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Rede von Bundespräsident Horst Köhler auf der Jahrestagung "Zum Wandel ermutigen - Stiftungen als Innovationskraft" des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Bundespräsident Horst Köhler gratuliert Gerhard Schmidt, dem Vorsitzenden der Heinz Nixdorf Stiftung, zur Verleihung der Goldmedaille für Verdienste um das Stiftungswesen. Freiburg, 13. Mai 2005 Foto: dpa, Patrick Seeger © Foto: dpa, Patrick Seeger

I.

Heute stehen am Rande der meisten Bundesstraßen Notrufsäulen. Und wer schnell Hilfe braucht, weiß: Der bundesweit einheitliche Notruf lautet 110 für die Polizei und 112 für die Feuerwehr. Was viele jedoch nicht wissen: Die Idee für die beiden Notrufsysteme geht nicht auf eine staatliche Institution, sondern auf eine private Initiative zurück: Die Björn-Steiger-Stiftung. Ute und Siegfried Steiger gründeten sie im Sommer 1969; ein Vierteljahr, nachdem ihr kleiner Sohn Björn an den Folgen eines Autounfalls gestorben war. Und zwar deshalb, weil es zu lange dauerte, bis Hilfe kam.

Das Ehepaar Steiger ist ein Beispiel für Menschen, die nicht einfach auf den Staat warten, sondern sich engagieren. Menschen tun dies aus den verschiedensten Gründen: aus sehr privaten wie die Steigers. Aus Mitmenschlichkeit und Solidarität oder aus persönlicher Leidenschaft. So hat sich in Deutschland eine breite Stiftungslandschaft gebildet, mit alten und neuen, großen und kleinen Stiftungen. Es gibt kaum ein gesellschaftliches Thema, dem sich Stiftungen nicht widmen.

II.

Schon das Beispiel des Stifterehepaars Steiger macht auf sehr anschauliche Weise deutlich, was die Stärke von Stiftungen ist: Sie machen Erfahrungen Einzelner für die Gemeinschaft nutzbar und suchen nach richtungweisenden Lösungen. Sie denken vor und handeln. "Ist das nicht ein zu positives Bild von Stiftungen?", werden manche vielleicht fragen. Ich meine: Nein, das ist es nicht. Stiftungen sind eine nachhaltige Innovationskraft für unser Land.

Sie greifen als Denkfabriken mit Phantasie und Ideenreichtum drängende Fragen unserer Gesellschaft auf: Wie können wir ein kinder- und familienfreundlicheres Land werden? Wie schaffen wir Arbeitsplätze und ein gutes Klima für Unternehmer? Wie reformieren wir das föderale System? Wie bringen wir Bildung und Forschung auf Spitzenniveau? Wie geben wir drogenabhängigen Jugendlichen eine neue Chance?

Oder um es an einer der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft zu verdeutlichen: Wo wären wir beim Thema Demografie ohne die Arbeit von Stiftungen? Ich bin froh darüber, dass sich mehrere Stiftungen dieses Themas angenommen haben. Manche arbeiten schon seit Jahren daran - nur leider haben wir erst spät hingehört. Aber die aktuelle Diskussion zeigt: Inzwischen ist diese kontinuierliche Arbeit in das öffentliche Bewusstsein gedrungen.

Nicht nur die großen, bekannten Stiftungen denken vor und handeln. Es sind gerade auch die vielen kleinen Stiftungen, die ich würdigen will. Stiftungen, von denen die meisten Menschen noch nie gehört haben, obwohl ihre Arbeit vielen von uns nützt oder nützen wird. Zum Beispiel deshalb, weil sie in neuen Projekten damit experimentieren, wie wir besser mit der Herausforderung "Wohnen im Alter" umgehen können. Oder weil sie Projekte und Initiativen zur Generationengerechtigkeit voranbringen.

