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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Deutschen Polen-Instituts

Bundespräsident Köhler begrüßt den polnischen Präsidenten Kwasniewski Darmstadt, 22. Juni 2005 Foto: Andrea Bienert, bpa © Foto: Andrea Bienert, bpa

Ich freue mich sehr, heute hier dabei zu sein bei dieser Feier zum 25jährigen Bestehen des Instituts. Ich freue mich besonders, dass Staatspräsident Kwasniewski hier ist, der heute ja schon zum zweiten Mal im Institut ist und mit dem Institut schon seit vielen Jahren zusammengearbeitet hat. Und dass wir heute beide hier dabei sind, soll zeigen und zeigt, dass wir dem Institut, seiner Arbeit und damit den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen unsere ganze Aufmerksamkeit widmen. Als ich hierher fuhr und manches, was ich bisher nicht wusste, über das Institut nachgelesen habe, habe ich festgestellt, dass wir mit dem Institut auf einem guten Weg sind, und ich glaube auch, dass nach den Ergebnissen des letzten Europäischen Rates gerade die Arbeit dieses Instituts und anderer, wie auch die unserer persönlichen Koordinatoren wichtig ist, und dass wir voller Hoffnung und voller Zuversicht diese Arbeit fortsetzen werden.

In schwieriger Zeit, in den 70er Jahren, als Polen vom freien Deutschland aus gesehen noch ein fernes Land war, getrennt durch Mauer, Stacheldraht, kalten Krieg und tiefsitzende Vorurteile, haben weitsichtige Politiker und Bürger erkannt, dass wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen müssen und dass wir darauf aufbauend unsere Politik definieren müssen. Die ideologische Konfrontation durfte nicht den Blick auf den anderen - und wenn Sie so wollen, auf uns selber - verstellen oder auch verzerren.

Als Teil einer Politik, die auf Annäherung, Zusammenarbeit, auch Aussöhnung angelegt war, wurde ein deutsch-polnisches Forum eingerichtet. 1977 traf sich dieses Forum zum ersten Mal und ein schwieriger Dialog begann. Empfehlungen wurden erarbeitet, und glücklicherweise wurde auch eine dieser Empfehlungen umgesetzt, nämlich die Gründung des Deutschen Polen-Instituts.

Vor 25 Jahren, im Jahr 1980, wurde das Institut dann Wirklichkeit. Es war von Beginn an etwas Besonderes und besonders waren auch die Personen, die sich gleich von Anfang an engagierten: ich nenne aus ihrem Kreis zum Beispiel Marion Gräfin Dönhoff, die erste Präsidentin, die wir alle so lebhaft in Erinnerung haben, und den heutigen Präsidenten Hans Koschnick, der als Bremer Bürgermeister die erste und bis heute wohl kraftvollste deutsch-polnische Städtepartnerschaft mit Danzig auf die Beine gestellt hat.

Lieber Herr Koschnick, als ich bei meinem ersten Besuch als Bundespräsident Danzig besuchte, ist mir mehr als einmal gesagt worden von Bürgern, von deutschen und polnischen Bürgern, dass gerade Sie dort gute, schöne und auch zukunftsweisende Spuren hinterlassen haben durch Ihre Bereitschaft, mit der Stadt diese Partnerschaft einzugehen.

Meine Damen und Herren, tatsächlich brauchen wir auch etwas Besonderes für und mit unserem Nachbarn Polen. Denn gerade mit Polen haben wir so viel aufzuarbeiten, uns bewusst zu machen, und wenn Sie so wollen, auch so vieles offen zu legen, auch weiterhin. Das Deutsche Polen-Institut hat an diesem Prozess, der auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, entscheidenden Anteil. Diese Aufgabe braucht, wie wir immer wieder spüren, unvermindert große Aufmerksamkeit, und sie ist ein Prozess, der weitergehen muss. Deshalb sind wir auch hier und feiern das Jubiläum in diesem schönen Rahmen.

