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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Abendessen für die Mitglieder des Ordens Pour le mérite im Schloss Charlottenburg

Bundespräsident Horst Köhler mit dem Ordenskanzler Hans Georg Zachau und Hans Magnus Enzensberger Berlin, 30. Mai 2005 Foto: Jochen Eckel, bpa © Foto: Jochen Eckel, bpa

Ich möchte am Anfang gleich sagen: herzlich willkommen. Ich selber bin heute zum ersten Mal hier in diesem Raum gewesen, anlässlich des Mittagessens mit Staatspräsident Katsav. Ich finde, es ist ein schönes Bild, Sie hier im Raum zu sehen, vor dem Hintergrund des Parks von Schloss Charlottenburg.

Seit der Amtszeit von Bundespräsident Theodor Heuss ist es guter Brauch, dass der Protektor des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste an dessen öffentlichen Sitzungen teilnimmt. Ich habe mich auf meine erste Ordenssitzung in der Tat sehr gefreut und danke Ihnen für den eindrucksvollen Nachmittag.

Der "genius loci" des Schinkelschen Konzerthauses ist für mich in der Sitzung des Ordens Pour le mérite heute in besonderer Weise lebendig geworden. Wie Schinkels Werke, so steht auch der Orden für die großen geistigen Traditionen in unserem Land und natürlich auch darüber hinaus. Deswegen gehört es zu den glücklichen Wendungen in der Geschichte des Ordens, dass die diesjährige öffentliche Feier in dem großartigen Haus am Gendarmenmarkt stattfinden konnte. Im sechzehnten Jahr nach dem Fall der Mauer, die Berlin und Europa teilte, sollte uns das immer noch eine besondere Freude sein. Zumindest sehe ich das so: Ich weiß um die Probleme der deutschen Wiedervereinigung, nicht zuletzt um ihre ökonomischen Probleme. Aber insgesamt muss ich offen sagen: Ich freue mich immer noch, dass es geschah und dass wir jetzt mit den Problemen der Wiedervereinigung kämpfen, anstatt mit denen des kalten Krieges, der Deutschland teilte.

Zugleich erinnert der Rückblick auf die Zeit vor 1989 daran, dass die Blüte von Wissenschaft und Künsten geistige ebenso wie politische Voraussetzungen hat. Im Jahr des besonderen Gedenkens an Albert Einstein sei daran erinnert, dass Einstein nach zehnjähriger Mitgliedschaft im Orden im Jahr 1933 austrat - ein großer Verlust für den Orden. Dass der Orden im Nationalsozialismus nicht gleichgeschaltet oder aufgelöst wurde, verdankt er wohl seinen Statuten, aber auch seinem Ansehen und den Persönlichkeiten, die Mitglieder im Orden waren. Mit der Initiative von Bundespräsident Theodor Heuss zur Wiederbelebung der Tradition des Ordens beginnt Anfang der fünfziger Jahre die Nachkriegsgeschichte des Pour le Mérite.

Wie seit den Tagen seiner Gründung versammelt der Orden auch heute geistige Exzellenz. Bereits unter den ersten Mitgliedern des Ordens finden sich so ruhmreiche Namen wie Ferenc Liszt oder Carl Friedrich Gauss. Zu den ersten Ordensrittern zählten auch Wassilij Shukowskij aus Petersburg und Louis Daguerre aus Paris. Shukowskij gilt vielen als der größte Nachdichter Russlands. Er schuf bedeutende Übersetzungen der Balladen Schillers, dessen großer Kunst wir in diesem Jahr besonders aufmerksam begegnen, ins Russische.

Daguerre war ein begabter Theatermaler. Seine größte Leistung jedoch, mit der sein Name noch heute verbunden ist, war die Erfindung einer Form der Fotografie, die Lichtbilder von großer Feinheit lieferte, auch wenn sie noch nicht vervielfältigt werden konnten. Daguerre - ein Theatermaler und gleichzeitig Erfinder einer die Welt erobernden Technik.

