat ihr gut getan.

Bei den jungen Menschen unter kommunistischer Herrschaft war vieles ähnlich. Auch dort hatten Jeans und Rockmusik unwiderstehliche Anziehungskraft, nur hielt sie die Obrigkeit für politisch verdächtig. Deshalb gab es in Warschau und in Ost-Berlin regelrechte Straßenschlachten um die Teilnahme an Rockkonzerten, deshalb erhielt die Klaus Renft Combo wegen ihrer kritischen Texte Auftrittsverbot, und deshalb waren lange Haare dort erst recht viel mehr als eine Frisur.

Es gehörte Mut dazu, in der "Jungen Gemeinde" aktiv zu werden oder den Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" zu tragen, und immer mehr junge Frauen und Männer bewiesen diesen Mut. Andere setzten sich für den Erhalt der Umwelt und für Bürgerrechte ein, oft unter dem schützenden Dach der Kirchen.

Es gab sogar eine Initiative, für die sich - wenn auch getrennt - junge Ostdeutsche und junge Westdeutsche gleichermaßen einsetzten: die Aktion Sühnezeichen. Lothar Kreyssig aus Sachsen hat sie in den fünfziger Jahren gegründet. Sie hilft bis heute Opfern der deutschen Kriegs- und Vernichtungspolitik und arbeitet für Frieden und Versöhnung.

Und schließlich: Im Osten wie im Westen begeisterten sich die jungen Leute für Michail Gorbatschow und seinen Reformkurs.

VII.
Überall in Mitteleuropa hat sich 1989 der Wille zur Freiheit durchgesetzt: friedfertig, klug und entschlossen. Die Ostdeutschen haben eines der besten Kapitel der deutschen Geschichte geschrieben. Am Anfang standen Menschen wie Herbert Belter, der 1950 an der Universität Leipzig Flugblätter gegen die Unterdrückung verteilte und dafür hingerichtet wurde. Am Ende standen der demokratische Sieg der Montagsdemonstranten und der Bürgerrechtler an den Runden Tischen, die einzige frei gewählte Volkskammer und die aus ihr hervorgegangene Regierung.

Das jüngste Beispiel für den Freiheitswillen der Völker Europas haben uns die Menschen in der Ukraine gegeben. Wir Deutsche freuen uns mit den ukrainischen Demokraten.

Europa ist heute geprägt von Freiheit, Demokratie und der Geltung der Menschenrechte. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich von Anfang an - über alle Regierungswechsel hinweg - für diese Grundwerte und für die europäische Einigung eingesetzt. Deutschland ist heute - wohl erstmals in seiner Geschichte - rundum von Freunden und Partnern umgeben. Zwischen uns ist Krieg unmöglich geworden.

Wir wissen auch um den Wert der transatlantischen Partnerschaft und vergessen nicht, was wir gerade den Vereinigten Staaten von Amerika zu verdanken haben. Mit dem Staat Israel verbinden uns gute Beziehungen, ja Freundschaft. Wer hätte sich das alles 1945 träumen lassen?

Endlich sind auch die Grenzen nach Osten hin offen, und die Menschen kommen auf den großen alten Handelsrouten wieder zueinander. Dabei gibt es gerade für uns Deutsche in Mittel- und Osteuropa eine ganze Welt neu zu entdecken. In Prag und Lemberg, in Danzig und Wilna, in Tallinn und Breslau lässt sich erleben und erahnen, wie reich das Europa der Vorkriegszeit an kultureller und ethnischer Vielfalt war und welche Kreativität und Reife das mit sich brachte. Diese Fülle ist dem Rassismus und dem nationalistischen Wahn zum Opfer gefallen. Deutschland hat dabei aus eigener Schuld einen Teil seiner selbst verloren.

Im vereinten Europa können wir nun endlich eine freie Gemeinschaft guter Nachbarn sein. Das kann uns auch helfen, gemeinsam die Geschichte und ihre oft bitteren Wahrheiten in den Blick zu nehmen.

