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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Hannover

Bundespräsident Horst Köhler winkend Hannover, 25. Mai 2005 Foto: Guido Bergmann, bpa © Foto: Guido Bergmann, bpa

Ich grüße alle ganz herzlich. Nicht nur hier auf dem Opernplatz, auch die Menschen, die an der Marktkirche, am Steintor, auf dem Messegelände und in der Christuskirche Gottesdienst gefeiert haben. Sie sind hierher nach Hannover gekommen, um den Kirchentag zu gestalten und mitzuerleben.

Welche Organisation oder Institution schafft es in Deutschland sonst, regelmäßig zehntausende Mitglieder und Interessierte zu mobilisieren, die sich gemeinsam an einem Ort intensiv mit ihrem Leben und der Gesellschaft auseinandersetzen? - Das zeigt, wie lebendig die Kirchen in unserer Gesellschaft sind.

"Wenn dein Kind dich morgen fragt ..." - dieses Bibelwort zielt auf die Verantwortung für das, was wir tun oder auch unterlassen. Wir müssen erklären können: Aus welchen Über­zeugungen heraus handeln wir? Wieso entscheiden wir uns für die eine und nicht für die andere Lösung? - Wir sind rechen­schaftspflichtig. Nur wenn unsere Kinder uns verstehen, uns glauben und vertrauen, werden sie den Staffelstab mit Zuversicht übernehmen.

Sich den Fragen unserer Zeit zu stellen, mit anzupacken - das ist für kirchliche Mitarbeiter und Gemeindemitglieder ganz selbstverständlich. Ihre Einstellung, ihr Handeln, ihre Kompetenz tut unserer ganzen Gesellschaft gut. Dafür sage ich allen Dank.

Ich denke da auch besonders an jene, die sich bei der Diakonie und bei der Caritas um Menschen kümmern, die auf Unterstützung angewiesen sind. Es geht ja bei diesem Dienst um mehr, als Bettlägerige zu pflegen und Obdachlose zu versorgen. Die Beschäftigten von Diakonie und Caritas lenken den Blick auf den Einzelnen, fragen nach seiner Bedürftigkeit und nach seinen Fähigkeiten. Sie helfen, die Würde eines jeden Menschen zu wahren.

Ein weiterer Punkt: Die Kirchen sind weltumspannende Institutionen. Global Player - Global Prayer, wie es so schön heißt. Daraus erwächst ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl von Menschen unterschiedlicher Nationen und damit auch eine einzigartige Kompetenz für die Themen der Einen Welt.

Und schließlich: Christinnen und Christen wissen, dass dem mensch­lichen Handeln und Denken Grenzen gesetzt sind. Das bewahrt davor, politische, ökonomische oder technische Erkenntnisse zu verabsolutieren. Sie stellen eben keine letztgültigen Wahrheiten dar, sondern sind, wenn nötig, immer neu zu diskutieren und not­falls auch zu korrigieren.

Viele Grundwerte aus der jüdisch-christlichen Tradition sind in unserer Gesellschaft zu Eckpfeilern geworden, die Orientierung bieten und Zusammenhalt stiften. Ich möchte den Grundwert Freiheit herausgreifen: Gott schenkt sie den Menschen, die aus ihr heraus leben, freiwillig Verantwortung übernehmen und sich in den Dienst am Nächsten stellen. Wir müssen die geschenkte Freiheit erhalten und erhaltene Freiheit verschenken.

Das gilt auch für die Themen, die diesen Kirchentag besonders bestimmen sollen. Bei der Frage nach Generationengerechtigkeit heißt das: Unsere Kinder und Enkelkinder haben ein Recht auf eigene Entfaltung. Ihre Freiheit darf nicht durch Erblasten, die wir ihnen aufbürden, ersticken.

Genauso beim Thema Globalisierung: Sie muss für alle Menschen ein menschenwürdiges Leben bringen. Die eine Welt verträgt keine halbierte Freiheit.

Lassen Sie uns die Zeit, die wir gemeinsam haben, nutzen. Der Kirchentag bietet ein einzigartiges Podium für den offenen Dialog. Das ist notwendig, das gefällt mir, und das ist ein Grund, warum ich hier bin.

Für mich persönlich und für meine Frau gibt es auch noch einen zweiten: Die Evangelische Kirche ist unsere spirituelle Heimat. Es ist schön, hier zusammen Gottesdienst zu feiern, und wir freuen uns darauf, morgen in die Atmosphäre und Gemein­schaft auf dem Kirchentag einzutauchen.

Einen Gedanken möchte ich noch hinzufügen: Ich bekomme als Bundespräsident viele Briefe. Einige bitten mich, als Staatsoberhaupt für die Stärkung des Christentums zu sorgen, qua Amt sozusagen. Darauf kann ich nur antworten: Mit Leben gefüllt wird ein Glaube allein in der Gemeinde, allein durch die Gläubigen. Veranstaltungen wie diese können allen Mut machen, Glauben zu leben, sich den Veränderungen in der Gesellschaft zu stellen und die Herausforderungen anzunehmen. Genau das brauchen wir.

Ich freue mich deshalb, dass Sie alle hierher zum Kirchentag nach Hannover gekommen sind, und wünsche Ihnen und uns allen erfüllte Tage. Oft ist das Zeichen für eine gelungene Veranstaltung ja das Schlafdefizit. Wenn man gemeinsam singt und betet, wenn interessante Angebote locken, spannende Gesprächpartner da sind, wenn intelligent argumentiert wird, man miteinander streitet und lacht, dann fällt es schwer, ein Ende zu finden. In diesem Sinne: Auf einen guten Kirchentag - und auf das Schlafdefizit!