Das Beispiel dieser beiden Männer illustriert das Anliegen, das der Orden Pour le mérite verfolgt: Ich meine den geistigen Austausch über Disziplinen hinweg, das Überwinden von Grenzen, um Neues zu denken und Neues zu schaffen. Ich selber habe dieses Anliegen für mein eigenes Denken, für meine eigenen Ziele so richtig erst aufgenommen aufgrund der Erfahrungen während meiner sechs Jahre im Ausland: durch das Erleben und Kennenlernen anderer Menschen, anderer Gebräuche, anderer Sichtweisen und Überzeugungen. Für mich war das etwas sehr Gutes, und ich wünsche mir, dass die Deutschen diesen Blick über ein Schubladendenken hinaus, über Grenzen hinweg entwickeln.

Unsere modernen Gesellschaften werden gern mit dem Wort "Wissensgesellschaft" beschrieben. Ein anderes, häufig verwendetes Stichwort zur Beschreibung der Gegenwart lautet Globalisierung. Es würde den Rahmen einer Tischrede sprengen, diese zentralen Entwicklungen zu analysieren, die unser Leben mehr und mehr bestimmen. Dennoch, der Orden Pour le mérite hat sie beide gleichsam - wenn Sie es so wollen - vorweggenommen. Wissen fördern und Vernetzung auch über Staatsgrenzen hinweg zu schaffen, sind wesentliche Ziele des Pour le mérite.

Seine Mitglieder kommen im doppelten Sinn aus verschiedenen Welten: Ihre beruflichen Hintergründe sind so verschieden wie die Länder, aus denen sie stammen. Die Idee einer umfassenden Gemeinschaft der intellektuellen Elite war zur Zeit der Entstehung des Ordens ein innovativer Gedanke. Das Verblüffende aber ist: Heute ist diese Idee - so wie ich es sehe - immer noch ein innovativer Gedanke. Wir wissen heute ungleich viel mehr über die Beschaffenheit der Phänomene der Welt. Wir verstehen in einem viel tieferen Sinne, wie alles mit allem zusammenhängt. Ich selber habe schon manchmal erfahren, was Sie selber - wenn Sie Literaten sind, Theologen, Philosophen - viel besser kennen: Je mehr man sich in einer Sache vergräbt oder meint, sich darin auszukennen, desto mehr glaubt man wenig zu wissen und wird eher bescheidener durch mehr Wissen.

Gerade im Einsteinjahr werden wir oft daran erinnert, wie sehr die atemberaubenden Entdeckungen der Kosmologen und der Atomphysiker im Begriff sind, die Vorstellung von Zeit in der Physik zu revolutionieren. Und wir fragen uns: Was wird das für die künftige Metaphysik bedeuten, zu deren drängenden Fragen - wie seit je in der Philosophie - das Problem der Zeit zählt? Ich bin mir sicher: Darüber können und müssen sich Philosophen, Theologen, Physiker und Astronomen doch viel zu sagen haben.

Wie wir unser Denken und Forschen organisieren sollten, dafür gibt uns der Orden Pour le mérite die Wegweisung. Weniger Schubladendenken und mehr Universalität und Internationalität! Mehr offene Augen, mehr offene Ohren, und für Deutsche: mehr Neugier und Offenheit.

Ein Forscher von Weltrang, ein universeller Geist hat bei der Gründung des Ordens Pour le Mérite mitgewirkt und war sein erster Kanzler. Ein Künstler von Weltrang und universeller Geist hat einmal über diesen späteren ersten Ordenskanzler gesagt: "Was ist das für ein Mann! (...) Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt." Was Goethe über Alexander von Humboldt, den Spiritus Rector des Ordens, sagte, das gilt für den Orden selbst: Seine Mitglieder mit ihrem lebendigen Wissen sind uns Anreger und Vorbilder.

