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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des Bundesfinales von "Jugend debattiert"

Der Bundespräsident steht am Rednerpult. Hinter ihm ist das Plakat von "Jugend debattiert" zu sehen. Berlin, 12. Juni 2005 Foto: Christian Thiel © Foto: Christian Thiel

Ich freue mich sehr, heute das Bundesfinale Jugend debattiert 2005 zu eröffnen. Und ich will auch gleich erklären, warum ich gesagt habe: "ich freue mich".

Als mein Vorgänger im Amt des Bundespräsidenten, Johannes Rau, im November 2002 den neuen Wettbewerb "Jugend debattiert" vorstellte, umriss er das Ziel mit den folgenden Worten: "Junge Menschen sollen lernen, dass man andere überzeugen kann, wenn man die eigene Position gut und gewinnend vorträgt, wenn man begreift, dass überzeugen nicht überreden heißt, sondern zuhören und antworten." Und er wies hin auf den engen Zusammenhang von gelebter Demokratie einerseits und einer funktionierenden Diskussions- und Streitkultur andererseits.

Wie Sie vielleicht wissen, habe ich mehrere Jahre in London und dann in den Vereinigten Staaten, in Washington, gelebt und gearbeitet. So hatte ich die Gelegenheit, den angelsächsischen Raum und seine Menschen kennen zu lernen. Beeindruckt hat mich in beiden Ländern die Art, wie Menschen dort diskutieren, debattieren und miteinander streiten. Und zwar nicht nur Politiker oder andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sondern viele Menschen, in allen möglichen Lebensbereichen. Debattieren gehört dort zur Alltagskultur.

Seine Argumente vorzutragen, überzeugen zu wollen - oder einfach nur oft in freier Rede von etwas zu sprechen und seine Ansichten zu formulieren: das ist in englischsprachigen Ländern selbstverständlich. Die meisten von uns, die Englisch in der Schule gelernt haben, können sich an die Hyde Park Speaker's Corner erinnern. Debattierclubs sind an dortigen Schulen und Universitäten eine feste Institution. Von dieser Tradition können wir lernen - und wir tun es: Sie, liebe Teilnehmer, sind der lebende Beweis dafür.

Und ich freue mich sehr, dass der Wettbewerb nicht mehr nur in Deutschland stattfindet, sondern dieses Jahr auch zum ersten Mal in Polen, der Tschechischen Republik und der Schweiz ausgetragen wurde. Die Sieger sind heute unter uns - ich begrüße sie sehr herzlich.

Liebe Teilnehmer, liebe Gäste, von Otto von Bismarck, dem ersten Kanzler des modernen deutschen Nationalstaates, ist der Satz überliefert: "Es ist rhetorische Gewohnheit, sich die Rede des Gegners so zurechtzulegen, wie man sie besser verwerten kann."

Manchmal habe ich den Eindruck, dass bei uns Bismarcks Befund zur Strategie geworden ist - vor allem in politischen Debatten. Denn dort kommt es immer öfter vor, dass die Argumente des Gegners absichtlich falsch verstanden werden, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und manchmal ist selbst der Bundespräsident nicht davor gefeit. Zu oft wird auf pointierte Debattenbeiträge mit Empörung reagiert oder "Skandal!" gerufen, wo nichts Skandalöses ist. Die vorgebrachten Argumente werden so beiseite geschoben, man vermeidet die Auseinandersetzung mit ihnen. Gesinnung ersetzt oft Sachverstand und manchmal auch Verantwortung.

Das ist nicht nur dem Kontrahenten gegenüber unfair. Es ist auch der Sache nicht dienlich, um die gestritten wird. Die offene Gesellschaft braucht eine offene Debattenkultur. Wenn Meinungsäußerungen skandalisiert werden, führt das letztlich nur dazu, dass mehr und mehr Menschen im Zweifel lieber schweigen, als sich den Mund zu verbrennen, wie es so treffend heißt. Dass das für eine demokratische Gesellschaft nicht gut sein kann, leuchtet jedem ein. Und es fördert bei denen, die sich dafür entscheiden, lieber ihren Mund zu halten, Gleichgültigkeit und Frustration. Oder Groll, denn sie fühlen sich mundtot gemacht - eine weitere Umschreibung dafür, was es bedeutet, einen ergebnisoffenen Streit um Inhalte zu unterbinden.

Es gibt eine Trennungslinie zwischen erlaubten rhetorischen Kniffen und unlauteren Taktiken. Nicht zufällig kennt der Volksmund auch dazu den passenden Ausdruck: Jemandem das Wort im Munde umzudrehen - das hat mit Debattierkunst nichts zu tun.

Sie, liebe Teilnehmer von "Jugend debattiert", wissen: Zu debattieren bedeutet nicht nur den harten, aber fairen Umgang miteinander. Es schließt auch ein gemeinsames Ziel mit ein. Denn die Debatte ist letztlich ein zivilisatorisches Instrument. Sie dient dazu, Erkenntnisse zu gewinnen, neue Sichtweisen zu erfahren, einen gemeinsamen Weg zu finden. Und der soll zum Handeln führen. Denn beim Reden alleine kann es ja nicht bleiben.

Rhetorisch geschult zu sein bedeutet nicht nur, dass man gewappnet ist, wenn man selbst diskutiert. Es schult auch die Fähigkeit, zuzuhören und das Gesagte anderer zu beachten - eine Fähigkeit, die ganz wichtig ist. Ich habe in meinem Leben, nicht zuletzt bei der Tätigkeit im Ausland, erlebt, wie Zuhören helfen kann, Vertrauen aufzubauen und Lösungen zu finden. Und dass die Fähigkeit, nicht zuhören zu können, im Grunde schon von Anfang an alles zum Scheitern verurteilt.

In diesem Sinne fordere ich Sie auf, mit wachem Verstand zuzuhören, wenn Sie Debatten anderer verfolgen: In der Schule, an der Universität, am Arbeitsplatz - oder vor dem Fernseher, bei politischen Debatten oder auch Talksshows. Denn unsere Demokratie lebt nicht nur von engagierten Debattierern, sondern auch von kritischen Zuhörern, die sich eine eigene Meinung bilden.

Ich bin gespannt auf das Finale von "Jugend debattiert". Ich bin überzeugt, dass es ein schöner Tag wird und die Republik etwas lernen kann. Wie Sie wissen, bin ich in meiner Grundeinstellung optimistisch-positiv. Ich fühle mich darin immer wieder durch meine Reisen und meine Begegnungen mit Menschen in Deutschland bestärkt.

"Jugend debattiert" ist für mich ein Meilenstein für eine gute Kultur der politischen Auseinandersetzung in Deutschland. Vielen Dank und viel Erfolg!