Wir suchen aufrichtig die Freundschaft mit den Völkern Mittel- und Osteuropas und wollen gemeinsam mit ihnen das freie, friedliche Europa bauen. Die Freude der neuen Mitgliedstaaten an der Freiheit und ihre Aufbruchstimmung sind eine Bereicherung für die europäische Politik.

VIII.
Wenn wir heute auf die vergangenen sechzig Jahre zurückblicken, empfinden wir Dankbarkeit allen gegenüber, die uns beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland geholfen haben. Wir haben aber auch die Gewissheit, dass wir Deutsche den Weg zu unserer freien und demokratischen Gesellschaft aus eigener Begabung zur Freiheit gegangen sind.

Wir werden die zwölf Jahre der Nazidiktatur und das Unglück, das Deutsche über die Welt gebracht haben, nicht vergessen, im Gegenteil: Wir fassen gerade aus dem Abstand heraus viele Einzelheiten schärfer ins Auge und sehen viele Zusammenhänge des damaligen Unrechts besser. Aber wir sehen unser Land in seiner ganzen Geschichte, und darum erkennen wir auch, an wie viel Gutes wir Deutsche anknüpfen konnten, um über den moralischen Ruin der Jahre 1933 bis 1945 hinauszukommen. Unsere ganze Geschichte bestimmt die Identität unserer Nation. Wer einen Teil davon verdrängen will, der versündigt sich an Deutschland.

Wenn wir den Weg sehen, den wir seit 1945 zurückgelegt haben, dann erkennen wir auch die Kraft, die wir aufbringen können. Das macht uns Mut für die Zukunft.

Sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg steht unser Land vor mancher Schwierigkeit - wie andere Länder übrigens auch -, aber: Deutschland ist eine stabile Demokratie. Unser Land ist vielgestaltiger und weltoffener als jemals zuvor. Wir haben uns als Nation wiedergefunden. Unser Miteinander in Einigkeit und Recht und Freiheit ist unangefochten. Deutschlands Bürger achten auf soziale Gerechtigkeit, und sie halten zusammen, wenn es darauf ankommt.

Es gibt bei uns leider auch Unbelehrbare, die zurück wollen zu Rassismus und Rechtsextremismus. Aber sie haben keine Chance. Dafür steht die überwältigende Mehrheit der mündigen Bürgerinnen und Bürger, und dafür steht unsere wehrhafte Demokratie.

Unser Land hält Maß und hat Gewicht. Wir werden in der Welt geachtet und gebraucht. Die Bundeswehr hilft weltweit, den Frieden zu sichern und die Menschenrechte durchzusetzen. Unsere Entwicklungs­zusammenarbeit wird geschätzt. Und überall können Menschen in Not auf die Hilfsbereitschaft der Deutschen zählen.

Wir haben heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein. Das Erreichte ist undenkbar ohne die Lehren, die wir gezogen haben, und es ist das Ergebnis ständiger Anstrengung. Wir müssen diese Lehren weiter beherzigen und uns weiter anstrengen, dann werden wir mit unseren Kräften auch künftig zum Guten wirken.

IX.
An diesen Aufgaben muss sich jede Generation neu bewähren. Nach und nach rücken die Jüngeren in diese Verantwortung. Ich habe großes Zutrauen zu ihnen. Sie lassen sich nichts vormachen und fallen nicht auf falsche Versprechungen herein. Sie ringen um eigene Antworten und misstrauen jedem, der ihnen erzählt, er hätte schon alle Antworten. Sie sind weltoffen und stehen zu ihrem Land. Sie wissen, was ihre Eltern - die Generation der Kriegskinder - aufgebaut haben, und sie wollen etwas Eigenes leisten.

Die nachrückenden Generationen in Deutschland wissen, dass bald keine Zeitzeugen von Krieg und Vernichtung mehr da sein werden. Sie nehmen den Auftrag an, die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten und weiterzugeben. Sie sind es, die künftig mit ihren Altersgenossen in der ganzen Welt dafür sorgen werden, dass sich solches Unrecht und Leid nicht wiederholt.