Das Schöne an Stiftungen ist: Sie können Neues ausprobieren. Ihre Konzepte müssen nicht sofort auf fruchtbaren Boden fallen und nicht direkt umsetzbar sein. Stifter können über viele Legislaturperioden hinweg wirken und müssen auch keine Renditezahlen im Quartalsrhythmus vorlegen. Ihr Wirken ist fokussiert auf eine Idee, auf ein oft noch entferntes Ziel. Stiftungen können einer langfristigen Strategie folgen und so Zukunft denken, anstatt vor allem die Gegenwart zu verwalten.

So treten sie oft in einen fruchtbaren Wettbewerb um das bessere Konzept mit anderen nichtstaatlichen wie staatlichen Institutionen. Es ist kein Zufall, dass es in Diktaturen kein Stiftungswesen gibt. Diktatorische Systeme können sich nicht auf einen Wettstreit um die bessere Idee zum Wohle aller einlassen. Stiftungen sind ein Kennzeichen freier, demokratischer Gesellschaften.

Stiftungen wirken über Generationen hinweg. Noch heute gibt es Stiftungen, die im Mittelalter gegründet wurden. Berühmt ist die Augsburger Fuggerei. Sie ist benannt nach ihrem Stifter Jakob Fugger dem Reichen, der 1516 eine vorbildliche Sozialsiedlung schuf, die heute so beliebt ist wie vor 500 Jahren. Für die jüngere Vergangenheit nenne ich Robert Bosch, dessen Wille, eine Stiftung zu gründen, erst nach dem Zweiten Weltkrieg verwirklicht werden konnte. Bosch ging es um die Ermutigung und Förderung von Talenten, um Verständigung unter den Völkern - und um die Sicherung seines Lebenswerks. Er schuf mit seiner unternehmerischen Leistung den Kapitalstock der nach ihm benannten Stiftung, die heute die vermögendste in unserem Land ist. Auch darüber hinaus gab es in neuerer Zeit Unternehmer, die Stiftungen gegründet haben: Ich nenne beispielhaft Kurt A. Körber, Berthold Leibinger, Michael Otto, Reinhold Würth und die Familie Haniel. Ich freue mich, dass der Bundesverband heute Herrn Dr. Schmidt als den langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Heinz-Nixdorf-Stiftung für seine großen Verdienste um das deutsche Stiftungswesen auszeichnet.

III.

Zu stiften ist gelebter Ausdruck der Werteorientierung unserer freien Gesellschaft: Verantwortung und Eigeninitiative; Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn; Neugierde und der Drang, etwas zu verbessern. Stifter sind Vorbilder, weil sie handeln. So unterschiedlich die Zwecke auch sind - eines liegt allen Stiftungen zugrunde: Sie werden von Menschen gegründet, die etwas bewegen wollen. In ihrem Sinne und nach ihren ganz persönlichen Prioritäten. Ohne ein persönliches Interesse ist herausragendes Engagement, auch in finanzieller Hinsicht, nicht denkbar. Das weiß jeder aus eigener Erfahrung: Nur wer mit Herzblut bei der Sache ist, bewirkt auch etwas und hat genug Energie und Motivation, sein Vorhaben zu verwirklichen - und durchzuhalten. Dabei zählen nicht nur die großen Projekte. Denn aus vielem Kleinen wird oft ein Großes. Jeder kann ein Vorbild sein.

Ein sehr ermutigendes Beispiel sind die Bürgerstiftungen. Sie sind eine relativ neue Form des gemeinnützigen Engagements in Deutschland. Sie sind auf die Gemeinde, Region oder auch nur einen Stadtteil bezogen.

Auf meinem Neujahrsempfang lernte ich Elisabeth Nilkens von der Bürgerstiftung Herten kennen. Frau Nilkens und ihre Mitstreiter sind ein wirklich gutes Beispiel einer solchen Stiftung von Bürgern für Bürger. Auf ihrem Bauernhof geben sie Jugendlichen neue Chancen auf Ausbildung und einen Beruf - und damit eine Perspektive für das Leben.