Der Trägerverein des Instituts erhielt die Aufgabe, ich zitiere aus dem Statut, "zur Schaffung der geistigen Grundlagen der deutsch-polnischen Verständigung beizutragen". Die damalige politische Lage legte es nahe, sich auf das geistig-kulturelle Gebiet zu konzentrieren und den Deutschen zunächst den kulturellen Reichtum in ihrer Nachbarschaft nahe zu bringen. Und da ist viel geschehen. Professor Karl Dedecius ist heute unter uns, und darüber bin ich auch sehr froh, der erste Direktor des Instituts, der unübertreffliche Mittler zwischen der polnischen und deutschen Sprache und Kultur. Er hat insbesondere mit der "Polnischen Bibliothek" dem interessierten deutschen Leser eine weithin unbekannte Welt erschlossen. Und in der Tat, wir sind Ihnen, Herr Professor Dedecius, unglaublich dankbar dafür, denn ich glaube, was gelegt wurde, das braucht noch Zeit, um sich weiter zu entwickeln und in unser Leben Eingang zu finden. Aber Sie haben dafür die Grundlagen gelegt.

25 Jahre nach der Gründung des Instituts ist das deutsch-polnische Verhältnis aus meiner Sicht in wunderbarer Weise anders als vor 30 Jahren und mehr. Wie die Deutschen und die Polen heute zueinander stehen, das konnten wir zum Beispiel sehen, als ein Papst uns verließ und ein neuer kam. Die deutsche Trauer über den Tod des polnischen Papstes und das Mitgefühl für die Nachbarn waren tief empfunden und ehrlich. Und ebenso tief war die polnische Freude über den Nachfolger, den deutschen Papst. Der polnische Staatspräsident hat mich unmittelbar nach der Wahl des deutschen Papstes Benedikt XVI. angerufen und mich beglückwünscht. Das habe ich erst gar nicht so erwartet, aber ich fand's dann wirklich schön, und ich habe mich umso mehr über diese Wahl gefreut.

Das und mehr gibt mir mehr Hoffnung, als manche Umfragen uns das sagen mögen, wobei die letzten Umfragen sich ja eindeutig verbessert haben, wenn ich das richtig sehe. Aber gerade in letzter Zeit sind doch auch Fragen sichtbar geworden, derer wir uns besonders annehmen müssen.

Dabei habe ich keinen Zweifel: ungeachtet aller politischen Entwicklungen hier wie dort wird das Bemühen beider Seiten um ein gutes Verhältnis weitergehen. Uns verbindet natürlich die Geschichte. Wir haben weiterhin überragende gemeinsame Interessen und vor allem ist unsere gemeinsame Zukunft weiterhin Europa. Dieses europäische Projekt ist ein gutes Projekt, und es wird weitergehen, und es liegt vor allem auch im deutschen und polnischen Interesse.

Das DPI war von Anfang an kein Elfenbeinturm, kein künstlerischer und kein wissenschaftlicher. Es war ein weit strahlender Leuchtturm. Und nachdem die politische Lage nach der Wende erlaubte, alle Fragen im Dialog anzusprechen, hat das Institut das auch getan. Unter der neuen Leitung von Professor Bingen wurden diese Chancen entschlossen ergriffen, und viele Fragen und Aufgaben harren noch der Bearbeitung. Neue Felder der Forschung und der Unterrichtung öffneten sich, stärker auf politische Aktualität gerichtet. Der Bedarf nach Austausch und Begegnung ist nach dem Wegfall der Mauern erfreulicherweise groß. Das DPI bietet hierfür wirklich einen inspirierenden Rahmen.

Intensivere Dialogformen wurden erprobt. Am interessantesten ist wohl die Kopernikus-Gruppe, zusammengesetzt aus Wissen­schaftlern und Publizisten, die sich in beiden Sprach- und Kulturräumen auskennen. Die Gruppe wirkte als gemeinsamer deutsch-polnischer Anstoßgeber und Richtungsweiser. Sie griff Themen ohne Berührungsängste auf. So konnte man sich in der Kopernikus-Gruppe zu den verlagerten Kulturgütern äußern; das Institut organisierte eine internationale Konferenz zum Umgang mit Vertreibungen, ein in seiner übernationalen Ausrichtung erster Versuch.