Wir brauchen Ihr Vorbild, meine verehrten Damen und Herren, Ihr Beispiel geistiger Schöpfer- und Erkenntniskraft. Und ich sage das wirklich mit Bescheidenheit: Ich habe ja als Bundespräsident - auch das ist schon kommentiert worden - nur die Macht des Wortes. Da ich kein Germanist bin, kein Literat, frage ich mich immer: Werde ich diesem Anspruch gerecht? Ich will gleich hinzufügen: Ich habe keinerlei Komplexe oder Minderwertigkeitsgefühle. Dazu habe ich in meinem Leben zu viel gesehen und erlebt und habe das auch bewältigen müssen. Aber ich will Ihnen doch sagen: Ich habe erlebt, dass niemand - ob er Ökonom ist oder Bundespräsident, Wissenschaftler oder Politiker - darauf verzichten kann und sollte, auf andere zu hören und sich immer zu fragen: Vielleicht gibt es noch andere, die mehr wissen. Ich bin ein bisschen besorgt, wenn ich mit Menschen zusammentreffe, die den Eindruck erwecken, sie wüssten alles. Denn das gibt es nicht. Und deshalb ist es für mich alles andere als Routine des Amtes, mit Ihnen heute hier zusammen zu sein. Ich verspreche mir immer wieder neue Anregungen, Impulse, Hinweise für meine Arbeit, und wenn es nur ein Nebensatz ist oder ein Witz, ein Scherz oder ein Vergleich: Ich höre Ihnen genau zu. Dies zu sagen, ist mir ein Anliegen, um Ihnen meinen Respekt zu vermitteln.

Die nachrückenden Generationen müssen sich von Ihrem Vorbild anspornen lassen, denn Ideenreichtum und Innovation sind mehr denn je die maßgeblichen Kräfte. Wir müssen sie in einer eng vernetzten und voneinander abhängigen Welt zur menschlichen Gestaltung der Globalisierung, zu unser aller Wohl nutzen. Dazu passt die Idee der Internationalität des Pour le mérite. Wenn ich einen Wunsch äußern darf, und da sehen Sie, ich bleibe immer beharrlich, so würde ich anregen, dass der Orden einmal prüft, ob nicht auch Afrika es verdient, mit einem "durch weit verbreitete Anerkennung der Verdienste erworbenen ausgezeichneten Namen" in Ihrer Mitte vertreten zu sein. Das ist nur eine Anregung, eine Frage. Sie macht einmal mehr deutlich, dass ich mich, wenn Sie es so wollen, verliebt habe in diesen Kontinent Afrika. Aber übers Verliebtsein hinaus ist es mir wichtig, dass wir durch die Aufnahme Afrikas in den Orden oder auch durch mehr politische Aufmerksamkeit für Afrika zeigen, dass Menschlichkeit für uns ungeteilt ist. Wenn wir es nicht schaffen, Afrika zu helfen - das sich natürlich auch selber helfen muss - dann glaube ich, sind viele Reden bloße Rhetorik. Deshalb erlaubte ich mir diese Anregung, auch mal nach Afrika zu schauen.

Ihre in vieler Hinsicht maßgebliche Kompetenz, meine Damen und Herren, ist der Gehalt des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste. Seine traditionellen Prinzipien sind heute aktueller denn je. Der Gründer der Friedensklasse des Pour le mérite gilt als besonders gebildeter preußischer König. Sein Denkmal steht vor der wieder prächtig erstrahlenden Alten Nationalgalerie, die auch Werke früherer Mitglieder des Ordens zeigt, besonders zahlreiche von seinem langjährigen Kanzler Adolph Menzel. Berlin ist voll solcher Spuren, sichtbarer und unsichtbarer, die auf die ruhmreichen Mitglieder des Ordens weisen. Diese Stadt ist stolz darauf. Ich will auch ein neueres Beispiel von einiger Symbolkraft nennen: Der zweite Schöpfer des Reichtagsgebäudes, Lord Norman Foster, ist ebenfalls Mitglied des Ordens Pour le mérite.

Wir sind heute Abend im Schloss Charlottenburg versammelt. Das ist ein Ort, glaube ich, der zum Orden, zu Ihnen passt. Und nun wünsche ich uns allen noch einen anregenden Austausch beim Tischgespräch.