Bürgerstiftungen sind gelebter Bürgersinn. Ich freue mich darüber, dass sie als soziale Innovation immer mehr Nachahmer finden. Sie sind Ausdruck einer reifen, demokratischen Gesellschaft. Und ein Beispiel dafür, dass Menschen sich umeinander kümmern und solidarisch zusammenhalten. Dieser Zusammenhalt kann weder "von oben" verordnet, noch kann er vom Staat organisiert werden. Wohl aber können ihn engagierte Menschen stiften - vor Ort, wo man sich kennt. Dort, wo man Missstände nicht in die Anonymität von Verwal­tungsapparaten delegiert. Subsidiarität nennen das die Fachleute.

Ein anderes Beispiel ist Anna Hofmann. Die gelernte Hauswirtschafts­meisterin gründete 1997 eine Stiftung - als Reaktion auf ihre persönliche Erfahrung mit ihrem schwerkranken jüngsten Sohn. Die kleine Stiftung leistet schnelle Hilfe für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in Notsituationen; komplizierte Anträge braucht bei ihr niemand zu stellen. Ihre Aktivitäten sind auf die Region Oberpfalz konzentriert, weil man erst einmal "vor der eigenen Haustür aufräumen" soll, wie Frau Hofmann sagt.

IV.

Es ist nicht zu leugnen: Wir stehen in Deutschland vor großen Herausforderungen und niemand weiß alle Antworten. Die Politik hat erste wichtige Reformen eingeleitet und dafür gebührt ihr Unterstützung und Dank. Und es macht Mut, dass es für viele Probleme auch Lösungsansätze gibt, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Das zeigt mir einmal mehr: Die Menschen engagieren sich, sie übernehmen füreinander Verantwortung. Sie setzen auf Miteinander und Gemeinsinn.

Auf meinen Reisen durch unser Land stoße ich immer wieder auf gute Beispiele. Die Würzburger Arbeitsgemeinschaft "Villa Kunterbunt", die sich ehrenamtlich um Familien mit schwerstkranken Kindern kümmert. Oder das Braunschweiger Mehrgenerationenhaus. Dort sind neben den vier hauptamtlichen rund 40 ehrenamtliche Mitarbeiter tätig. Sie haben das Haus zu einem festen Treffpunkt gemacht, an dem mehrere Generationen miteinander ins Gespräch kommen und sich gegenseitig helfen.

Dieser Grundsatz der "Hilfe zur Selbsthilfe" bringt uns weiter. Er fordert die Menschen, ohne zu überfordern. Das ermutigt und gibt Selbstvertrauen. Eine solidarische, lebendige und kreative Bürger­gesellschaft entsteht nur durch das Engagement der Bürger selbst. Bürgerengagement und Bürgerstolz sind ein Zwillingspaar. Seien Sie stolz auf das, was Sie leisten - das steckt an!

Bürgergesellschaft und Staat müssen sich aber ergänzen. Unsere Gesellschaftsordnung garantiert uns ein hohes Maß an Freiheit. Hinter diesem Grundsatz steht die Erkenntnis, dass Menschen zur Freiheit begabt sind. Es ist die Freiheit, die Kraft und Kreativität weckt. Die Freiheit, die sich selbst bindet durch gelebte Mitmenschlichkeit und Gemeinsinn. Wenn wir heute über Bürger- oder Zivilgesellschaft reden, dann sprechen wir über diese Kraft, die aus der Freiheit erwächst - aber auch über die Verantwortung des Einzelnen, von seiner Freiheit zum Nutzen der Gesellschaft Gebrauch zu machen. Der Staat hat hierfür den Rahmen zu setzen, eine Ordnung zu garantieren. Eine Ordnung der Freiheit, die den Bürgern genügend Raum lässt, die aber auch den Missbrauch der Freiheit wirksam verhindert. Freiheit und Verantwortung - sie sind zusammen Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaftsordnung.