Das DPI nennt sich selbst ein "Forschungs-, Analyse-, Informations- und Veranstaltungszentrum für polnische Kultur, Geschichte, Politik, Gesellschaft und die deutsch-polnischen Beziehungen im europäischen Kontext". Das ist ein wahrlich umfassender Auftrag, den Sie sich gegeben haben und den Sie erfüllen wollen.

Wer heute etwas Substanzielles über Polen wissen will in Deutschland als Journalist, als Politiker, als Berater der Politik - der landet eben normalerweise im DPI. Aktuelle Analyse, landeskundliche Auskunft, historische Darstellung: Mitarbeiter des Instituts und die einzigartige Bibliothek können alles liefern und anbieten. Mit einer Reihe "Denken und Wissen" wird eine Brücke zu dem intellektuellen Leben Polens geschlagen, das zuvor für uns terra incognita war, zumindest für zu viele von uns.

Seinen festen Platz hat das Institut natürlich in der Wissenschaft. Es hat einen Kreis jüngerer Politikwissenschaftler und Historiker um sich gebildet, die in engstem Austausch stehen. Die Wirkung eines solchen Netzwerks kann man gar nicht überschätzen - zumal das Institut ja auch Arbeitsmöglichkeiten und Möglichkeiten der Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse anbietet - bis hin zur Publikation und Publikationshilfen.

Besonders wichtig sind die Hilfen, die das Institut für den Schulunterricht anbietet. Es bietet den Lehrern Handreichung für die Vermittlung von Kenntnis über polnische Literatur und Geschichte, und arbeitet daran mit, die hier bestehenden Defizite zu beheben. Und da gibt es Defizite. Zum Beispiel, und das war für mich überraschend, wurde vom Institut der Startschuss gegeben für die Entwicklung des ersten Lehrwerks Polnisch für den deutschen Schulunterricht. Ich kann es kaum glauben, dass es wirklich das erste ist. Aber umso wichtiger, dass es deshalb das Deutsche Polen-Institut gibt, um eine solche eigentlich unglaubliche Lücke zu füllen!

Nach 25 Jahren ist das DPI im deutsch-polnischen Beziehungsgeflecht nicht mehr wegzudenken. Das sehen auch unsere polnischen Nachbarn so, und der beste Beweis ist, dass mein polnischer Kollege, Staatspräsident Kwasniewski, heute mit uns feiert. Darin drückt sich eine hohe Wertschätzung aus, die mich wirklich freut. Deshalb ist dieses Jubiläum auch einer der Höhepunkte im Deutsch-Polnischen Jahr, das wir vor einigen Monaten eröffnet haben in Berlin, und das viele, viele Veranstaltungen, Diskussionen und vor allem Begegnungen zwischen Menschen ermöglichen wird.

Zwei Bundesländer aus dem früher tiefen Westen Deutschlands, Hessen und Rheinland-Pfalz, unterstützen dieses Institut, und dafür sind wir alle dankbar. Die Anwesenheit des hessischen Minister­präsidenten, Roland Koch, und des rheinland-pfälzischen Staatsministers für Wissenschaft und Kultur, Jürgen Zöllner, zeigen, wie wichtig ihnen diese Investition hier mit und um das Institut ist.

Entscheidende Beiträge haben auch immer private Sponsoren geleistet. Und auch dafür möchte ich heute ausdrücklich danken, denn wir sind auf solche Unterstützung angewiesen.

Ich wünsche dem DPI, dass es in Zukunft so erfolgreich weiterarbeiten wird wie bisher. Das DPI leistet einen unersetzlichen Beitrag dazu, dass wir Nachbarn uns näher kommen. Ich möchte dem Institut herzlich zum 25. Jahrestag gratulieren und ihm alles Gute für die Zukunft wünschen. Sie können davon ausgehen, dass der Bundespräsident die Arbeit des Instituts unterstützen wird und das eine oder andere Mal sicherlich auch auf die Arbeit des Instituts zurückgreifen wird.