Es ist nötig, dass diejenigen, die können, auch anpacken: Mit Zeit, mit Geld, mit ihren Fähigkeiten. Auf diese Weise geben sie der Gemeinschaft etwas zurück von ihrem Erfolg und Reichtum, vor allem aber von den Chancen, die ihnen geboten wurden. Stifter praktizieren den Grundsatz "Eigentum verpflichtet". In einer aktuellen Untersuchung zu den Motiven von Stiftern wird ein Unternehmer mit den Worten zitiert: "Das Land hat mir ermöglicht, reich zu werden, dann hab ich auch die verdammte Pflicht, [...] mich hier zu engagieren." Diese klare Haltung imponiert mir. Viele handeln schon danach, und auf ihre Vorbildrolle sollten wir hinweisen. Es gibt allerdings auch solche, die nicht gut handeln. Warum sollten die es verdienen, dass besonders auf sie aufmerksam gemacht wird? Ich halte es für richtiger, auf die aufmerksam zu machen, die Gutes tun.

V.

Mit der Reform des Stiftungsrechts im Jahr 2000 hat es der Gesetzgeber den Bürgern erleichtert, von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Die Zahl der Stiftungs­neugründungen nimmt seit Jahren zu. Manche sprechen sogar von einem Stiftungsboom. Allein vergangenes Jahr gab es 852 Stiftungs­neugründungen - mehr als in jedem Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg. Dies zeigt, dass Politik viel bewirken kann, wenn sie sich darauf beschränkt, die Spielregeln festzulegen, den Bürger das Spiel aber selbst machen lässt.

So positiv die Bilanz ist: Es muss uns zu denken geben, dass die Deutschen nur wenig über die Arbeit von Stiftungen wissen. Zu wenig, wie ich meine. Nur die Hälfte unserer Landsleute kennt überhaupt eine Stiftung. Die bekannteste ist die Stiftung Warentest. Es ist kein Zufall, dass gerade sie genannt wird. Sie gibt im Alltag Orientierung und macht seit Jahrzehnten die Qualität von Produkten für den Konsumenten transparent.

Transparenz - das ist auch eine Herausforderung für das gesamte Stiftungswesen. Es ist wünschenswert, dass der Gründung von Stiftungen möglichst wenig im Wege steht und dass sie gefördert wird. Dann sollte es aber für die Gemeinschaft auch ausreichend transparent sein, wofür sie steuerliche Privilegien gewährt. Dies gilt umso mehr, als nicht einmal die Hälfte der Deutschen glaubt, dass Stiftungen effizienter sind als der Staat. Das ist ein Fingerzeig dafür, dass Sie alle, meine Damen und Herren, noch mehr über die Arbeit Ihrer Stiftungen informieren müssen. Es gibt eine Fülle von Geschichten, die wert sind, erzählt zu werden. Damit schaffen Sie mehr Akzeptanz und Glaubwürdigkeit. Und Stiftungen brauchen genau diese positive Wahrnehmung und Wertschätzung. Nur so werden sie als eine tragende Säule der Bürgergesellschaft sichtbar. Und viele gute, glaubwürdige Beispiele ermutigen gleichzeitig andere, sich zu engagieren.

VI.

Eine Mehrheit der Menschen in Deutschland hat erkannt, dass wir unser Land noch mehr in Bewegung setzen müssen. Immer mehr Bürger entdecken gerade die Freude daran, etwas zu verändern und etwas zu wagen. Nur wer wagt, gewinnt, heißt ein altes Sprichwort. Wir alle sind im Moment dabei, manch alte Gewohnheit abzustreifen. Wir werden mutiger und zupackender, ideenreicher und verantwortungsbewusster in der Gestaltung unseres eigenen Lebens, aber auch des gesellschaftlichen Miteinanders. Deshalb bin ich trotz vieler Schwierigkeiten zuversichtlich, was die Zukunft Deutschlands angeht.

Zum Schluss möchte ich das Motto dieser Tagung unterstreichen: "Zum Wandel ermutigen - Stiftungen als Innovationskraft". Das gefällt mir gut. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen trägt mit seiner verdienstvollen Arbeit dazu bei, dass die Stiftungen erfolgreich an der Erneuerung unseres Landes mitwirken. Ich bin überzeugt, dass Stiftungen noch viel mehr für eine gute Zukunft Deutschlands tun können.

In diesem Sinne fordere ich die Menschen in unserem Land auf: Gehen Sie stiften!